Die Jihad-Fatwa

Hier übergeht PI einiges durch fahrlässige Auslassung.

Zum einen bezieht sich PI auf die Jerusalem Post, verlinkt jedoch falsch. Hier der Link zum Artikel von Barry Rubin.

Es geht um eine Fatwa von einem “Dr. Imad Mustafa” der Al-Azhar-Universität in Kairo(nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen syrischen Botschafter in den USA), die sich mit dem Jihad beschäftigt, und zwar mit dem Jihad als Waffengang. Diese Fatwa ist kritisch zu betrachten, bei PI werden jedoch Fehlschlüsse gezogen.

Zum einen wird erklärt, Defensiver Jihad sei religiös legitimiert. “Kennen wir ja schon”, meint PI – völlig kritiklos. Und zwar deshalb, weil der PI-Beitrag an dieser Stelle im Kern nichts weiter ist, als eine schlechte Übersetzung von Rubins Artikel, wobei Rubin selbst nicht alles durchschaut.

Hier der entsprechende Teil der Fatwa in englischer Sprache:

Fighting against non-Muslims is what is known in Islamic jurisprudence as Jihad in the path of God. Jihad is a prescribed duty in cases of aggression from the infidels against Muslims, for we must resist them, make jihad against them, and defend against them. This is according to the text of the Qur’an, for Almighty God has said: „Fight in the way of Allah those who fight you but do not transgress. Indeed. Allah does not like transgressors“ (Qur’an 2:190). This type of jihad is known as defensive jihad, and it is a duty agreed to by all Islamic scholars and all who are wise, and is endorsed in our day by recognized international charters. However, the occupier and his associates have come to label this „terrorism.“

Es wird hier nicht von einer hypothetischen Situation gesprochen, und auch der große Bedeutungsumfang des Begriffs “Jihad” wird nicht geklärt. Es liegt wohl an der Fragestellung, denn es wird klar nach dem Kampf gegen Nichtmoslems gefragt. Es wird daher in der Fatwa konkret auf den gegenwärtigen Terrorismus (z.B. im Irak und in Afghanistan) Bezug genommen. Darüber hinaus wird sogar behauptet, dieser sei durch “Internationale Chartas” legitimiert, man solle sich nur nicht durch das Wort “Terrorismus” abschrecken lassen. Das ist, das muss man so deutlich sagen, krasser Bullshit. Es wird nicht ganz deutlich, aber hierbei wird wohl auch auf die UN-Charta und somit auch auf das humanitäre Völkerrecht Bezug genommen. Muss ja so sein. Dann sollte Herr Doktor Imad Mustafa die Charta jedoch mal lesen, wenn er sich schon darauf beruft. Dort steht beispielsweise eindeutig und für sämtliche UN-Mitgliedsstaaten verbindlich(Hervorhebung von mir):

Der Sicherheitsrat stellt fest, ob eine Bedrohung oder ein Bruch des Friedens oder eine Angriffshandlung vorliegt; er gibt Empfehlungen ab oder beschließt, welche Maßnahmen (…) zu treffen sind

Imad Mustafa redet hier zudem von „Besatzer”. Hier ergeben sich gleich mehrere Denkaussetzer. Im Irak beispielsweise, in dem der von ihm selbst angesprochene Terrorismus real stattfindet, existiert keine Besatzung(PDF in mehreren Sprachen). Aber auch die Behauptung, die vergangene Besatzung habe sich gegen Muslime oder gar gegen den Islam gerichtet, basiert auf einer Halluzination. Der UN-Sicherheitsrat, auf den sich sein Text indirekt bezieht, hat übrigens auch die Zusammenarbeit mit der ISAF in Afghanistan beschlossen. Ihre Anwesenheit steht international überhaupt nicht in Frage. Ebensowenig steht es international in Frage, ob die terroristischen Aktivitäten bekämpft werden müssen. Sie müssen.

Imad Mustafa argumentiert also nicht in Übereinstimmung mit internationalen Abkommen, wie er suggeriert, sondern klar dagegen. Sein Kerngedanke ist viel mehr der, Internationale Vereinbarungen und Übereinkünfte zu ignorieren.

