Interview mit Olivier Roy: “Die Scharia interessiert bin Laden nicht!”

Ein weiteres Interview mit Olivier Roy wurde ins Deutsche übersetzt. Es ist wieder relativ lang. Hier ein paar Auszüge und Zusammenfassungen. Zunächst der Catcher:

Burka bedeutet nicht politischen Islam, sondern Sekte, erklärt der Islamexperte Olivier Roy. Er sagt eine gefährliche Zeit „entwurzelter Religionen“ voraus – auch im Christentum: „Selbst die Kirchen werden zu Sekten.“

Darauf angesprochen, dass Alice Schwarzer behauptete, ein Burkaverbot sei gut, da diese “den endgültigen Sieg des politisierten Islam” bedeute:

Es ist total absurd. Der politische Islam hat nie die Burka gefordert, im Iran gibt es den Schleier. Jene, die das fordern, etwa die Salafisten, sind gerade nicht in großen Organisationen. Die Burka, das ist der Rückzug auf die individuelle Gläubigkeit, die Sekte, also genau das Gegenteil eines politischen Islam.

In seinem Buch “Heilige Einfalt” spricht er über Religionen, die von der Kultur entwurzelt sind. Es handle sich um zwei Sphären – und zwar in allen Religionen. Er betont weiterhin, dass Säkularisierung die Religion nicht zerstört, sondern isoliert. Dass die Scharia in vielen Kulturen verankert sei, bedeute nicht, dass sie praktiziert werde. Als Beispiel gibt er Ägypten an. Hardliner wollten Abu Zaid steinigen lassen, was der Staat, der laut Verfassung auf der Scharia basiert, nicht zuließ.

Zum Glauben, al-Qaida stoße auf Verständnis in traditionellen Bereichen, entgegnet er:

Keine einzige politische Gruppierung in den arabischen Ländern unterstützt bin Laden. Seine Basis sind die globalisierten Moslems. Bin Laden ist kein Traditionalist, die Scharia interessiert ihn gar nicht. Er kümmert sich auch einen Dreck um die arabischen Staaten. Soeben hat er eine englischsprachige Seite lanciert – warum? Weil die Leute, die sich für ihn begeistern, eben nicht Arabisch können! Weltweit gibt es immer mehr Konvertiten, gerade unter den Fundamentalisten, al-Qaida besteht zu circa 20Prozent daraus. Sie sind der sichtbarste Ausdruck der „entwurzelten Religionen“.

Hiernach wird er auf die weltweite Expansion der Evangelikalen angesprochen. Nach religiösen Gemeinsamkeiten mit entwurzelten Islamischen Bewegungen befragt:

Sie verweigern den Kompromiss, man ist drin oder draußen. Die jeweils bei den Angehörigen der Religion dominante Kultur ist für sie heidnisch – die Salafisten wenden sich ja zuallererst gegen die muslimische Kultur. Es genügt nicht, nominell gläubig zu sein, man befindet sich also nicht mehr in einer Kirche, sondern einer Glaubensgemeinschaft, einer Sekte. Verloren hat man die Kontinuität von Kirche und Gesellschaft inklusive den Nichtgläubigen. Das erfasst auch die katholische Kirche, […]

Nach der Frage, wie säkulare Staaten damit umgehen sollten, betont er das Tandem Religionsfreiheit und öffentliche Ordnung. In Bereichen, in denen sie sich widersprechen, könne der Rechtsweg bis zum obersten Gericht beschritten werden. In Frankreich beispielsweise ist Glockenläuten kein absolutes Recht, sondern kann bei Bedarf bis zum Verbot eingeschränkt werden. Die selben Regelungen können somit auch für den Muezzinruf angewendet werden. Und:

In französischen Schulen beispielsweise müssen die Direktoren kein Menü servieren, das „halal“ ist, aber ein Kompromiss ist ein vegetarisches Menü, also gibt es solche. Manche protestieren dagegen – sie wollen, dass alle Wein trinken und Schwein essen.

Es lassen sich also zu allem Regelungen finden. Ebenso zur Burka und zu Minaretten. Roy ist gegen ein generelles Verbot der Burka, kann sich jedoch Verbote im Interesse der Sicherheit vorstellen, zum Beispiel in Banken. Minarette hingegen seien nicht mit Kirchtürmen gleichzusetzen. Es gäbe keine religiöse Verpflichtung zu Minaretten. Für mich stellt sich hierbei jedoch auch die Frage, ob es eine religiöse Verpflichtung für Kirchtürme gibt.

Den “Multikulturalismus” hält er für eine Illusion, zumal er nicht Kulturen als Zankapfel sehe, sondern Religionen. Und der Glaube sei keine Identität, sagt er. Er sagt: Glaube ist Glaube.

Siehe auch:
Interview mit Olivier Roy: ”Wie hast du’s mit der Religion, Europa?”

Und auch hier ein Video:


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