Burka, Bomben und Iran – Interview mit Eshkevari

Ein sehr interessantes Interview mit dem Exil-Iraner gibt der Standard her. Hier etwas gekürzt:

Zur Person:

Der Reformkleriker lebt seit 2005 im Exil, derzeit in Italien. Zuvor war er vier Jahre im Iran in Haft. Ein iranisches Sondergericht für Geistliche hatte zuerst ein Todesurteil ausgesprochen, das aber in zweiter Instanz in eine Haftstrafe umgewandelt wurde. Der Grund für seine Festnahme: Eshkaveri hatte sich im Jahr 2000 bei einer Iran-Konferenz in Berlin kritisch gegenüber dem Regime geäußert. Unter anderem hatte er gesagt, das Kopftuch für muslimische Frauen wäre optional.

Zum Burkaverbot in Belgien im Vergleich zur Kopftuchvorschrift im Iran sagt er:

(…) kann man mit dem gleichen Recht erwarten, dass die islamische Republik westlichen Frauen vorschreiben darf, dass diese sich bei einem Besuch des Landes nach islamischen Gesetzen kleiden.

Oder anders: Beide Bekleidungsvorschriften bestätigen und legitimieren sich gegenseitig.

Weiter geht er auf die Erniedrigungserfahrung ein, die solche Gesetze erzeugen können, und die Gefahr, die daraus resultiert:

Aus dieser Masse werden dann Leute rekrutiert, die bereit sind sich eine Bombe umzubinden (…). Aus lauter Zorn und aus Revanche für die Erniedrigung.

Zu den Protesten im Iran:

Es gibt eine Parallele zwischen der Entwicklung dieser Bewegung und der Entwicklung des Reformdenkens im Islam seit den vergangenen 30 Jahren. Die Erfahrung mit Ahmadinejads Regierung, besonders innerhalb des vergangenen Jahres, hat die Menschen mehr in die Richtung eines neuen Weges getrieben.

Von Vollkommenheit möchte er jedoch in Bezug auf Moussavi und Karrubi nicht sprechen, aber zumindest von einem “Schritt in Richtung Reform”.

Bezüglich dem relativ verbreiteten Traditionalismus europäischer Muslime sagt er:

Dafür sind zwei Gründe ausschlaggebend: Der erste ist, dass sie, indem sie ihre Heimat verlassen haben, neue Entwicklungen nicht mitgemacht haben. Der zweite Grund ist die islamfeindliche Haltung, die sie in Europa erfahren. Diese beiden Tatsachen drängen sie in ihre eigene Identität, in der sie sich sicher fühlen und diese Positionen vehementer zu vertreten.

Will heißen: Diskriminierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Menschen an die Identität und Tradition der Eltern und Großeltern klammern.

Dazu kommt(und das sind nicht seine Positionen): manche nehmen auch zur Kompensation der Diskriminierungserfahrung Identitätsangebote wahr, die selbst Diskriminierung im Programm haben(z.B. Nationalismus, Rassismus, Islamismus). Das ist ein Teufelskreis, und hier sollte man mit einer möglichst konsequenten und glaubwürdigen Durchsetzung von Antidiskriminierungsgesetzen ansetzen. Glaubwürdig in der Hinsicht, dass bei Diskriminierung immer mit gleichem Maß gemessen wird, völlig unabhängig davon, welcher Bevölkerungsgruppe Subjekt und Objekt der Diskriminierung angehören.

Ähnliches fordert Eshkevari, wenn es darum geht, den reformorientierten Islam innerhalb Europas zu unterstützen:

Die Muslime mit den eigenen Bürgern über einen Kamm scheren und nicht mit zweierlei Maß messen.

Bezüglich dem Iran empfiehlt er, Medien sollen Menschenrechtsverletzungen wahrnehmen und offen thematisieren.

Für die Ausbildung Junger Muslime empfiehlt er, Themen wie Menschenrechte und Demokratie besser zu vermitteln.

Zudem empfiehlt er, Muslime nicht immerzu dazu zu nötigen, Stellung zum Terrorismus zu nehmen. Vielmehr sollten sie als gleichwertige Staatsbürger behandelt werden.

Dann werden sie sich auch als verantwortungsvolle Bürger der Länder im Westen fühlen, die eben auch eine islamische Identität haben. Aber sie werden nicht, wie es leider Gottes immer wieder passiert, in die Opposition getrieben.

Auf die Frage hin, ob der Iran eine islamische Republik oder eine Militärdiktatur sei:

Es gibt weder eine unabhängige Regierung, noch eine unabhängige Justiz. Das sind alles Instrumente, die den militärischen Kräften zur Verfügung stehen.

