Lesetipp: “Antisemitismus und Islamophobie – Neue Feindbilder, alte Muster”

Und noch ein Lesetipp, eine ausführliche (und meiner Haltung nach die bisher gelungenste) Analyse von Unterschieden und Parallelen zwischen dem Antisemitismus und der Islam-/Moslemfeindlichkeit, veröffentlicht auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung..

Wie auch schon bei dem letzten Analyseansatz greife ich hier das Fazit vorweg:

Fazit

Antisemitismus und Islamophobie unterscheiden sich im postnationalsozialistischen Deutschland unter anderem durch ihre Explizitheit. Sie haben „traditionell“ andere – man könnte vielleicht sagen: komplementäre – Funktionen. Insofern ist es wichtig, die Unterschiede des Funktionierens von Antisemitismus und Islamophobie auf analytischer Ebene herauszuarbeiten, auch um Verschiebungen und Übernahmen festzustellen. Beide Phänomene sind empirisch vorhanden und haben eine Funktion in der rassistischen – der falschen – Erklärung der Welt.

Es ist offenkundig schwachsinnig, zu behaupten, heute liege in Bezug auf MuslimInnen die gleiche Situation vor wie für Jüdinnen und Juden „früher“. Es kann bei einem Vergleich von Antisemitismus und Islamophobie nicht um eine Relativierung des Holocausts gehen, sondern darum, rassistische Mechanismen zu erkennen, bevor es auch nur ansatzweise zu einer vergleichbaren Situation kommt. Dass der Holocaust, obwohl historisch singulär, prinzipiell wiederholbar ist, stellt keine neue These in der Antisemitismus- und Shoa-Forschung dar. Dass prinzipiell von einer Wiederholbarkeit der totalen Katastrophe ausgegangen werden muss, ist getrennt davon zu behandeln, dass die Shoa ein historisch singuläres Phänomen ist und historisch konkret Opfer und Täter benannt werden können. Aber: Erinnern allein reicht nicht, auch weil wir aus heutiger Perspektive wissen, dass die  Vernichtung der Juden im Dritten Reich ohne einen Jahrzehnte langen und Jahrhunderte alten vorbereitenden antisemitischen Diskurs nicht geschehen hätte können. Ausgehend von dem Imperativ der Geschichte, rassistische Diskurse zu dekonstruieren, bevor es zu spät ist, muss ein rassistischer Diskurs, der gesellschaftlich äußerst dominant zu werden droht, als solcher entlarvt werden. Dies auch, indem – bisweilen erschreckende – Parallelen zum antisemitischen Diskurses aufgezeigt und analysiert werden. Während es nach wie vor antisemitische Erklärungsmuster und Ressentiments gibt, erhalten islamfeindliche Stimmen immer größeren Einfluss in der Öffentlichkeit.

Der Verdienst der Antisemitismusforschung, Judentum und Antisemitismus getrennt voneinander zu verhandeln, muss auch auf andere Rassismen wie die Islamophobie übertragen werden. Voraussetzung hierfür ist es, zu verstehen, dass die Vorstellungen und Bilder über eine „Fremdgruppe“ mehr über die sie produzierende Gruppe und ihre Verfasstheit als über die als Outgroup markierte Gruppe aussagen.

Das Fazit ersetzt allerdings nicht den eigentlichen Text. Also daher bitte hier entlang, und Lesen und Verstehen.


10 responses to “Lesetipp: “Antisemitismus und Islamophobie – Neue Feindbilder, alte Muster”

  • Antisemitismus und Islamophobie – Neue Feindbilder, alte Muster «

    […] Kruppzeuch] Kategorien:Antisemitismus Schlagwörter:Antiislamismus, Antisemitismus, Islamophobie, […]

  • trueten.de - Willkommen in unserem Blog!

    Was mir heute wichtig erscheint #208…

    Musterfeindbild: Ein Lesetipp von Kruppzeuch – die ausführliche Analyse zu Unterschieden und Parallelen: „Antisemitismus und Islamophobie – Neue Feindbilder, alte Muster“, veröffentlicht auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Analyse verweis…

  • Lyli

    Ich habe immer noch ein ungutes Gefühl bei dem Begriff „Islamophobie“ und erst recht seiner Vergleichung mit dem Antisemitismus.

    Was ist denn Islamophobie ? Dass ich Verschleierung ablehne ? Dass ich die islamische Orthodoxie und ihren Anspruch auf Gestaltung der ganzen Lebens- und Gesellschaftsordnung ablehne ?

