Das eigentliche Problem

Oft werden bestimmte Äußerungen der NPD in der Öffentlichkeit skandalisiert, um das “wahre Gesicht” der Neonazis aufzuzeigen. Auch zu Israel hat sich die Partei jüngst geäußert. Ein Aufschrei blieb aus, denn diese Positionen sind derzeit kein Alleinstellungsmerkmal. Der Schriftsteller de Winter meint, in der Debatte nach dem israelischen Militäreinsatz gegen “Friedensaktivisten” gehe es nicht um die Opfer – sondern ausschließlich um die Täter.

Bei einem Terroranschlag auf einen Zug im Osten Indiens sind mindestens 120 Menschen getötet worden. Bei einem Granatenangriff auf zwei Moscheen in der ostpakistanischen Stadt Lahore wurden mindestens 20 Menschen getötet. Ein Anschlag hat die Großstadt Stawropol im Nordkaukasus erschüttert. Mehrere Menschen kamen ums Leben. Die Behörden gehen von einem Terrorakt aus. Alles kaum ein Thema in der europäischen Öffentlichkeit. Stattdessen herrscht vor allem ein Thema vor: die bösen Israelis. Warum ist das so? Leon de Winter, niederländischer Schriftsteller, gehört zu den erfolgreichsten Autoren Europas. Er sagt im Interview mit dem Schweizer Blatt “Tagesanzeiger“: Es gehe nicht um die Opfer, “die sind alle gleichwertig. Es geht um die Täter.”

Die Täter – das sind in der europäischen Öffentlichkeit vor allem die Israelis, bzw. deutlicher gesagt: Juden. Wer einmal einen Blick auf die Seite Openbook geworfen hat (auch die Berliner Zeitung berichtete mittlerweile), der sieht diese Befürchtung bestätigt: Hitler-Zitate werden Dutzendfach abgeschossen, “Tod den Juden” und “Scheiß Juden” sind vollkommen “normale” Aussagen. Wie sicher sich die Antisemiten fühlen, zeigt die Tatsache, dass sie ihre Hass-Propaganda zumeist mit Bild und Klarnamen veröffentlichen. Daher prüfen andere Facebook-Nutzer zurzeit die Möglichkeit von Massenanzeigen wegen Volksverhetzung.

Woher kommt der Hass auf die Juden, der so gerne als “Israel-Kritik” daherkommt? Warum weckt dieses Thema den Volkszorn so sehr, dass es von NPD bis Linkspartei fast nur eine Position gibt (mit Ausnahmen im konservativen und linken Lager). Wieso werden die Kommentarspalten bei dem Thema Israel geradezu gesprengt – oder werden sogar nach einigen Tagen geschlossen, weil die Flut der Kommentare einfach nicht mehr zu bewältigen ist? De Winter, Sohn orthodoxer Juden, die den Holocaust versteckt bei katholischen Geistlichen überlebt haben, meint, in Europa habe es “sicherlich damit zu tun, dass man einen Schlussstrich unter den Zweiten Weltkrieg ziehen möchte. Viele Leute haben das Gefühl, dass sie sich von der Vergangenheit lösen können, wenn sie die Juden als Täter verurteilen.”

-> Beim NPD-Blog geht’s weiter.


11 responses to “Das eigentliche Problem

  • Limited

    Woher kommt der Hass auf die Juden?

    Die Ablehnung der „Fremden“ ist eine anthropologische Grundkonstante. Das erschöpt sich keineswegs nur in der Ablehnung von Juden, auch andere Gruppen unterliegen einem gesellschaftlichen Stigmatationsprozess.Mal sind es dann Muslime, mal Homosexuelle, mal andere.

    Bei den Juden hat dies allerdings stärkeres Gewicht, da dahinter eine jahrhundertealte Tradition steht.

    Die jüdische Gemeinde in Frankfurt wurde im Verlaufe der Jahrhunderte mehrfach komplett oder größtenteils ausgelöscht.

    Auch das ist unser kulturelles Erbe aus dem christlich-abendländischen Fundus. Auch ohne Israel würde es Hass auf Juden und andere geben, die als fremd wahrgenommen werden oder die dazu konstruiert werden.

    Aber eher in Krisen gewinnt dieser Hass gesellschaftliches Gewicht, hat man dann doch einen Sündenbock, an dem man sich abarbeiten kann.

    Die Tünche der Zivilisation ist recht dünn, auch im aufgeklären Europa.

  • Limited

    BTW- dass Herr de Winter, Henryk M. Broder und andere aus diesem Klub, das Leiden der Shoah propagandistisch für die bedingungslose Unterstützung der Politik der Regeirung Israels instrumentalisieren, ist wieder eine andere Geschichte.

