Ein paar Auszüge aus der neuen FES-Studie

Mindestens ebenso interessant wie einzelne Zahlen der Studie “Die Abwertung der Anderen – Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung” sind die Erläuterungen. Hier also ein paar Auszüge(Einschübe und Kürzungen sind kursiv gekennzeichnet).

Erstmal der Link zur Studierie(PDF)

Auf Seite 26 findet sich ein interessanter Kasten zur Wahrnehmung von Diskriminierung. Je nach individueller Ausgangsposition kann es sein, dass Diskriminierung stärker oder schwächer wahrgenommen wird, als es der objektiven Messung entspricht.

Jedoch ist der subjektive Anteil nicht von objektiven Fakten zu trennen. Beide Facetten sind relevant. Beispielsweise kann die persönliche Betroffenheit dazu führen, das eigentliche Ausmaß an Diskriminierung zu überschätzen. Oder umgekehrt kann mangelnde Aufmerksamkeit, geringes Interesse und Gewöhnung dazu führen, vorhandene Diskriminierung zu übersehen oder nicht als solche zu erkennen. (…) Wenn bestimmte Diskriminierungen, wie die von Frauen und Homosexuellen, so tief in unserer Gesellschaft verankert sind, dass sie sich in Gesetzen niederschlagen – zum Beispiel das Privileg der Ehe für heterosexuelle Beziehungen –, erkennen eventuell viele diese gar nicht als solche und verstehen sie als Teil unserer Kultur.

Ab Seite 35 geht es um offene und versteckte Vorurteile. Hier noch ein Auszug von Seite 36:

In den letzten Jahrzehnten haben sich in Europa jedoch starke soziale Normen der Toleranz und des Antirassismus verbreitet, welche die offene Äußerung von Vorurteilen zunehmend hemmen. (…) Zudem lassen sich dabei deutliche Unterschiede in Bezug auf die Adressatengruppen beobachten: Was gegenüber der einen Gruppe nicht laut gesagt werden darf, wird gegenüber einer anderen Gruppe gesellschaftlich (noch) als akzeptiert wahrgenommen.

Doch auch wenn soziale Normen der Toleranz von vielen Menschen geteilt werden, bleiben oft negative Emotionen gegenüber bestimmten Gruppen bestehen. (…) So können beispielsweise selbst Personen, die den Antisemitismus eigentlich zurückweisen, dennoch
latente Vorbehalte gegenüber Juden/Jüdinnen haben, weil sie in  ihrer Kindheit von antisemitischen Einstellungen ihrer Umgebung geprägt wurden.

Moderne Vorurteile, welche die öffentliche Norm unterlaufen, entwickeln sich insbesondere dann, wenn traditionelle Vorurteile geächtet oder gehemmt sind (Zick 1997). Sie beinhalten eher subtil versteckte Formen der Abwertungen, die nicht so einfach als Abwertungen erkennbar sind, und/oder werden über Umwege kommuniziert.(…)

Aus Seite 37:

Vorurteile können sowohl bewusst und kontrolliert geäußert werden, als auch unbewusst und nahezu automatisch Einfluss nehmen, ohne dass sich die Akteur/innen darüber im Klaren sind.

(…)

Es gilt sich bewusst zu machen, dass auch diese unwillentlichen und gedankenlosen Vorurteile mit negativen Konsequenzen für die Opfer verbunden sind. Gleiches gilt für die Vorurteile, die mehr oder weniger direkt in Mediendarstellungen und -berichten symbolisch kommuniziert werden, etwa Bilder gewaltbereiter muslimischer Jugendlicher oder rücksichtsloser israelischer Soldaten.

Zu den sozialen Funktionen von Vorurteilen(Wird ab Seite 37 genauer erläutert):

Sie…

  1. …schaffen ein ‚Wir‘-Gefühl.
  2. …dienen der Selbstwerterhaltung und –steigerung
  3. …bieten Kontrolle, sie legitimieren Hierarchien
  4. …bieten ‚Wissen‘ und ‚Orientierung‘
  5. …zeigen an, wem vertraut werden kann und wem nicht

Ab Seite 39 geht es um die Folgen des Vorurteils – die Diskriminierung:

Aus der Einstellungsforschung ist bekannt, dass Einstellungen zu Handlungen führen können. Dies gilt auch für Vorurteile. (…) Sind die Umstände günstig, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie(die Person) ihre Einstellungen in die Tat umsetzt. Das wird vor allem in der sogenannten Hasskriminalität (hate crime) deutlich. Dann werden Adressat/innen von Vorurteilen zum Opfer von Gewalt, allein weil sie als Mitglieder einer als ,fremd‘ definierten Gruppe identifiziert werden(…)

Im folgenden geht es um unmittelbare Diskriminierung und ihre Verschränkung mit struktureller Diskriminierung. Seite 41:

Vorurteile bieten nicht nur die Grundlage für späteres Handeln, sondern begünstigen Diskriminierung, Ausgrenzung oder sogar Gewalt, indem sie Rechtfertigungen anbieten (Sidanius & Pratto, 1999). Sie liefern Gründe für vorhandene Ungleichwertigkeiten. Vorurteile verweisen etwa auf eine ‚natürliche Ordnung‘ beziehungsweise auf vermeintliche biologische Unterschiede oder ‚typische‘ Charaktereigenschaften, die bestimmte Gruppen für über- oder untergeordnete Positionen auf der sozialen Leiter empfehlen.

Es wird zudem deutlich gemacht, dass sich rechtsextreme Gewalt positiv auf gesellschaftlich verbreitete Vorurteile beruft. Als Gegencheck: Kaum ein Rechtsextremer in Deutschland würde heute noch auf die Idee kommen, Gewalt gegen einen Holländer auszuüben, weil es ein Holländer ist. Kommt jedoch z.B. eine der gesellschaftlich Vorurteilsbeladenen Kategorien “Muslim”, “Nicht-weiß” o.Ä. hinzu, sieht es etwas anders aus.

Ab Seite 44 werden Unterschiedliche Vorurteile genauer beschrieben.

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An dieser Stelle ist wohl blogspezifisch die Definition der Islamfeindlichkeit interessant, daher ein Vollzitat mit eigener Hervorhebung.

Die Islamfeindlichkeit richtet sich gegen Menschen muslimischen Glaubens oder ganz allgemein gegen den Islam, unabhängig davon, inwieweit die betroffenen religiös sind oder welcher spezifischen islamischen Glaubensrichtung sie angehören. Treffender wäre eigentlich der Begriff der Muslimenfeindlichkeit, der sich aber bisher noch nicht durchgesetzt hat, da es hier nicht um die Ablehnung einer Glaubensrichtung geht, sondern um die Abwertung von Menschen, die dieser Glaubensrichtung zugeordnet werden. In etlichen europäischen Ländern, in die viele Zuwanderer/innen aus muslimischen Ländern einwandern, scheint die Tendenz zu bestehen, Einwanderer/innen mit Muslim/innen nahezu gleichzusetzen und umgekehrt alle Muslim/innen als Einwanderer/innen wahrzunehmen, ungeachtet ihres Geburtsortes oder ihrer Staatsangehörigkeit. Ähnlich wie Juden/Jüdinnen werden auch Muslim/innen häufig nicht als integraler Bestandteil der einheimischen Mehrheitsgesellschaft betrachtet, sondern als ,Fremde‘. Die Islamfeindlichkeit bedient sich der Abwertung des Islams, um Muslim/innen abzuwerten, weil sie Muslim/innen sind.

Der Antisemitismus wird in dieser Studie der amerikanischen Forschung nachkommend als soziales Vorurteil betrachtet. Die umfassendere Definition, die vor allem von europäischen Autoren betont wird(also Antiamerikanismus, Antikapitalismus, Antimodernismus usw. einbeziehend) findet hier keine Anwendung.

Im Nachfolgenden Kapitel wird die Methode der Datenerhebung erläutert. Hier nur der Kasten “Methodenkritik”(Seite 54):

Aus repräsentativen Befragungen lassen sich nützliche und wichtige Informationen sowohl für die wissenschaftliche Analyse als auch für gesellschaftliches und politisches Handeln gewinnen. Dennoch stößt diese Methode auch an Grenzen: Durch quantitative Befragungen können wir Häufigkeiten und Mittelwerte sowie Erkenntnisse über Zusammenhänge und Prädiktoren erfahren, sie gewähren uns allerdings keine Einblicke in die Gedanken, Gefühle und Erfahrungen von Einzelpersonen. Sie geben uns einen Überblick über die durchschnittliche Ausprägung bestimmter Vorurteile und Einstellungen, von der sich im Einzelfall jedoch individuelle Abweichungen ergeben können.

