Die Türkei gehört bereits zu Europa

Einen interessanten Artikel gibt Torsten Krauel heute auf WELT-Online zum besten:

EU-Mitgliedschaft oder "privilegierte Partnerschaft"? Seit der Aufnahme der Verhandlungen 2005 spaltet diese Frage Deutschland – ein Pro und Contra

Seit bald 50 Jahren sind erst die Europäische Gemeinschaft, dann die Europäische Union mit Ankara über einen Beitritt im Gespräch. Vom Assoziierungsabkommen 1963 über die offizielle Einstufung als Beitrittskandidat 1999 bis zur Aufnahme formeller Verhandlungen 2005 zieht sich eine gerade Linie. Die Gespräche sind weit fortgeschritten. Auf etlichen Gebieten ist die Türkei schon heute de facto in die EU integriert. Es gibt zwar keine Automatik für die endgültige Aufnahme als Vollmitglied. Aber die Hürde für die Ablehnung ist inzwischen so hoch, dass nur noch sehr gravierende Gründe den Abbruch der Gespräche rechtfertigen würden. Jetzt, nach so intensiven und langen Bemühungen, plötzlich einem diffusen Fremdheitsgefühl nachzugeben würde die EU in den Ruf einer wankelmütigen Staatengruppe bringen, deren Wort nicht zu trauen ist – gleichgültig bei welchem Thema. Sechs Gründe, warum ein Rückzieher nicht zu rechtfertigen wäre.

Die Gründe kurzgefasst:

  • Erst das Beitrittsverfahren habe innerhalb der Türkei notwendige Reformen angestoßen, auch wenn noch einiges zu tun ist.
  • Die EU sei kein religiöses Bollwerk. “Es geht um die Schaffung einer Gemeinschaft, die über Zollfreiheit und gemeinsame Standards Wohlstand schafft und über ein gemeinsames Rechtssystem Freiheit”
  • Dazu sei auch der türkische Staat fähig. “Ehrenmorde” können der Türkischen ebensowenig wie Terroranschläge der IRA der Irischen Staatspolitik zugeordnet werden. Sie seien jeweils illegal.
  • “Die Türkei ist nicht die Speerspitze des radikalen Islam in Europa, sondern der Leuchtturm eines demokratischen Europas in der islamischen Welt.” – dieses “Maß der Mitte” verdeutliche, dass Westen und Orient, Christentum und Islam keine Gegensätze seien, und es Islamisten schwer machen.
  • Ausgrenzung nach 50 Jahren würde das genaue Gegenteil bewirken – Enttäuschung und Radikalisierung im EU-In- und Ausland würde Frieden und Sicherheit an EU-Außengrenzen beeinträchtigen.
  • 1957 sei Deutschland in den Augen der anderen Westeuropäer ein größeres Risiko gewesen, als es heute die Türkei sei. Hierbei geht der Autor auf die letzten 50 Jahre vor Aufnahme der BRD in die EG ein: Weltkriege, Völkermord, Teilung, Instabilität. Dennoch wurde das Land aufgenommen.

10 responses to “Die Türkei gehört bereits zu Europa

  • Franko

    Die Türkei darf nie in die EU kommen, denn das wäre in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe, besonders für Deutschland (die Reisefreiheit würde Millionen zusätzlicher, kulturell inkompatibler Moslems zu uns bringen).

  • bogo70

    Vielleicht ist es aber auch umgekehrt und viele Deutsche, die hier keine Arbeit mehr finden, gehen in die im Aufschwung befindliche Türkei. Schade das sich keiner soetwas vorstellen mag und lieber überheblichen Populismus an den Tag legt. Deutschland wird sich schwertun noch mehr Aufschwung herbei zu führen, in der Türkei sind die Möglichkeiten zur Zeit im Überfluss vorhanden, denn bis die Türkei an den Punkt anlangt, wo Deutschland jetzt ist, nämlich am Ende ihrer Möglichkeiten, wird es solange dauern, wie wir Migranten jetzt in Deuschland leben. Dann wird die Türkei so reich und modern sein wie Deutschland, aber sie werden ihre Chance verpasst haben, in einem wunderschönen, warmen und sehr herzlichen Land arbeiten zu können.

