Nazis im WM-Fieber

image Ein interessanter Artikel bei der Zeit zeigt auf, warum man auch den “Partyotismus” während Europa- und Weltmeisterschaften nicht unkritisch betrachten sollte. Hier stark gekürzt.

[…] im Schatten des sanften Fußballpatriotismus der Massen tummeln sich auch etliche Neonazis. Kurz vor dem Halbfinalspiel gegen Spanien zeigten Rechtsradikale auf der Berliner Fanmeile den Hitlergruß und grölten rechte Parolen. Vier Personen nahm die Polizei fest.

[…]Etwa Eineinviertelstunden nachdem der gläubige Moslem Mesut Özil in Johannesburg seine Hände mit den Handflächen nach oben zu einem kurzen Gebet vor den schmächtigen Oberkörper hielt, sorgt er für Jubel – unter Reichskriegsfahnen. Dank seines Tores zum 1:0 gegen Ghana ist Deutschland weiter. Darüber freuen sich auch die Gäste in einem Lokal im niedersächsischen Haste, wo eine solche Fahne – das Ersatzsymbol der verbotenen Hakenkreuzfahne – zur selbstverständlichen Dekoration beim Public Viewing gehört. […]

[…]Und auch auf der Wuppertaler Fanmeile stören sich die Besucher nicht an der Reichskriegsfahne, die am Tag von Özils Kunstschuss über ihre Köpfe weht. Schließlich strömen die Neonazis an anderen Tagen auch zu den Heimspielen des örtlichen Drittligisten.

"Die breiten sich besonders dort aus, wo Rechtsextremismus von der übrigen Bevölkerung als normal angesehen wird", stellte der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer im vergangenen Jahr in einer Studie fest[…]

Im anonymen Klima des Massenphänomens Fußball fühlen sich Rechtsextreme wohl.[…]

[…]auf der Fanmeile am Frankfurter Roßmarkt, wo ein Mann (nach dem Hinweis eines Journalisten) von der Polizei festgenommen wurde, weil er sich ein Hakenkreuz auf den Körper gemalt hatte. Niemand hatte sich zuvor an der eigenwilligen Körperbemalung gestoßen. Auch nicht an dem Hitlergruß, den eine Gruppe einschlägig bekannter jugendlicher Neonazis beim Public Viewing zum Viertelfinalspiel Deutschland-Argentinien in der Frankfurter Commerzbank-Arena vorführte. Die wenigsten dieser Vorfälle werden publik.

In Witten wurde dieser Gruß unter den Zuschauern des ersten Deutschlandspiels gegen Australien in einem Kulturzentrum zum Thema[…]

In der Nachbarstadt Dortmund […] waren es mutmaßlich die Spezialisten des Staatsschutzes, die bei der Übertragung des Auftaktspiels der Deutschen in Südafrika eine Gruppe von Neonazis in offen neonazistischer Symbolik auf dem zentralen Fanfest ausmachte.[…] Bereitschaftspolizisten holten die Neonazis aus der Menge. Der Einsatz verlief fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Zuvor schon hatten private Sicherheitsleute fast 30 äußerlich erkennbaren Neonazis den Einlass verwehrt.[…]

Das Problem seien aber vor allem jene Rechtsextremisten, die nicht gleich als solche erkennbar sind, und die anonyme Masse für ihre Agitation nutzen[…]

(Fettdruck von mir)

Man mag sich fragen, wie das zusammengeht – Ein Deutschlandbild mit Schwarz-Rot-Gold und Multikulti-Mannschaft auf der einen Seite, Nationalsozialismus auf der anderen. Man mag bei inhaltlich genauerer Betrachtung feststellen, dass dies eigentlich nicht zusammengehen kann und das Auftreten der Nazis als Dummheit betiteln. Ist es aber nicht.

Nazis wollen ein rassistisch definiertes Kollektiv, die “Volksgemeinschaft”, im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sehen. Als Schritt in diese Richtung sehen sie die Selbstverständlichkeit einer auf sämtlichen Medienkanälen ausgestrahlten und propagierten WM-“Deutschlandgemeinschaft” überaus positiv, denn an einem mit Nationalsymbolen verbundenen “Wir-Gefühl” können sie anknüpfen. Das möchten sie gefestigt sehen.

