Ägypten: Muss man vor der Muslimbruderschaft Angst haben?

Ein Artikel auf Quantara sagt: Nein.
Hamed Abdel-Samad sagt: Nein.
Beate Seel sagt in der taz: Nein.
Günther Lachmann sagt in der WELT: Ja.
Gudrun Büscher sagt in derWesten: Nein.
Julia Gerlach sagt auf heute.de: Nein.
Daniel Steinvorth ist  auf SPON zurückhaltend kritisch.

Und so weiter. So sieht es nach dem ersten Überfliegen der Zeitungen aus.

In Jordanien hingegen sieht es ganz anders aus, hier hat sich die Muslimbruderschaft offenbar an die Spitze der Proteste gestellt, und stellt daher auch ihre Forderungen.


4 responses to “Ägypten: Muss man vor der Muslimbruderschaft Angst haben?

  • InitiativGruppe

    Und ich sag jein.

    1. Die Muslimbrüder geben sich nicht nur gemäßigt, sie sind überwiegend gemäßigt. Aber was heißt das für Ägypten? Eine Trennung von Staat und Religion haben sie wohl nicht im Sinn. Würden sie an der Regierung beteiligt sein oder die Regierung dominieren, würde es noch mehr religiöse Bevormundung geben als bisher. Ich erlaube mir diese Vermutung einfach als Schlussfolgerung aus der mangelhaften Trennung von Staat und Religion. Es wird also wenigstens ein bisschen theokratisch werden, wenn die Muslimbrüder tatsächlich die Regierung übernehmen würden.

    2. Werden sie? – Im Moment treten sie nur am Rande in Erscheinung. Sie überlassen die Revolution dem eher dem nicht unreligiösen, aber eher säkular orientierten urbanen Mittelstand. Wenn aber einmal frei und fair gewählt wird, dann wir das Dorf und die Kleinstadt mitwählen – das ist mindestens das halbe Ägypten. Mit den Stimmen aus den städtischen Slums die Mehrheit der Ägypter. Und die ist traditional religiös, sehr viel mehr als die urbane Mittelschicht. Es wird also eine sehr religiöse Mehrheit im Parlament geben. (Das setzt natürlich voraus, dass es überhaupt zu einigermaßen fairen und freien Wahlen kommt. Da hab ich auch Zweifel. Siehe 6.)

    3. Wie weit werden die Muslimbrüder gehen? – Ich weiß es nicht. Vielleicht bleiben sie moderat. Aber es gibt auch so etwas wie eine Revolutionsdynamik. Davon scheinen die Kommentatoren heute mal wieder nichts zu wissen. Druck von innen und außen, die Gefahr der Konterrevolution pflegt Revolutionen zu radikalisieren. Männer kommen an die Spitze, die einen schärferen Kurs befürworten … Muss ich die Revolutionen seit 1789 alle aufzählen, in denen das Phänomen zu beobachten ist?

    4. Also bin ich gegen die Revolution? – Im Gegenteil. Mich schreckt die Gefahr nicht – denn wir entgehen ihr ohnehin nicht. Wenn die Revolution jetzt abgewürgt wird (wofür einiges spricht), kommt sie wieder, und radikaler, heftiger, als sie jetzt wäre. Ägypten wird den Weg einer zunächst einmal wenigstens halb-theokratischen Staatsform gehen müssen. Einfach deshalb, weil dies – meines Wissens (das unzureichend sein mag) – einer Mehrheit des Volkes entspricht.

    5. Und das Militär? – Gute Frage. Das Militär wird seine perversen Privilegien mit Zähnen und Klauen verteidigen. Das wird jede Regierung erst einmal respektieren müssen. Aber nach ein paar Jahren, wenn sie die Regierung mit Volkes Willen etabliert hat, wird sie den Versuch machen müssen, den Staat im Staate zu bändigen. Dann wird’s kritisch. Siehe 3.

    6. Und wie geht es kurzfristig aus? – Ich bin mir nicht sicher. Aber ich vermute, dass sich erst einmal das Militär durchsetzen wird. Das heißt: Das Regime lebt – marginal den Kurs korrigierend und ohne Mubarak und die zivilen Kleptokraten – weiter und versucht, die Wahlen einigermaßen zu manipulieren, damit niemand die Privilegien des Militärs antastet. Das wäre dann nur ein Viertel-Sieg für die Rebellen. Die werden sich in diejenigen spalten, die mehr wollen, und diejenigen, die sich realistisch sagen, mehr ist im Moment nicht möglich. Die Sicherheitskräfte werden einige tausend „Rädelsführer“ verhaften, foltern, einen Teil umbringen – gleichzeitig so tun, als ob man nun ganz im Sinne des Volkes freie Wahlen vorbereite … — Klar, ich spekuliere. Über solche Nuancen kann man natürlich keine verlässlichen Voraussagen machen. Ich möchte eigentlich nur andeuten, dass es meiner Erwartung entsprechend überaus unbefriedigend weiter gehen wird, und dass vorerst auch kein Zustand der Stabilität erreicht wird. Irgendwann zündet aber die zweite Stufe der Revolutions-Rakete. Vielleicht gibt’s aber auch einen neuen Militärdiktator, Pharao „Nasser“ IV.

  • InitiativGruppe

    Ich lese, was ich geschrieben habe, leider immer erst hinterher. Drum Korrektur bei 2:
    Sie überlassen die Revolution dem ___ nicht unreligiösen, aber eher säkular orientierten urbanen Mittelstand.

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