Naher Osten als Projektionsfläche

Ein sehr schöner Kommentar ist in der taz zu finden. Ich zitiere mal drei Teile:

Googelt man „Israel“, wird man schnell fündig: Im Internet wimmelt es von Karikaturen, die Juden als hakennasige Drahtzieher oder Spinnen darstellen, darauf aus, von Israel aus die Welt zu beherrschen oder das Blut palästinensischer Kinder in Matzenbrot zu verbacken. (…)Die Rede vom „Konzentrationslager Gaza“ hat es mancherorts in Europa sogar in den Mainstreamdiskurs geschafft. Umso erstaunlicher, dass manche meinen, Kritik an Israel werde unterdrückt.

(…)

Die vielen NS-Vergleiche sind der stärkste Indikator dafür. In ihnen spiegelt sich eine historische Täter-Opfer-Umkehr, die der Sehnsucht nach postnazistischer oder postkolonialer Schuldentlastung entspringen kann, (…)

(…)

Selbst Terrorakte der Hamas gegen die Zivilbevölkerung werden dann als unvermeidliche „Reaktion“ auf den israelischen „Staatsterrorismus“ gedeutet. Sogar für den Antisemitismus werden damit „die Juden“ verantwortlich gemacht. Denn Judenfeindschaft, so die antizionistische Sicht, sei heute schlicht eine Folge von Israels Politik. Würde jemand behaupten, das Verhalten eines afrikanischen Diktators sei die Ursache von Rassismus, würde man diese Denkweise zu Recht rassistisch nennen. Beim Blick auf Israel ist sie aber gängig.

(…)

(…)Wem es aber um die Rechte der Palästinenser geht, der muss auch die Hinrichtungen von Dissidenten, die Entrechtung von Frauen und Schwulen durch die Hamas in Gaza oder die systematische Ausgrenzung der Palästinenser im Libanon erwähnen.

Den ganzen Kommentar gibt es hier.


18 responses to “Naher Osten als Projektionsfläche

  • InitiativGruppe

    Tatsache ist doch wohl, dass Israel der Angreifer, der Aggressor ist, die arabischen Palästinenser die Verteidiger. Wer in Palästina raubt denn wem das Land? Wer kolonisiert wessen Gebiet?

    Die Palästinenser haben das Recht, sich auch gewaltsam zu wehren. So, wie es die Indianer hatten, so, wie es jeder schwarzafrikanische Stamm hatte, so, wie es die Russen hatten, als sie von „uns“ überfallen worden sind. Da muss ich kein Fan einer indianischer Steinzeit, „eingeborener“ Foltermethoden oder stalinistischer Säuberungen sein, um das so zu sehen.

    Auch für den Widerstand gibt es natürlich Grenzen. Das Selbstmordattentat in einem israelischen Bus voller friedlicher Zivilisten ist ein Beispiel für ein Verbrechen. Das sagt hiermit jemand, der mit ganzem Herzen auf der Seite der Palästinenser steht. Ich vermute, dass die meisten von denjenigen, die Israels Politik für kriminell halten, mir in diesem Punkt zustimmen.

    Es gehört allerdings zu den wirklich zum Himmel stinkenden Propagandaperversionen, Leuten wie mir Antisemitismus in die Schuhe zu schieben. Aus dem selben Grund, aus dem ich das Schicksal der Juden erforsche, die bis zu ihrer Emigration oder Ermordung in meinem Stadtteil gelebt haben, aus dem selben Grund stehe ich auch auf der Seite der arabischen Palästinenser.

    Ich habe immer mehr Mühe, die Verteidiger Israels zu verstehen. Wie kann man sich auf die Seite eines verbrecherischen Staates schlagen? Denn darum handelt es sich. Permanente Aggression, gedeckt von der Wählerschaft.

    Ich verstehe ja die Motive derer, die an den Holocaust denken, an das Schicksal der Juden in Europa, an die Gründe der Juden, sich in Palästina einen eigenen Nationalstaat zu wünschen und zu schaffen. Aber dieses Projekt ist ausgeartet zu einem Verbrechen. Es ist eine Katastrophe auch für die Juden selbst geworden. Sie machen sich damit kaputt. Mit jedem Jahr wird das deutlicher.

    Bringt es da etwas, wenn wir sie auf diesem Weg noch weiter bestärken, indem man den Palästinensern die Schuld zuschiebt und scharfen Kritikern wie mir Antisemitismus vorzuwirft?

    • NDM

      Also eine so einseitige und eindeutige Täter/Opfer-konstellation gibt es in Nahost nicht. Da mache ich nicht mit.

      Selbstmordattentate sind schlimm, ja. Die konnten durch die Sperrmauer auf null reduziert werden.