    Das hat in meinen Augen nichts mit der Frage danach zu tun, warum es Hass auf Juden gibt.

    • NDM

      Eine von Broders Positionen hatte ich ja schon desöfteren kritisiert, und bei dieser Kritik bleibe ich auch. Allerdings glaube ich ich nicht, dass er die Shoa zugunsten bestimmter israelischer Parteien missbraucht. Auch wenn es das gibt – diese Perfidie traue ich ihm dann doch nicht zu. Dass die Shoa allerdings das triftigste Argument für die jetzige und zukünftige Existenz Israels ist, ist für mich keine Zweifelumwobene Frage, denn die Shoa ist die logische Konsequenz des Antisemitismus, dem logisch nur der Zionismus folgen kann, also die Schaffung und Erhaltung einer konsequent sicheren(!) Zufluchtsstätte. Die bedingungslose Unterstützung der Existenz Israels(und damit des Zionismus) kann man somit als einen kategorischen Imperativ werten, der sich direkt oder mittelbar (nicht nur) aus der Shoa ableitet. Ich denke, dass es in erster Linie um diese Sichtweise geht.

      • Limited

        Oha, ist es dann aber nicht unlogisch durch eine kontinuierliche Radikalisierung eben diese Heimstatt in Frage zu stellen?

        Das mit dem kategorischen Imperativ hat auch so seine Schwächen. Stellen wir uns mal vor, es gebe den kategorischen Imperativ, dass jeder im Boot auf der linken Seite sitzen sollte – die Folge wird sein, dass das Boot umkippt und sinkt😉

        Insofern werde viele wohl in Hinsicht auf ein Existenzrecht Israels zustimmen. Die Frage ist nur, wie diese Existenz gelebt wird – und da scheint mir die gegenwärtige Regierung mit ihrer Politik einen Trip in die Hölle anzustreben. Und ich und viela andere haben keine Lust dem per brodersches Dekret, als bedingungslos abzuleistende Solidarität, öffentlich beizupflichten.

        Zu Broder mag ich eigentlich nichts mehr sagen. Dessen Ergüsse sind mir einfach zu unterirdisch. Du magst deine Meinung haben, ich habe meine, dass er die Shoa und ihre Opfer mißbraucht.

      • NDM

        Insofern werde viele wohl in Hinsicht auf ein Existenzrecht Israels zustimmen. Die Frage ist nur, wie diese Existenz gelebt wird

        So wie jedes andere Land auch, nämlich auf eine Weise, dass die Bürger innerhalb der Grenzen keine Anschläge zu befürchten haben.

        Ich persönlich sehe Radikalisierungstendenzen ganz woanders.
        Im Grunde genommen wurde doch bisher über nahezu jede israelische Regierung schlechtes gesagt. Sogar aus dem Rückzug aus dem Gazastreifen wurde indirekt ein Strick gedreht. Zumindest hatte der Rückzug nicht zum Frieden beigetragen, sondern radikalisierte die Hamas, mit den bekannten Folgen. Im Grunde kann man ja genau das, was du Broder vorwirfst, der Hamas vorwerfen. Alleine schon Begriffe wie „Zionazi“ oder sonstige Nazivergleiche sagen ja viel über den aus, der ihn verwendet.

        Achja. Eine Frage noch. An welcher Stelle nimmt Broder denn die Shoa, um die aktuelle Regierungspolitik zu erklären? Ich finde da nämlich gerade nichts.

  • Seatroll

    [quote]Alles kaum ein Thema in der europäischen Öffentlichkeit.[/quote]

    Schlechte, meinungsmachende Berichterstattung seitens der Medien spiegelt trotzdem nicht das gesamte öffentliche Interesse wider.

    [quote]Viele Leute haben das Gefühl, dass sie sich von der Vergangenheit lösen können, wenn sie die Juden als Täter verurteilen.[/quote]

    … und De Winter kokettiert gerne mit und in der Opfer-Rolle.

  • Limited

    @ NDM

    Leider keinen Anschlußantwortbutton gefunden.

    Nur kurz. Ich weiß nicht, was ein „Zionnazi“ sein soll. Ein derartiges Wort kenne ich nicht.

    Ich kann mir aber vorstellen, dass damit diejenigen gemeint sind, die ein Vorstellung von Zionismus vertreten, in der ausschließlich Menschen jüdischen Glaubens als legitime Staatsbürger Israels vorgesehen sind und dessen Staatsgebiet bis Damaskus reicht. Auch die gibt es – und es werden meiner Beobachtung nach leider immmer mehr. Das hat Herzl sicherlich nicht gemeint, als er eine Heimstatt apostrophierte.

