Libyen nach dem Abgang Gaddafis

Die Farbe der Nationalflagge Libyens war grün, die Nationalhymne hieß “Allahu Akhbar”. Dennoch hatte die Religion unter Ghadafi keine herausragende Bedeutung, allenfalls eine funktionale und plakative. Daher glauben so einige, das Land werde Islamistisch werden, sobald die harte Hand Gadhafis nicht AlQaida und andere Gewaltorientierte Gruppen klein hält.

Voraussagen lässt sich diesbezüglich jedoch nur wenig. Man kann aber vielleicht einen Blick darauf werfen, welche Rolle der Islam vor Gadhafi hatte. Ein interessanter Artikel hierzu von Gudrun Harrer findet sich beim Standard.

Kurzer Anriss:


Der Osten Libyens ist „islamischer“ als der Westen, und ebenfalls im Osten hat der Gedanke an die libysche Monarchie – und ihre mögliche Restauration – überlebt. Beides, Islam und Monarchie, gehört in der libyschen Geschichte zusammen: König Idris, der 1969 von Muammar al-Gaddafi gestürzt wurde, war gleichzeitig Oberhaupt der Sanusiya, eines mystischen Ordens. Oder eher umgekehrt: Als Ordensoberhaupt der Sanusiya wurde Idris libyscher König. Die Sanusiya ist ein Sufi-Orden, der anders als andere Sufi-Orden die islamische Religion nicht transzendiert (und dabei manchmal gegen das festgelegte Recht verstößt).

Das Königreich, auf das sich die Rebellen Libyens beziehen, existierte gewissermaßen also “von Gottes Gnaden”, und das dem damaligen Staat zugrundeliegende Menschenbild leitete sich aus der Koran-Lesart dieses Sufi-Ordens ab. Dies führte laut Johannes Reissner zu einer Nationalisierung Libyens, unter Einbezug von Religion.

Besonders an der Sanusiya ist zweierlei: Dessen Religionsauffassung ist, zum einen, im Gegensatz zu anderen Sufi-Orden diesseitsorientiert und somit gewissermaßen eine politische Partei, dabei jedoch in einer anderen Weise, als die bekannten orthodoxen politischen Strömungen. Hierzu die letzten Zwei Absätze des verlinkten Artikels:

Was an der Sanusiya interessant ist – und warum ihr viele trotz ihrer ursprünglichen Strenge großes Entwicklungspotenzial zusprechen – ist, dass sie anders als der Mainstream-Islam auf das Recht auf eigene Interpretation der islamischen Rechtsquellen, Koran und Überlieferungen (Sunna), pocht: der Ijtihad. Und das ist ja auch eine Forderung moderner islamischen Strömungen. Der „Taqlid“ – die blinde Übernahme von bereits existierenden Rechtsmeinungen – ist in diesen Schulen geradezu verpönt. In der libyschen Monarchie war der Islam zwar Staatsreligion, seine Gültigkeit blieb aber im Wesentlichen auf das Familienrecht beschränkt, das heißt Libyen war ein sehr islamisch geprägter, aber kein islamischer Staat in politischem Sinn.

 

Darum setzten die modernen Islamisten – trotz der religiösen Legitimation des Königshauses – ja auf die Gaddafi-Revolution 1969 große Hoffnungen. Der kreierte dann zwar einen Staat mit viel strengeren islamischen Regeln (auch die Körperstrafen wurden wieder eingeführt), machte mit dem Islam aber eigentlich, was er wollte – einmal verstieg er sich sogar, den Koran verändert zu zitieren. Er hatte bald von Saudi-Arabien über die Orthodoxie in Al-Azhar bis zu den Islamisten alle gegen sich. Fortsetzung folgt.