Das machen sie allerdings nicht nur mit provokanten Nazisymbolen und Hitlergrüßen, wogegen selbstverständlich konsequent vorgegangen werden muss. Das Auftauchen dieser Symbole zeigt vor allem an, dass Nazis in diesem Zusammenhang aktiv sind, dieser Bereich demnach größerer Aufmerksamkeit bedarf. Denn dort, wo Nazis Anknüpfungspunkte vorfinden, sind sie mit weitergehender politischer Überzeugungsarbeit beschäftigt.

Zu beachten und auszugrenzen sind hierbei nicht nur die Hakenkreuznazis. Diese kann man der Polizei melden, die sich darum kümmert. Gefährlicher sind die Schlipsnazis mit gewählterer Ausdrucksweise, die inhaltlich Stück für Stück vorzupreschen versuchen. Für ein “Bekenntnis zu Deutschland” müssen sie in solchen Partyzusammenhängen schon nicht mehr werben. Es dürfte ihnen darauf aufbauend um andere Fragen gehen, z.B.: Wie weit geht dieses Bekenntnis im Einzelfall? Ist es oberflächlicher Art und unreflektiert, kann es mit Inhalten “befüllt” werden: Was ist Deutschland, wer sind die Deutschen – und wer nicht? Und natürlich darf der Appell nicht fehlen, die Deutschlandfahnen nach der WM einfach hängen zu lassen. Wenn sie im Einzelfall nicht auf Zustimmung stoßen, werben sie dafür, den Meinungsfreiheitsbegriff in antidemokratischer Weise zu überdehnen.

Das ist die Gefahr, die sich ergeben kann. Allerdings sollte man sie nicht überbewerten. Im Backview wird meiner Haltung nach zurecht angedeutet, dass das Fähnchengeschwenke, das im Jahre 2006 begann, und seitdem bei jedem Anlass wieder anspringt, so schnell nicht aufhören wird:

Und so hat es sich seit der WM 2006 damit, dass die Fahnen wieder ausgepackt werden und die Deutschen kurzfristig zu Schulterklopfern werden – etwa wenn „wir" den Literaturnobelpreis oder „wir" den Eurovision Song Contest gewinnen. Und natürlich zu sämtlichen sportlichen Events wie den Olympischen Spielen, wenn wir unsere vorübergehenden Nationalhelden wie Britta Steffen, Fabian Hambüchen, Matthias Steiner, Paul Biedermann, Magdalena Neuer und Maria Riesch feiern. Oder die Dauerbrenner Fußball, Formel 1, Handball und seit diesem Jahr auch Eishockey.

Es wird wohl noch ein wenig abnehmen, der Hype zur Fußball WM 2006 kann in naher Zukunft nicht überboten werden. Aber er wird auch nicht wieder ganz verschwinden. Die Fahnen werden regelmäßig rausgeholt – denn immerhin hat inzwischen wenigstens fast jeder Haushalt eine Flagge.

Soziologen der FU-Berlin hatten zudem in der FAZ interessantes zu sagen:

Doch alle diejenigen, die ein durch Fußball ausgelöstes neues nationales Selbstbewusstsein befürchten, kann man beruhigen. Der Fußballpatriotismus der Deutschen bleibt weitgehend auf den Fußball selbst bezogen und färbt nur wenig auf den Nationalstolz ab. Vor allem verpufft er, wenn die Party vorbei ist. Das gilt selbst dann, wenn die Bedingungen für einen Transfer von Fußballstolz auf Nationalstolz überaus günstig sind, wie das bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren der Fall war: Die deutsche Mannschaft spielte ähnlich wie bei der jetzigen WM nicht nur erfolgreich, sondern auch forsch und offensiv und schön zum Zuschauen. Das Wetter spielte mit und die ganze Welt war mit dem die WM ausrichtenden Land mehr als zufrieden.

