Vom Umgang mit den Sarrazins

Thilo Sarrazin ist sicherlich kein Nazi. Er ist ein Sozialdemokrat, der als Volkswirtschaftler denkt – und damit auf "Einzelschicksale" keine besondere Rücksicht nimmt. Diesbezügliche Detailarbeit würde er wohl dem linken SPD-Flügel oder einem Koalitionsapartner überlassen. Er ist auch bei der FDP nicht gut aufgehoben – dafür denkt er zu etatistisch. Im Grunde genommen entspricht seine Haltung auch nicht der der NPD – Sarrazin geht es auch um Integration, er hebt beispielsweise die Integrationserfolge der Pakistanis und Inder in Großbrittannien lobend hervor. Ein Gradmesser für Integration ist für ihn jedoch auch die Zahl der zwischen-ethnischen Ehen: Je größer diese Zahl ist, desto weniger Probleme sieht Sarrazin – dies ist das exakte Gegenteil zur Haltung der NPD. Für diese ist es erstrebenswert, dass diese Zahl möglichst auf null zurückgeht. Dafür schlagen sie beispielsweise rein türkische Schulen und getrennte Sozialversicherungssysteme vor – als schrittweise, systematische Ausgrenzung. Außerdem befürwortet die NPD alles, was “positiv die Integration bremst”. Dazu gehört auch die Betonung seitens der Nazis, der Orthodoxe Islam sei der einzig richtige. Denn in der Tat ist dieser am schwierigsten zu integrieren. Integration lehnen die Rechten schließlich ab, daher befürworten sie alle Arten von “Bremsen”.

Es ist also weder sachlich korrekt noch wirklich hilfreich, Sarrazin als Nazi zu betiteln. Dies verkürzt und verdreht, und wird der Sache nicht wirklich gerecht. Problematisch ist sein Diskursansatz dennoch. Sozialdarwinistisch durch und durch, in Teilen auch rassistisch und mit völkischen Elementen gespickt. Sollte es keine deutlichen Widerworte von Experten geben, wenn ein dermaßen beachteter Mensch den Wert von Zuwanderung auch am genetischen Faktor bemisst, könnten sich diese Denkansätze in der Gesellschaft etablieren. Das Problem mit diesem Ansatz ist die Unveränderbarkeit von Genen und die Gefahr der Kollektivisierung und somit Rassifizierung des Integrationsdiskurses: Gesellschaftliche Probleme würden so zu etwas unveränderlichem. Würde der gesellschaftliche Diskurs auf dieser Ebene fortgeführt, hätte es die NPD leichter, Akzeptanz für ihr Arier-Denken zu erlangen. Für dieses Denken ist die Kultur nicht das Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sondern das Resultat von "Rasse"(neu: Genetischer Veranlagung). Moment! Schirrmacher schreibt:

Es geht um die Verbindung von Erbbiologie und Kultur und damit letztlich um, ein Wort, das Sarrazin (Darwin zitierend) so unerschrocken benutzt, wie einst Gottfried Benn, „Zuchtwahl“ und „Auslese“. Sarrazin redet nicht von Goethe und Schiller, obwohl auch Dichter in seinem Buch vorkommen. Kultur ist ihm der Reflex biologischer Prozesse.

Diese Positionierung ist wohl der Grund, weshalb Sarrazin von rechtsaußen hochgejubelt wird. Wenn Kultur plötzlich ein Resultat von Biologie wäre und zugleich der Erhalt der Kultur propagiert wird – ja welche Handlungskonsequenzen ergeben sich hieraus implizit? Viele Möglichkeiten gibt es nicht.

Rechtsaußen ist man froh über jeden noch so kleinen Schritt, der geeignet ist, kollektive Ausgrenzung zu bewirken oder rassistisches Denken zu befördern. Solange das auszugrenzende Kollektiv *mehrheitlich* Zuwanderer umfasst, ziehen sie mit. Selbst wenn es lediglich die Kultur ist. Kein Wunder also, dass die NPD und ihr Gefolge die Gunst der Stunde wittern und versuchen, sich als "das Original" in Szene zu setzen, und Sarrazin als einen der “ihren” zu feiern.