Bei der Frage, ob ein reformorientierter Präsident gegen Militär und Klerus ankommen könnte, meint er, die Bedingungen und Voraussetzungen müssen stimmen, insbesondere eine breite Unterstützung in der Bevölkerung sei wichtig. Diese habe sich in den letzten Jahren verbessert. Dies müsse weiter- und mit einer klaren Programmatik einhergehen. Er ist optimistisch, falls sich der Trend fortsetzt.

Die Ursache des Widerstands gegen Ahmadinejads Wiederwahl sieht er in der Unterdrückung und Erniedrigung der gesamten Bevölkerung in seiner ersten Amtszeit, und er ist der Ansicht, es gebe auch viele reformorientierte Stimmen innerhalb des Klerus.


8 responses to “Burka, Bomben und Iran – Interview mit Eshkevari

  • Lyli

    “ Oder anders: Beide Bekleidungsvorschriften bestätigen und legitimieren sich gegenseitig. “

    Blödsinn. Die Burka ist verboten, weil sie für ein antidemokratisches Weltbild steht. Die islamistischen Bekleidungsvorschriften in Iran gab es vorher und wird es auch nachher geben, völlig unabhängig davon, was in Europa passiert.

    “ Aus dieser Masse werden dann Leute rekrutiert, die bereit sind sich eine Bombe umzubinden (…). Aus lauter Zorn und aus Revanche für die Erniedrigung. “

    Dreifacher Blödsinn. Wer sich eine Bombe umbindet und Menschen wahllos töten will, der hatte vorher schon ein Problem mit dieser Gesellschaft. Das grenzt ja schon an Terror-Apologetik. Vll sollte man mal damit aufhören, Terroristen die Verantwortung für ihre Sch*** abzunehmen. Ich kann sowas nicht verstehen.

    • NDM

      Die Problematik mit der Burka bzw. dem Nikab und dem damit zusammenhängenden „Gesamtpaket“ sehe ich ähnlich, und argumentiere hier und anderorts auch gegen das damit verbundene Menschenbild. Ein plötzliches Verbot mit Paukenschlagwirkung sehe ich allerdings sehr kritisch, denn dem liegt ein ähnlicher Staatsautoritarismus zugrunde, wie dem Kopftuchbefehl im Iran. „Wenn die das können, dann können wir das auch“. Broder nennt dies „tit for tat“. Und darum geht es: Es ist bezüglich dem Verständnis der „eigenen“ Kultur schlicht nichts anderes. Die Kultur bzw. das private Verhältnis zur Religion bekommt Gesetzes/Verbotscharakter. Genau das verbietet jedoch unser Grundgesetz. Ein kulturalistisch motiviertes Verbot kann man also mit Recht Verfassungsfeindlich nennen. Es gibt ganz andere Rechtsgüter, die es abzuwägen gilt, und für die bereits viele bestehende Gesetze greifen.

      Wenn dem keine ehrliche, aufrichtige und ergebnisoffene(!) Debatte mit allen beteiligten(insbesondere mit den verschiedenen Muslimischen Strömungen, also auch mit z.B. Ates und Akgün) zuvorgeht, geht der Schuss gehörig nach hinten los.

      Zudem: Könnte ein antidemokratisches Weltbild verboten werden, gäbe es weder Nazis noch Kommunisten. Nazis konnten z.B. Verbote von Symbolen ebenfalls umgehen.

      Davon ab würde ich nicht so oberflächlich an die Sache herangehen, und behaupten, ein solches Verbot bringe keine Reaktionen hervor. Niemand kann mir erzählen, dass ein solches Verbot die Gefahr des Islamismus verringert. Das Gegenteil ist der Fall. So, wie Kopftuch- und Burkadebatten an der Basis geführt werden, ist der Eindruck ganz klar: Es geht nicht um die Belange betroffener Frauen, sondern gegen „die Moslems“. Genau so kann(!) diese Aussage verstanden werden(und ist sie auch von einigen gemeint) – und das hat dann radikalisierende Wirkung – nicht nur auf Menschen, die sich sowieso schon eine Bombe umschnallen wollten, sondern auch auf ein paar radikalisierbare Jugendliche. Und auch die Nazis fühlen sich dadurch legitimiert.

