Archiv der Kategorie: Integration

Sehenswert: Serdar Somuncu bei Lanz

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Ist Integration vollbracht?

Viele fragen sich aufgrund der Undefiniertheit und damit Beliebigkeit des Begriffes “Integration”, was damit eigentlich gemeint ist. Man kann es kurz fassen: Alles und nichts.

Letztlich wird überall, wo dieser Begriff auftaucht, nur darüber diskutiert, was denn mit dem Begriff “Integration” gemeint sei, wie man ihn definiert, wer “integriert” ist, und wer nicht, usw., und zwar seitdem dieser Begriff in der Welt ist, und so lange er in der Welt ist. An diesen Diskussionen erfährt man immer wieder, dass es darüber keine Einigkeit gibt. Einfach deshalb, weil “Integration” ein zutiefst emotionaler, jedoch inhaltlich leerer Begriff ist, den jeder Mensch mit seinen persönlichen Wunschvorstellungen füllt. Entsprechend kontrovers verlaufen dann sämtliche Diskussionen um diesen Begriff.

1. Für manche ist Integration, dass ein Mensch die geltenden Gesetze™ achtet, und sich an sie hält. Nur: Wäre dann die politische Betätigung in einer Partei, die ja immer auch darauf abzielt, geltende Gesetze zu ändern, ein Zeichen für unterschwellige Unintegiertheit? Wohl nicht. Auftauchende Kritik an dem einen oder anderen Gesetz ist ein wesentliches Merkmal der demokratischen Gesellschaft. Ebenso ist Kriminalität ein bereits bekanntes Merkmal der Gesellschaft, wenn auch ein unschönes. Integration kann in der realen Praxis eben auch bedeuten, dass Mehmet und Stefan gemeinschaftlich ein Ladendiebstahl-Abenteuer begehen. Da sind gleiche Maßstäbe anzulegen. Wer hier also einen Stefan nicht als “unintegriert” bezeichnet, sollte es auch bei einem Mehmet oder Thijs unterlassen.

2. Für andere ist “Integration”, dass man sich in seinem Verhalten an den Gepflogenheiten der Mehrheit™ orientieren soll. Demnach sind z.B. Punks unintegriert. Gesichtstätowierte, Männerrocktragende Geeks, die sich vegan ernähren und der Hausbesetzerszene angehören, sind es sowieso. Das gleiche gilt in NRW für Fans von Jodelgesängen, Lederhosen und Weizenbier, speziell in Düsseldorf für Kölschtrinker. Wenn “Integration” wirklich hieße, man dürfe in der Masse nicht auffallen, dann würden unheimlich viele Menschen als unintegriert gelten. Das ist es also auch nicht, worum es gehen kann.

3. Für manche ist die offensive “Identifikation mit Deutschland™” die maßgebliche Messgröße für “Integration”. Sprachkenntnisse, Rechtschaffenheit und Bildungsstand werden völlig unwichtig, wenn der schwarz-rot-goldene Joker gespielt wird, wenn man sich also zwecks kollektiver Identifikation einem “gemeinsamen Banner” unterordnet. Ist das Fähnchen jedoch einmal nicht zu sehen, dann greifen wieder alle anderen “Erfordernisse” für den Stempel “Integriert”. Fähnchenschwenken integriert also nicht.

4. Für manche bedeutet “Integration” schlicht, die Deutsche Sprache™ zu beherrschen, wobei hier bereits differenzierte Forderungen gestellt werden. Für die einen ist man integriert, wenn man sich auch ohne gekonnte Wortbeugungen und korrekt ausgewählte Artikel in einer deutschsprachigen Gesellschaft bewegen kann. Andere setzen für den Stempel “Integriert” ein intellektuelles sprachliches Niveau voraus, das nur ein Bruchteil der Gesellschaft für sich erschlossen hat. Aber auch hier kann man nicht von “Integration” sprechen, denn selbst Leuten mit perfekten Deutschkenntnissen und guter Bildung wird häufig genug mangelnde Integration vorgeworfen.

Im Schulunterricht werden Deutschkenntnisse permanent weiterentwickelt und kontrolliert, in Kindergärten und Grundschulen wird ein besonderes Augenmerk auf die Sprachkompetenzen geworfen, und spezifischer Förderbedarf ermittelt. An die Schülergeneration kann sich also allenfalls eine Forderung richten, die an alle Schüler gleichermaßen gerichtet ist oder zumindest sein sollte: Fleißig zu lernen. Mit dem Thema “Integration” hat das jedoch nichts zu tun. Allenfalls könnte hier eine Note an die Eltern der SchülerInnen gerichtet werden, den wichtigen schulischen Aufgaben nicht im Wege zu stehen.