Sarrazin fehlt jedoch so einiges für einen Nazi. Er deutete sogar an, dass er den ganzen Zirkus auch deshalb macht, weil er Sorge hat, dass in Deutschland ein Wilders oder ein Haider groß werden könnte. Zu einem solchen wird er jedoch nicht werden, denn wie Henryk Broder ist Sarrazin kein Macher. Beide können sich in Szene setzen und provozieren. Sie halten sich jedoch zurück, ihrer Sichtweise durch konkrete Politik Ausdruck zu verleihen – zum Glück. Aber leider fühlen sich die Nazis dadurch befeuert.

Einem Haider kann man vorbeugen, indem diejenigen unter den durch rechtsradikale lancierten Themen, die tatsächlich auf fruchtbaren Boden in der Bevölkerung treffen, ernsthaft und mit dem Guten im Sinn bearbeitet werden. Heinz Buschkowski ist eine Person, die diesen Spagat beherrscht. Er packt die heiklen Themen an, stellt hierbei jedoch immer auch zugleich klar, dass es ihm nicht um Ausgrenzung von Menschen oder gar Kollektiven geht, sondern in erster Linie um den sozialen Frieden. Sein Statement im ORF kann man in diesem Video ab Minute 4:10 sehen:

Sozialen Frieden kann man auch überhaupt nicht durch Ablehnung und Hass erreichen. Wenn die NPD oder “Pro”-NRW rufen: “Islamisierung Stoppen”, dann meinen sie, wie es alle wissen: “Ausländer raus”. Das gleiche gilt für die FPÖ in Österreich. Eine Frage ist, welche Reaktion hierauf die passendste ist. In Österreich scheinen mehrere kontraproduktive Reaktionen ausgetestet worden zu sein. Auf der einen Seite die Reaktion "Jetzt wird erst recht nichts gemacht". Das ist falsch, denn in einem Punkt hat Sarrazin tatsächlich recht: Nur weil Nazis ein heikles Thema besetzt halten, heißt es nicht, dass es überhaupt nichts zu tun gibt. Dies heißt allerdings auch nicht, dass Nazis mit ihren Forderungen Recht haben. Genauso falsch ist daher der Versuch, besser als die Nazis auf der Klaviatur des Populismus zu spielen.

Man kennt den Spruch ja: Lässt man sich auf das Niveau des Berufspöblers herab, schlägt er dich mit seiner Erfahrung.

Einen solchen Fehler macht die ÖVP in Österreich, wenn sie versucht, “Härte” gegen Zuwanderung zu zeigen. Ausgangssperre für Asylbewerber, Islamschelte, Romaschelte – derartiges kommt von der Österreichischen Innenministerin Maria Fekter(ÖVP). Somit steht die FPÖ mit ihrer Aufhetzung als die “besseren Einwanderungsverhinderer” da. Es gibt günstigere Alternativen für eine Partei mit konservativem Profil, und das kann man beispielsweise in Deutschland sehen. Hier begeht übrigens nicht nur Sarrazin einen großen Denkfehler, denn es wird viel getan:

In Deutschland wird schon seit etlichen Jahren viel für die Integration getan, und fast jährlich kommt ein neues Projekt hinzu. Neben dem Leuchtturmprojekt “Islamkonferenz” gibt es allerlei flächendeckende Initiativen im kleinen, die sich anschicken, Integration positiv zu gestalten. Dazu gehören auch Ganztagsschulen, Sprachförderung im Kindergartenalter, Ausbau von KiTa-Plätzen, staatlich geförderte Deutschkurse, und und und…

Jedoch ist das Problem mit radikalen Strömungen nicht weitläufig genug erkannt. Nachdem die Häuser in Rostock-Lichtenhagen brannten, wurde das Asylgesetz verschärft. Kein Mensch konnte nach diesem Appeasement jedoch ernsthaft erwarten, dass sich die Rechten damit zufrieden gaben – sie brachten einige Jahre danach den Überfremdungsdiskurs ins Rollen, der sich nach dem 11.September’01 langsam zu einem Islamisierungsdiskurs wandelte. Sarrazin bringt das Thema zurück auf das ursprüngliche Niveau – auf den rassistischen Kern. Und dass ihm von Teilen zugestimmt wird, zeigt eindeutig, dass diese Menschen sehr wohl verstanden haben, dass sich der Diskurs all die Jahre um diesen Kern herum drehte.