      Das ändert natürlich nichts daran, dass ein solches Verbot ca. 99,8% der Moslems überhaupt nicht betrifft, und von den 99,8% wiederum ein relevanter Teil selbst sogar für ein Verbot wären. Vielleicht sogar mehr als die Hälfte. Verlässliche Zahlen gibt es da AFAIK nicht. Eine offene Diskussion zwischen Moslems zum Thema würde erstaunliches zu Tage bringen. Die erste Person, die in Deutschland ein Burkaverbot gefordert hatte, war nämlich eine Muslima: Lale Akgün von der SPD.

      • Lyli

        “ Ein kulturalistisch motiviertes Verbot kann man also mit Recht Verfassungsfeindlich nennen. “

        Es ist ja nicht „kulturalistisch“. Dass Frauen keine wandelnden Sexobjekte und Männer keine triebgesteuerten Barbaren sind, davon geht unser GG aus, von freien, mündigen Bürgern.
        Die Burka repräsentiert das exakte Gegenmodell zur freien Bürgergesellschaft und wird m.E. nach auch gerade zur Kommunikation einer Antihaltung zu dieser Gesellschaft getragen. Ich halte ein Verbot, gerade auch mit Blick auf die politische Sprengkraft der islamistischen Bewegung, nicht für unverhältnismäßig.

        “ Niemand kann mir erzählen, dass ein solches Verbot die Gefahr des Islamismus verringert. “

        Da wäre ich auch nicht so vorschnell. Es zeigt, dass die freie Gesellschaft Rückgrat hat und Profil zeigen kann. Totalitäre Bewegungen gehen immer von der Weichheit, Dekadenz und „Entartetheit“ der Freiheit aus. Auf „Radikalisierungen“ kann man keine Rücksicht nehmen, wenn das hier ernst nimmt. Außerdem brauchen Fanatiker keine Begründungen, wer sich von einem Schleierverbot „radikalisieren“ lässt, der hat diese Gesellschaft auch vorher gehasst. Was schert uns der ?

        “ Das ändert natürlich nichts daran, dass ein solches Verbot ca. 99,8% der Moslems überhaupt nicht betrifft, und von den 99,8% wiederum ein relevanter Teil selbst sogar für ein Verbot wären. “

        Eben. Moslems haben ein vitales Interesse daran, ihre Religion nicht von freiheitsfeindlichen Fanatikern repräsentieren zu lassen.

        • NDM

          Das sind vielleicht alles deine persönlichen, subjektiven Begründungen für eine Ablehnung – aus ähnlichen Gründen lehne ich sie auch ab – mit diesem Diskussionsansatz wirst du jedoch keinen Schritt am BVerG vorbeikommen, um deine Meinung in ein Gesetz zu pressen, denn von einem „geht unser GG aus, von freien, mündigen Bürgern“. Und freie Bürger dürfen sich zunächst einmal anziehen, was sie möchten – auch dann, wenn andere damit ein nicht genehmes politisches Signal zu erkennen glauben. z.B. bei Punks, rechte Skinheads, usw. – solche Optik ist bewusst als Signal für ein Gegenmodell zur bestehenden Gesellschaft gewählt. Die eine mehr, die andere weniger mit Verfassungsfeindlichkeit verbunden.

          Es geht um Verfassungsrechtlich einwandfreie Begründungen, die auch Verfassungsmäßig garantierten Rechte wie das Recht auf ungestörte Religionsausübung (Art. 4)und das Recht auf freie Entfaltungsmöglichkeit(Art. 2, dazu gehört auch die freie Bekleidungswahl) nicht antasten. Burkas können nicht einfach mal so verboten werden, nur weil sie einem heute nicht passen.

          Wie umfangreich eine solche Diskussion werden kann, kannst du hier am Beispiel Frankreich lesen:

          http://beim-wort-genommen.de/2010/05/06/starke-argumente-fur-ein-burkaverbot/

          Es ist alles nicht so einfach, wie man es sich vorstellt.

          „Moslems haben ein vitales Interesse daran, ihre Religion nicht von freiheitsfeindlichen Fanatikern repräsentieren zu lassen.“

          Werden sie ja nicht. Es sind so wenige, dass man in relativ kurzer Zeit jede einzelne interviewen könnte.

          Zur Radikalisierung hatte ich mich denke ich klar ausgedrückt.

          • Lyli

            Burkas haben nichts mit Religionsausübung zu tun, bzw. ist der Art. 4 GG kein Ventil für totalitäre Ideologien „unter religiöser Burka“.
            Noch wird ein Verbot mglw. nicht als verfassungskonform gewertet. Das muss aber kein Dauerzustand sein, der Islamismus wird seit einiger Zeit europaweit deutlicher als sehr ernstzunehmende Bedrohung erkannt.

