Merkel International

Leitkultur Interessant, wie die gegenwärtige AusgrenzungsIntegrationsdebatte international aufgenommen wird. Interessant, aber auch verständlich:

In zehn Tagen einmal rund um die Erde. Angela Merkels Bemerkung vor dem Deutschlandtag der Jungen Union Mitte Oktober, dass "Multikulti gescheitert" sei, machte Weltkarriere. Erst stand es nur in der BILD-Zeitung, dann plötzlich in der New York Times und dann im Miami Herald. Je provinzieller das Blatt, desto gröber die Interpretation. Natürlich fiel unter den Tisch, dass Merkel auch gesagt hatte, der Islam gehöre zu Deutschland. Stattdessen gibt es einen Ausflug in die Geschichte, Parallelen zum Dritten Reich und was sonst so an Assoziationen den Lokalredakteuren in Florida in den Sinn kam.

Doch in Florida war die Geschichte nicht zu Ende. Denn die amerikanische Presse liest die ganze Welt – zumindest jener Teil, der Englisch kann. So entsetzten sich Vatan in Istanbul, Gulf News in den Vereinigten Arabischen Emiraten, India Times, China Daily und viele andere. Sie waren sich einig, dass Merkel von vorgestern sei, dass sie das 21. Jahrhundert mit seinen Arbeitsmigranten, Flüchtlingen, Aus- und Zuwanderern, die globalen Städte von London bis Dubai, kurz: die moderne Welt, nicht verstehe.

Die Lehre aus dem globalen PR-Desaster der Kanzlerin ist zweierlei. Erstens: Es gibt nirgendwo in Deutschland ein Bierzelt, wo man ungeniert vom Leder ziehen und sicher sein kann, dass Birma nicht mithört. Zweitens: Die Weltöffentlichkeit ist extrem hellhörig und empfindlich gegenüber jeder Art westlicher Hoffart. Merkels Äußerungen komplettieren ein ohnehin düsteres Bild des Westens, an dem andere westliche Führer Schuld tragen. Das behindert zunehmend westliche Politik.

Zuletzt im April bescheinigte eine globale BBC-Umfrage der Bundesrepublik, dass sie bei vielen Menschen in der Welt ein vorzügliches Image genießt. Das Land profitiert davon erheblich, wie die jüngste Auszeichnung mit einem Sitz im UN-Sicherheitsrat zeigt.

Doch, auch das lehren solche Umfragen, ist Image ein flüchtig Ding. In Frankreich, das früher ein prächtiges Bild in der Welt abgab, weiß man darum nur allzu gut. Eine Serie von schlechten Nachrichten aus Deutschland, wie die schier endlose Sarrazin-Debatte und Merkels Multikulti-Beerdigung erster Klasse, kann den Eindruck schnell zerstören. Horst Seehofer könnte geneigt sein zu sagen: "Was kümmert’s mich, wenn der Stammtisch mich liebt?" Eine Kanzlerin, die der bayerischen Provinz nacheiferte, hätte ihren Job verfehlt.

Es ist eine Sache, angesichts der exportorientierten Wirtschaftsausrichtung besorgt zu sein um das Image des Landes, um die Aufrechterhaltung der beruhigenden Maskerade, die Gesellschaft dieses Landes habe schon die richtigen Lehren aus ihrer Geschichte gezogen.

Das Problem ist hierbei jedoch nicht, dass Merkel das Bedürfnis des Stammtisches stillen wollte, sich als Deutsche überlegen zu fühlen. Besser sie befriedigt dieses Bedürfnis, als dass eine Partei es aufgreift, die über keinen sozialen Flügel als Korrektiv verfügt. Im Zentrum der Kritik sollte daher nicht der “Ausrutscher” Merkels sein, der keiner war, sondern die Geisteshaltung, die zum Bedürfnis führt, dem Merkel nachkam.

imageEin Problem ist auch der (insbesondere provinzielle) Deutsche Stammtisch, der einem rückwärtsgewandten Gesellschaftsbild nacheifert. Eines von Nationaler Homogenität, von Völkisch-Landsmannschaftlicher Brauchtumspflege – von Vereinsmeierei im Trachtenverein mit Dirndl, Lederhose und Tralala, vom Ersatz-Wehrsport des Schützenvereins, vom Dackelzuchtverein und vom Kleinkariertgärtnerverein, der vorschreibt, wann und wie das Hissen von Schwarz-Rot-Gold Verpflichtend ist.

Dieser Stammtisch und sein “Brauchtum”, die institutionalisierte Parallelgesellschaft, führt zu Problemen. Und dieser Stammtisch ruft sehr schnell nach dem Staat, wenn Erzählungen um sich greifen, die ihn verunsichern.


2 responses to “Merkel International

  • Limited

    @ NDM

    Ein Problem ist auch der (insbesondere provinzielle) Deutsche Stammtisch, der einem rückwärtsgewandten Gesellschaftsbild nacheifert. Eines von Nationaler Homogenität, von Völkisch-Landsmannschaftlicher Brauchtumspflege – von Vereinsmeierei im Trachtenverein mit Dirndl, Lederhose und Tralala, vom Ersatz-Wehrsport des Schützenvereins, vom Dackelzuchtverein und vom Kleinkariertgärtnerverein, der vorschreibt, wann und wie das Hissen von Schwarz-Rot-Gold Verpflichtend ist.

    Schön und aus meiner Sicht treffend formuliert.

  • InitiativGruppe

    Die Situation hat sich für die CDU und CSU dramatisch geändert: Die Rechtspopulisten lachen doch nur noch über die tapsigen Anbiederungsversuche von Merkel und Seehofer, über diese stimmengeilen Opportunismus, über die Scheinheiligkeit einer Partei, die einerseits für die Unternehmerbedürfnisse massive Zuwanderung erlauben MUSS, andererseits so tut, als ob sie gegen Zuwanderung ist.

    Wenn de Maizière von 10 – 15 Prozent Integrationsverweigerern spricht, dann übertreibt er mächtig – aber für die Rechtspopulisten sind über die Hälfte der Einwanderer Integrationsverweigerer, und überhaupt geht es ihnen ja nicht um Integration, sondern um Assimilation: also 90 Prozent der Zuwanderer sind Assimilationsverweigerer …

    Der Rechtspopulismus hat inzwischen endgültig einen Teil der politischen Mitte erobert – und kann mit der CDU/CSU nichts mehr anfangen.

    Eine eigene rechtspopulistische Partei, flächendeckend, themenübergreifend – das gibt es vorerst nicht, erstens, weil dafür der charismatische Führer fehlt, zweitens, weil die Rechspopulisten als a-politische Menschen überwiegend völlig politik-unfähig sind, drittens, weil es international einen Unterschied macht, ob Österreich, Holland oder Dänemark eine starke rechtspopulistische Partei hat – oder Deutschland mit seiner beängstigenden Vergangenheit.

    Wenn Merkel und Seehofer HEUTE ein bisschen Rechtspopulismus spielen, gewinnen sie wenig – verlieren aber viel – einerseits international, andererseits fördern sie damit das Gefühl, rechtspopulistische Positionen seien eben doch seriös und politikfähig. Wo mit sie sich selber ins Knie schießen.

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