Wenn die Biologie jedoch Ausgangspunkt der Xenophobie ist, dann wird man sie mit noch-so-perfekter Integration nicht stillen können – Fremd ist demnach, wer fremd aussieht. Auch hier knüpft Sarrazin übrigens indirekt an, wenn er interethnische Ehen als Messgröße für Integration heranzieht. Immer noch anders als Nazis, denn diese pochen auf die “Reinheit des Blutes”. Sarrazin bezeichnet im Gegensatz zu Nazis die Vermischung als positiv, die “Versöhnung” auf biologischer Ebene ist damit sozusagen sein Ideal.

Der biologistische Argumentationsansatz Sarrazins könnte daher möglicherweise auf eines abzielen(Die Formulierung liegt in der Popularität der sog. “Rassenkunde” zur damaligen Zeit begründet):

Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen.

Coudenhove-Kalergi
Praktischer Idealismus
Wien/Leipzig 1925, S. 23

Sollte dies nur ansatzweise stimmen, dann steht die Haltung Sarrazins einerseits konträr zur Haltung von NPD und Pro-NRW, andererseits konträr zum herrschenden Konsens, dass man eine Gesellschaft nicht biologisch definiert.

Andererseits sagt Sarrazin laut Schirrmacher:

Genetische und ethnische Disposition begrenzen die Fähigkeiten des Individuums ebenso sehr wie die ganzer Völker.

Hier teilt Sarrazin also, trotz diamentral entgegengesetzter Vision, eine rassistische Grundannahme mit den Nazis. Wenn die Nazis(im Internet: “Anonyme Demokraten”) also Sarrazin hochjubeln, dann dürfte es darum gehen, diese Grundannahme, die von genetisch begründeten kollektiven Intelligenzunterschieden im gesellschaftlichen Präsens zu installieren.

Und hier bringt, wie bereits benannt, die gelungenste Integration nichts. Selbst die totale Assimilation bringt dann nichts mehr. Wenn die Xenophobie nämlich auf der Betonung von genetischen(also unüberwindbaren) Unterschieden beruht, dann wird der Hass immer bleiben.

Appeasement an die Xenophoben Wortführer kann daher nicht die Antwort sein. Nur die konsequente und nachhaltige Ausgrenzung ist sinnvoll.

Nachtrag:

Hier zudem ein Interview mit Michel Friedmann, dessen Haltung zum Thema ich voll und ganz teile.


7 responses to “Vom Umgang mit den Sarrazins

  • Tweets that mention Vom Umgang mit den Sarrazins « Kruppzeuch -- Topsy.com

    […] This post was mentioned on Twitter by Sven Tiffe, Sarah and NDM, NDM. NDM said: Vom Umgang mit den Sarrazins « Kruppzeuch http://bit.ly/b5OjLo #Sarrazin #Grafzahl […]

  • ebook leser

    So ein Schritt weiter, die Bundesbank hat den Sarrazin entlassen, der Wulf wird ja nix dagegen einzuwenden haben. Jetzt ist der Gabriel am Zuge. Ich bin mal gespannt wie das bei der SPD jetzt vorangeht, denn der Gabriel hat sich ja am Wochende entsprechend geäussert.

  • Limited

    Hier bin ich teilweise deutlich anderer Meinung.

    Möglich, dass Sarrazin kein 100% Nazi ist. Seine Argumentation wird aber deutlich getragen von Gedankengängen, wie sie auch bei den Nazis en vogue waren.

    Sagen wir er ist 30% Nazi?

    Das macht die Sache auch nicht besser. Vielleicht hat die Sache auch etwas gutes. Vielleicht fangen einige Leute jetzt selbst an zu denken und erkennen welches dümmliche Substrat Herr Sarrazin da eigentlich zusammengebraut hat.

    • NDM

      Hier teilt Sarrazin also, trotz diamentral entgegengesetzter Vision, eine rassistische Grundannahme mit den Nazis.

      Wir können uns also auf die 30% einigen.😉

      Ich bleibe ansonsten(und deshalb) dabei: Ein Rassist ist er, dem Nationalsozialismus hängt er jedoch nicht an. Ideologische Gemeinsamkeiten lassen sich jedoch finden. Und mittlerweile wird er das angesichts der vielen Debattenbeiträge zum Thema auch selbst eingesehen haben. Leider wird er dies nicht zugeben, da dies den Verkaufserfolg des Buches schmälern würde.

