Was die Deutschen für die Integrationsdebatte aus ihrer Geschichte lernen können

Ich nehme mal ein paar Absätze von Zafer Senocak heraus. Am besten, man liest den gBeitrag zur Integrationspolitik in seiner Gänze.

In jeder Ecke stößt man hierzulande auf ein Geschichtsthema: Die traumatische Erfahrung des Nationalsozialismus, des Krieges, des Völkermords an den europäischen Juden, aber auch das Leid der deutschen Bevölkerung durch Krieg, Flucht und Vertreibung haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Deshalb wirkt nichts unglaubwürdiger als ein geschichtsloses und damit gesichtsloses Deutschland. Die Einwanderungsfrage aber wird von all dem ferngehalten. Integrationsgipfel, Islamkonferenz, Debatten und Veranstaltungen zum Thema – der gesamte Politikentwurf wird so lanciert, als ginge es lediglich um die Integration Nichtdeutscher in die deutsche Gesellschaft.

Die Sprache der Integrationsdebatten ist jedenfalls bezeichnend. Sie ist voller Fallstricke, wenn es um Identitätsfragen geht, um Heimat oder Loyalität. So wurde in den Debatten um die doppelte Staatsbürgerschaft immer wieder der Begriff der Loyalität bemüht, der in der wilhelminischen Epoche von konservativen Historikern und Politikern herangezogen wurde, um zu belegen, dass deutsche und jüdische Identität unvereinbar seien: Aus der Sicht des Historikers Heinrich von Treitschke war die Einheit von Staat und Volk in Gefahr. Wer sich heute gegen Doppelidentitäten sperrt, gerät in die Tradition eines nebulösen Staatsverständnisses, der den Weg der Deutschen in die Demokratie lange blockiert hat. Die Oberhoheit über das Angstpotenzial haben diese Begriffe ohnehin: Angst vor Verlust der Identität, vor Fremden, vor Unbekannten.

In der Geschichtsschreibung ging es oft um die Konstruktion von nationaler Identität. Moderne Geschichtswissenschaft hat sich davon zwar entfernt, aber sie riskiert nach wie vor zu wenig die vergleichende Wahrnehmung. Wir brauchen eine vergleichende Geschichtswissenschaft – ähnlich der vergleichenden Literaturwissenschaft. Dabei können auch literarische Texte mit ihren biografischen Konnotationen eine eher emotionsleere Wahrnehmung der Vergangenheit ergänzen und neue Perspektiven eröffnen. Gerade die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die Völkermorde, Vertreibungen und nationalistischen Exzesse teilen die Europäer miteinander, die Deutschen teilen sie auch mit den Türken.

Deutsche und Türken verbindet etwas. Beide stammen aus großen Mischkulturen, die im 20. Jahrhundert gewaltsam zerschlagen wurden. Ein bitterer Erfahrungshintergrund, den man gemeinsam erörtern kann. So lassen sich Unterschiede und Ähnlichkeiten genauer benennen, jenseits der Sphäre vager Urteile und Vorurteile aufheben. An den Tischen der deutschen Integrationspolitik sollte es also nicht nur um Türken, den Islam und all das gehen, was der Durchschnittsdeutsche als fremd empfindet, sondern auch um das, was er als das Eigene wahrnimmt. Um die eigene Geschichte, den eigenen Identitätswandel. In diesem Wandel steckt nicht nur die Sehnsucht nach Anerkennung, sondern auch die Verunsicherung hinsichtlich einer Zukunft, in der nichts mehr so sein wird wie heute und hoffentlich manches anders als gestern.


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