Zur Terrorberichterstattung

Primär sind natürlich Terroristen daran Schuld, dass es überhaupt eine Terrorberichterstattung gibt. Dennoch ist diese Berichterstattung mangelhaft:

Rund 80 Prozent der Berichterstattung widmete sich demnach Taten und Aktivitäten des Terrorismus, nur ein Fünftel den Ursachen, wobei dieser Anteil in den öffentlich-rechtlichen Sendern etwas höher war.

Die Sender und Zeitungen haben ihre Aufgabe, die Bürger über die Existenz des Terrorismus zu informieren, schon vor Jahren hinreichend erfüllt. Nun müsste im Grunde der nächste logische Schritt folgen: Die Information darüber, wie er entsteht. Aus welchen Gruppen rekrutiert er sich, lassen sich psychologische Gemeinsamkeiten bei entsprechenden Akteuren beschreiben, wie sieht der Weg aus, den sie zurücklassen… all dies. Stattdessen wird ein Actionfilm daraus gemacht:

Die Langzeitstudie zeigte auch, „dass die Privatsender stärker dramatisieren und visualisieren“. Die Zuschauer fühlten sich stärker bedroht. Wenn in einem Beitrag erst brückenbauende Soldaten und dann Opfer von Anschlägen gezeigt werden, reagierten die Zuschauer viel wütender, als wenn erst die Opfer und dann die Brückenbauer zu sehen seien, erklärte Frindte.

Solange die Information über die tatsächlichen Ursachen ausbleibt, ist es für einschlägig interessierte Gruppen ein leichtes, Ursachen zu behaupten, die keine Ursachen sind, z.B.: „Es sind Terroristen, weil es Moslems sind“ und mit Agitation a la: „Moscheen sind die Kasernen des Terrorismus“ politisches Kapital für ihre „Ausländer Raus“-Agenda zu schlagen.

Einer der vernünftigeren Beiträge zum Thema findet sich vielmehr hier:

Im Artikel Grundkurs Islamismus beschreibt ein Journalist, wie er undercover eine salafistisch orientierte, aus Saudi-Arabien finanzierte Sprachschule besuchte, dort mit Antisemitismus und Hitlerverehrung konfrontiert wurde, ungültig konvertierte, und hiernach ohne Probleme einen Draht bis hin zu Terrorlegitimierenden Personen aufbauen konnte. Bevor er sich dann tatsächlich auf den ihm angebotenen Weg nach Pakistan machte, wo er „unterrichtet“ werden sollte, reiste er jedoch zurück nach Deutschland. Eine weise Entscheidung.

Nachtrag:

Zwei der unter letztgenanntem Artikel abgelegte Kommentare wurden von der Redaktion als „Empfehlung“ markiert.

Einer, der sich mit dem Artikel selbst befasst:

Ein sehr aufklärender Bericht. Er zeigt, wie leicht der Weg in den Extremismus sein kann – man muss nur glauben, was die als Autorität wahrgenommenen Leute sagen. Gerade in Richtung Salafismus konvertierte sind es oftmals, die einfachen, eindeutigen Vorgaben folgen. Trifft jemand daher auf solche, die eine religiöse Legitimation für Gewalt aus dem Ärmel zaubern, steht er am Scheideweg: Zieht man mit – oder lässt man sich als „vom Glauben abgefallener“ beschimpfen – und erträgt die massiven sozialen Nachteile, die daraus Folgen?

Der zweite Kommentar befasst sich mit dem Thema, was es eigentlich zu bedeuten hat, wenn Muslime sagen, dass der Terroristen keine Muslime sind.

Wenn Muslime sagen, dass Terroristen keine Muslime sind, dann bedeutet das ganz einfach: „Die sind vom Glauben abgefallen“

Letztlich ist dies also eine Art, den Terrorismus aus dem eigenen Verständnis des Islam heraus zu verurteilen. Dies wird oftmals fehlinterpretiert als „Beschwichtigung“. Das ist es aber nicht, sondern eine der schärfstmöglichen Arten der moralischen Verurteilung.

Natürlich glauben Terroristen dennoch, sie seien die einzig wahren Muslime, und alle anderen seien vom Glauben abgefallen.

Hier stellt sich dann aber schon eine gewichtige Frage: Wem gibt man Recht, und wessen Auffassung legitimiert man damit?

