Linksradikale zwischen Antimuslimischem Rassismus und Islamismus

Ein sehr interessanter Beitrag, der ein Dilemma linksradikaler Strömungen beschreibt, ist beim “Linksnet” zu finden: Es geht um die Schwierigkeit, Kritik am Islamismus zu üben, ohne hierbei inhaltlich durch die Heimatverliebte deutsche Querfront vereinnahmt zu werden – und umgekehrt – Kritik an den Moslemhassern zu üben, ohne inhaltlich von Bozkurts und Islamisten vereinnahmt zu werden.

Auszug “Postkoloniale Analyse und Kritik orientalistischer Islam-Bilder”:

Die gegenwärtigen Vorurteile und Klischees über Muslime und den Islam sind nicht geschichtslos. Sie lassen sich zurückverfolgen auf koloniale Diskurse, die sich unter dem Stichwort "Orientalismus" zusammenfassen lassen. Diese Diskurse wurden durch postkoloniale Autoren analysiert und kritisiert, nicht zuletzt durch Edward Said. Bei Orientalismus handelt es sich um die Konstruktion von Orient-Bildern als Negativfolie, von denen sich der Westen positiv absetzen konnte. Der Orientalismus arbeitet mit Zuschreibungen wie etwa „westlich“ gleich „aufgeklärt“ versus „orientalisch“ gleich „rückständig“. Dabei wurde der Islam ebenfalls als Teil einer rückständigen Kultur definiert und politische und ökonomische Prozesse wurden kulturalistisch umgedeutet.

Auszug “Islamophobie aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft”:

Während die oben erwähnten postkolonialen Ansätze marginalisiert blieben, kam es zu einer breiteren Debatte um die Feindschaft gegenüber Muslimen, als deutsche WissenschaftlerInnen sich dem Thema annahmen. Eine bis dahin unbekannte öffentliche Debatte begann, als im Dezember 2008 vom Zentrum für Antisemitismusforschung die Konferenz „Feindbild Muslim — Feindbild Jude“ organisiert wurde. Die Konferenz löste eine Flut von Publikationen aus (vgl. analyse&kritik Nr. 547). Es ist zu begrüßen, dass es so zu einer breiteren Auseinandersetzung kam und die Feindschaft gegenüber Muslimen sich immer weniger hinter "Islamkritik" verstecken kann. Allerdings kam es dabei auch zu einigen Verschiebungen, die zu diskutieren sind. Zum Ersten findet die gegenwärtige Debatte aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft statt und sie wird von etablierten Akteuren aus dem politischen und akademischen Mainstream geführt. So werden die Erfahrungen der von antimuslimischem Rassismus betroffenen Menschen überhört. Ebenso bleiben postkoloniale und radikal emanzipatorische Autoren und Ansätze marginalisiert.

Angesichts dessen, dass die Feindschaft gegenüber Muslimen eher zu- als abnehmen wird und dass sie als eine Ideologie zur Legitimation von Rassismus und sozialer Ausgrenzung zunehmend relevanter wird, ist die Entwicklung einer emanzipatorischen Perspektive so notwendig wie schwierig.
Dies wurde bei den Auseinandersetzungen um rechte Aufmärsche in Duisburg deutlich, wo Pro NRW und NPD Ende März gegen „Islamisierung“ aufmarschierten. So hat zwar das Bündnis linksradikaler und anarchistischer Gruppen „Rechtes Märchenland zerlegen“ versucht, erste Ansätze einer emanzipatorischen Positionierung jenseits von antimuslimischem Rassismus und Islamismus zu etablieren. Allerdings wurden diese Ansätze von den linken und bürgerlichen Bündnissen gegen Pro NRW und NPD nicht beachtet und blieben innerhalb der Proteste marginalisiert.

Ohne zu einer Lösung für das Dilemma zu kommen, ist die Analyse durchaus interessant und lesenswert, zumal sie zum einen die Mär von den “Linksgrüngutmenschlichen Islamismusverharmlosern” widerlegt, zum anderen die Mär, es seien nur die rassistischen Moslemfeinde, die sich mit dem Islamismus und allzu konservativen Wertvorstellungen anlegen.

Es wird sich zeigen, ob überhaupt und was genau daraus hervorgeht.

Und bevor mich jetzt einer einen Kommunisten schimpft: Es geht nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen. Wer einen solchen Themenkomplex monokausal auf wirtschaftliche Zusammenhänge zurückführt, hat sowieso nicht mehr alle Tassen im Schrank.


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