    Es gibt die Fremdenfeindlichkeit, die umfasst genau das, was der Autor wohl meint. „Islaomophobie“ wird von Islamisten als Kampfbegriff zur Immunisierung ihrer Ambitionen verwendet.

    • NDM

      Mit dem Begriff „Islamophobie“ haben viele Probleme, da er wirklich nicht eindeutig ist. Ich auch. Eine Ausdifferenzierung halte ich daher für sinnvoll.

      „Moslemhass“ wäre für die bezeichnete Strömung sehr treffend, denn es geht den Moslemhassern darum, Anti-Islamistische Stimmung auch auf liberale und völlig unschuldige – eigentlich auf alle Moslems auszuweiten. Das ist dann weder Islamkritik noch Islamismuskritik, sondern geht in den Bereich Rassismus über.

      Sobald ein solcher Rassismus mit religiösen Zuschreibungen geäußert wird, halte ich einen Vergleich mit dem Antisemitismus für sehr angebracht.

      Das Kopftuch oder den Gesichtsschleier abzulehnen, ist definitiv kein Rassismus.

      • Lyli

        Das sehe ich ähnlich Moslemhass trifft es eher. Ich bin beruhigt, wenigstens gibt es auch noch Linke, die sich nicht zu „nützlichen Idioten“ des politischen Islam machen.

      • NDM

        wenigstens gibt es auch noch Linke, die sich nicht zu „nützlichen Idioten“ des politischen Islam machen

        Ich bin übrigens nicht links. Antikapitalisten stehen links von mir, Anarchokapitalisten stehen rechts von mir und Zwangskollektivisten stehen weit außerhalb meines Toleranzbereiches. Ich habe eine schwere Allergie gegen kollektivistische Feindbilder.

        Aber die zwei neueren Texte von Küpeli zu diesem Thema zeigen sehr eindrucksvoll, dass es bei den Linksradikalen durchaus nicht kritiklos zugeht. z.B. hier:

        http://linksnet.de/de/artikel/25514

        Am zentralen Tag der Proteste, dem 28. März, kam es dann am Rande der zentralen Kundgebung zu einem Aufmarsch türkischer Faschisten und Islamisten, die durch Fahnen, Symbolik und antisemitische Parolen („Tod den Juden“, „Juden raus“) eindeutig erkennbar waren. Auf diesen Aufmarsch gab es weder vom linken noch vom bürgerlichen Bündnis eine angemessene Reaktion. Es waren migrantische Linke, die sich den türkischen Faschisten und Islamisten entgegenstellten und hierbei weitgehend allein gelassen wurden.

  • kuepeli

    Hier eine kritische Rezension von Schiffer/Wagner:

    „Angesichts dessen, dass Sabine Schiffer als Expertin für Islamophobie auftritt und Zuspruch nicht zuletzt aus dem linken Milieu erhält, wäre es sehr ratsam, sich mit diesen sehr problematischen Aussagen auseinanderzusetzen. Die Besprechung der Publikation zeigt, dass hier sehr viele Defizite und Probleme und damit kaum sinnvolle Anknüpfungspunkte für linke und emanzipatorische Ansätze existieren.“
    http://linksnet.de/de/rezension/25470

    • NDM

      Danke für den Hinweis. Das Buch hatte ich nicht gelesen. Es ging mir allerdings auch nicht die Person, sondern nur um den von mir verlinkten Text. U.a. mit der Einschränkung, die ich im Kommentar vom 11. Mai, 22:27 genannt habe.

      Die in der Rezension angesprochene Sicht auf „Dratzieher der Weltordnung“ erscheint mir wirklich weit hergeholt und sehr suspekt.

      Frau Knobloch hatte heute auch noch mal in anderer Hinsicht deutlich gemacht, dass man in diesem Zusammenhang sehr vorsichtig vorgehen sollte. Insbesondere Gleichsetzungsabsichten sollte man früh und entschieden begegnen.