An die Gastarbeitergeneration kann sich die Forderung nach dem Spracherwerb auch nicht richten. Diese Generation wurde ja gerade unter der Bedingung eingeladen, dass sie sich nicht allzu sehr an die Gesellschaft anpasst, also auch die Sprache möglichst nicht beherrscht. Viele davon sind bereits in einem Alter, in dem das Erlernen von Sprachen generell unheimlich schwierig ist. In den meisten Fällen hat sich dennoch über die Jahre eine Sprachkenntnis herausgebildet, die für die meisten notwendigen Alltagsaktivitäten völlig ausreichen. Für alles darüber hinausgehende gibt es das Heer der Bi- bis Trilingual aufgewachsenen Folgegenerationen.

Bleiben also im Bereich des Spracherwerbs nur diejenigen, die in den letzten Jahren zugewandert sind, oder noch zuwandern werden. An diese Menschen gerichtet kann der Hinweis, dass die Kenntnis der Deutschen Sprache unheimlich viele Vorteile mit sich bringt, nicht falsch sein. Ein solcher Hinweis macht jedoch zumindest in einer Konstellation kaum Sinn: Nämlich dann, wenn professionelle Kurse fehlen, unerschwinglich sind oder lange Wartelisten haben, und das Herkunftsland die Türkei ist. In einem Land nämlich, dessen (Zahlen- und Flächenmäßig) größte Minderheitensprache Türkisch ist, können sich im Alltag nämlich durchaus Alternativen zu Erwerb und Anwendung der deutschen Sprache ergeben, wenn es für letzteres keine adäquaten Angebote gibt.

In den meisten Fällen gehen Diskussionen um “Integration” jedoch an der Lebensrealität der meisten Menschen sowieso vorbei. Der Ruf nach “Integration” kann sich, wenn überhaupt, dann nur an diejenigen Menschen richten, die gerade einwandern, und das sind nicht viele.

Für Menschen, die im Land geboren wurden, muss generell gelten:

Weshalb sollte ich mich in eine Gesellschaft integrieren, der ich schon seit meiner Geburt angehöre und in der ich mein ganzes Leben hier verbracht habe?

Dieser Punkt wird in Integrationsdebatten häufig übersehen. Weshalb sollte man Menschen, die (wie die Mehrheit aller Menschen des Landes) in das Land hineingeboren und durch die Gesellschaft des Landes geprägt wurden, eine irgendwie geartete, rein ethnisch begründete Sonderleistung namens “Integration” abverlangen?

Schon das plakative, meist als Lob gemeinte Attribut “Integriert” ist in solchen Fällen bereits eine Beleidigung – denn wo das “integriert sein” einer Person lobend betont wurde, ging zuvor immer die (in der Regel mit negativen emotionen assoziierte) Erwartung voraus, sie sei “Unintegriert” – also ein Vorurteil.

Der Begriff “Integration” war früher einmal nützlich gewesen, um eine Diskussion darüber anzustoßen, ob und welche Probleme bei bedingungsfreier Zuwanderung auftreten können. Dabei kristallisierten sich dann einige Schlagworte wie “Spracherwerb”, “Bildung”, “Armut”, “Kriminalität” (in dieser kausalen Reihenfolge) heraus. Dinge, die bereits (in nicht ausreichender Weise) politisch angegangen werden.

Darüberhinaus kam zwischenzeitlich noch der Begriff “Partizipation” ins Spiel. Leider wurde darüber auf politischer Ebene nur sehr wenig diskutiert, der Begriff von einigen sogar als “Anmaßung” verworfen. Im Grunde ist das Merkwürdig, denn erfolgreiche Integrative Politik ist ja an nichts anderem als am Grad der Partizipation empirisch messbar. Ebenso, wie es in der Gleichstellungspolitik der Fall ist.

