Auf den Punkt gebracht.

“Nerv mich doch!” ist die Überschrift.

Ich bin eigentlich kein Freund von ständigen Lesetipps und Gedankenempfehlungen. Angesichts des Schrotts, der seit Sarrazin durch die Feuilletons gleitet, kann man es leid sein, selbst zu lesen, geschweige denn irgendetwas zu schreiben. Und dann noch diese unselige Leitkultur, die niemand kennt, beschreiben, bebildern oder sonstwie definieren kann. Was soll das? Warum ist meine Realität eine so fundamental andere, als die veröffentlichte? Ich lebe in einer ehemaligen Zechensiedlung, der Inbegriff dessen, um das es sich doch in der ganzen Diskussion dreht! Ich weiß, wovon ich rede!

Genau dahin bringt der folgende wundervolle Text, und diese Leseempfehlung ist wirklich wärmstens ans Herz gelegt:

Die neue Leitkulturdebatte erinnert an einen Satz von Methusalix, dem greisen Gallier aus den Asterix-Heften: "Ich habe nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier." Was ist unsere Kultur? Bowlen, Bier und Bibelkreis? Oder eher Bohlen (ironisch, selbstredend), Bionade und Bali? Golf, Gucci, Genitalpiercing? Porsche, Polo, Psychotherapie? Tee, Tanzgruppe, transzendentale Meditation?

Merkel erklärt Multikulti für gescheitert" titeln die Zeitungen und für mich klingt das, als habe Angela Merkel gerade den Sommer verlängert, den Winter abgesagt oder die Wiedereinführung der Kinderlähmung beschlossen. Kann die Kanzlerin die Wirklichkeit in die Schranken weisen? Die Realität ist gescheitert, wir brauchen eine andere.

Und –> hier <- geht’s weiter.


13 responses to “Auf den Punkt gebracht.

  • Ulzen

    Mit Multikulti ist ja kein naturgegebener Zustand gemeint, wie der Text es darlegt, sondern eine Auffassung, nach der die Gesellschaft aufgesplittet sei in verschiedene Kulturen, die sich alle um ihre eigenen Belange kümmern sollen.
    Das ist in der Tat nicht möglich für den Bestand einer Gesellschaft, auf ganz lange Sicht heißt das Krieg.

    • NDM

      Zunächst einmal ist Migration ein naturgegebener Zustand(außer vielleicht in der DDR, da war dies ja verboten). In heutigen Zeiten, in denen man nicht mehr drei Wochen braucht, um von Hamburg nach München zu kommen, sondern gerade einmal 4 Stunden, um von Köln nach Istanbul zu kommen, haben die Gesellschaften natürlich(!) eine völlig andere Zusammensetzung. Sie sind allesamt durchmischter.

      Multikulturalismus bezeichnet die Idee, diesen Zustand so zu lassen, wie er sich entwickelt hat, und ihn sich auf natürliche Weise(d.h. ohne staatliches Eingreifen) weiterentwickeln zu lassen. Dahinter steht aber *nicht* die Idee von voneinander abgeschotteten Parallelwelten, die sich nicht gegenseitig beeinflussen. Diese Idee verfolgen vielmehr die Kulturalisten, die ihre kulturelle Identität von sämtlichen fremden Einflüssen frei halten möchten. Gewissermaßen ist dies dann jedoch als Vorstufe zum Ethnopluralismus zu sehen. Und sicherlich: es würde zu kollektivistischen Konflikten führen, wäre eine *solche* Einstellung die Norm. Ist sie aber nicht.

  • Limited

    Mich schaudert eigentlich bei den Begriffsbestimmungen in Hinsicht auf „was gehört zu Deutschland“ oder „Leitkultur“.

    Mich schaudert, weil die Definitionsbemühungen sehr stark mit religiösen Kategorien aufgeladen sind. Was macht man eigentlich, wenn man weder besonders christlich, noch jüdisch, noch muslimisch ist? Oder auch wenn man zwar einer der genannten Glaubensströmungen formal angehört, aber diese kaum praktiziert.

    Folgt man der Logik, ist man dann nicht mehr oder einfach etwas weniger deutsch?

    Also dieser Rückfall in die Religion als dominierendes kulturstiftendes und identiätsprägendes Muster, läßt mir Schauer über den Rücken laufen. Das hat so etwas von vor dem dreißigjährigen Kriegs Aura.