Es bleibt also abzuwarten, ob Islamisten in Zukunft einen nennenswerten politischen Einfluss aufbauen können. Einen monarchischen Staat alter Facon werden Libyer vermutlich eher nicht anstreben – eher eine Form dessen, was das Gadhafi-Regime behauptete zu sein: Eine Demokratie – mit Freiheiten und Menschenrechten. Das ist für politische Islamisten sicher das kleinere Übel, denn darauf kann man zumindest aufsatteln um zu “reformieren”. Der größte Knackpunkt wird hier wohl die Würdigung der Menschenrechte in einer endgültigen Verfassung sein, aber auch die üblichen Mobilisierungsthemen, etwa “der Böse Westen”. Angesichts der Rolle der NATO in den letzten sechs Monaten dürfte es ihnen beispielsweise sehr schwer bis unmöglich fallen, mit antiwestlichem Populismus Ressentiments zu schüren und sie für sich zu nutzen. Entsprechende Propaganda hatten viele Libyer schon haufenweise im Staatsfernsehen vernommen.

In arabischen Ländern gibt es den neu hinzugekommenen Eindruck, dass westliche Staaten und Gesellschaften nicht das sind, was notorische Westenhasser stets weiszumachen versuchen. Jan Roß schreibt hierzu in der ZEIT:

Viele haben gefürchtet, dass die Unterstützung der Nato die Gadhafi-Gegner unglaubwürdig machen und zu Lakaien des Westens stempeln würde. Davon kann keine Rede sein. Niemand hat den Libyern ihre Revolution gestohlen. Sie sind (mitsamt dem bisweilen entnervenden Chaos im »Übergangsrat« in Bengasi) Herren ihres eigenen Schicksals geblieben. Wenn sie eines Tages in einem besseren Libyen leben, werden sie sich der fremden Hilfe dankbar erinnern, aber frei von fremder Bevormundung sein.

(…)

Dass die Amerikaner und ihre europäischen Verbündeten »Krieg gegen Muslime« führen, ist der stärkste, verbreitetste Vorwurf in der islamischen Welt gegen die westliche, so ungerecht das auch als Urteil über die Feldzüge in Afghanistan und selbst im Irak sein mag. In Libyen jedoch hat sich die Nato unzweifelhaft für ein muslimisches Volk geschlagen, und materielle Interessen spielten dabei keine Rolle: Öl konnte man auch von Gadhafi immer kaufen.

Die seit etlichen Jahren kursierende Verschwörungstheorie mit dem Öl hält sich leider noch immer.

Ein übriggebliebener Groll gegenüber den Westen bezieht sich nach dem Sturz Gadhafis also allenfalls auf einzelne Staaten wie die Türkei oder Deutschland, da diese zunächst zögerten(aber irgendwann doch noch halbwegs die Kurve kriegten).

Nun wenden sich die Augen vieler, nachdem das Thema Gadhafi nun praktisch erledigt ist, und sich die Libysche Bevölkerung nach dem ersten Siegestaumel an die Wiederherstellung der Basisversorgung und die Neuschaffung staatlicher und politischer Strukturen machen wird, wieder auf Syrien.

Assad geht dort ebenfalls skrupellos gegen die Bevölkerung im Land vor(>2200 Tote seit März), hier ist die politische Situation jedoch eine etwas andere: Das Regime zählt zu den Aktivposten des antizionistischen Blocks der Region und genießt daher viele Sympathien insbesondere bei Hamas, Hisbollah und dem Iranischen Regime. Es ist politisch auch nicht dermaßen isoliert, wie es das Libysche Regime war. Zudem versucht Russland schon seit langem, seine Bedeutung in der Region auszubauen, mit den Zwei Standfüßen “Syrien” und “Iran”. Stimmen aus der Bevölkerung nach einer Form der Intervention durch die Internationale Gemeinschaft werden daher vermutlich verhallen oder spätestens an einem Veto Russlands oder Chinas scheitern. Die Lage im direkten Umland Syriens ist dabei zusätzlich etwas komplexer als in Libyen.


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