Interview mit Lamya Kaddor

Ein sehr lesenswertes Interview findet sich beim Tagesspiegel wieder.

Einige Auszüge:

Sie gelten als Vordenkerin der liberalen Muslime in Deutschland. Viele Menschen bezweifeln, dass es das überhaupt gibt: liberale Muslime.

Und ob es die gibt! Leute wie ich sind die Mehrheit. Wir sind hier aufgewachsen, haben eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir leben hier gut, und wir identifizieren uns mit diesem Staat. Nur glauben wir eben an den Islam.

Die Islamkritikerin Necla Kelek macht den Islam dafür verantwortlich, dass in türkischen Familien vieles schief läuft. In „Die verlorenen Söhne“ schreibt sie, dass im Koran das Recht auf Rache verbrieft sei. In Sure 17, Vers 33 steht: „Und tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht zur Rache.“

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das steht auch im Alten Testament. Der Koran ist ein Zeugnis des 7. Jahrhunderts. Er spricht zu seiner Zeit. Damals war Rache an der Tagesordnung. Zu sagen, deshalb wird auch heute gemordet, ist schon theologisch falsch. Die Typen, die heute ihre Schwestern wegen der Familienehre umbringen, haben sicher nicht Sure 17 gelesen. Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen.

Warum gibt es so viele Fundamentalisten im Islam?

Unter anderem hat das mit dem Einfluss der ultrakonservativen Wahhabiten zu tun. Die leben mehrheitlich in Saudi-Arabien und vertreten ein Textverständnis, das den Koran sehr wortgetreu auslegt und versucht, das Weltbild aus dem 7. Jahrhundert in die heutige Zeit zu übertragen – inklusive Steinigung, Harem und Vielehe. Dass diese Richtung von so großer Bedeutung ist, liegt am Geld, von dem haben die Saudis dank des Erdöls genug. So haben sie Schulbücher für die Muslime in Bosnien finanziert, in denen die Grundlagen ihres Weltbilds vermittelt werden. Sie vertreiben auch weltweit Koranübersetzungen.


3 responses to “Interview mit Lamya Kaddor

  • Agent K

    „Leute wie ich sind die Mehrheit. Wir sind hier aufgewachsen, haben eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir leben hier gut, und wir identifizieren uns mit diesem Staat.“

    ==> Das bezweifelt doch auch niemand. Diejenigen Muslime, die auf Krawall gebürstet sind, sind ganz eindeutig die Minderheit. Leider schreien sie 10x so laut wie die liberalere Mehrheit, und eben diese tut auch nichts oder zumindest viel zu wenig dazu, die Extremisten in die Schranken zu weisen. Und hier liegt doch das Problem, im Zweifel halten die liberalen und die extremen Strömungen eher zusammen als dass sie sich gegenseitig an den Karren fahren.

    „Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das steht auch im Alten Testament. Der Koran ist ein Zeugnis des 7. Jahrhunderts. Er spricht zu seiner Zeit.“

    ==> Genau. Das Alte Testament spricht auch zu seiner Zeit. Mit dem elementaren Unterschied, dass das AT mit dem NT quasi überarbeitet wurde. Was zählt, ist das Neue Testament. Der Koran hingegen wird als direkt von Allah gegeben angesehen, und somit darf er weder interpretiert werden noch geändert.

    „Damals war Rache an der Tagesordnung. Zu sagen, deshalb wird auch heute gemordet, ist schon theologisch falsch. Die Typen, die heute ihre Schwestern wegen der Familienehre umbringen, haben sicher nicht Sure 17 gelesen. Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen.“

    ==> Das mag schon sein, aber diese Typen beziehen sich neben überkommenen gesellschaftlichen Ansichten häufig auch auf den Koran. Wenn sie ihn nicht gelesen haben, woher haben sie das dann? Dann müsste das doch direkt aus den Moscheen kommen, vom dortigen Imam.

    • NDM

      „Zweifel halten die liberalen und die extremen Strömungen eher zusammen als dass sie sich gegenseitig an den Karren fahren.“

      Hm, warum bildet sich dann eine organisierte liberale Strömung heraus, um das Wort nicht den orthodoxen und Islamisten zu überlassen? In persönlichen Gesprächen mit „normalos“ höre ich auch nicht unbedingt immer Lobeshymnen auf radikale – im Gegenteil. Als pauschale Aussage kann man das so jedenfalls nicht stehen lassen.

      Das Problem mit dem „Auge um Auge“ ist nicht mit einem Verweis auf das neue Testament „gelöst“. Das Problem mit dieser Aussage ist, dass sich „Auge um Auge“ nie auf körperliche Gewalt bezogen hatte, sondern um Ausgleichszahlungen im Zusammenhang mit der jüdischen Gerichtsbarkeit. Ein leider weit verbreiteter Irrtum. Ihre Kernaussage ist die, dass der Koran bzw. die Suren und Verse bei denen im Kontext der Entstehung gedeutet werden: Als Ansprache an ein bestimmtes Volk an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Hierbei stehen unter anderem die relativen Veränderungen, die der Koran erwirkte, und damit die richtungsweisende Tendenz sowie die Bedeutung dieser Veränderungen, im Fokus.

      Analog die ganzen Verse zum Umgang mit Sklaven und Frauen. Seinerzeit waren beide praktisch ohne Rechte. Die Tatsache, dass ihnen erstmals bestimmte Rechte gegeben wurden, kann richtungsweisend gedeutet werden, also als erster Schritt auf einem Pfad der Besserstellung. Letztlich hat diese Lesart nahezu überall in der islamischen Welt zur Abschaffung der Sklaverei geführt. Sudan und Saudi-Arabien sind da natürlich wieder kritische Fälle.

      „Der Koran hingegen wird als direkt von Allah gegeben angesehen, und somit darf er weder interpretiert werden noch geändert.“

      Hast du es so lieber?

  • ConnyD

    Vielen Dank für den spitzen Artikel. Ich war letzte Woche schon mal auf dem Blog hier. Mal sehen, unter umständen weist mich die große Suchmaschine ja noch mal hier zu dir.

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