    Zum Ansehen der israelischen Regierungen. Golda Meir wurde bewundert – auch von den Linken. Menachem Begin wundert geachtet – auch von den Linken. Perez wurde geliebt – auch von den Linken.

    Netanjahu wird ignoriert oder verachtet. Und das liegt in meinen Augen keineswegs an den Linken oder am Antisemitismus.

  • Limited

    Korrektur: Rabin wurde geliebt. Es ist schon spät für mich.

    Warum war dies so? Weil alle drei eine positive Perspektive geboten haben.

    Das schafft seit etlichen Jahren keine israelische Regierung mehr. Der Eindruck, dass es immer nur noch schlimmer kommt, radikaler, militanter, der Zweck heiligt die Mittel orientiert, ist manifest.

    Die Stellen bei Broder sind unzählig. Eigentlich ist das seine Topstory. Jede Kritik an Israel ist zumindest antizionistisch, wenn nicht gleich antisemitisch und daher mittel- oder unmittelbar bei ihm immer verknüpft mit der Shoa.

    Er tanzt auf den Gräber einen skurrilen Tanz und klappert ohne Scheu zu jeder Gelegenheit mit den Gebeinen der Verstorbenen. Ekelig finde ich das

    • NDM

      Leider keinen Anschlußantwortbutton gefunden.

      Nimm einfach den da drüber.

      „Zionazi“ steht hier stellvertretend für alle Nazivergleiche. Dazu gehören z.B. auch die Bilder, auf denen Davidstern und Hakenkreuz gleichgesetzt werden. Sehr beliebt ist derartiges bei Islamisten, Nazis und Hardcore-Kommunisten.

      Natürlich gilt es immer zu differenzieren. Es gibt natürlich auch viele, denen es ein ernsthaftes Anliegen ist, dass Palästinenser und Juden friedlich miteinander leben. Die erkennt man auch am Willen zu differenzieren. Aber wenn du dir mal die Kommentare von „TST“ in einem anderen Blogeintrag anschaust – da wird ein Ereignis herangezogen, und zwar einzig als Anlass. Hierbei gehen die Äußerungen sehr schnell weg vom eigentlichen Ereignis und dessen Bewertung hin zur grundsätzlichen, extrem emotionalisierten Bewertung, in die sehr viel mehr reinfließt, als die aktuelle Sachlage(Blockade, Blockadebrecher, Aufbringung). Das geht dann sogar so weit, dass Terroranschläge gegen israelische Zivilisten gerechtfertigt werden, zugleich jedoch Israel das Recht versagt wird, etwas dagegen auszurichten. Stattdessen heißt es sogar, dass der beste Weg, etwas gegen Terrorismus auszurichten der sei, die Forderungen der Terroristen zu erfüllen. Wenn man das konsequent zuendedenkt… Naja. Das kann man sich ja ausmalen. Und welche Denkweise dem zugrundeliegt, vielleicht auch.

      Und darum geht es letztendlich. Um die Dämonisierung Israels als Hort des Bösen, dem weder Sympathie noch die Unschuldsvermutung zustehen darf, und um die daraus resultierende Verteilung von Persilscheinen an die andere Kriegspartei. Sowas bipolares geht einfach nicht klar. Das kenne ich bisher nur von NPD-Anhängern.

      • Limited

        Dann laß uns differenzieren.

        Das tut not. Auf der einen wie der anderen Seite. Nur nützt das nix.

        Die Radikalen und Endzeitkämpfer in Israel und Palästina sind am Ruder und werden sich in ihrem Bemühen um einen finalen Kampf nicht von uns aufhalten lassen.

        Nur Solidarität sollte keine der beiden Seiten mehr erwarten. Wer sich abschlachten will, soll sich abschlachten..

        Alles zureden hilft ja doch nichts. Schließlich wird man wahlweise doch nur als Antisemit oder Helfershelfer von „Zionnazis“ abgestempelt.

        Für andere Kommentare wirst du mich auch kaum in die Pflicht nehmen wollen, sowenig wie ich dich dafür verantwortlich mache, wenn du in Unterstützungsforen von PI wie „Grüne Pest“ als herausragender Kämpfer im „politisch-inkorretem“ Sinn auf den Schild gehoben wirst.

        Mit Leuten wie TST habe ich eher wenig gemein.

      • NDM

        Ich mache dich nicht für andere Kommentatoren verantwortlich. Hier sind deine Argumente eh zu differenziert und erkenntnisorientiert. Dieser Schlag(TST etc.) ist es aber, der ein ernsthaftes Problem darstellt. Und dieses Problem gehört eben nicht unter den Teppich, sondern an den Pranger.

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