      Genau so schlimm sind Raketenbeschüsse gegen die Israelische Zivilbevölkerung. Hier mal eine Statistik dazu:

      http://www.terrorism-info.org.il/malam_multimedia/English/eng_n/pdf/ipc_e007.pdf

      und eine völkerrechtliche Bewertung:

      http://jer-zentrum.org/ViewArticle.aspx?ArticleId=186

      Das sind Angriffe, keine Akte der Verteidigung.

      Wie man Antisemitismus in Bezug auf Israel erkennt, kann man hier lesen:

      http://www.hagalil.com/antisemitismus/europa/sharansky.htm

      Die EU-Definition:
      https://kruppzeuch.wordpress.com/2010/02/25/antisemitismus-nach-eu-definition/

      Und nein, es ist keine ungerechtfertigte Antisemitismuskeule, wenn man Antisemitismus Antisemitismus nennt.

      • InitiativGruppe

        “Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass auf Juden äußert.Rhetorische und physische Manifestationen von Antisemitismus sind gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder ihr Eigentum, gegen die jüdischen Gemeinden und religiöse Einrichtungen gerichtet.”

        DIESE Definition trifft auf MICH zu?? Wirklich?

        Sie trifft auf jemanden zu, der den Boykott Israels fordert, damit sich Israel endlich hinter seine eigenen Grenzen zurückzieht und die Okkupation und Kolonisation der Westbanks und Ostjerusalems beendet?
        Wirklich?

        Sorry, aber wer diese EU-Definition so handhabt, missbraucht sie.

        In der Forderung nach einem Boykott von Israel oder der Feststellung, dass die Kolonisierungspolitik Israels verbrecherisch ist, steckt KEIN Hass gegen Juden. Man muss ja doch nicht Die Amerikaner hassen, wenn man den Irakkrieg für ein Verbrechen hält. Man muss auch Die Italiener nicht hassen, nur weil sie Berlusconi wählen. Man muss Die Iraner nicht hassen, nur weil sie – vielleicht, vielleicht auch nicht – Ahmadinejad eine Mehrheit gegeben haben. Man muss Die Russen nicht hassen wegen Stalin und dem Gulag. Undsoweiter.

        Diese Pervertierung des Antisemitismusvorwurfs beschmutzt vor allem diejenigen, die sie betreiben. Schämt ihr euch nicht, Menschen, die mit Juden SYMPATHISIEREN, als Antisemiten zu bezeichnen, weil sie die Siedlungspolitik und ihre Begleiterscheinungen für ein Verbrechen an den Palästinensern halten? Und die dagegen protestieren, dass ihre EIGENE Regierung diese Politik praktisch deckt und unterstützt?

      • NDM

        Ich habe die Definition geliefert, und niemanden betitelt. Wenn sich jemand den Schuh anzieht, ist das nicht mein Problem.

  • Salome

    Mit der Inbrunst, mit der du dich gegen den „verbrecherischen Staat“ Israel stellst, würdest du dich niemals dem Iran widmen, der seine eigenen Leute wie Tiere behandelt. Oder Sudan in Darfur. Oder Russland in Tschetschenien. China in Tibet und Xinjiang. Nordkorea. Kongo, Usbeken und Kirgisen die sich gegenseitig abschlachten.

    Verdammt, es gibt so viele furchtbare Brandherde und Regime, die sich das Attribut „verbrecherisch“ unredlich verdienen würden.
    Aber dennoch ist das alles nicht mal halb so „sexy“ wie Israel, der „Verbrecherstaat“. Woran liegt das wohl ? Genau, JOOODEN sind „die Täter“.

    • BellaItalia

      Salome, das sind aber genau die Argumente, die Nazis gegen Antideutsche verwenden, um die NS-Verbrechen zu relativieren, von wegen „was die Amerikaner mit den Indianern gemacht haben war auch Völkermord, aber mit so einer Inbrunst würdest du dich niemals für die Indianer einsetzen, wie du es jetzt für die Juden tust“ – und ich HASSE diese Relativierungsversuche, egal ob es um Naziverbrechen geht oder um Nahostverbrechen, das ist meiner Meinung nach keine gute Argumentationsweise.

      Zum Nahost-Konflikt an sich: Ich denke sowohl Israel als auch Palästina haben beide genug Dreck am stecken, allerdings finde ich Israel in letzter Zeit doch ein wenig schlimmer, angefangen bei der provozierenden Siedlungspolitik, über die Sperrmauer und die absichtliche Wasserunternversorgung für die Palis, bis hin zum Angriff auf die Gazaflotte, das sind einfach Sachen, die mal so gar nicht gehen, obwohl die Hamas auch nicht ohne sind, ich weiß.

