Gedanken zum Kopftuch

Das muss ja nicht versteckt bleiben. Angesichts eines Blogposts “Das Kopftuch als Befreiung?” hinterließ ich einen kritischen Kommentar zum Kopftuch, in dem ich sowohl meine Abneigung gegenüber diesbezüglicher staatlicher Regulierung, aber auch meiner Abneigung gegenüber derartigem gesellschaftlichen Normzwang Ausdruck verlieh:

Meiner Ansicht nach hat (religiös-)traditionalistische Kleidung sehr häufig etwas von einer Art geschlechtsspezifischer Uniform, die den Status eines Menschen innerhalb seines direkten Gesellschaftlichen Kontextes markiert. Was die grundlegende gesellschaftliche Funktion derartiger Kleidung angeht, existieren keine prinzipiellen Unterschiede zwischen einem Frauenrock und einem Tschador. Beide betonen das jeweilige Geschlecht als die primäre Eigenschaft des Menschen.

Die Begründung ist es, die den bedeutendsten Unterschied ausmachen. Während der Frauenrock in Europa gesellschaftlich verhandelt werden konnte(und heute ungebrochen bezüglich Minirock, Tschador usw. weiterverhandelt wird), können Verfechter von islamisch-traditionellen Bekleidungsstücken eine Art sakrale Bedeutung behaupten. Dies macht es unheimlich schwer, das Thema gesellschaftlich zu Verhandeln.

Ich bin kein Freund religiöser oder traditioneller Kleidung, aber auch kein Freund von Verboten und Pflichten. Vielmehr sehe ich es als wichtig an, dass Frauen, bevor sie sich solche Kleidungsstücke überziehen, genau wissen, was sie tun und vor allem weshalb – und dies auch artikulieren können. Das Argument: “Mohammed/Allah hat gesagt, dass ich es tragen muss”, ist hierbei für mich ebenso wenig überzeugend wie: “Das hat man bei uns immer gemacht.” – denn man hat sehr vieles “immer schon gemacht”, und Mohammed hat auch vieles gesagt. Sklaverei, Steinigung, Handabhacken, usw. ließen sich ebenso leichtgläubig rechtfertigen, sind jedoch aus Vernunftsgründen vielerorts(leider noch nicht überall) ersatzlos abgeschafft worden, obwohl sie im Koran und Hadithen sogar viel deutlicher erwähnt werden, als das Kopftuch.

Ebenso wie die Abschaffung der Sklaverei damit begründet wurde, Mohammed habe schrittweise auf die Abschaffung hingewirkt, also der innere Sinn von entsprechenden Reformen extrahiert und vollendet wurde, ließe sich dies auch auf Bekleidungsnormen anwenden. Es ging im Kern schließlich darum, die als “aufreizend” empfundenen Facetten der – damals(!) üblichen – Kleidung(die zufälligerweise auch eine aus vorislamischer Zeit bekannte Haarbedeckung beinhaltete) zu “entschärfen”. Heute und hier ist eine andere Kleidung üblich. Man kann also auch sagen, dass Sure 33 Vers 60 “zieht eure Tücher tiefer”, bedeutet, dass die hier und heute als aufreizend geltende Kleidung, z.B. Miniröcke, bitte länger/bedeckter sein sollen.

Hierdurch bleibt zwar auch das unhinterfragte Bild des Mannes, der (verzeihlicherweise) im Verstand zu schwach ist, weiblichen Reizen zu widerstehen und es deshalb die Aufgabe der Frauen sei, seinen Fehlern vorzubeugen, sowie das unhinterfragte Bild der Frau, die Verführung (und damit die schuldige) für die sündige Tat zu verkörpern.

Dieses Menschenbild ist so alt wie Adam und Eva und wie der Spruch: “Die wollte das doch, so wie sie angezogen war.”

Das Problem ist: Wenn man das Menschenbild hinter solchen Kleidungsvorschriften kritisiert, bekommt man es ganz schnell auch mit christlich-konservativen Hardlinern zu tun, die es im Grunde teilen. Dennoch – oder gerade deshalb – halte ich es für sinnvoll, dass jungen Menschen auch das Hinterfragen von Menschenbildern nahegebracht wird. Einen bekenntnisunabhängigen Ethikunterricht – ruhig auch parallel zum bekenntnisunabhängiger Religionskunde – halte ich daher für ebenso sinnvoll, wie eine neue Diskussion über den Begriff “Religionsmündigkeit”.


7 responses to “Gedanken zum Kopftuch

  • Limited

    Ich bin mir nicht sicher, ob derartige Reflektionen etwas bewirken. Sie mögen ja richtig sein, werden aber eher weniger registriert.

    Stattdessen kommt bei derartigen Diskussionen eine Abwärtsspirale der Diffamierung in Gang. Der erste sagt: Kopftuch pfui, der nächste Kopftuchträgerinnen pfui, der übernächste Islam pfui u.s.w.