Und wie wirkte sich das Fußballsommermärchen auf das Nationalbewusstsein der Deutschen aus? Eine Auswertung einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die vor, während und nach der WM 2006 durchgeführte wurde, gibt Auskunft auf diese Frage. Mit dem Verlauf der WM und dem Erfolg der deutschen Mannschaft stieg auch der Anteil derer, die sagten, sie seien stolz Deutsche zu sein; und kurz nach dem dramatischen Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien erreichte der Wert den Höhepunkt.

Aber nur wenige Wochen später, die Mannschaften waren abgereist, die Zelte abgebaut und die Fähnchen entsorgt, senkte sich auch der Patriotismuspegel. Im August 2006 waren die Deutschen wieder so stolz auf sich selbst wie vor der WM. Nichts hatte sich verändert. Und im internationalen Vergleich ist der Nationalstolz der Deutschen auch weiterhin deutlich unterdurchschnittlich. Der lange Schatten der Geschichte lässt sich durch einen kurzen Sommer der Fußballeuphorie nicht beeindrucken.

Beim Partypatriotismus lassen sich also zwei Dinge feststellen, die sich in absehbarer Zeit nicht ändern werden. Erstens: Er kehrt zyklisch wieder. Zweitens: Sobald er anspringt, versuchen Nationalisten auf unterschiedliche Weise, mit ihren Themen anzuknüpfen.

Ich habe kein Problem damit, wenn Leute dem mit einer antinationalen Positionierung begegnen, sehe darin allerdings keinen anderen Effekt, als den einer Warnung vor Nationalismus. Das ist völlig legitim und meiner Meinung nach auch wichtig.

Man verhindert damit jedoch nicht diesen real existierenden zyklischen Partyotismus(dämmt ihn aber vielleicht von mal zu mal ein) und dass Nazis versuchen, ihn mit politischem Inhalt zu füllen. Letzterem kann und muss man jedoch effektiv begegnen, zum Beispiel indem von vornherein der Anlass mit Inhalten verknüpft werden, die denen der Nazis völlig widersprechen.

WM2006: Say no to racism

Derlei Verknüpfungen gilt es zu betonen. Die 2010er Mannschaft von Joachim Löw, bestehend aus Deutschen mit Bezug zu Polen, der Türkei, Ghana, Nigeria, Tunesien, Brasilien, Bosnien-Herzegowina und Spanien war diesbezüglich ein noch deutlicheres Signal, das seine Wirkung nicht verfehlte. Tatsächlich hatten Autonome ebenfalls (indirekt) in diese Richtung gewirkt, als sie nämlich in Berlin auf Deutschlandfahnenjagd gingen. Hierdurch schaffte es die Information in die Presse(und somit in die Dörfer), dass gar nicht so wenige Zuwanderer gerne dabei sind, wenn deutsche Fähnchen geschwungen werden. Über beides wurde geredet, und durch beides wurde der Temporär-Patriotismus mit einem Inhalt gefüllt, der überzeugte Nazis anwidert: Dieses Land ist multikulturell und multiethnisch – und das ist gut so!

Auf diese Weise kann Rassismus Stück für Stück aus dem Deutschlandselbstbild herausexorziert werden. Die Gelegenheit ist günstig, denn ewig wird dieser Partypatriotismus nicht anhalten. Er war 2008 schlapper als 2006, und 2010 schlapper als 2008.

Ich für meinen Teil halte es so, wie man es sonst auch beim Fußbal hält: Muss man als Leipziger unbedingt Lokfan sein, oder als Dresdener ein Dynamofan? Ich persönlich fände St. Pauli deutlich attraktiver. Aus ähnlichen Gründen kann man in der WM eine andere Mannschaft als die von Löw anfeuern. Muss ich die deutsche Mannschaft anfeuern, nur weil ich in Deutschland lebe? Nö. Die Spanische Mannschaft spielt definitiv den besseren Fußball – und wird Weltmeister. Olé!


