Anpassen? Warum eigentlich?

Ich beginne mit dem Kern. Ein großes Problem ist die Definition des Begriffs “Deutsch” oder bereits des Begriffs “Volk”.

Im Französischen gibt es keinen äquivalenten Begriff zu “Volk”. Dort sagt man “Peuple”, was mit “Gesamtheit aller Bürger” oder “Population” übersetzt werden kann. Ethnische oder Herkunftskategorien sind damit nicht verbunden. Der Deutsche Begriff “Volk” ist hingegen stark ethnisch geprägt, und ist immer noch in der Gesetzgebung und am Schriftzug des Reichstags in Berlin zu finden. Sogar im Grundgesetz wird noch zwischen deutscher Staatsangehörigkeit und “deutscher Volkszugehörigkeit” (Art. 116 GG) unterschieden. Der Begriff “Deutsch” basiert also historisch bedingt auf völkischen Definitionen. In vielen Bereichen der Presse und Literatur spiegelt sich das noch immer wider, und deshalb haben es viele Menschen, gerade belesene Menschen, besonders schwer, Einbürgerungen zu akzeptieren.

Man mache selbst mal einen Test mit beliebigen Personen. Zeige dieser Person drei Menschen: Einer der Menschen ist in Polen geboren, einer ist in Kroatien und einer in Spanien geboren. Alle drei haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Sag deiner Versuchsperson, sie solle herausfinden, wie viele der drei Personen Deutsche sind. Die meisten werden leider nicht auf die Idee kommen, einfach nach dem Ausweis zu fragen, sondern prüfen die Hautfarbe, die Behaarung, den Dialekt, usw.

Natürlich sind sich die meisten Menschen nicht bewusst, dass sie mit diesem Deutschbegriff einem völkisch-ideologischen Gedankenkonstrukt des 19. Jahrhunderts aufgesessen sind, das im Kern auf Ausgrenzung und Rassismus beruht, und es somit sie selbst sind, die mit ihrem Denken und Verhalten einer Einbindung/Integration/Akzeptanz im Wege stehen. Sie sind sich dem nicht bewusst, aber es ist so.

Wortbedeutungen haben einen sehr starken Einfluss auf das Denken der Menschen und können bereits ganz allein dazu führen, dass ein kaum integrierter Russe, der in Dresden einen Mord begangen hatte, eher als “zugehörig” oder “integriert” empfunden wird, als sein Opfer aus Ägypten, das nun wirklich sämtliche in der Öffentlichkeit kommunizierten Integrationsforderungen erfüllte. Denn er ist Spätaussiedler.

An diesem Wikipediaartikel kann man ablesen, wie schwerwiegend dieses Thema ist, und weshalb es das gegenwärtige Konstrukt “Deutsch” selbst ist, das es für Einwanderer praktisch unmöglich macht oder zumindest massiv erschwert, dazuzugehören, wenn man die “Abstammungskriterien” nicht erfüllt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche

Wie man an diesem Wiki-Eintrag sieht, lauert immer irgendeine “Deutsch”-Definition hinter der nächsten Ecke, in die man wieder nicht hineingelassen wird.

Daran kann man sicherlich rütteln, indem man die Begrifflichkeit “Deutsch sein” sprachlich und Inhaltlich eben ganz selbstverständlich so verwendet, wie es dem “Amerikanisch sein”, “Kanadisch sein” oder “Mensch sein” entspricht, und sich entschiedener und empörter gegen fremdmarkierendes und ausgrenzendes Vokabular wehrt, als bisher.

Das muss sich jedoch auch in der Mehrheit durchsetzen. Nur versuch mal einem über 60-jährigen klarzumachen, dass ein vermeintlicher “Deutscher mit Migrationshintergrund” überhaupt keinen Migrationshintergrund hat, sondern Deutscher ist, ohne Abzug und ohne Zusatz! Ich hatte mich in meiner Stadt kurzzeitig in einem SPD-nahen Verein umgeschaut, der gegen Rechtspopulismus und Nazis mobilisiert. Der Vorsitzende, eben ein solcher Ü60-Typ meinte in einem Gespräch(sinngemäß): “Gegen die Rechtspopulisten und Faschisten muss man was machen, machen wir ja auch. Aber die Türken haben sich hier trotzdem uns anzupassen und nicht andersrum!”

Wenn man derartige Fremdmarkierungen annimmt, und sich nicht prinzipiell dagegen erwehrt, kommen zudem die unmöglichsten Anpassungsforderungen. Aber wann ist man so angepasst, dass andere überhaupt nicht mehr auf die Idee kommen, zu sagen, man sei kein Deutscher? Diejenigen, die sich diesbezüglich keinem Defizit bewusst sind, erleben jeden Tag aufs Neue: Diese Forderung hört nie auf. Der Fordernde ist hier das Problem. Daher ist es ausschließlich das eigene Gewissen, das sagen kann, wann man selbst seine “Hausaufgaben” erledigt hat, und man sich nichts mehr sagen lassen muss.

Niemand muss sich in einem freien Land an irgendwen anpassen.


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