Letztlich ist er also ein Schreibtischtäter unter den Extremisten. Ein Kriegstreiber, der sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Da verwundert es auch nicht, dass er im folgenden noch einen Schritt weiter geht, und einen “Präemptiven Jihad” für erwägenswert hält.

Hier liefert Rubin übrigens keine vollständige Übersetzung. Er liefert:

Two schools [of Islamic jurisprudence] have ruled that offensive jihad is permissible in order to secure Islam’s border, to extend God’s religion to people in cases where the governments do not allow it, such as the Pharaoh did with the children of Israel, and to remove every religion but Islam from the Arabian peninsula

Was fehlt, ist die Erläuterung. Es wird nämlich auf  “Recht des Jihad”(arab.: فقه الجهاد) von Yusuf al-Qaradawi verwiesen, in dem genau der Widerstreit zwischen zwei Gruppen(“Verteidiger” und “Präemptive”) erläutert wird, um den es in der Fatwa geht. Mir ist hier nicht deutlich, welche Position Imad Mustafa hier einnimmt, oder ob er lediglich die Unterschiede der widerstreitenden Parteien darstellt. Dennoch. Die Fatwa-Segnung des Widerstreits bedeutet zugleich, dass es Strömungen gibt, die die Sache mit der “Preemtiveness” ernst nehmen, und “in die Mitte gelassen” werden. Erst hieraus wird die gesamte Tragweite deutlich, denn es geht gleich beim ersten Punkt, den Rubin völlig übersieht, in einem Teilbereich speziell um Israel, und hier zeigt sich wiederum, dass der Widerstreit kleiner ist, als bei den anderen Teilbereichen.

Punkt 1: to secure Islam’s border

Hiermit ist gemeint, die Grenze zwischen einer islamisch dominierten und einer nichtislamisch dominierten Region abzusichern. Soweit einleuchtend. Islamischer Staat sichert die Grenzen zu einem nichtislamischen Staat ab. Die Bezeichnung “Grenze” ist in diesem Zusammenhang jedoch völlig losgelöst vom Begriff der Staatlichkeit oder ähnlichem zu betrachten, und das macht es gefährlich, denn es erhebt die gesamte Argumentation über das Völkerrecht, und lässt sie gleichermaßen regional wie global gelten. Die Gebiete, die er meint, können auch kleiner sein(z.B. ein Dorf) oder sich über Staatsgrenzen hinaus ausbreiten. Der Begriff “Grenze” ist eher durch eine Linie definiert, deren Überschreitung die Wahrscheinlichkeit einer Kampfhandlung von Seiten des nichtislamischen “Gegners” erhöht. Der Unterschied dieser Art des “offensiven Jihad” zum eingangs erwähnten “defensiven” ist zudem der, dass der Standpunkt dieser Jihadisten so gewählt sein soll, dass sich der “Gegner” – bereits durch diesen Aufenthalt – bedroht fühlt. Es geht also im Prinzip darum, sich “an feindlichen Linien” aufzuhalten, also um eine reine Machtdemonstration. Man könnte dies auch als “Offensive Grenzverteidigung” beschreiben. Nicht in der Fatwa zitiert, aber im Buch, auf das sie sich bezieht, spricht Qaradawi konkret von “Levant”(Er selbst schließt dabei Ägypten ein). Noch konkreter spricht er dabei von “Land Israa” (Siehe „Sure 17, damit ist noch konkreter Jerusalem gemeint). Qaradawi schreibt, es sei ein Akt, um Gott näher zu kommen, wenn man in dieser Umgebung siedelt. Dieser Jihad solle mit dem Mittel “Dominanz in Überzahl”, einer Art “Belagerung” stattfinden. Hierbei zitiert er einen Hadith(ich glaube diesen) und bezieht ihn auf Jerusalem. Die Worte “Israel” und “Jerusalem” verwendet er dabei nicht, sondern nur “Palästina” und “Al-Quds”. Allein das zeigt, mit welcher Konnotation dieser Teil der Fatwa kommt.

