Der Vergleich

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Was wurde schon – auch in verächtlichem Ton – über den Vergleich zwischen Islamophobie und Antisemitismus[S.2] gestritten – es wurde aneinander vorbeigeredet, hysterisch wurde versucht, an der Reputation einzelner Protagonisten zu kratzen. Dies reichte bis hin zu einer “kleinen Eskalation” im deutschsprachigen Feuilleton, die auch tatsächlich zu einer Versachlichung führte(die wiederum streckenweise durch Sarrazin torpediert wurde). Sowohl die Grenzen von Vergleichsmöglichkeiten als auch tatsächlich vergleichbares wurde herausgearbeitet. Dennoch können sich auch viele derer, die ein Problem in antimuslimischen Ressentiments sehen, nicht mit dieser Betrachtungsweise anfreunden. Die Sorge: Allzu groß ist die Gefahr einer Gleichsetzung und damit einer indirekten Marginalisierung des Antisemitismus im allgemeinen bis hin zur indirekten Rechtfertigung der Shoa. Hierzu würde es tatsächlich reichen, Gemeinsamkeiten hervorzuheben und zugleich die Unterschiede auszublenden oder gar zu leugnen.

Dankenswerterweise hatte dies ein rechtsradikales Magazin schon sehr frühzeitig zu Ende gedacht, und diese Sorge somit bestätigt.

Hieraus kann man nur den einen Schluss ziehen, dass mit derartigen Vergleichen, bei allem Sinn, den sie ergeben, sehr umsichtig umzugehen ist. Die durch einen Vergleich beschreibbaren Unterschiede sind den Gemeinsamkeiten mindestens gleichrangig. Letztlich kann sich hierbei auch herausstellen, dass andere Feindfiguren, wie beispielsweise der Antiziganismus, Zuschreibungen enthalten, die viel gewichtigere Parallelen mit der Moslemfeindlichkeit aufweisen, die im Antisemitismus jedoch nicht vorkommen. Gleichsam gilt dies auch für andere Feindbilder. Der Punkt ist der, dass überhaupt verglichen wird, und Schlüsse aus der Historie gezogen werden.

Auf Welt-Online stellt daher ein Autor die These auf:

Islamophobie ist nicht das Gleiche wie Antisemitismus. Die Vorbehalte gegen Muslime erinnern eher an die Katholophobie, die es bis ins 20. Jahrhundert gab.

Er wirbt hierbei fernab von Unterstellungen “böser Absichten” für eine Vergleichende Betrachtung der Islamfeindlichkeit mit dem historischen Antikatholizismus. Den Vergleich mit dem Antisemitismus hält er nicht für hilfreich, denn:

Antisemiten glauben, dass Juden gleichzeitig erbärmlich und unglaublich mächtig sind, dass sie die Weltpresse kontrollieren, dass sie hinter dem Bolschewismus und dem Kapitalismus zugleich stecken(…)

Hier ist dennoch anzumerken, dass im moslemfeindlichen Kerndiskurs häufig ebenso Verachtung gegenüber einer imaginierten Presseverschwörung mitschwingt, mitsamt der Theorie, die Presselandschaft sei von den “Feinden” beherrscht, die eine “Umvolkungspropaganda” betrieben. Je nach politischer Ausrichtung sind es “Gutmenschen, 68er, K—Gruppen”(sagt Ulfkotte), oder eben “die Zionisten”(sagen Nazis). Aber es ist wirklich in der Tat so: niemand sagt, “die Moslems” steckten leitend hinter “der Presse”.

Weiter führt er aus:

(…)der laut zeternde Feind des Islam, der seinen Hass im Internet kundtut, glaubt nicht, die Muslime hätten mit List den Börsencrash des Jahres 2008 inszeniert, um sich zu bereichern. Solche besonders perfiden Gemeinheiten bleiben für die Kinder Israels reserviert.

Und das, Obwohl Schariabanken am stabilsten aus der Krise getreten sind, und vielfältig laut und positiv über dieses System nachgedacht wurde. Stoff für Verschwörungstheorien hätte es also durchaus gegeben. Eine solche Genialität und Boshaftigkeit traut der Moslemfeindliche Diskurs einer Kultur, die als “minderwertig” markiert wird, jedoch nicht zu. Während der Antisemitismus das Volk “von oben und von innen her” bedroht sieht, sieht die Moslemfeindlichkeit das Volk “von unten und von außen her” bedroht.