Mittlerweile ist der Begriff “Integration” möglicherweise sogar hinfällig geworden. Wenn schon die politischen Strömungen, Einstellungen und Ideologien, die aus den Ursprungsländern(hauptsächlich Türkei) mitgebracht wurden, (spätestens durch das Mitwirken von Erdogan) von der außenpolitischen Sphäre in die innenpolitische gebracht wurden, und seitdem permanent auch Gegenstände innenpolitischer Auseinandersetzungen sind, zwar teils in unschöner und rabiater Weise, teils aber sachlich, und stets unter innenpolitischem Vorzeichen, dann sind sie bereits integriert. Man könnte also möglicherweise sagen: Wir leben bereits in der Post-Integrations-Phase, und es beginnt die Phase der zunehmenden Partizipation, des Teilnehmens als aktives Subjekt und nicht mehr als passives Objekt, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Von der Reinigungsfachkraft und dem Schneider über den Lehrer, Anwalt, Journalist, Arzt, Manager – bis hin zum Kommunal/Landes/Bundes/Europapolitiker.

Gemessen wird dies an der tatsächlichen Partizipationsquote.


Lesetipp: “Wir sind doch keine statistischen Ausreißer”

Ein Lesetipp zur Integrationsdebatte. Cem Özdemir schreibt über die tatsächlich praktizierte “Islamkritik”, darüber, wie sie nötige Islamkritik verhindert, über Lüge und Wahrheit, über Totschlagargumente, die Integration und über das Verhältnis zwischen Staat und Religion.

Unheimlich lesenswert.


Kleiner Videotipp: “Halbmond über Köln”

Die arte-Dokumentation “Halbmond über Köln” stellt den Konflikt um die Kölner Moschee dar. Sachlich, ohne Parteinahme.

Die taz dazu:

Es wäre für die Filmemacher sicher leicht gewesen, einen Film zu drehen, der die gängigen Klischees der Integrationsdebatte bedient. Dass sie das nicht getan haben, ist ein großes Verdienst. Stattdessen hält der Film einfach drauf, dokumentiert, mit welchen Argumenten die verschiedenen Seiten agieren und bricht mit stereotypen Erwartungshaltungen. Eine emotional gehaltene Predigt des Imam in der alten Moschee beispielsweise lässt Assoziationen zu Terror und Hasspredigern aufkommen, erst die Untertitel erklären, dass der Imam eine durchaus selbstkritische Predigt hält.

„Halbmond über Köln“ endet mit dem ersten Spatenstich. Wieso der Film erst jetzt ausgestrahlt wird, ist die einzige kritische Frage, die sich Arte und WDR gefallen lassen müssen. Die Regisseure indes drehen weiter, eine abendfüllende 90-Minuten-Version ist in Planung.


Lesetipps…

Anbei ein paar Lesetipps:

In “Wider die Sarrazin-Methode” beschäftigt sich die FR mit dem Buch “Die Panikmacher”. Hierzu auch ein Radiointerview mit Bahners und Benz beim Deutschlandfunk. (Direktlink MP3 Bahners) (Direktlink MP3 Benz)

Auf Endstation Rechts wird dargelegt, warum die NPD Sachsen-Anhalt mit der Hofierung Sarrazins Wahlkampf gegen sich selbst macht.

Übrigens hat Thilo auch einen Sohn.

Im Weser-Kurier zeigt Karakaşoğlu die Problematik hinter dem Begriff “Integration” auf.

In den Niederlanden legte sich die Königin bzw. die Minderheitsregierung eine Selbstzensur auf, um nicht bei den Islamophoben anzuecken. Appeasement at its worst.

Im Handelsblatt beschreibt Thomas Hanke ein Problem im Umgang zwischen „dem Westen“ und „den islamischen Ländern“ und hofft nach dem reihenweisen Sturz der Despoten auf eine allgemeine Entspannung der Lage, auch innenpolitisch in Europa.


Liberaler Klartext

Ausnahmsweise ein beinahe-Fullquote, aber das muss sein, denn die lberale Ministerin der Justitia Leutheusser-Schnarrenberger sagt in gänzlich freiheitlicher Manier:

“Es ist Aufgabe der Politik, das Grundgesetz und die garantierte Freiheit der vielen verschiedenen Religionen und Weltanschauungen in unserem Land so zu garantieren, dass jede unter ihnen die gleiche Chance erhält, in der Gesellschaft Gehör für ihre Anliegen zu finden. Wie Justitia müssen wir blind dafür sein, ob religiöse Bekenntnisse mit einem Gebetsteppich, einer Ordenstracht oder einem roten Segenszeichen auf der Stirn zu Tage treten oder im Gegenteil Bekenntnisfreiheit gelebt wird.“ Die Diskussion um den Islam und seine Rechtsregeln werde „viel zu häufig vorurteilsbeladen, dafür aber umso unbeschwerter von Sachkenntnis geführt. Vieles in der gegenwärtigen Islamdebatte sind unzutreffende Klischees, die mehr über die Diskutanten als über den Gegenstand ihrer Debatte aussagen.”