    Am Ende haben es die Selbstgerechten ein wohliges Gefühl es ihrem „Feind“ mal wieder gezeigt zu haben. Diese Moment der Triebabführ verwundert mich immer wieder. So schlecht kann es so vielen Leuten doch gar nicht geht, dass sie Befriedigung am möglichst niederträchtigem Austeilen empfinden,geschweige denn, dass sie alle persönlich negative Erlebnisse mit Kopftuchträgerinnen und Muslimen gehabt hätten.

  • InitiativGruppe

    So ist es, Limited.
    Trotzdem finde ich es gut, dass wir uns auch unter uns verständigen, und dass wir das auf einem hohen Analyse- und Argumentationsniveau tun; kruppzeuch hat dafür einen sehr schönen Beitrag geliefert.

    Meine Haltung zum Kopftuch unterscheidet sich in einer interessanten Hinsicht von der, die kruppzeuch hier einnimmt: Ich finde diese „Kopftuchmädchen“ besonders sympathisch. Das hat mit persönlichen Erfahrungen zu tun, aber auch damit, dass mir diese Art des kulturellen Widerstands gefällt. Es ist ja ein Unterschied, ob eine Gesellschaft zum Beispiel Krawattenzwang für bestimmte Ereignisse erklärt – das wäre die Regelsetzung durch eine Mehrheit – oder ob eine Minderheit sich durch ein Kleidungsstück bewusst und aus Überzeugung in Opposition zur Mehrheit setzt.

    Ich erlebe auch, dass das Kopftuch ein Element der inner-muslimischen Frauenemanzipation bedeutet.

    Schließlich gefällt es mir auch, weil es für unsere hedonistische Mehrheitskultur so aufreizend fremd und anders ist. Es gefällt mir sozusagen aus dem selben Grund, aus dem mir auch Punk gefällt … oder Hundertwasserarchitektur … oder Gaudí in Barcelona …

  • bogo70

    “Religionsmündigkeit”, meine Rede.🙂
    Wer laut Gesetz erwachsen ist, soll von mir aus einen Kartoffelsack tragen. Soll nicht heißen, dass man mit 18 Jahren, die Weißheit mit Löffeln gegessen hat, doch gibt es einem wenigstens das Gefühl, dass die Kidis genug Zeit hatten es sich zu überlegen. Ob die Familie nun hinter ihnen steht oder nicht, jeder hat die Chance hier in Deutschland seinen eigenen Willen durchzusetzten. Mit Gesetzen, mit der Hilfe von Organisationen die den Mädels beistehen oder allein. Erst wenn sie es freiwillig und aus eigener Kraft durchsetzten, ob sie es nun tragen wollen oder nicht, erst dann wissen wir, dass es aus eigenem Willen geschehen ist. Klingt zwar hart und lässt sicher einige Feministinnen an mir verzweifeln, aber wie haben die es denn geschafft, Anerkennung und Glaubwürdigkeit zu erlangen? Solange es aber so ist wie es ist, bin ich gegen Verbote. Burkini, Kopftuch von mir aus auch Burka, Hauptsache die Frauen können am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

  • NDM

    Ich bin kein Freund davon, Auseinandersetzungen mit solchen Themen zu meiden. Im Gegenteil: Vielmehr haben Menschen, die solche Themen als Vehikel nutzen, um ihren Hass auszudrücken, konsequent ausgeschlossen zu werden, damit man die Auseinandersetzung auch in gegenseitigem Respekt und in Respekt gegenüber nicht anwesenden führen kann(aus solchen Gründen hatte ich hier Diskussionsregeln eingerichtet).

    Das Kopftuch ist schon seit vielen Jahren ein selbstverständlicher Teil der europäischen Gesellschaft, und wird es auch auf Dauer bleiben. Gerade als ein solcher Teil „unserer“ Gesellschaft ist es somit auch zu be- und verhandeln. Mit allem Respekt gegenüber den individuellen Rechten und Entscheidungen, aber eben auch mit einer Darstellung unterschiedlichster Positionen des Für und Wider.

    Selbstverständlich hat also jede Frau und jeder Mann das Recht, ein Kopftuch zu tragen – und auch das Recht, nicht deswegen belästigt zu werden. Aber ist damit auch das Recht verbunden, dass diese Entscheidung nicht kritisiert wird? Ich denke nicht. Es darf und sollte jedoch der Anspruch angemeldet werden, dass bei aller Kritik am Stoff der Respekt vor dem Menschen und vor der persönlichen Entscheidung gewahrt bleibt.

    @Bogo: Das mit der Religionsmündigkeit ist ja so eine Sache. Laut Gesetz hat ein Kind erst nach dem 14. Lebensjahr überhaupt das Recht, sich in religiösen Belangen selbst für oder gegen irgendetwas zu entscheiden. Bis dahin könnten Eltern sogar einem 6jährigen Mädchen ein Kopftuch vorschreiben(sowas hatte ich allerdings erst zwei mal erlebt).