            Wenn Nazismus und Kommunismus heute noch „in Saft und Kraft stehende“ Bewegungen wären, würde ich dir damit zustimmen, dass Burka und Skinheadkluft usw. vergleichbar sind. Aber es sind andere Zeiten heute mit neuen totalitären Herausforderungen. Die heutigen Neonazis und Stalinfreunde sind Nachrufe ihrerselbst.
            Der Islamismus mit seinem radical chic zieht Leute jeder Nationalität an, die sich früher wohl obigen Bewegungen angeschlossen hätten.

          • NDM

            Burkas haben strenggenommen so viel mit Religionsausübung zu tun, wie Kopftücher, Kippahs und Nonnenkutten. Sie sind Ausprägungen einer Religionsauffassung, der der jeweilige Mensch folgt. Ich bin schwer für eine liberale Religionsauffassung, kann jedoch keine Vorschriften dahingehend erteilen, wofür sich ein Mensch entscheidet, sondern zunächst einmal lediglich für die von mir bevorzugte werben, bzw. meine Ablehnung kundzutun.

            Um Symbole verbieten zu können, muss ein Rechtsgut berührt sein, das höher wiegt, als die persönliche Religionsfreiheit, und es muss unmittelbar mit dem Symbol zu tun haben. Die hinter dem Symbol steckende Aussage kann zudem von der Meinungsfreiheit gedeckt sein. Im Kopftuchurteil ist zudem näheres zur Aussagekraft religiös-tradierter Kleidungsstile zu finden. Es wurde nicht anerkannt, dass Kleidung zwingend Ausdruck einer politischen oder religiösen Einstellung ist.

            Man kann in bestimmten, jedoch nicht in allen Fällen – das Recht auf persönliche Entfaltung heranziehen, sofern die Kleidung gegen den eigenen Willen getragen wird. Hier greifen dann aber bereits bestehende Gesetze (z.B. Nötigung). Auch die Frage, ob mit dem Gesichtsschleier die Würde des Menschen angetastet ist, kann nicht aus dem Bauch heraus beantwortet werden.

            Grundsätzlich ist das Thema, was Grundrechtsfragen angeht, enorm strittig. In sofern sympathisiere ich mit dem Inhalt dieses Artikels:

            http://www.ksta.de/html/artikel/1272363219784.shtml

            „Ein generelles Burka-Verbot in Deutschland würde aller Voraussicht nach zu einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht und wahrscheinlich zur Ablehnung eines entsprechenden Gesetzes führen. Nur: Was wäre daran so schlimm? Es lohnt sich, den Streit auszufechten. Denn er ist von sehr grundsätzlicher Bedeutung. Zudem würde er die Burka-Befürworter zwingen, sich öffentlich zu zeigen und ein paar überzeugende Begründungen zu liefern – wenn es sie denn gibt.“

            Ich würde hierbei aber nicht nur Befürworter gerne hören, sondern auch Gegner mit Islamisch-kulturellem Hintergrund. Die Frage danach, welche religiöse bzw. kulturelle Auffassung sich durchsetzt, entscheidet sich nicht einfach daran, was die Mehrheitsgesellschaft gerne hätte, denn es ist auch und vor allem eine innerislamische Auseinandersetzung. Diese hätte ich gern mehr an die Öffentlichkeit gerückt.

            Ansonsten, wenn du diskussionsfreudig bist, hier entlang, da gibt es ganz viele sachliche Pros und Contras, die auch über die Frage der Symbolik hinausgehen:

            http://blog.zeit.de/joerglau/2010/05/06/starke-argumente-fur-ein-burkaverbot_3745

            Nur leider möchte sich kaum jemand damit befassen, ob die Argumentation für ein Verbot überhaupt ausreicht, damit es bestehen kann.

            Vielerorts scheint mir die Meinung verbreitet zu sein: „Erstmal verbieten, und dann sehen, wie es weitergeht.“

  • Paul

    Es gibt keinen „reformorientierten Islam“, nirgends.
    Weil keiner den Koran als Allahs Wort umschreiben oder umdeuten darf, der Koran und alles andere damit Verbundene ist für die Mulsime Gesetz, Gestz über allem anderen – und damit in keiner Weise in Einklang zu bringen mit den westlichen Errungenschaften der Aufklärung. Ein Muslim, der von „reformorientierten Islam“ spricht ist kein Muslim wahren Glaubens. Ich bin dafür, daß wir in Europa unsere Errungenschaften der Aufklärung beibehalten und das das keine Diskriminierung ist.

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