Neue Koranübersetzung

Es ist eine neue Koranübersetzung auf dem Markt, die sich anschickt, das Standardwerk von Rudi Paret abzulösen. Die Nürnberger Zeitung schreibt dazu:

Was das heißt, wird deutlich, wenn man sich die Mühe macht, die besonders umstrittenen Passagen im Koran anzusehen. Die Übersetzung Bobzins hebt sich wohltuend von unter anderem im Internet und in Broschüren verbreiteten Varianten ab, die nicht müde werden, das vermeintlich Gewaltvolle im Koran zu betonen – und die auch gern Worte wie »mit Waffen« dort einfügen, wo sie gar nicht stehen. Bobzin legt mit seiner Arbeit nicht nur ein neues Grundlagenwerk in lesbarer Form vor, sondern auch eine Basis für Diskussionen, die der Islamophobie den Kampf ansagen könnten.

Beim Bayrischen Rundfunk heißt es:

Der Münchner C.H. Beck-Verlag lobt die Übersetzung als sprachwissenschaftlich exakt. Sie bewahre die sprachliche Eigenwilligkeit des Originals. Der Verlag geht davon aus, dass die neue Übersetzung künftig im islamischen Religionsunterricht eingesetzt wird. Die bisher erhältlichen Koran-Übersetzungen gelten als veraltet oder schwer verständlich. Bobzin ist Professor am Lehrstuhl für orientalische Philologie an der Uni Erlangen-Nürnberg.

In einem etwas längeren Kommentar(zwei Seiten) bei FR-Online wird zum einen die Notwendigkeit von Übersetzungen benannt:


Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sollten solche Koranübersetzungen meist die christlichen theologischen Fakultäten und ein aufgeklärtes Bürgertum ansprechen. Heute treten daneben immer mehr deutsche Übersetzungen aus muslimischer Feder. Sie wollen den Muslimen, die des Arabischen nicht mächtig sind, ihr heiliges Buch nahebringen. Araber sind heute eine sprachliche Minderheit in der islamischen Welt. Nur eine Minderheit dieser Minderheit und eine Elite nicht-arabischer Gelehrter sind imstande, den koranischen Text im Original mehr als oberflächlich zu verstehen.

Auch ein Aspekt, der in Parets Übersetzung völlig fehlt, wird beschrieben:

Mit übersetzerischen Allerweltsregeln ("so wörtlich wie möglich, so frei wie nötig") ist also dem Phänomen Koran nicht beizukommen. Wenn Nicht-Muslime den Koran übersetzen, ist die eigentliche Frage die der Ästhetik. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass der arabische Koran vom ersten bis zum letzten Vers Reime oder reimähnliche Assonanzen zeigt. Der Gott des Korans spricht poetisch, auch wenn der Stil nicht genau dem der altarabischen vor-islamischen Dichter entspricht. Joseph und seine Brüder, Jesus in der Wiege und das Jüngste Gericht – über all dies wird in Reimen und Assonanzen berichtet. Das gleiche gilt für Gebete, Scheidungsregeln, Testamentsbestimmungen, Verfluchungen.

Beispielhaft werden mehrere Versübersetzungen (Sure 53, Vers 1-4)nebeneinandergestellt:

Friedrich Rückert übersetzte: "Beim Stern, der flirrt! / Nicht Euer Genosse thört noch irrt, / Spricht nicht aus eigener Begierd. / Es ist was offenbart ihm wird"

Paret hingegen reduzierte seine Arbeit auf Präzision: “Beim Stern, wenn er (als Sternschnuppe vom Himmel?) fällt! / Euer Landsmann ist nicht fehlgeleitet und befindet sich nicht im Irrtum. / Und er spricht nicht aus (persönlicher) Neigung. / Es ist nichts anderes als eine inspirierte Offenbarung”

Eine ausschließlich poetische Übersetzung stammt von Stefan Weidner: “Beim sinkenden Stern! / Euer Mitstreiter irrt nicht / Und wird nicht genarrt. / Er spricht nicht nach Laune, / Vielmehr was Er offenbart”

Bobzin geht hier andere Wege:

Bobzin strebt nach "philologischer Genauigkeit und dem Bemühen um eine angemessene sprachliche Form" (S. 607) und zwar in dieser Reihenfolge. Sein Mittelweg zwischen einer möglichst präzisen Textwiedergabe und einer literarisch oft an die Luther-Bibel angelehnten Tonlage verschmäht den Endreim nicht, ohne ihn jemals erzwingen zu wollen.

Und hier klingen die Verse so:

"Beim Stern, wenn er sich senkt! /Vom Wege wurde euer Freund nicht abgelenkt / und auch vom Irrtum nicht getrieben. / Und er spricht nicht nach eigenem Belieben, / es ist nur Eingebung, die ihm geschenkt"

Mehrdeutigkeiten und Unklarheiten werden erst in dem auf die Übersetzung folgenden Teil "Erläuterungen" Sure für Sure und oft Vers für Vers knapp besprochen. Hier stehen auch Verweise auf Parallelverse. Diese Erläuterungen werden allerdings nur dem Arabisten ganz verständlich sein. Sie zeigen, mit welcher Disziplin und Präzision der Übersetzer gearbeitet hat – manchmal bis zur Pedanterie.

Das Verständnis des übersetzten Texts und dieser "Erläuterungen" wird durch ein "Glossar" arabischer Schlüsselbegriffe inklusive Orts- und Personennamen sowie ein "Register" deutscher Namen und Begriffe erleichtert. Im Übrigen verweist Bobzin auf einen demnächst erscheinenden Kommentarband, in dem auch die wichtigsten Werke der muslimischen Koranexegese zu Wort kommen sollen. Dann wird Bobzins Übertragung die Rudi Parets wohl endgültig ablösen.


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