Die Justizministerin macht deutlich, dass „die Basis der Gesellschaft des Deutschlands im Jahr 2011“ durch „keine bestimmte Konfession und keine ausgewählte Gruppe von Konfessionen gebildet“ werde. Die Basis unseres Zusammenlebens bilde vielmehr „das Grundgesetz und die darin garantieren Grundrechte. Menschenwürde, Meinungsfreiheit und die Gleichbehandlung der Geschlechter sind universale Rechte, die allen Menschen zustehen“, schreibt sie in der F.A.Z. Die im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts verwendeten und „längst überwundenen antikatholischen Argumente wandern gleichwohl bis heute wie unwirkliche Wiedergänger durch die derzeit geführte und zum Kampf der Kulturen stilisierte Integrationsdebatte.“ Frau Leutheusser-Schnarrenberger fordert: „Statt Angstdebatten brauchen wir eine vorurteilsfreie Diskussion über die Religionen und ihre Rechte. Über islamisches Recht müssen wir zunächst viel mehr wissen. Erst dann darf es vom Standpunkt des Rechts aus kritisiert werden.“

Wenn es im Alten Testament heiße „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden“, dann sei dieses Bibelwort für niemand ein Anlass, die Wiedereinführung der Todesstrafe zu fordern. „In der Debatte um islamisches Recht hingegen werden erstaunlicherweise nicht selten vergleichbare an den rund 1400 Jahre alten Text des Koran anknüpfende wörtliche Auslegungen angeführt, um die islamische Rechtsfindung und Dogmatik als vormodern zu brandmarken“, schreibt die Bundesjustizministerin in der F.A.Z.

Gut, leider tun dies zwar einige Islamisten und deren Counterparts auf Muslimfeindlicher Seite, aber das ist – hierzulande – eine marginale, geächtete Minderheit, wie die Nazis es sind. Und diese Minderheit wird sich, wenn die Behörden arbeiten wie bisher, auch nicht vergrößern. Wie schon in den vergangenen zehn Jahren.


Anpassen? Warum eigentlich?

Ich beginne mit dem Kern. Ein großes Problem ist die Definition des Begriffs “Deutsch” oder bereits des Begriffs “Volk”.

Im Französischen gibt es keinen äquivalenten Begriff zu “Volk”. Dort sagt man “Peuple”, was mit “Gesamtheit aller Bürger” oder “Population” übersetzt werden kann. Ethnische oder Herkunftskategorien sind damit nicht verbunden. Der Deutsche Begriff “Volk” ist hingegen stark ethnisch geprägt, und ist immer noch in der Gesetzgebung und am Schriftzug des Reichstags in Berlin zu finden. Sogar im Grundgesetz wird noch zwischen deutscher Staatsangehörigkeit und “deutscher Volkszugehörigkeit” (Art. 116 GG) unterschieden. Der Begriff “Deutsch” basiert also historisch bedingt auf völkischen Definitionen. In vielen Bereichen der Presse und Literatur spiegelt sich das noch immer wider, und deshalb haben es viele Menschen, gerade belesene Menschen, besonders schwer, Einbürgerungen zu akzeptieren.

Man mache selbst mal einen Test mit beliebigen Personen. Zeige dieser Person drei Menschen: Einer der Menschen ist in Polen geboren, einer ist in Kroatien und einer in Spanien geboren. Alle drei haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Sag deiner Versuchsperson, sie solle herausfinden, wie viele der drei Personen Deutsche sind. Die meisten werden leider nicht auf die Idee kommen, einfach nach dem Ausweis zu fragen, sondern prüfen die Hautfarbe, die Behaarung, den Dialekt, usw.