21 responses to “Nazis im WM-Fieber

  • Tweets that mention Nazis im WM-Fieber « Kruppzeuch -- Topsy.com

    […] This post was mentioned on Twitter by WM Bot. WM Bot said: RT @kruppzeuch: Nazis im WM-Fieber « Kruppzeuch http://bit.ly/91hjub #-wm2010 #ger #nazis #patriotismus […]

  • Lyli

    Nazis können mit Schwarzrotgold garnichts anfangen, diese Fahne steht für das demokratische Deutschland seit 1832/48.
    Ich glaube, du verkrampfst da ein wenig und argumentierst etwas am Leben vorbei. Praktisch jedes Land dieser Welt gibt sich gesund patriotisch, das ist überhaupt nichts Widernatürliches, sondern menschlich.

    Man muss auch nicht auf Krampf für Spanien sein oder so, sondern darf ruhigen Gewissens seine Heimat anfeuern, das ist doch eine Hirnwurst.
    Jeder Franzose, Engländer, Italiener oder Uruguayer würde dich seltsam ansehen bei so einer Argumentation.

    Es geht bei so etwas um Emotion, nicht Ratio/Ideologie. Deswegen macht Fußi kucken mit „Politomanen“ sag ich mal, egal ob rechts oder links, auch keinen Spaß.

  • Krake Paul

    Ich muß Lyli zustimmen, ich finde du übertreibst da ein wenig.
    Ich persönlich finde es gut, wieder ungezwungen mich für mein Land freuen zu können, ohne gleich von anderen dumm angeguckt zu werden, wenn ich ein Fähnchen schwenke.
    Ich denke in jedem Land brauchen die Menschen einen gesunden Patriotismus, weil das den Zusammenhalt stärkt. Endlich kann man mal wieder stolz auf sein Land sein.

    Warst du schon mal in den USA? Dort hängt an fast jedem zweiten Haus die Nationalflagge!
    Warum also auch nicht hier? Durch so einen gesunden Patriotismus haben es Nazis doch noch schwerer, da sie das „stolz auf sein Land sein“ nicht mehr erfinden können, weil es bei den meisten Bürgern dann schon vorhanden ist.

    Ich finde dieses neue „Wir-Gefühl“ tut uns außerdem unheimlich gut.🙂

  • NDM

    Nene. Die Nazis bauten damals auf bereits bestehenden Patriotismus/Nationalismus auf, der auch schon davor zu etlichen Kriegen führte. Sie erfanden ihn nicht neu – sie übernahmen ihn einfach, weil er mit ihnen kompatibel ist.

    Das damit verbundene „Wir-Gefühl“ ist, wie sich in einer Studie von 2006 zeigte, mit einem „Ihr“-Gefühl und einem „Die“-Gefühl verknüpft, sowie mit einer Aufwertung des „Wir“-Kollektivs, und damit zwingend auch zu einer Abwertung der „anderen“, was sich auch auf Fußballferne, politische Themen auswirkte. Dabei macht es keinerlei Unterschied, ob es freundlich aussieht.

    Nein, mit solchen Leuten möchte ich kein „Wir“-Kollektiv bilden. Ich suche mir meine Leute lieber einzeln aus.

    Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt. Wer bedeutende Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er Stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, (…) zu vertheidigen.

    Das fällt auch bei diesen zwei Kommentaren von „Lyli“ und „Krake Paul“ auf.

    Die Frage also, ob das etwas gutes ist, stellt sich nicht. Es ist – in Deutscher Prägung historisch mehrfach belegt – potenziell gefährlich(die Auswirkungen sind sattsam bekannt), und dem muss mit geeigneten Mitteln entgegengewirkt werden. Wenn es – z.Zt. mit diesem Temporärpartyotismus – politisch gewollt/gebraucht ist, dass Patriotet wird, ist es opportun, zum einen auf Definitionsebene zu klären(Auch Özil und Boateng sind Deutsche), zum anderen auf die Historie des deutschen Patriotismus/Nationalismus aufmerksam zu machen und zur Reflexion zu mahnen, sich davon nicht blind machen zu lassen.

    • Lyli

      Sorry, weltfremd, spießig. Mehr kann man darüber nicht sagen. Ich empfehle dir, dich während der WMs zu verbunkern. Die Menschen aller Fußballnationen haben jedenfalls ihre Freude.