  • bogo70

    Morgen du Nachteule, kannst wohl auch nicht schlafen?😉

    Zum Thema
    Ist ja nicht nur das Kopftuch was aufgezwungen wird, ich finde die Taufe, Kommunion, Konformation oder die Beschneidung der Jungen sind auch ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Kindes. Den Kindern wird ja sugeriert, wenn ihr euch später von unserem Glauben abwendet, seid ihr der Sünde. Dementsprechend sollte man von vornherein, von solchen Bindungsritualen absehen. Wobei es natürlich schwierig ist, wenn man selbst gläubig ist das Kind nicht zu beeinflußen.

    Ich weiß ja nicht wie es euch ging, aber bis vor ca. 20 Jahren hat man hier auch lieber nicht erwähnt, dass man weder Katholik noch Protestant ist. Die Gesellschaft strafte einen mit schiefen Blicken oder es wurde einem vermittelt, dass man irgendwie schlechter war als die Gläubigen. Besonders Katholiken taten sich hervor, wenn es darum ging welcher Glaube nun der bessere sein sollte und Unglaube oder keine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion, dass ging ja mal garnicht.

    So ähnlich erlebe ich es jetzt bei vielen Muslimen, die meisten gehen davon aus das ich konvertiert sei als ich einen Moslem heiratete, wenn ich das verneine ernte ich ungläubiges Staunen, bis hin zu dem Satz: „Ich dachte, du bist eine von uns.“

    Als ob ich nicht mehr dazugehöre, wenn ich nicht den gleichen Glauben teile. Es ist aber eher die ältere Generation, die das nicht nachvollziehen kann und es bedauert, dass man mich nicht auf den „richtigen Weg“ bringen konnte.

    Was ich viel erlebe, ist das schlechte Gewissen der jungen Frauen, die wegen des Berufs das Kopftuch wieder ablegen müssen. Wäre natürlich schön, wenn unsere Gesellschaft so offen wäre, Frauen mit Kopftuch die gleichen Chancen einzuräumen, wie Frauen ohne Kopftuch. Ist aber nicht so, dass sollten Eltern berücksichtigen und die Mädchen vorher aufklären, damit sie hinterher damit klarkommen, es evtl. ablegen zu müssen. Oft ist es ja so, dass die Mädchen sich verhüllen weil es einfach dazu gehört oder die islamische Gemeinschaft ihnen sugeriert, sie seien dann die besseren Muslima. Irgendwie ist so oder so, eine Freiwilligkeit nicht gegeben auch wenn das manche Frauen anders sehen mögen.

    Das mit der Religionsmündigkeit, wusste ich garnicht. Passt irgendwie nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft.

  • Limited

    @ NDM

    Aber ist damit auch das Recht verbunden, dass diese Entscheidung nicht kritisiert wird? Ich denke nicht. Es darf und sollte jedoch der Anspruch angemeldet werden, dass bei aller Kritik am Stoff der Respekt vor dem Menschen und vor der persönlichen Entscheidung gewahrt bleibt.

    Ich bin sehr dafür ALLES auch kritisch zu hinterfragen.

    Nur ist es meiner Boebachtung nach so, dass Kommentare die mehr als zwei Absätze umfassen eher weniger gelesen werden. Da ist die kurze Diffamierung oder Anmaßung einfach ökonomischer, auf die sich manche „Kritiker“ konzentrieren.

    Und viele lesen die Kommentare in Blogs nicht wegen einer sachlichen und differenzierten Diskussion und kritischen und respektvollen Darstellung, sondern eben wegen diesen Formen der Häme, des Schuldvorwurfs und der Diffamierung.

    Ich für meinen Teil verabschiede mich gerade von Blogs. Vieles davon ist nur Müll (du und Jörg Lau seid nicht gemeint), insbesondere die Kommentare.

    Eine sachliche Diskussion mit Mehrwert läßt sich nur unter Anwesenden führen.

    • NDM

      Nur ist es meiner Boebachtung nach so, dass Kommentare die mehr als zwei Absätze umfassen eher weniger gelesen werden.

      Das ist üblich, und mit dem Kommentar, den ich hier zum Blogpost machte, nicht anders gewesen. Allerdings kommentieren bei Lau ca. 5-10 Arbeits- aber nicht Beschäftigungslose, die gefühlte 12h/Tag mit seinem Blog verbringen.

      Unterm Strich sind Blogs das schrecklichste und nutzloseste, was die IT seit der 640kb-Grenze entworfen hat.

      Da Blogs auf technischer Ebene nicht von Zeitungen unterschieden werden können, kommen gleich mehrere Probleme ins Haus. So kommt es beispielsweise, dass es einige Meinungsblogs schaffen, bei Google News gleichberechtigt neben der „Zeit“ und der „Washington Post“ gelistet zu werden, wenn sie sich nur gut genug als Nachrichtenportal tarnen. Und es ist immer die gleiche Strömung, die versucht, eine Meinung als „Nachricht“ zu verkaufen.

      Die Tatsache, dass es so ist, zwingt faktisch dazu, auf der selben Ebene aktiv zu werden – damit das Feld nicht überlassen wird.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s