      Aber wenn man mal guckt, welche Unterstützung Israel hat, und mit was für einem Krieg sie sich damals einige Städte verschafft hat, dann muß ich einigen Israelkritikern doch mehr zustimmen.

      Ich wünsche mir einfach nur Frieden, warum können die sich nicht vertragen?

  • InitiativGruppe

    Salome,
    da hast du schon recht, gegen den Iran protestiere ich nicht so heftig wie gegen Israel. Und warum? – Weil wir uns alle über den Iran einig sind, und weil die deutsche Regierung und Europa und die USA den Iran ja auch nicht als treuen Verbündeten hegen und pflegen und ihm jedes Verbrechen großzügig durchgehen lassen.

    Stell dir mal vor, Deutschland, Europa und die USA würden diesen Iran, so wie er jetzt ist, in ähnlicher Weise beschützen und subventionieren und als vorbildlich für die Region hinstellen … Was glaubst du, was ich dann tun würde? – Ich würde ziemlich heftig werden in meinen Attacken gegen den Iran und seine verantwortungslosen Unterstützer. Ich würde die Verbrechen des Iran hier in diesem Kommentarfeld aufzählen und kruppzeuch fragen, wie er es denn verantworten könne, ein solches Regime, eine solche Politik zu rechtfertigen wie die des Iran.

    Ich hab so etwas in Bezug auf den Iran übrigens auch praktiziert und auf (einem deutsch-schiitischen und auf anderen) Blogs, die Khamenei und Ahmadinejad in der Zeit der Proteste gegen die gefälschten Wahlen verteidigt haben, tapfer für die Grünen Demonstranten geschlagen – auch gegen meine Blogfreundin Meryem.

    • Asmaa

      Das Problem ist dasselbe wie damals beim Irak.
      Die USA gibt Informationen vor. Europa steigt ein und jetzt schaut euch an was USA und Europa gemacht haben.
      Schaut euch die Verbrechen am irakischen Volk an, gegründet auf Lügen und absichtlicher Hasspropaganda gegen Saddam Hussein, damit das Volk den Angriffskrieg und tote Zivilisten für „Gut“ befindet und als Kollateralschaden ansieht.
      Schaut euch die missgebildeten verstrahlten Kinder, das zerstörte Land, die Armut etc. an.
      Und wofür? Freier Zutritt zu irakischem Öl und kein Sadam mehr der sich den USA nicht beugt.

      Und jetzt wiederholt sich alles mit Iran. Die Iraner stehen nicht auf der Seite von USA und Europa. Sie wollen weder angegriffen noch getötet werden. Sie wollen nicht das USA und Europa mit ihrem Land das tut was sie mit Irak getan haben. Sie wollen ihre Regierung und zwar deshalb weil das was hier offiziell behauptet wird nur Kriegspropaganda ist, damit die iranischen Toten Kollateralschäden sind und die Verstrahlung und Zerstörung ebenso.
      Wenn das Volk bereit ist über Leichen zu gehen ist das Werk vollbracht.

      Sind wir uns alle einig über Iran? Nein, es gibt Menschen- auch in diesem Land- die sich nicht jedes Mal wieder belügen und betrügen lassen. Menschen, die den gewollten Krieg inkl. aller Folgen nicht mittragen und strikt dagegen sind.
      Kein Blut für ÖL! Keine Leichen zur westlichen Bereicherung!

      • NDM

        Das hat nun nichts mit Israel zu tun, aber gut.

        Saddam Hussein war ja nicht gerade ein Quell des Friedens und der Liebe. Der Einmarsch in den Irak war aus meiner Sicht zwar kaum legitimiert – Sympathien für das Baath-Regime kann ich daraus jedoch nicht ableiten.

        Khomeni ist auch kein Quell der Liebe und des Friedens.
        Sein Regime leidet unter einer zunehmenden Legitimationskrise in der eigenen Bevölkerung, und solche Regime können sich nur unter Anwendung von Gewalt und Zensur gegen die Opposition halten. Da sitzen sogar Ayatollahs im Knast. Innenpolitisch spielt die Zeit also gegen dieses System.

        http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-1402/i.html

        Zum Nuklearprogramm muss ich mir noch die genauen Argumente ansehen, aber kurios ist es schon: Der Iran benötigt keine Atomenergie. Das Öl unter dem Iran ist die billigste verfügbare Energiequelle.

        Man kann gegen die Idee „Krieg für Rohstoffe“ sein, und dennoch kritisieren, wie ein Regime mit den eigenen Bürgern umgeht, oder wie es über andere Staaten spricht. Das ist noch lange kein „Hurra USA“.