      Der Antisemitismus hat eine ganz andere Grundlage als die Islamophobie. Beide Erscheinungen bauen auf ganz anderen Voraussetzungen auf, die beide Gruppen haben. Denken Sie etwa daran, dass sich der Antisemitismus gegen Menschen gerichtet hat, die perfekt in der deutschen Gesellschaft aufgegangen waren, bis an den Rand der Aufgabe ihrer eigenen Identität. Deshalb muss man dieser Gleichsetzung entgegentreten. Es ist aber eine wichtige Aufgabe des Zentralrats, sich mit diesem Thema offen auseinanderzusetzen. Irgendwann könnten sich Islamophobie und Antisemitismus sonst vereinigen – auf der Basis des Hasses gegen das Fremde. Denn wir können Hunderte Jahre hier gelebt haben, von Antisemiten werden wir immer noch als „Fremde“ betrachtet werden.

      http://www.welt.de/politik/deutschland/article7586554/Knobloch-warnt-vor-linkem-Antisemitismus.html

      Es darf also einiges auf keinen Fall geschehen:

      – Vergleich als Selbstzweck – dies wirkt tatsächlich Gleichsetzend, und damit relativierend. Eine Form der Gleichsetzung wurde übrigens in der neurechten „Sezession“ betrieben, mit einer konstruierten „Schlussfolgerung“: Wenn nämlich verglichen werde, und sich Moslemfeindlichkeit ja teilweise schon auf reales Verhalten bezieht(Muslimbruderschaft, Terrorismus etc.), dann müsse dies Lichtmesz zufolge der Antisemitismus eine Reaktion auf das Verhalten von Juden sein:
      https://kruppzeuch.wordpress.com/2010/01/28/antisemitische-deutungen-bei-der-sezession/
      Von solchen „Schlüssen“ geht eine reale Gefahr aus, und dem sollte frühestmöglich begegnet werden. Denn hier wird ein Vergleich dafür missbraucht, um (sekundären) Antisemitismus zu verharmlosen, zu rechtfertigen oder ihm gar zu fröhnen – ihn zu kultivieren.

      Auch ein No-Go: Einen Vergleich heranzuziehen, um die Islamistische Definition von Islamophobie zu kultivieren. Das würde berechtigte Kritik an bestimmten Zuständen in einigen islamischen Milieus oder in islamisch-fundamentalistischen Ländern abzuqualifizieren. Es gibt jedoch keinen Grund, z.B. der Hamas eine Absolution zu erteilen.

      Es sollte bei vergleichender Arbeit meiner Meinung nach vielmehr darum gehen, diejenigen unwahren, kollektiven Zuschreibungen herauszuarbeiten, bei denen die angefeindete Gruppe tatsächlich austauschbar ist. Das ist aber längst nicht bei allen antisemitischen Zuschreibungen der Fall. Man könnte jedoch die Beliebigkeit eben der paar sich ähnelnden Zuschreibungsmuster entlarven, wonach sich dann die deren Funktion in Bezug auf die Konstruktion von (auch zukünftigen) Feindbildern erahnen lässt.

      Auch den Antiziganismus sollte man hierbei heranziehen. Einige moslemfeindliche Zuschreibungen sehe ich eher aus dem Antiziganismus übertragen, der zudem gesellschaftlich bedeutend schlechter aufgearbeitet ist, als der Antisemitismus, und gesellschaftlich kaum problematisiert ist. Vielleicht ist dieser vergleichende Ansatz sogar generell sinnvoller, als ein Vergleich mit dem Antisemitismus. Das sollte man vielleicht mal prüfen.

  • Limited

    In der Soziologie ist es noch nie ein Geheimnis gewesen, dass sich die Stereotypen gegen Randgruppen und solche die dazu gemacht werden, sehr stark ähneln.

    Als kleiner Lektüretip: Norbert Elias: Außenseiter und Etablierte. Gut geschrieben und nicht zu lang.

  • Sabine Schiffer

    Im großen und ganzen eine konstruktive Diskussion! Darum hier noch eine Ergänzung. Es gibt ein weiteres sinnvolles Vergleichsmoment: der antikatholische Diskurs zu Zeiten gesamtdeutscher Integration im 19. Jahrhundert (von wegen „einem anderen Staat hörig“, „können uneingeschränkt lügen und dann beichten“ – naja, Frauenfeindlichkeit wäre auch drin, aber das hat damals noch weniger gestört als heute, wie mir scheint). Nun, am besten erforscht ist tatsächlich der antisemitische Diskurs (trotz der falschen Bezeichnung, denn gemeint ist ja ein antijüdischer…) und er wird ja auch als Vorlage zur Erforschung des Antiziganismus herangezogen wie bei anderen Vorurteilsstrukturen auch – bei aller Singularität, die notwendig ist herauszustellen.

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