PI-News und Lubbe – Kritik der Islam”kritik”

image PI-News hat sich durch die Gleichsetzung des Mörders von Marwa S. mit Marinus van der Lubbe derbst ins eigene Knie geschossen, und hierbei die Geisteshaltung mindestens eines der Autoren sowie einer Vielzahl der Kommentierer (von den Lesern selbst kommt ja nichts) offenbart.

Ein sehr treffender Kommentar hierzu, der überraschenderweise durch die Zensur von PI-News gelangte, dem ich beinahe vollständig zustimme, ist der von “lobotomium”. Aussagen, denen ich nicht zustimme, sind graugelegt, Hinweise auf weitere kritische Stellen beherzige ich natürlich:

Warum dieser unsägliche Vergleich: van der Lubbe/Alex W. nicht nur schädlich, sondern auch verwerflich war, das habe ich — jedenfalls was meine Sicht der Dinge angeht — in einem anderen Thread schon ausfürhlich begründet.

Da Sie hier aber, mit einer inhaltlichen Verknüpfung zu diesem Artikel, die gleiche Frage stellen, kann ich meine Antwort auch noch einmal hier posten. Daß PI sich der Kritik gestellt und Konsequenzen gezogen hat, finde ich im Gegensatz zu Ihnen übrigens sehr begrüßenswert.

1. Es ist bis heute umstritten, ob Marinus van der Lubbe das Feuer im Reichstag überhaupt gelegt hat (ungeachtet vermeintlicher Belege, die hier angeführt werden, daß der Sachverhalt “aufgeklärt” sei). Im Fall von Alex W. dürften dagegen keinerlei Zweifel bestehen, daß er Frau El-Sherbini tatsächlich ermordet hat: es waren genug Zeugen anwesend; außerdem hat er die Tat selbst gestanden. Aus Gründen der juristischen Etikette mag es geboten sein, solange von einem “mutmaßlichen” Mörder zu sprechen, bis das Urteil gesprochen worden ist. Das ändert aber an den Tatsachen nicht das geringste.
2. Es ist völlig abwegig, in Bezug auf Alex W. von einem “politischen Verfahren” zu sprechen, bei dem das Urteil schon von vorneherein feststehe. Die Nazis wußten schon vor dem Prozeß gegen van der Lubbe, daß sie ihn hinrichten würden; sie haben deshalb extra das Gesetz geändert, so daß van der Lubbe, rückwirkend, mit dem Tode bestraft werden konnte – wodurch sie nicht zuletzt gegen den ehernen Grundsatz des Strafrechts verstoßen haben: nulla poena sine lege, der bei uns Verfassungsrang hat(Art. 103 Abs. 2 GG).
Alex W. dagegen bekommt ein ordentliches Verfahren vor einem ordentlichen deutschen Gericht. Man mag sich darüber streiten, ob es glücklich ist, daß der Prozeß in Dresden stattfindet und nicht in einer anderen Stadt, aber die Unrechtsjustiz der Nazis mit dem Justizsystem der BRD gleichsetzen zu wollen ist nicht nur lächerlich, sondern durchaus empörend. Daß der ägyptische Botschafter zu der Verhandlung erscheint, mag einem mißfallen, ein solches Vorgehen ist aber nicht unüblich und wird mitunter auch von deutschen Diplomaten praktiziert, sofern deutsche beim Verfahren beteilgt sind/waren; i.ü. dürfte dies auf die Entscheidung des Gerichtes keinen Einfluß haben.
3. Marinus van der Lubbe war nach allen Schilderungen, die es von ihm gibt, zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig. Selbst wenn er die Tat, die man ihm zur Laste legte, begangen haben sollte, so hätte er doch nicht deswegen bestraft werden dürfen. In dem Verfahren gegen Alex W. wird dessen Schuldfähigkeit dagegen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, und ich kann Ihnen versichern: falls sich zeigen sollte, daß Alex W. zum Tatzeitpunkt nur vermindert oder gar nicht schuldfähig war, so wird das Gericht auch so entscheiden; ein anderes Urteil könnte sonst von einer höheren Instanz niemals Bestand haben.
4. Marinus van der Lubbe ist vor seinem Scheinprozeß von den Nazis mißhandelt und gefoltert worden. Das kann man von Alex W. nicht behaupten.
5. Marinus van der Lubbe wurde zur Last gelegt, ein Gebäude in Brand gesteckt zu haben. Alex W. dagegen hat eine unschuldige, junge Frau brutal ermordet.
6. Der Reichstagsbrand diente den Nationalsozialisten dazu, die Reichstagsbrandverordnung zu erlassen, mit deren Hilfe sodann die Grundrechte in Deutschland außer Kraft gesetzt wurden. Sofort im Anschluß wurden Tausende verhaftet und verschwanden für immer. Bis heute ist umstritten, ob die Nazis das Feuer zu diesem Zweck nicht selbst legten oder zumindest dabei halfen; diese These kann nicht bewiesen werden, sie ist aus verschiedenen Gründen aber auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen. In jedem Fall kam der Brand den Nazis sehr zupaß und wurde von ihnen brutal ausgenutzt.
Welche wie auch immer geartete Parallelen sollten sich da zum Fall Alex W. auftun, außer für einen wirklich kranken oder aber wirklich perfiden Menschen?
Unter anderem auch aus diesem Grund hinterließ der Artikel wohl bei so vielen einen so üblen Beigeschmack: er rückt unseren gegenwärtigen Staat in die Nähe des NS-Regimes. Vielleicht wollte er am Rande sogar unterstellen, daß Kritikern/Gegnern des Islam bald ähnliches geschehen werde wie weiland, nach dem Brand im Reichstag, den Angehörigen der KPD und anderen Regimefeinden?
Darüber hinaus suggerierte der Artikel auch in plumper und amoralischer Verkennung der Umstände, daß Alex W., welcher eine Frau unvermittelt niedergestochen hat, wohl bloß ein armer “Sündenbock” sei. Das ist er aber gewiß nicht: nach allem, was ich bisher gelesen habe, hatte Alex W. bereits in Rußland erhebliche psychische Probleme; es ist deshalb gut möglich, daß er schulunfähig war oder in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt. Falls das gewesen sein sollte, wird das vor Gericht Beachtung finden. Ein “Sündenbock”, den man unter Drogen gesetzt und in einem Scheinprozeß zum Tode verurteilt hat, das ist er jedoch in jedem Fall nicht! – Und wer etwas anderes behauptet, argumentiert nicht nur völlig verblendet und gegen offenkundige Tatsache, sondern der muß sich von mir auch sagen lassen, daß es ihm wohl am gebotenen Anstand fehlen dürfte!
Was den Prozeß angeht, anläßlich dessen Alex W. erst zum Mörder wurde, mag man sich fragen, ob damals nicht aus fragwürdigen Gründen ein Exempel an ihm statuiert werden sollte (womöglich sogar gegen den Willen der Geschädigten, Marwa El-Sherbini, welche offenbar gar nicht unbedingt eine Bestrafung von W. wegen seiner beleidigenden Äußerungen wünschte). Das ist etwas, worüber man nachdenken darf und sollte; man sollte auch über die weltweiten Reaktionen nachdenken dürfen, die dieses Verbrechen ausgelöst hat. Man sollte darüber nachdenken, warum sich deutsche Politiker in diesem Fall genötigt sahen, einer ausländischen Regierung zu kondolieren und sich bei einer ganzen Religionsgemeinschaft zu entschuldigen. Man sollte v.a. auch darüber nachdenken, wie es möglich war, daß sich ein solches Verbrechen überhaupt in einem deutschen Gerichtsaal ereignen konnte, vor den Augen eines Richters. Bei alledem sollte man aber eines nie vergessen:
daß hier eine junge, unschuldige Frau vor den Augen ihres Kindes und im Beisein ihres Ehemannes brutal abgestochen wurde.
Weil sie Muslimin war, war sie jedoch weder mehr noch weniger wert als jede andere Frau in diesem Land! Wer das bestreitet oder sich dem auch nur annähert, der kann nicht mehr behaupten, daß er mit dem GG noch irgendetwas am Hut habe!
Es erfüllt mich deshalb mit Ekel, wenn ich mitansehen muß, wie der Tod dieser jungen Frau instrumentalisiert wird. Mit noch größerem Ekel aber erfüllt es mich, wenn der Tod dieser Frau relativiert wird, wenn man ihn zu entschuldigen versucht, indem man dem Opfer offenkundig menschliche Qualitäten abzusprechen versucht und es auf ein politisches Subjekt reduziert (Letzteres ist beiderseits des Mittelmeeres geschehen).
Das Widerlichste überhaupt ist es aber, wenn man einen Mord wie diesen zugleich zu instrumentalisieren und zu relativieren versucht, und genau das ist im Rahmen des besagten Artikels geschehen, der jetzt getiligt wurde.
Insofern war es richtig, daß die Mehrheit der PI-Community mit scharfen Worten gegen den Artikel protestiert hat. PI hätte diesen Artikel niemals veröffentlichen dürfen! Ihn zu löschen schafft diesen Fehler freilich nicht mehr aus der Welt; er wird bleiben und sollte auch im Gedächtnis bleiben, aber die Löschung zeugt zumindest von der Einsicht, hier einen Fehler gemacht zu haben – eine Einsicht, die Ihnen offenkundig abgeht!
Daß dieser Vergleich geschmacklos, widerwärtig, hohl und unbrauchbar war, das war von vorneherein von solcher Evidenz, daß es meiner obigen Ausführungen gar nicht bedurft hätte, um dies zu begründen. Es ließen sich i.ü. noch viele weitere Gründe anführen. Aber wissen Sie was: etwas Weiteres ist evident und deshalb spare ich mir weitere Worte:

nämlich daß derjenige, der diesen Vergleich treffend und gelungen findet, den Mord in Wirklichkeit wohl mit großer Wahrscheinlichkeit goutiert — und zwar allein deshalb, weil es eine Muslimin getroffen hat.

———

Sehr schön und ehrlich gesprochen – Das offenbart eine recht differenzierte Betrachtungsweise zum Themenkomplex. Falls lobotomium, oder jemand, der/die es ähnlich sieht, ein ausführliches Grundsatzstatement zum Islam, zum Islamismus, zum Terrorismus, zur Krimalität, usw. – aber eben vielleicht auch zu Auswüchsen des Antiislamismus, die hier beschrieben wurden, veröffentlichen und zur allgemeinen Diskussion stellen möchte(im Rahmen der Netiquette und der Gesetzgebung natürlich), würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen. Es würde nicht nur mich interessieren. Der o.g. Beitrag ist aber auch sinnvoll und vernunftorientiert genug, um ihn für sich allein im öffentlichen Raum stehen zu lassen. PI-News ist nämlich eine Sache(in meinen Augen eine sehr schlimme) – ein Mord jedoch hat eine völlig neue Qualität. Und damit müssen(!) Islamkritiker sowie Islamhasser und Islamophobe gleichermaßen verantwortungsvoll umgehen.

Hintergrund:

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