  • Ulzen

    @NDM
    Wie konfliktreich verschiedene Kulturen ohne einenden Rahmen auf engstem Raum sind, zeigt der Balkan oder der Kaukasus.
    Ich finde, dass der Staat klar die Spielregeln(Grundgesetz) für das Zusammenleben verschiedener Lebensauffassungen vorgeben muss. Sonst geht das in die Hose. Hier ist die Freiheit des Einzelnen oberstes Gut. das darf nicht im namen einer Kollektivkultur geschnitten werden.
    Leitkultur ist albern, um ein Leitgesetz geht es.

    • NDM

      Dazu ist dieser Text interessant:

      http://www.freiewelt.net/blog-2429/ist-multi-kulti-anarchismus%3F.html

      Die Situation auf dem Balkan ist eine fundamental andere. Die Konflikteskalation ist meiner Haltung nach eher darauf zurückzuführen, dass Jugoslavien sehr zentralistisch geführt wurde, und in dieser Situation Nationalismen keimen konnten. Die Jugoslawische Idee war ja auch die der kulturellen Vereinigung der Südslawen, also in etwa vergleichbar mit der Idee „Deutschland“ – nur berücksichtigte diese Idee eben die inneren Unterschiede zu wenig.

      Die Art von Problemen, die zur Eskalation führten, sind unter anderem diese:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_%C3%BCber_die_Bezeichnung_und_Stellung_der_kroatischen_Schriftsprache

      Vergleichbare Situationen wird es in Deutschland nicht geben.

      Die Geschichte ist schließlich auch eine völlig andere:

      http://www.kas.de/wf/doc/kas_12611-1522-1-30.pdf?071214115258 (PDF)

      • Ulzen

        Deutschland konnte im 19. Jh. geeint werden, weil die konfessionellen Gegensätze nach Aufklärung und Säkularisierung eine weitgehend untergeordnete Rolle spielten.

        Die Bruchlinien in Europa waren seit Napoleon nicht mehr rein dynastisch und schon seit 1648 kaum mehr religiös, nun waren sie national, der Gegensatz zu la France war bedeutender als der zu den Katholiken.

        Die Zeitspanne von 1918-1989 war dann v.a. von ideologischen Gegensätzen geprägt.
        Nun deutet viel darauf hin dass religiöse bzw. kulturelle Identitäten den ideologischen Konflikt abgelöst haben.

        Da ist die Vermeidung der gewalttätigen Umsetzung jener Identitätsgegensätze oberstes Gebot. Und das geht nur mit klaren Spielregeln. Das sieht der Herr, den Du verlinkt hast ja übrigens ähnlich.

      • NDM

        „Deutschland konnte im 19. Jh. geeint werden, weil die konfessionellen Gegensätze nach Aufklärung und Säkularisierung eine weitgehend untergeordnete Rolle spielten.“

        Und weil sich irgendjemand mal diese Idee in den Kopf gesetzt hatte, weil er meinte, dass Oberbayern und Ostfriesen irgendwie zusammengehören. Wie eben auch bei der Idee „Jugoslawien“. Die Unterschiede (Kulturell wie sprachlich) liegen in ähnlichen Dimensionen.

        Wie auch immer.

        „mit klaren Spielregeln.“

        Die hast du ja beschrieben:

        „Ich finde, dass der Staat klar die Spielregeln(Grundgesetz) für das Zusammenleben verschiedener Lebensauffassungen vorgeben muss.“

        Dem wird niemand widersprechen, und dem widerspricht auch der „Nerv mich doch!“-Text nicht.

        Die Richtschnur des Zusammenlebens und der Politik ist in erster Linie das Grundgesetz und die sich daraus ableitende (immer auch hinterfragbare) Gesetzgebung. Was darüber hinausgeht, z.B. die Verpflichtung von Zuwanderern zu einer „Leitkultur“ christlicher Prägung, ist eine Frechheit.

        „Nun deutet viel darauf hin dass religiöse bzw. kulturelle Identitäten den ideologischen Konflikt abgelöst haben.“

        Mag sein, ist aber auch ein alter Hut. Es scheint hierbei allerdings, dass es nie der Liberalismus(und schon gar nicht der Humanismus) war, der derartige Konflikte austrug oder sich für die Entstehung verantwortlich zeichnete. Vielmehr waren sie immer Teil der Konfliktlösung, die immer auch zur Befreiung vom (wie auch immer gefärbten) Dogmatismus führte.

  • Ulzen

    Ja ok, wenn man Länder von Grund auf ablehnt ist das ohnehin schon recht schrullig. Weitergedacht, könntest Du dann auch die Kulturen in Frage stellen und damit Dein Multikulti, denn alles hat sich irgendwann wer „in den Kopf gesetzt“.