Was den Terrorismus angeht, ziehe ich gerne eine Analogie zum Rechtsextremismus. Rechtsextreme, eine im Verhältnis ähnlich kleine und ebenfalls gefährliche Minderheit, geben vor, das „wahre Deutschland“ zu vertreten, und legitimieren damit auch Gewalttaten. Die meisten Deutschen werden jedoch sagen: „Die Spinnen. Die vertreten Deutschland nicht.“ Obwohl Rechtsextreme tatsächlich innig davon überzeugt sind, Deutschland authentisch zu vertreten, tendiere ich doch eher dazu, die Auffassung als „richtig“ zu betrachten, dass dem nicht so ist.


8 responses to “Zur Terrorberichterstattung

  • Tweets that mention Zur Terrorberichterstattung « Kruppzeuch -- Topsy.com

    […] This post was mentioned on Twitter by Ute , NDM. NDM said: Zur Terrorberichterstattung « Kruppzeuch http://bit.ly/gkhrXM #salafismus #islamismus #terrorpanik […]

  • trueblue

    Interessiert das so ein A-loch wie Hans-Dietrich-Genscher, der seinen fetten Arsch von Talksofa zu Talksofa schiebt? Natürlich nicht.

    Aber Hans Dietrich Genscher ist ein Stück Scheisse.

    • Mimimimi

      Wenn bei PI solche Kommentare fallen wird von euch immer der Artikelschreiber verantwortlich gemacht.

      Mimimimi Doppelmoral mimimimi.

      Ich halte zwar Herres Pipis für ***********, aber inzwischen denke ich auch über die andere politische Seite der Bloggerszene so.

      Heuchler allesamt, ob rechts oder links!
      Ersauft doch in eurem Hass!

      • NDM

        Ich weiß noch nicht einmal, was er meint. Genscher hat hiermit überhaupt nichts zu tun.

        Bei PI sind die strittigsten Kommentare eher jene, die nach einem Volksaufstand rufen, Untergrundorganisationen fordern, usw.

  • bogo70

    Würde es diese Schule überhaupt noch geben, ohne all diese Konvertiten? Die Ägypter scheinen jedenfalls nicht sehr interessiert an diesem ganzen Übereifer der Religionswächter.

    »Das sind die Leute, die das Bild dieser Religion zerstören. Was mich am meisten ärgert, ist, dass die Eiferer so laut sind und der Rest der Welt denken muss, sie bilden die Mehrheit. Dabei sind sie nur ein winziger Teil.«Ich stimme ihm zu, ohne ihm zu erzählen, was ich in den letzten Wochen erlebt habe.
    An dieser Stelle wird nicht ganz deutlich, was der Autor damit sagen will, bezweifelt er, dass die Mehrheit anders denkt oder unterstellt er das die Mehrheit genauso denkt? Ich finde den Bericht bzw. den Aufenthalt in der Schule scon mutig und wichtig, dafür aber die Ausführung über scheinbar mehrere Wochen Aufenthalt viel zu kurz gefasst.

    • NDM

      Es fehlt noch, was davor stand:

      Ich rede mit Ali, dem Barkeeper. Er ist vielleicht 70 Jahre alt, ich kenne ihn noch vom Vorjahr. Er kommt von sich aus auf die fundamentalistischen Muslime in Ägypten zu sprechen.

      „Ich stimme ihm zu, ohne ihm zu erzählen, was ich in den letzten Wochen erlebt habe“ beschreibt sehr wahrscheinlich, dass er seinem alten Bekannten nicht verraten will, dass er auf dieser Schule zu lernt.

  • Radbruch

    Sind das in diesen Schulen eigentlich die Dschihadsalafisten, die Puristen oder die Politsalafisten ? Die gemäßigten Menschenrechtssalafisten und die Blumenkindersalafisten würde ich auf den ersten Blick jedenfalls eher ausschließen.

  • trueblue

    Nun ja, ich bin gegen Angst vor Terrorismus. Ich bin aber auch dagegen, dass so Säcke wie Genscher, Gerhart Baum usw. in Talkshows davon reden, wie toll sie gegen neoliberale Positionen (Terrorismus, Stärkung der Staatsgewalt, Krieg) eingestellt sind und selbtverliebt ihre „freiheitlichen Reden“ schwingen.

    Und die Leute (das Volk) klatscht auch noch wie Hampelmännchen zu jedem ihrer Sätze.

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