    Ich jedenfalls überlege schon länger, Deutschland zu verlassen und mir dort eine Existenz aufzubauen. Das Wetter hier, macht mir zu schaffen und die Eliten, die sich ihr Stück vom großen Kuchen brüderlich teilen, aber der großen Masse in überlegener Herrschaftlichkeit die Krummen zuwerfen.

    Soziale Kälte und der Machtkampf in der Unterschicht, wer denn jetzt weiter unten steht, der Migrant oder der HartzIV Empfänger, tun ihr eigenes dazu.

    Vielleicht ist es in der Türkei nicht viel anders, bald jedenfalls nicht mehr, aber es ist wenigstens warm.🙂

    • NDM

      Die wirtschaftlichen Perspektiven der Türkei können sich tatsächlich sehen lassen. Einen Arbeitskräftemangel gibt es dort aber nicht, wenn ich die Situation korrekt einschätze. Und beim Wetter bin ich anderer Meinung – too hot!🙂

      Ich ich weiß nicht, wie es heute bzw. anderswo ist – aber Istanbul vor 15 Jahren war, was soziale Kälte angeht, nicht ohne. Als ich zuletzt dort war, waren – zumindest bei Handel und Dienstleistung – Betrugsversuche an der Tagesordnung. Kann aber auch mit mir zu tun haben🙂

  • bogo70

    Warst wohl auf dem Bazar?😉
    Etwas Ortskenntnis und Connections sind schon von Vorteil. Wer aber länger dort lebt, der kommt klar egal welcher Nationalität. Wenn du das Wetter nicht verträgst und auch nicht mit Klimaanlagen klar kommst, hmmm…

    Istanbul und soziale Kälte, kann ich bestätigen. Es ist schon erschreckend, wie manche Menschen für ihr auskommen arbeiten müssen. Der Opi mit der Waschmaschine auf dem Rücken, ist nicht unnormal auch wenn es für uns Unmenschlich erscheint. Doch meist sorgen die Kinder für die Alten, die es aber selbst nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, nichts zu tun.

    Istanbul ist aber tatsächlich ein Extrem und wenn ich in der Türkei leben will dann ganz sicher in keiner Großstadt.

    Ich habe schließlich nicht behauptet das alles Friede, Freude, Eierkuchen ist und erlicherweise muss ich gestehen, dass wir schon eine Grundlage für das Leben in der Türkei hätten.🙂

    • NDM

      Das größere Problem waren eher Taxifahrer und Bars. Oft kam die Masche „Die Anzeige vom Taxameter ist kaputt, es steht eine 1 davor“

      Klimaanlagen konnte ich damals nirgends finden(und das im Juli bei >40°). Ich hatte allerdings als Backpacker in Wohnvierteln in Yenibosna und Gülensu gewohnt, nicht in Hotels – und hatte mich auch nur dort aufgehalten, wo ich Istanbuler meines Alters treffen kann – Touristengegenden hatte ich eher gemieden(große Ausnahme: die blaue Moschee, und das auch nur auf Druck der Gastfamilie😉
      Den Bazar hatte ich auch nur kurz besucht. Shoppingallergie.

      Im großen und ganzen ist Istanbul aber mit beliebigen anderen europäischen Großstädten vergleichbar – quasi ein Paris mit einem Hauch von Görlitz/Zgorzelec. Auch zeigen sich dort exakt die gleichen sozialen Spannungen, die es z.B. in deutschen Großstädten gibt.

      btw: Gerade einen witzigen Text gefunden, der das Potenzial der Türkei sehr verdeutlicht:

      http://www.politik.de/forum/mittelmeer/217881-arbeitslosigkeit-der-tuerkei-beruht-allein-auf-ungenutztes-gigantisches-potenzial.html

      Kurz und knackig beschreibt es dort der User „NOSTALJI“: „su akar türk bakar“ – gilt aber auch für einige hier in D😉

  • bogo70

    Yep, genauso ist es. Weist du, wieviele Rückkehrer sich nach deutschem Brot verzehren?
    Meine Schwägerin versucht immer selbst welches zu backen, ist aber natürlich nicht vergleichbar. Wenn ein deutscher Bäcker sich in der Türkei selbstständig macht, ist er ein gemachter Mann. Selbst Bratwürstchen aus Huhn oder Pute (halal) würde gut gehen. Expirementierfreudig sind die Türken in den Großstädten auch, selbst wenn sie dem Chinesen nicht trauen, würde die Schickeria Chinesisch probieren und gut möglich, zum Allerheiligsten erklären, ich glaube ein paar solcher Restaurantes gibt es schon und Sushi ist im kommen.🙂

    Alles, was man aus Deutschland nach drüben mitnimmt, ist geeignet für einen Neustart.