Punkt 2: to extend God’s religion to people in cases where the governments do not allow it, such as the Pharaoh did with the children of Israel

Hier fragt Rubin:

What does it mean about extending “God’s religion,” i.e., Islam? On the surface, “where the governments do not allow it” and the reference to Pharaoh seem to imply the complete prohibition of Islam.

Zunächst einmal die Referenz zum Pharao im Koran(Sure 26, Vers 29 bis 49). Ich zitiere von 45 bis 49:

Moses warf seinen Stock hin. Da wurde er zu einer Schlange, die alles verschlang, was sie täuschend bewerkstelligt hatten. Die Zauberer warfen sich auf der Stelle nieder. Sie sagten: „Wir glauben an den Herrn der Welten, den Herrn von Moses und Aaron.“ Da sprach Pharao: „Glaubt ihr an ihn, bevor ich es euch erlaube? Er ist euer Meister, der euch die Zauberei gelehrt hat. Ihr werdet erfahren, wie ich euch bestrafe. Ich werde euch Hände und Füße wechselseitig abhacken und euch alle kreuzigen lassen.“

Dies ist beispielhaft.

Es geht in diesem Teil der Fatwa um Situationen, in denen die Missionierung zum oder der Übertritt zum Islam unterbunden oder auch nur erschwert ist. Hierbei wird wieder Bezug auf Qaradawi und das genannte Buch genommen. Es geht hierbei darum, dass alles, was an der Missionierung zum Islam hindern könnte, beseitigt wird. Er meint hierbei nicht nur rechtliche Hürden, oder Hürden der Gewaltandrohung, sondern alle, auch geistige Hürden, die abzubauen seien.

Zugleich geht es darum, allen Bestrebungen, Moslems zu einer anderen Religion oder zum Atheismus zu bringen, vorzubeugen.

Hierbei nimmt Imad Mustafa zudem Bezug auf die Argumentation der “Präemptiven” mit Sure 8:39. Manche nehmen auch Bezug auf Sure 2:193. Hier zeigt sich nach Qaradawi wiederum ein gewichtiger Widerstreit im Bezug darauf, ob der Schwertvers ältere, friedliche Verse abrogiert, oder nicht.

Man könnte nun sagen: In Ländern, in denen der Staat nicht in die Religionsfreiheit eingreift, tangiert diese Thematik eh nicht. Das stimmt so nicht, denn wie der Anschlag auf die Kopten in Ägypten zeigt, lässt es dieser Denkansatz zu, dass jede Entität, die einen Übertritt zum Islam zu behindern oder rückgängig zu machen gesucht, ob Einzelpersonen, eine Familie, eine Gemeinde oder eine ganze Religionsgemeinschaft, durch Extremisten als Feind betrachtet werden kann.

Punkt 3: to remove every religion but Islam from the Arabian peninsula

Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Es geht hierbei darum, die arabische Halbinsel, die als “Heiliges Land des Islam” wahrgenommen wird, von nichtislamischen Einflüssen gereinigt wird bzw. bleibt, und alles möglichst “pur” gehalten wird. Das ist der Grund, warum dort der Wahhabismus zur Staatsreligion erklärt wurde und regelmäßig andersreligiöse ausgewiesen werden, sobald sie entsprechende Freiheiten einfordern.

So viel erstmal zum Detail. Korrekturen und Richtigstellungen, falls nötig, sind erwünscht.

Rubin weiter:

Mustafa says that two of Islam’s main schools have always endorsed offensive jihad, but I doubt if he would have made that argument ten or 20 years ago.

Of course, that doesn’t mean most Muslims will accept this new stance. But it does mean that radical groups now have mainstream support for their most extreme, aggressive behavior. Even if nobody repeats Mustafa’s statement publicly – if for no other reasons than it is bad public relations in the West – this idea will be more and more taken for granted. Presumably, Mustafa won’t be forced to retract this fatwa by his colleagues or Egypt’s government.


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