    “ die Verpflichtung von Zuwanderern zu einer „Leitkultur“ christlicher Prägung, ist eine Frechheit. “

    Sehr drastisch und unsensibel. Mal angenommen, Millionen Immigranten wanderten in die Türkei aus, was eher unwahrscheinlich ist, wäre es eine Frechheit der Türken, auf die islamische Prägung ihres Landes zu verweisen ?
    Wie kommst Du darauf, dass das hier ein kulturelles Nirvana ist ?

    Das ist eine Dysproportionalität, die die „autochthonen“ Deutschen verletzt und dem sozialen Frieden in keiner Weise nützt. Solche Formulierungen sind kontraproduktiv !
    Konsequent weitergedacht ist es dann ja auch eine Frechheit, wenn Muslime auf ihre islamische Leitkultur beharren.

    • NDM

      „Weitergedacht, könntest Du dann auch die Kulturen in Frage stellen“

      Durch die Realität werden in der Tat sehr viele Konstruktionen in Frage gestellt. Z.B. der Begriff „Deutsche Leitkultur“ oder „Christliche Leitkultur“. Monokultur gibt es generell nicht. Außer bei den Sentinelesen vielleicht.

      „wäre es eine Frechheit der Türken, auf die islamische Prägung ihres Landes zu verweisen ?“

      Mal abgesehen davon, dass sich dort 98% als Gläubige verstehen und hierzulande Atheisten eine der relevantesten Gruppen darstellen: Wir sind weder auf dem Balkan noch in der Türkei. Natürlich wäre es es ebenso eine Frechheit, nähme sich hierzulande eine islamisch orientierte Regierung heraus, Christen, Juden und Atheisten sollten sich einem Islamischen Leitbild unterwerfen, und sich ihm anpassen.

      „die die „autochthonen“ Deutschen verletzt“

      Entschuldigung.

      „Konsequent weitergedacht ist es dann ja auch eine Frechheit, wenn Muslime auf ihre islamische Leitkultur beharren.“

      Konsequent zuendegedacht ist es eine Unverschämtheit, wenn jemand aus einer Mehrheitsposition heraus einer markierten Minderheit vorschreiben will, wie sie sich in religiöser oder kultureller Hinsicht zu entwickeln hat. Dass derartiges eben nicht (oder zumindest nur entlang der diesbezüglich sehr engen Planken des Grundgesetzes und der EMRK) möglich ist, gerade das macht ja dieses Land und den Westen insgesamt aus und attraktiv. *Das* ist der zentrale Leitwert dieser Republik: Die Freiheit, anders als die Mehrheit zu sein.

  • Limited

    Die Reichsgründung in Deutschland hat viele Faktoren gehabt. Ausschlaggebend war wohl der Sieg gegen Frankreich 1870/71. Vor einer durchgehenden Absehung von konfessionellen Differenzen war man aber noch sehr weit entfernt. Das war an allererster Stelle ein nationalistisches Projekt.

    Bis weit ins 20. Jahrhundert gab es Vorbehalte, etwa bei gemischkonfessionellen Ehen, Taufen, Begräbnissen u.v.m. und auch heute noch gibt es Kirchenvertreter die eine Wiederverheiratung von zivilrechtlich geschiedenen Personen verweigern.

    • NDM

      „Bis weit ins 20. Jahrhundert gab es Vorbehalte, etwa bei gemischkonfessionellen Ehen“

      Jetzt, wo du’s ansprichst… In der Bevölkerung bestehen sie noch heute, da evangelische Geistliche ihren Schäfchen ebenso einimpfen, dass Katholiken doof sind, wie Katholiken ihren Schäfchen eintrichtern, dass Protestanten in die Hölle kommen. Die katholische Kirche erlaubt zwar Ehen mit Protestanten, jedoch nur unter der Bedingung, dass die Kinder katholisch getauft und erzogen werden. Das orthodoxe Christentum ist noch krasser: Ehen mit Protestanten sind schlicht nicht möglich. Die scheinen nicht wirklich als Christen anerkannt zu werden(was ich z.T. auch nachvollziehen kann).

  • Ulzen

    Juti, da ist wohl ne Menge Ideologie im Spiel und Diskussionen daher wenig fruchtbringend.
    Deine großen Dekonstruktionen führen ja zu nichts, wenn sich nur eine Seite dekonstruiert.

    Übrigens, meine Freundin ist orthodoxe Christin. Und klar werden wir irgendwann heiraten, is gar kein Problem😉

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