      • NDM

        Wenn du Nationalen Kollektivismen positiv gegenüberstehst, warum lässt du denn anderen nicht ihre spezifischen Kollektivismen? z.B. das Umma-denken und das kommunistische Kollektivdenken.

  • Limited

    Ich denke in jedem Land brauchen die Menschen einen gesunden Patriotismus, weil das den Zusammenhalt stärkt.

    Meines Wissens nach gibt es keine empirischen Belege dafür, dass eher geringer Patriotismus/Nationalismus individuell oder gesamtgesellschaftlich negative Auswirkungen hat.

    Für den gegenteiligen Fall – übersteigerter Patriotismus und Nationalismus – gibt es hingegen eine Vielzahl von empirischen Belegen, dass dies negative Auswirkungen haben kann.

    Hier sehe ich es wie NDM. Ich suche mir die Leute mit denen ich ein „Wir/Kollektiv“ bilden möchte gerne aus. Mit Leuten wie Stefan Herre z.B. verbindet mich sehr sehr wenig, im Gegensatz zu meinen marokkanischen Nachbarn, auch wenn ich mit Leuten wie Herre, oder Apfel nach völkischer Definition eine „Schicksalsgemeinschaft“ zu bilden hätte.

    In Bezug auf den Fanpatriotismus. Das sehe ich eher gelassen. Wenn jemand mit Fähnchen durch die Gegend laufen will, mag er das tun. Solange ich nicht dazu gezwungen werde, ist mir das egal. Und über das gute Spiel der deutschen Nationalmannschaft freue ich mich auch ohne Fähnchen.

    • NDM

      Das an- und abschaltbare Fan-Fahnengeschwenke, das sich bei wettbewerblichen Anlässen zeigt, sehe ich auch nicht als den Problemkern an. Das Problem ergibt sich im Zusammenspiel dieses Faktors mit anderen, zum Beispiel wenn schon vor Wettbewerbsende propagiert wird, die „eigene“ Mannschaft sei sowieso die beste von allen. Hierbei heißt es dann im Volksmund jedoch in kollektivistischer Weise: „Wir sind die besten“, während auf die Deutschlandfahne gezeigt wird. Der Grund:

      Diese nationale Selbstüberhebung begünstigt Entwicklungen, die auch in Gewalt umschlagen könnten. 2006, als die italienische Mannschaft bewies, dass die Deutsche Mannschaft nicht die beste ist, zeigte sich das deutlich. 2008 versuchten Nazis beim Spiel zwischen Deutschland und der Türkei eine feindselige Stimmung zu schüren(Beabsichtigt waren Mügelnähnliche Ausschreitungen, die die anpatriotisierten Massen mitziehen sollten), aber auch beim Eurovision Song Contest, als im Web antisemitische Tiraden auftauchten, weil die Israelischen Anrufer keinen Punkt für Lena vergaben – das war gekränkter Deutschpatriotismus. 2010 muss hauptsächlich ein Krake daran glauben, na gut. Nach dem Spiel um den 3. Platz muss hoffentlich wieder nur der Krake daran glauben, weil die Mannschaft aus Uruguay die deutsche Mannschaft genauso frech vernascht, wie die aus Ghana.😉

      Es liegt in erster Linie an den Medien, wie sich die Stimmung entwickelt.

      • Limited

        NIx mir frech vernaschen :-0

        War ein geiles Spiel. Vom fußballerischen das Beste bei der WM. Da war alles drin, Spannungskurve mit zweimaligen Rückstand, der aufgehlt wurde, wunderschöne Tore, Einsatz, Leidenschaft und auf spielerisches Vermögen.

        Zum Thema. Das deutliche aggressivere Auftreten unter Fans, oder solche die es nur vortäuschen, ist mir auch aufgefallen. Allerdings habe ich die Wahrnehmung, dass das schon viele wieder ankotzt und man deswegen lieber die Fanmeilen meidet.

        Ich denke das Bewußtsein ist entsprechend sensibilisiert, dass man die Zustimmung zur deutschen Nationalmannschaft nicht als Faktum nationaler Selbstüberhöhung sieht. Zumal die meisten es sehr wohlwollend betrachten, dass die Nationalmannschaft deutlich multikulti geprägt ist. Niemand möchte mehr auf Özil, Khedira und Co. in der Mannschaft verzichten.