Hier ergeben sich dann tatsächlich interessante Parallelen zum angelsächsischen Antikatholizismus, von denen der Autor dann auch einige beschreibt. Ob diese Parallelen in sich schlüssig sind, ist offenbar ebenso umstritten. Es gibt Stimmen, die sich gegen jeden Vergleich aussprechen.

Es gibt zudem Stimmen, die sich für eine genauere Differenzierung des islamkritischen Milieus aussprechen. Islamkritik ist eben nicht gleich Islamkritik. Eine Verurteilung von Islamistischen Terroranschlägen durch autochtone deutsche Muslime kann schwerlich als Islamkritik oder gar “Islamophobie” bezeichnet werden. Vielmehr ist dies ein Ausdruck einer Verteidigung des Islam gegenüber extremistischen Tendenzen.

Generell ist es daher geboten, diskursive Elemente zu ordnen und unterschiedlich mit ihnen umzugehen, wie es Micha Brumlik in der Taz fordert. So gibt es:

1. feindselig verwendete „Realistische Behauptungen über Fremdgruppen“; 2. „Fremdenfeindliche Behauptungen, die ein sozial bedrohliches Verhalten sämtlichen ihrer Mitglieder einer Gruppe zurechnen, die aber nur auf dem Verhalten einer Minderheit dieser Gruppe basieren“, sowie 3. „Chimärische Behauptungen, die mit Gewissheit Charakteristika, die empirisch nie beobachtet wurden … einer Fremdgruppe und allen ihren Mitgliedern zuweisen.“

Es muss also genau hingesehen werden, ob in einer konkreten Argumentation Islamkritik, Islamfeindlichkeit oder Islamophobie vorliegt, was jedoch manchmal kaum möglich ist:

Es wäre bei Aussagen, die eventuell zu pauschal als „Islamophobie“ bezeichnet werden, im Einzelfall zu prüfen, ob es sich dabei um realistische Behauptungen, unzulässige Generalisierungen oder um wahnhafte Hirngespinste handelt. Terminologisch ließe sich dann zwischen „Islamkritik“, „Islamfeindlichkeit“ und „Islamophobie“ unterscheiden. Der Erfolg von Sarrazins Machwerk lässt sich dann aus seiner brisanten Mischung erklären, daraus, dass es neben der generalisierenden „Islamfeindlichkeit“ eben auch einige Elemente seriöser „Islamkritik“ enthält sowie – vor allem in den letzten Abschnitten des Buches unter dem Deckmantel der Satire – klinische Islamophobie verbreitet.

Es muss also darum gehen…

unterschiedliche Formen gruppenbezogener Menschenfeindschaft (…) daraufhin zu untersuchen, wie sich bei ihnen realistische Beobachtungen, unzulässige Generalisierungen und klinische Wahnvorstellungen mischen.

Dieser Ansatz ist für das gesamte Spektrum der Feindbilder sehr sinnvoll. Hierbei sind nicht allein die innerhalb der deutschen Gesellschaft existenten Feindbilder gemeint, sondern auch Feindbilder, die in anderen Ländern durch Mehrheiten gepflegt werden, z.B. die türkische Kurdenfeindlichkeit, die ägyptische Koptenfeindlichkeit, die niederländische Moffenfeindlichkeit, die Homophobie in Uganda, die protestantische Katholikenfeindlichkeit in den USA, und selbstverständlich auch der islamisch unterfütterte Antisemitismus.

Die Mischung aus Realismus, Feindschaftlich-generalisierender Unterstellung und Phobie ist jeweils eine völlig andere. In allen Fällen gilt es jedoch, die phobischen Zuschreibungen klar zurückzuweisen, Generalisierungen richtigzustellen und sich konstruktiv mit realistischer Kritik auseinanderzusetzen. Die komplexeste Aufgabe liegt dabei im Umgang mit Schriften, die alle drei Elemente vermischen. Es ist zu erwarten, dass die Zahl diesartiger Schriften zunehmen wird.

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7 responses to “Der Vergleich

  • Popperkarl

    Der Vergleich mit der Katholophobie trifft es am ehesten. Wobei es, wie du schon sagst, nicht immer klar ist, worauf sich die Ablehnung bezieht. Es gab im 19. Jh. eben keine militanten Katholisten, während man heute im Grunde alle zwei Tage was von Anschlägen extremistischer Fanatiker oder Todesurteilen wegen „Abfalls vom Islam“ u.ä. hört.