  • khad

    Keine Frage, Antisemitismus(wobei bei ich dieses Wort für nicht angebracht halte) existiert.
    Nur ständig und jeden damit zu attackieren der im entferntesten wagt Israel öffentlichen zu kritisieren,
    macht daraus die Antisemitismuskeule und dadurch werden wahre Antisemiten und berechtigte Kritiker in einen Topf geworfen.
    Letzendlich kann man beide nicht mehr auseinanderhalten,
    vielleicht auch absichtlich, und ein berechtigter Anitsemitismus-Vorwurf wird dann auch nur noch als Antisemitismuskeule wahrgenommen.
    Dieser inflationär gebrauchte Begriff wird dadurch m.E. seiner wirklichen Bedeutung beraubt.
    Es gibt Antisemitismus und ihm muß auch Widerstand entgegengesetzt werden, aber mit Verstand und nicht alles wahllos als Antisemitismus diffamiert werden.
    Ja, in vielen Israel-Kritiken ist versteckter Antisemitismus vorhanden und kann nicht toleriert werden, andererseits darf die Kritik nicht generell
    als Antisemitismus abgetan werden.
    Der Begriff Antisemitismus ist dabei seine Wirkung zu verlieren.

    • NDM

      „Ja, in vielen Israel-Kritiken ist versteckter Antisemitismus vorhanden und kann nicht toleriert werden, andererseits darf die Kritik nicht generell
      als Antisemitismus abgetan werden.“

      Wird ja nicht getan. Zumindest nicht von mir.

  • InitiativGruppe

    Es würde mich schon interessieren, wie du zur Siedlungspolitik Israels stehst, NDM. Ist sie auch für dich ein Verbrechen an den Palästinensern? Dürfen die sich dagegen wehren?

    • NDM

      Klingt sarkastisch, aber die Gegenfrage ist ernst gemeint: Sind die deutschen Zuwanderungsgesetze ein Verbrechen an den Deutschen? Dürfen sich national gesinnte Deutsche dagegen wehren?

      • khad

        Siehst du zwischen der Einwanderungspolitik und der Siedlungspolitik wirklich Parallelen,
        insbesondere in ihrer Auswirkung, Durchführung und Zielrichtung?

  • InitiativGruppe

    Ich habe da die gleiche Frage wie khad.

    Wo zum Teufel liegt die Ähnlichkeit zwischen der Einwanderung von Migranten in Deutschland und der israelischen Kolonisierung der Westbanks + Ostjerusalem? Meines Wissens hält kein türkisches Militär Deutschland besetzt und schafft gewaltsam Platz für den Aufbau türkischer Siedlungen und nur türkisch zu nutzender Infrastruktur. Und die AKP hat nicht in ihrem Programm, dass ganz Deutschland (oder Europa?) türkisch ist.

    Ein anderes Beispiel: Jemand raubt eine Bank aus, killt dabei eine Bankangestellte, die dummerweise meinte, sich wehren zu müssen – und ich sag, der Bankraub und die Tötung sind ein Verbrechen, das dürfen wir nicht verteidigen — aber weil dein guter Freund der Bankräuber ist und du Verständnis für seine Motive hast, stellst du mir nun die „sarkastische“ Gegenfrage, ob ich denn auch den üblichen Vorgang des Geldabhebens für ein Verbrechen halten würde.

  • Salome

    Ich bin gegen die Siedlungen. Schon um den sch*** Islamisten ihre scheinheiligen Argumente zu nehmen. Aber beim Thema Nahostkonflikt halte ich mich generell eher zurück. Der ganze Orient macht mich krank.

    • InitiativGruppe

      Du könntest auch deshalb gegen die Siedlungen sein, weil hier den Palästinensern, den Eingeborenen also, brutal kolonialistisch das Land weggenommen wird.

      Hinzu kommt, dass Verfechter dieses Landraubs und dieser Kolonisierung, z. B. Simon Peres, bei uns sogar ehrenvoll im Bundestag sprechen dürfen, während die Opfer dieses Landraubs, weil sie sich so heftig wehren, dass es dem Räuber manchmal weh tut, von meinem (!) Staat als Terroristen bezeichnet werden und ihnen manchmal nicht einmal zivile Hilfssendungen zugeschickt werden dürfen.

      Wir sind Bürger eines Landes, welches ein Verbrechen deckt und indirekt sogar fördert. Da muss man sich schon bemerkbar machen, es gehört zu meiner Bürgerpflicht, dass ich meiner Regierung das nicht so einfach durchgehen lasse. Sonst mache ich mich nämlich persönlich mitschuldig an dem Verbrechen.

  • NDM

    Ich schließe den Kommentarbereich mal, da es hier off-topic wird. Bei der Thematisierung von Antisemitismus ist plötzlich Israel das „Problemfeld“ geworden, genau so wie anderorts bei der Thematisierung von Nazigewalt plötzlich Ausländer das „Problemfeld“ werden. Einerlei.