        Egal was die Schwachköpfe von Nationalzeitung, e-f oder pi-news absondern.

      • NDM

        Das Spiel war bis zur letzten Minute spannend, ohne Frage. Es war zu jeder Minute ein Vergnügen, es zu sehen – auch wenn mein Favorit es dann doch nicht geschafft hat – aber fast wäre es zur Verlängerung gekommen.

        Allerdings habe ich die Wahrnehmung, dass das schon viele wieder ankotzt und man deswegen lieber die Fanmeilen meidet.

        Das beobachte ich tatsächlich auch – und begrüße es. Interessant war zum Beispiel, dass es hier im Gegensatz zur Wm06 im Jahre 2010 kein Hupkonzert auf den Straßen gab, nachdem die deutsche Mannschaft den dritten Preis gewonnen hat. Dafür gab es hier nach dem Finale vereinzelt Autos, die umherhupten.

  • ThomasMüller-myhero

    Also ich bin nun mal Deutscher, also versuche ich mich auch mit meinem Land und meiner Herkunft zu identifizieren.
    Das heißt aber nicht, dass mein Patriotismus nur für Deutschstämmige gilt, jeder der in Deutschland lebt gehört auch für mich dazu.
    Ähnlich wie in den Staaten, da leben so viele verschiedene Nationalitäten zusammen, aber alle sind Amerikaner und jeder gehört dazu. Das unterscheidet mich und die meisten Fans wohl ganz klar von den Nazis.
    Ich weiss auch nicht warum man bei Deutschen jeden Funken Nationalstolz kritisiert, aber bei anderen Ländern wiederum gutheißt.

    Und sich anstelle Deurschlands sich für ein anderes Land freuen ist mir einfach zu blöd, das finde ich albern.

    Naja, muss ja jeder selber wissen.

    • NDM

      Das heißt aber nicht, dass mein Patriotismus nur für Deutschstämmige gilt, jeder der in Deutschland lebt gehört auch für mich dazu.

      Das find ich relativ angenehm. Löblich.

      Naja, muss ja jeder selber wissen.

      Eben. Es ist Ansichtssache.

      Eine andere Mannschaft besser zu finden, ist allerdings weder abwegig noch albern, sondern gehört zur gesellschaftlichen Pluralität dazu. Ich denke nicht, dass jeder Gelsenkirchener Fußballfan Schalkefan ist, und nicht jeder Dortmunder ist BvB-Fan. So verhält es sich auch im größeren Maßstab. Es geht auch um Inhalte. Ich fand 2006 das französische Team toll. Im deutschen Team war es speziell „Speedy“ Odonkor – sehr quirlig. Aber die Spielweise des Teams sagte insgesamt nicht zu.

      Ich weiss auch nicht warum man bei Deutschen jeden Funken Nationalstolz kritisiert, aber bei anderen Ländern wiederum gutheißt.

      Die Bevölkerung jedes Landes weiß selbst, was für sie am besten ist. Für Deutschland und als in Deutschland lebender sage ich, dass sich Deutschnationale Erhebung in der Geschichte noch nie besonders positiv ausgewirkt hatte.

      Damit meine ich nicht das einfache Fan-Fahnengeschwenke, sondern dem angeschlossene Dinge.

      Ein Artikel bringt es in drei Absätzen auf den Punkt:

      Er ist erst am Montagabend aus Südafrika zurückgekommen, und trotzdem hat er schon das Gefühl, dass etwas anders ist als 2006. «Das Ironische und Witzige ist nicht mehr so stark spürbar. Alles wirkt verkrampfter. Es ist nicht schön, dass man in Deutschland die Dinge wieder unspielerisch bierernst verzerrt.» Genau. Da ist es, das Irgendwie. Was vor vier Jahren Spaß war, ist jetzt zu oft Krampf. Gerade weil manche zeigen wollen, dass sie dürfen. Das macht misstrauisch, dass doch ein Rechtsruck dahintersteckt.