Nun zu einigen Zahlen.

Interessant wird es im Kapitel 5: “Ideologische Konfigurationen” ab Seite 77, in dem die Zusammenhänge der einzelnen Vorurteilsformen untersucht werden.

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Was die Zahlen bedeuten, wird auf Seite 78 erklärt:

Ein Zusammenhang drückt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit aus, mit der eine Person nicht nur einem Konstrukt (hier einem Vorurteil), sondern zugleich auch einem anderen Konstrukt zustimmt, beziehungsweise beide ablehnt. Dieser Zusammenhang wird mithilfe von Korrelationen ermittelt. Ein Korrelationskoeffizient r kann Werte von -1 (perfekter negativer Zusammenhang) bis +1 (perfekter positiver Zusammenhang) annehmen. Ein Wert von 0 bedeutet, dass kein Zusammenhang besteht. Korrelationen bis r = .3 gelten als eher schwach; das heißt, recht viele Befragte stimmen nur dem einen Konstrukt zu, ohne zugleich dem anderen zuzustimmen. Eine Korrelation von r = .3 bis r = .5 verweist auf einen moderaten Zusammenhang. Eine Korrelation von r > .5 gilt als hoher Zusammenhang; das heißt, viele Befragte stimmen zugleich beiden Konstrukten zu, beziehungsweise lehnen beide ab. Das Signifikanzniveau zeigt die Wahrscheinlichkeit an, inwieweit der ermittelte Zusammenhang tatsächlich gilt oder es sich um ein zufälliges Ergebnis handelt (siehe Glossar).

Kurzum: Islamfeindlichkeit korelliert stark mit Fremdenfeindlichkeit, durchaus aber auch mit dem Antisemitismus. Auf europäischer Ebene. Allein Deutschland betrachtet, stellt es sich anders dar. Diese Tabelle findet sich in etwas unübersichtlicher Form auf Seite 82f. Ich gestalte sie einmal um:

  Fremdenfeindlichkeit Antisemitismus Rassismus Islamfeindlichkeit Sexismus Homophobie
Fremdenfeindlichkeit 1 .49 .41 .55 .35 .26
Antisemitismus .49 1 .30 .40 .33 .23
Rassismus .41 .30 1 .33 .38 .22
Islamfeindlichkeit .55 .40 .33 1 .23 .24
Sexismus .35 .33 .38 .23 1 .35
Homophobie .26 .23 .22 .24 .35 1

In Deutschland hängt die Islamfeindlichkeit also auffallend stark mit der Fremdenfeindlichkeit(0.55) zusammen, Moderat mit dem Antisemitismus(0.40), und dem Rassismus(0.33). Ein Zusammenhang mit dem Sexismus(0.23) und der Homophobie(0.24) ist weniger stark ausgeprägt, jedoch ebenfalls bedeutend.

Sehr interessant sind übrigens die Aussagen zur Integration und Assimilation.

Zitat von Seite 124:

Eine sehr große Mehrheit der europäischen Befragten spricht sich für die Integration von Zuwanderer/innen aus. Sie finden, dass Zuwanderer/innen ihre eigene Kultur beibehalten und zugleich die neue Landeskultur übernehmen sollten. (…)

Insgesamt deutlich weniger europäische Befragte fordern, dass Zuwanderer/innen sich assimilieren, also ihre ursprüngliche Kultur zugunsten der jeweiligen Landeskultur aufgeben. (…)

Überraschend viele Befragte fordern Separation ein. In Deutschland, Italien und Portugal akzeptiert rund ein Drittel der Befragten, dass Zuwanderer/innen ihre ursprüngliche Kultur beibehalten, lehnen es aber zugleich ab, dass sie ihre ursprüngliche Kultur mit der des Aufnahmelandes vermischen.(…)

Insgesamt vertreten 41 Prozent der Befragten ein reines Integrationskonzept, ohne zugleich Assimilation oder Separation zu fordern. (…)

So. Das war nun ein kleiner, selektiver Ausschnitt aus der gesamten Studie. Es finden sich noch sehr viele weitere interessante Aspekte in der Studie, von denen viele auf ihren Korrelation zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hin untersucht werden.


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