  • Tweets that mention Der Vergleich « Kruppzeuch -- Topsy.com

    […] This post was mentioned on Twitter by susanna. susanna said: RT @kruppzeuch: Der Vergleich « Kruppzeuch http://bit.ly/eDX1kW #antisemitismus #islamophobie […]

  • Glanzor

    Mit – zumindest der historischen deutschen – Katholikenfeindlichkeit lässt sich der heutige Islamhass meiner Meinung nach genau gut (oder schlecht) vergleichen wie mit Judenhass.
    Einerseits ist er wesentlich stärker rassistisch aufgeladen und ähnelt darin eher dem Antisemitismus, andererseits erinnert die ganze Geschichte mit dem „Geburtenjihad“ schon sehr stark an die damalige Katholikenhetze.

  • Markus

    Vielen Dank für diesen Post! Habe bislang sehr gute Erfahrungen mit dem Islam gemacht. Keine Spur von Phobie.

  • sibiuaner

    Konsequenzen und Radikalität unterscheiden sich – aber der strukturelle Kern des Problems bleibt bei den unterschiedlichen Beispielen gleich: Die Zuschreibung von Eigenschaften auf der Grundlage von Gruppenzugehörigkeiten. Da fängt alles an.

    • NDM

      Richtig. Daher ist der Austausch des Vergleichgegenstands auch so schnell gemacht. Das heißt nicht, dass eines dem anderen gleicht.

      Stein, der den Antikatholizismus als Vergleichsobjekt bevorzugt, wendet sich auch nicht unbedingt gegen einen Vergleich mit dem Antisemitismus. In Deutschland jedoch habe dies jedoch prinzipell ein völlig eigenes Gschmäckle. Diesen Einwand kann ich nachvollziehen.

      In vielerlei Hinsicht passt der Vergleich mit dem Antisemitismus ohnehin nicht.

      Sehr gut passt dieser Vergleich noch, wenn es um die individuell-religiöse Glaubenspraxis angeht. Schächten, Beschneidung, Schweinefleischverbot, Kopüftuch/Tichel/Schajtel, etc. gibt es in beiden Fällen.

      Was die kollektiv-politische Dimension angeht, passt der Vergleich mit dem Antikatholizismus besser.

      Und einige Zuschreibungen (Notorisch kriminell, immer arm, Parallelgesellschaft, etc.) sind eher dem Antiziganismus entlehnt.

      Eine solche Liste ließe sich sicher länger gestalten.

  • InitiativGruppe

    Prima Artikel. Der bringt die Diskussion weiter.

    In einem wichtigen Punkt hab ich eine andere Meinung. Ich denke wirklich, dass die Analogie zum Antisemitismus der Sache am nächsten kommt. Das wird sich zeigen, wenn sich die sozialen Krisen zuspitzen. Dann wird’s brutal werden. Nicht so harmlos wie in Holland oder Dänemark.

    Wir sind hier in Deutschland, da herrscht mehr „Konsequenz“ – da wird’s den Muslimen wirklich an den Kragen gehen. Nein, nicht in Form eines Holocaust. An sowas haben die Nazis auch erst im Rahmen des Weltkrieges gedacht.

    Es wird massiv ausgegrenzt, ghettoisiert und deportiert werden. Es wird zu zahlreichen Übergriffen kommen, die nicht mehr angemessen geahndet werden. Der Pöbel wird vor Wut rasen, Wut, die aus der sozialen Not kommt, bzw. aus der Angst davor, und die Politik wird sich dem unterwerfen. Der Pöbel wird außer Rand und Band geraten in seiner Hetze, so dass man als sich als Muslim nicht mehr zeigen kann.

    So leicht wie die Katholiken früher im protestantischen Raum werden die Muslime nicht wegkommen — wenn die große soziale Krise zuschlägt. Wenn!

    Das muss nicht so kommen, und wenn es kommt, dann kommt es nicht auf einen Schlag, sondern schrittweise. Das Sarrazinjahr war ein früher Schritt in diese fatale Richtung, noch einigermaßen harmlos. Aber das mulsimfeindliche Ressentiment sitzt jetzt fest in Millionen Gehirnen, darauf wird man aufbauen.

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