      Etwas fassbarer wird das ungute Gefühl, wenn ein Ausländer es erklärt. «Zur Fußball-WM fühle ich mich immer unerwünscht», sagt der 27-jährige Syrer, der lieber nicht mit seinem Namen für diese Aussage stehen will. Es sei ja nur ein Gefühl und Berlin normalerweise eine großartige, freundliche Stadt. Seit 13 Jahren lebt er hier, und es gefällt ihm in Deutschland. Doch plötzlich fühlt er sich fremd. «Die Leute beim Public Viewing sind so aggressiv für ihre Mannschaft wie sonst nie. Das macht mir Angst.» Zur Fanmeile an der Siegessäule geht er nie, feiernden Gruppen mit schwarz-rot-goldener Farbe auf den Wangen lieber aus dem Weg.

      Kein Wunder, dass ein Kollektiv in Wallung gerät. Und ein Land wie Deutschland wird solche Wallungen auch weiterhin beobachten müssen. «Man muss die Dinge nicht bleischwer machen», wiegelt Gunter Gebauer ab. «Aber wir dürfen es auch nicht kleinreden. Wenn es einen Ballermann-Konformitätsdruck gibt, dann fängt es an, unangenehm zu werden.» Irgendwie tatsächlich.

  • Lyli

    @NDM
    Es existiert ein Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus. Da sind wirklich mal deine vielgerühmten – bzw. geforderten – Differenzierungskünste gefragt.
    Das Bekenntnis zum einen und zum anderen verhält sich analog zu dem des Moslems und des Islamisten.

    Der Nationalist und der Islamist hält sich jeweils für einen Herrenmenschen. Sein Kollektiv hat das Recht, andere, die er ebenfalls kollektiv einordnet, zu unterwerfen und/oder zu vernichten, versklaven usw.

    Wenn du den Patriotismus quasi als Vorstufe des Nationalismus betrachtest, dann ist der Islam das Fundament des Islamismus, die erste Eskalationsstufe. So weit würde ich nicht gehen.

    • NDM

      Patriotismus verhält sich zu Islam wie Apfel zu Birne. Auf inhaltlicher Ebene lässt sich das nicht vergleichen. Einige der Auswirkungen hingegen schon.

      Wie die eingangs beschriebenen Ereignisse zeigen, und wie es auch die Heitmeyer-Studie zeigte, gilt:

      „Menschen mit patriotischen Einstellungen lehnen Nationalismus nicht ab. Vielmehr geht beides oft Hand in Hand“

      Das kann man ja so auch bei PI, der Jungen Freiheit, Sezession, Blaue Narrzisse usw. deutlichst erkennen.

      Nazis(Und ich meine nicht die Altermedia-Glatzen, sondern die oben genannten) steigen bewusst über genau diese Nationalismustolerierende, patriotische Suppe ein. Solche Links nicht sehen zu wollen würde ich Gutmenschlich nennen, hätte ich nicht generell Probleme mit dem Begriff. Ich halte es bestenfalls für naiv – oder eben billigend.

      Dieses Land kann sich nicht „mal eben“ unkritisch selbst feiern, als hätte es eine glorreiche Friedensgeschichte hinter sich, und es wäre nie etwas gewesen. Das geht schon von Seiten der Definition überhaupt nicht.

      Wenn Menschen Loveparademäßig ihre schiere Existenz feiern – na gut, da bin ich dabei, das ist prima. Aber damit haben weder Nationalsymbole noch Deutschland etwas zu tun. Und das lässt sich auch nicht so leicht politisch instrumentalisieren, wie ein etablierter, an- und abschaltbarer Partyotismus. Waren es doch die Deutschen, die „für’s Vaterland“ in den Krieg zogen, und „Hurra!“ schrien, und nicht etwa „Scheiße!“. Natürlich hat das mit Patriotismus zu tun. Einen reflektierten Patriotismus kann man von akademischen Schichten erwarten, nicht von der Masse.

