Flashback – Eberswalde und Amadeu Antonio

Fundstück aus dem Spiegel-Archiv(1994):

Wiese sieht zufällig bei der Heimfahrt einen Autofahrer gefesselt neben seinem Wartburg am Straßenrand stehen, daneben einen Streifenwagen. "Mensch, was hat der denn ausgefressen"? "Er hat keinen Fahrzeugschein dabei." "Binden Sie sofort den Mann los." "Wenn Sie meinen."

Die Frage, ob Rechtsradikalismus oder Fremdenfeindlichkeit die Polizei in Eberswalde vor Probleme stelle, wird von Schupo Witte verneint. Es gebe "höchstens mal ein paar Kinder, die mit Hitler-Gruß grüßen", oder gelegentlich "ein paar Hakenkreuz-Schmierereien an der Wand".

Etwa 200 Meter weiter, in der Eberswalder Straße, hängt eine steinerne Gedenktafel: "Amadeu Antonio, 1962 Quimbele, Angola, 1990 Eberswalde. Opfer der rassistischen Gewalt."

Der angolanische Vertragsarbeiter war an dieser Stelle im November 1990 von rund 50 Skinheads überfallen und getötet worden. Seine Augenhöhle wurde durch eine Schuhspitze zertrümmert. Sechs Täter erhielten Gefängnisstrafen zwischen zwei und viereinhalb Jahren.

Aus den Archiven des ARD(2000) – in diesem Jahr ist auch ein Punk durch “rechte Hand” getötet worden:

Eine Gedenktafel markiert den Ort, an dem Amadeu Antonio von fünfzig Jugendlichen zu Tode getreten wurde – sie nannten es "Neger klatschen". An diesem Ort aber zeigt sich immer wieder Hass. Hass auf Ausländer, in Eberswalde auch zehn Jahre nach der Tat.

Die Gedenktafel, immer wieder beschädigt und beschmiert. Hass auf Neger, so die Botschaft neben der Erinnerungsstätte.

Das Gedenken an Amadeu Antonio – für die Stadt wird es langsam lästig. Bürgermeister Reinhard Schulz über das Imageproblem: "Wir haben eben seit zehn Jahren mit diesem Problem zu tun, dass wir immer wieder darauf hingewiesen, dass es vor zehn Jahren diese schreckliche Tat gab. Wir sind da nicht glücklich drüber."

Zurück in Eberswalde. Der kleine Amadeu wiederholt gerade die dritte Klasse. Mit seiner Geschichte, dem Tod des Vaters, kommt er einfach nicht zurecht. Er hat psychische Probleme, muss deswegen in der Landesklinik behandelt werden. Auch zehn Jahre nach dem Mord ist für ihn in Eberswalde kein normales Leben möglich, jedenfalls nicht mit seiner dunklen Hautfarbe. Viele Stadtteile meidet er inzwischen – aus Angst: "Die standen an der Bushaltestelle, da kamen zwei, und einer hat gesagt: Negerbastard."

Am 6. Dezember jährt sich der Tod zum 19. mal.

Warum es auch heute noch wichtig ist, die Reaktionen einer Stadt bei rechten Gewalttaten genauer zu beleuchten? Deshalb:

Wenn irgendwo in Hamburg ein paar Rechtsradikale eine Demonstration ankündigen, überbieten sich die gesellschaftlichen Kräfte normalerweise voller Empörung mit wehrhaften bis warnenden Aufrufen. Am Montag wurde ein 37-jähriger Mann von einem Neonazi auf offener Straße angegriffen. Der dritte Fall dieser Art in diesem Jahr. Doch die Stadt bleibt stumm. Als wäre nichts passiert. Oder als wäre das normal?

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