    „Bal akar, Türk bakar“ trifft es glaube ich eher.;-)

    • NDM

      „Bal akar, Türk bakar“ – spitzt es noch etwas auf den Kern zu, stimmt. Es gibt viel Potenzial. Möglicherweise muss es erst durch Zuwanderer geweckt werden, denn Potenziale erkennt man nie bei sich selbst – nur außenstehende sehen es.

      Ich glaube, dass es noch einiges mehr gibt, als deutsches Brot, das die Leute vermissen. Das erste, was mir negativ auffiel, waren die Stehtoiletten. Ein kostengünstiger Sitztoilettenaufsatz für diese Toiletten (z.B. ganz günstig aus Plastik oder Stahl produziert) wäre eine Marktnische ohne gleichen, zumal sich dies sehr gut mit dem Slogan „Luxus für alle“ verkaufen ließe. Und der Markt wäre riesig(über die Türkei hinaus).

      Aber auch die Supermärkte, die ich in Istanbul gesehen hatte, sind entweder mit Kiosken vergleichbar(etwas größer), oder aber es sind riesige Zentren wie Indupark oder CentrO (in Istanbul: Galeria oder Capitol). Dazwischen gibt es nichts. Riesige Marktlücke.

      Klar, kulinarisches geht immer. Die Neugier ist allseits vorhanden. Bei meinem Besuch dort war man sehr daran interessiert, was wir in Deutschland essen, wie es zubereitet und gewürzt wird. Das Kartoffelklischee gibt’s übrigens auch dort. Mein erstes Mittagessen war: Bratkartoffeln mit Soße und Hühnerbrust, die allerdings auf einem Extrateller lag, weil man nicht wusste, ob man in Deutschland Huhn essen darf.😀

      (Schnell)restaurants mit einem Deutschen Einschlag, also mit z.B. Leberkäse, Weißwurst, Fleischwurst(klar, alles halalisiert) usw… können gut ankommen – auch die abwechslungsreichen Käse- und Brotsorten werden gern gesehen. Schimmelkäse in seinen Variationen ist allerdings extrem exotisch und kostet wegen dem Schimmel wohl Überwindung wie chinesische „hundertjährige Eier“, nehme ich mal an. Roulladenvariationen wären auch etwas für die höhere Preiskategorie. Für das Fastfood-Restaurant: Leberkäse mit Rührei im Brötchen, Hühnerfrikassee oder Königsberger Klopse mit Brötchen, Mettwurst in Grünkohl oder eben die Bratwurst im bzw. die Currywurst mit Brötchen… Vieles kennt man gar nicht, besonders die Soßen. Auch Fischrezepte(Backfisch oder Matjes z.B.)… Dass derartige Geschäftsmodelle funktionieren können, zeigen z.B. Pizzerien in Istanbul. Viele gibt es nicht, aber sie spielen geschickt mit italienischem bzw. USA-Flair und werben z.B. damit, dass handgearbeitete Öfen aus Neapel importiert wurden, usw. – wegen dieser „Exotik“ sind sie sehr beliebt. Und die Preise sind gesalzen: Eine einfache Käsepizza in normalgröße kann 10€ kosten – und die Leute bezahlen das sogar.

      „Rückkehrer“(bzw. Auswanderer) könnten exotische „Wirtshäuser“ aufgrund ihrer Herkunft authentisch vertreten. In den meisten Ländern(z.B. Japan, USA, S.Korea) sind deutsche Restaurants auch sehr erfolgreich. In Istanbul soll es sogar schon eins geben. Aber da wollte ich nicht essen. deutsches Futter kenne ich schon😉

      Es ist wirklich so: Möglichkeiten gäbe es zuhauf, und die potenzielle Kundschaft wird angesichts der Außenhandelsbilanz nicht ärmer. Im Gegenteil.

      Wichtig wäre allerdings, den Handelssektor nicht zu übersättigen – wichtiger für den wirtschaftlichen Aufbau ist die Warenproduktion.