      Noch mehr schmälern würde sich der Verkaufserfolg allerdings allein schon durch die Information, dass dieses Buch schon jetzt kostenlos (allerdings nicht ganz legal) im Internet erhältlich ist.

  • Limited

    Mal etwas anderes – aus der Gerüchteküche. Was ich eigentlich nicht so mag. Aber vielleicht weiß jemand mehr.

    Stimmt es eigentlich, dass sich Spiegel und BILD für das Recht zur Erstveröffentlichung der Buchauszüge verpflichtet haben (bei Androhung einer Buße von 50.000 Euro) diese Auszüge für mehrere Tage nicht kritisch und differenziert zu kommentieren?

    Wenn ja, wäre dies nicht nur kein Gütesiegel für den Spiegel (die BILD spielt hier keine Rolle), sondern eine verheerende Verletzung journalistischer Prinzipien, da man sich damit zum devoten Herold für Sarrazin Thesen gemacht hätte.

  • InitiativGruppe

    Der Artikel ist lang, aber gut. Reichhaltig. Gedankenfutter.

    Limited,
    man kann nicht „30% Nazi“ sein. Ich bin zum Beispiel Sozialist – bin ich jetzt 30% Kommunist? Oder gnadenhalber nur 20%? Also, schon aus nacktem Eigeninteresse muss ich so eine Art der Charakterisierung ablehnen.

    Vielleicht hilft diese Analogie: Ein Mensch soll aus 90% Wasser bestehen. Heißt das, der Mensch IST 90% Wasser? Ich glaube nicht, dass das den Menschen angemessen charakterisiert, auch wenn der Hinweis auf die 90% Wasser stimmen mag.

    (Man kann das Spiel fortsetzen: Eine Frau ist genetisch 99,9…% Mann. Also ist eine Frau praktisch ein Mann?? Umgekehrt geht’s natürlich auch. – Oder: Ist die evangelische Kirche 70% katholisch?)

    kruppzeuch hat also 100% Recht: Sarrazin ist KEIN Nazi. Auch nicht zu einem einzigen Prozent ist er Nazi. Er ist es eben nicht, genau so wenig wie ich einer bin, trotz meiner (kruppzeuch widerwärtigen) Israelfeindschaft.

    Um ein Nazi zu sein,
    muss man Antisemit sein,
    dazu extrem nationalistisch orientiert sein und
    dem Führerprinzip und
    der Volksgemeinschaft huldigen.

    Das ungefähr ist es, was einen Nazi ausmacht, und nicht die eine oder andere üble genetische Verirrung. Sarrazin erfüllt keines der vier Kriterien, und ich würde sagen, wenigstens drei davon müsste man erfüllen, um wirklich ein Nazi zu sein.

    Übrigens finde ich das Buch in vielen Partien gar nicht schlecht … Es lohnt sich, die 400 Seiten zu lesen, und nicht nur, um böse Stellen zu identifizieren.

    • Limited

      Um ein 30% Nazi zu sein reicht es meines Erachtens sich über vermeintlich verhaltensprägende genetische Dispositionen in Bezug auf eine Religionsgruppe zu äußern. Einerlei ob explizit oder implizit.

      Und ob man sich nun „Sozialist“ oder „Kommunist“ nennt ist mir eigentlich Wurscht.

      Nur kann ich mir schwerlich vorstellen, dass sie die Positionen Sarrazins mit einer internationalistischen Sicht und mit dem Einstehen für Schwächere in Einklang bringen lassen. Dafür reichen die Buchauszüge und seine Interviewäußerungen vollkommen. Das ist in meinen Augen 100% inkompatibel.

      Wenn ich mitbekomme, dass sich 28% der LINKE Anhänger vorstellen können eine Sarrazin-Partei zu wählen, wenn ich mir die „Fremdarbeiter“ Sentenzen eines Lafontaine in Erinnerung rufe, kann ich allenfalls feststellen, dass nicht immer dort wo „Sozialist“ draufsteht auch „Sozialist“ drinsteckt.

      Wenn ich dann noch mitbekomme, dass sich da jemand Kritik hat vertraglich verbieten lassen und die Medien spielen dabei auch noch mit, dann hoffe ich Sarrazin schmorrt möglichst lange in der Hölle.

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