  • Kruppzeuch

    Noch ein Lesetipp: “Die Abwehr steht”…

    Die Vorsitzende der AAS leitet ihre Kolumne mit dem ein, was ihr an der vergangenen WM offenbar gefiel: Game over, es ist geschafft. Der Fußballsommer liegt hinter uns. Deutschland wurde Dritter. Immerhin. Dank an Jogi Löw, Dank an die Mannschaft ……

  • Frankie

    „Dieses Land kann sich nicht „mal eben“ unkritisch selbst feiern, als hätte es eine glorreiche Friedensgeschichte hinter sich, und es wäre nie etwas gewesen. Das geht schon von Seiten der Definition überhaupt nicht.“

    Wieso nicht? Andere Länder feiern sich auch OBWOHL sie eine nicht immer ganz rühmliche Geschichte hinter sich haben…
    Russland zum Beispiel, oder die USA, deren Gründung nur durch den Völkermord an den Indianern möglich war!

    Fakt ist, Deutschland kann genauso patriotisch sein, wie jedes andere Land auch.

    Wir sind nun mal Deutsche, und ich finde man sollte sich auch mit seiner Herkunft identifizieren können.

  • Frankie

    Nein, natürlich nicht, ich verabscheue den Holocaust und feiere bestimmt nicht die 12 dunklen Jahre unserer Geschichte, aber ich glaube auch nicht dass andere Länder ihre „dunklen Jahre“ mit dem Patriotismus feiern.

    Diese 12 Jahre sind doch nicht alles, was Deutschland ausmacht, jedes Land hat seine Schattenseiten, Amerikas Völkermord oder Stalin der weit mehr Menschen auf dem Gewissen hat als wir!

    Ich bin nun mal Deutscher und identifiziere mich damit, es ist meine Herkunft, die ich nicht verleugnen kann.

    Wir Deutschen haben viel erreicht, vor dem zweiten Weltkrieg und danach, wir haben eine schöne Kultur, Talente und Genies hervorgebracht, sind eines der Länder dass die meisten nützlichen Erfindungen hergestellt hat, wir haben eine tolle Sprache, sind das Land der Dichter und Denker, haben uns nach dem Krieg wieder aufgerafft, wieder vereint (wenn auch erst Jahre später) usw, ja, ich bin wirklich stolz, Deutscher zu sein.🙂

    • Christian aufer Schicht

      Über die Hexenverbrennungen, die Zwangschristianisierung der Sachsen, die jahrhundertelange Ausbeutung der Bauern in Deutschland bis auf Blut und Knochen, den 30jährigen Krieg, vom Abschlachten der Waldenser bis hin zu den jahrhundertelang aufflackernden Progromen gegen jüdische Mitbürger – die deutsche Geschichte hat ebensoviel Schatten- wie Lichtseiten.

      Insofern würde ich den Taumel des Positiven und den Stolz nicht zu sehr übertreiben. Auch ohne das dritte Reich ist nicht alles golden gewesen.

  • Frankie

    Ja, aber wie schon gesagt, jedes Land hatte in ihrer Geschichte Schattenseiten, und trotzdem verbieten diese Schattenseiten niemanden den Patriotismus.

    Die Zeiten haben sich geändert, ich denke mal heute wissen wir es besser.

  • Lyli

    Bis auf ein paar verstockten deutschen Ideologen kannst du es niemandem auf dieser Welt erklären, was an Patriotismus schlimm sein soll. Es ist die deutsche, faustische Weltferne und der Hang zum Extremen, Ideologischen, zur indifferenten Konsequenz.
    Darüber sollte man sich Gedanken machen, sie ist nicht unschuldig an den Tragödien unserer Geschichte.
    Alle Nationen haben überdies Leichen im Keller, quer durch die Bank, das ist kein Argument.

    Und inahltlich stimmen Islam und Patriotismus nicht überein, richtig.

    Ein Moslem aber, der auch noch andere Bezugsquellen hat außer den Islam, gleicht dem Patrioten, der einfach seiner Nation positiv ggü. steht und sich zu ihr bekennt im Guten wie im Schlechten, aber mehr auch nicht.
    Ein spiritueller Moslem kann ohne Weiteres Demokrat sein, ein konsequenter Islamist nicht. Selbiges gilt für Patriot und Nationalist.

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