      • bogo70

        Das wichtigste ist wohl was sie im Kopf mitnehmen.😉

        Meine Schwägerin it ein Sportfreak und was sie in ihrer Stadt geschafft hat, war eine kleine Revolution, das ganze Stadion steht nun jeden Morgen den Frauen zur Verfügung und sie laufen ihre Runden im Stadion. Drei Töchter werden nach westlichen Werten erzogen, und die älteste geht nun nach Istanbul, ganz allein, zum studieren. Eine andere Schwägerin, mit niederländischem Migrationshintergrund🙂 hatte große Schwierigkeiten, von der Familie anerkannt zu werden, nach gut 20 Jahren, ist sie doch noch der Star der Familie und beide Töchter studieren.

        Inzwischen sind viele türkische Frauen Singles und stehen auf eigenen Füßen, weil sie keinen Mann finden, der mit ihren westlichen Ansichten klar kommt.

        In den Dörfern rund um die Kreisstädte, büchsen die Mädels nachts aus, zum heimlichen Techtel Mechtel.

        Seit die Rückkehrer zurück sind, hat sich die Türkei enorm verändert und ich bin überzeugt davon, dass es der Verdienst des Westens ist.

        Ganz sicher, ob es alles gut ist was die Deutschländer einführen, weiß ich nicht, ist jedoch noch einmal ein anderes Thema.

        • NDM

          Das klingt ja nett – führt aber natürlich auch zu eben den Konflikten, die du beschreibst. Diese Konfliktlinie verläuft zwischen Traditionellen Normen und individueller Freiheit, und das gibt es ja überall – lediglich die Tradition definiert sich je nach Ort anders.

          Es ist, denke ich, nicht ausschließlich ein Türkei/Westen-Unterschied, sondern vor allem einer zwischen Stadt und Land. Das wird die Tochter deiner Schwägerin in Istanbul bestimmt bestätigen können. Rückkehrer bringen aber einiges dazu.

          Etwas heikel kann es aber werden, wenn es um den Glauben geht: Sogar in Istanbul waren die Leute jeden Morgen erstaunt und entsetzt, wenn ich den Muezzin ausgeflucht habe, weil er mich geweckt hatte. Frühaufsteherdiktatur.😀 Allerdings war ich harmlos – mein türkischer Kollege(auch aus D) hatte an einem Morgen lauthals und krächzend mitgejodelt, und damit das ganze (Mehrfamilien-)Haus geweckt. Das war der Skandal des Tages, und das war auch der Tag, an dem wir tolerant zum Besuch der blauen Moschee genötigt wurden😉

          Ich denke, grundsätzlich hat es positives. Es regt an, dogmatische Haltungen(„Das war schon immer so!“) auch mal aus kritischer Perspektive zu betrachten, bzw. eine Traditionskritische Sicht überhaupt erst einmal kennenzulernen – was letztlich nur positiv sein kann. Gesellschaftliche Entwicklungen gehen ja immer auch ein wenig mit Traditionsbrüchen einher.

          • bogo70

            Traditionskritisch
            Eigentlich ein gutes Stichwort.😉
            Als ich in das türkische einheiratete und meine ganze Neugier auf das Land und die Kultur mitbrachte, wurde ich geliebt von der türkischen Familie. Alle, vom Opa, der Tante über Nichten, Neffen usw. waren begeistert von einer fremden, wenn auch mitunter kritischen Meinung über die Lebenssituation in der Türkei. Noch Heute, ist mir keiner böse, wenn ich etwas ausspreche, was Türken niemals aussprechen würden, man verzeiht mir einfach alles. Ich bin jemand der das darf, wohingegen meine türkische Schwägerin, die sehr modern daherkommt, immer und überall kritisiert wird. Ihr verzeiht man nichts, wirklich garnichts, denn sie müsste ja eigentlich wissen, was die türkische Kultur gebietet. Dabei spielt es keine Rolle ob Istanbul, Ankara oder Arhavi und Düzce. Überall gilt das ungeschriebene Gesetz, dass sie sich zu fügen hat, ich aber es nicht besser weiß.

            Doch sind das nun mal gesellschaftliche Diskurse, die geführt werden und Veränderungen mit sich bringen, dauert halt seine Zeit, aber die Welt dreht sich und verändert sich, auch die Islamische.🙂

            Das die Türkei dabei Vorreiter ist, ist unbestreitbar und macht das Land noch interessanter.

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