Natürlich sind sich die meisten Menschen nicht bewusst, dass sie mit diesem Deutschbegriff einem völkisch-ideologischen Gedankenkonstrukt des 19. Jahrhunderts aufgesessen sind, das im Kern auf Ausgrenzung und Rassismus beruht, und es somit sie selbst sind, die mit ihrem Denken und Verhalten einer Einbindung/Integration/Akzeptanz im Wege stehen. Sie sind sich dem nicht bewusst, aber es ist so.

Wortbedeutungen haben einen sehr starken Einfluss auf das Denken der Menschen und können bereits ganz allein dazu führen, dass ein kaum integrierter Russe, der in Dresden einen Mord begangen hatte, eher als “zugehörig” oder “integriert” empfunden wird, als sein Opfer aus Ägypten, das nun wirklich sämtliche in der Öffentlichkeit kommunizierten Integrationsforderungen erfüllte. Denn er ist Spätaussiedler.

An diesem Wikipediaartikel kann man ablesen, wie schwerwiegend dieses Thema ist, und weshalb es das gegenwärtige Konstrukt “Deutsch” selbst ist, das es für Einwanderer praktisch unmöglich macht oder zumindest massiv erschwert, dazuzugehören, wenn man die “Abstammungskriterien” nicht erfüllt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche

Wie man an diesem Wiki-Eintrag sieht, lauert immer irgendeine “Deutsch”-Definition hinter der nächsten Ecke, in die man wieder nicht hineingelassen wird.

Daran kann man sicherlich rütteln, indem man die Begrifflichkeit “Deutsch sein” sprachlich und Inhaltlich eben ganz selbstverständlich so verwendet, wie es dem “Amerikanisch sein”, “Kanadisch sein” oder “Mensch sein” entspricht, und sich entschiedener und empörter gegen fremdmarkierendes und ausgrenzendes Vokabular wehrt, als bisher.

Das muss sich jedoch auch in der Mehrheit durchsetzen. Nur versuch mal einem über 60-jährigen klarzumachen, dass ein vermeintlicher “Deutscher mit Migrationshintergrund” überhaupt keinen Migrationshintergrund hat, sondern Deutscher ist, ohne Abzug und ohne Zusatz! Ich hatte mich in meiner Stadt kurzzeitig in einem SPD-nahen Verein umgeschaut, der gegen Rechtspopulismus und Nazis mobilisiert. Der Vorsitzende, eben ein solcher Ü60-Typ meinte in einem Gespräch(sinngemäß): “Gegen die Rechtspopulisten und Faschisten muss man was machen, machen wir ja auch. Aber die Türken haben sich hier trotzdem uns anzupassen und nicht andersrum!”

Wenn man derartige Fremdmarkierungen annimmt, und sich nicht prinzipiell dagegen erwehrt, kommen zudem die unmöglichsten Anpassungsforderungen. Aber wann ist man so angepasst, dass andere überhaupt nicht mehr auf die Idee kommen, zu sagen, man sei kein Deutscher? Diejenigen, die sich diesbezüglich keinem Defizit bewusst sind, erleben jeden Tag aufs Neue: Diese Forderung hört nie auf. Der Fordernde ist hier das Problem. Daher ist es ausschließlich das eigene Gewissen, das sagen kann, wann man selbst seine “Hausaufgaben” erledigt hat, und man sich nichts mehr sagen lassen muss.

Niemand muss sich in einem freien Land an irgendwen anpassen.


Sarrazin wurde widerlegt

Sarrazin wurde widerlegt, hier das Dossier.

Und es ist nicht das erste mal.
– der IDW Die Bertelsmann-Stiftung tat es bereits
– Die Linkspartei tat es(PDF) ebenfalls schon

Sarrazin lügt wohl, wenn es so einfach ist.


Der Vergleich

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Was wurde schon – auch in verächtlichem Ton – über den Vergleich zwischen Islamophobie und Antisemitismus[S.2] gestritten – es wurde aneinander vorbeigeredet, hysterisch wurde versucht, an der Reputation einzelner Protagonisten zu kratzen. Dies reichte bis hin zu einer “kleinen Eskalation” im deutschsprachigen Feuilleton, die auch tatsächlich zu einer Versachlichung führte(die wiederum streckenweise durch Sarrazin torpediert wurde). Sowohl die Grenzen von Vergleichsmöglichkeiten als auch tatsächlich vergleichbares wurde herausgearbeitet. Dennoch können sich auch viele derer, die ein Problem in antimuslimischen Ressentiments sehen, nicht mit dieser Betrachtungsweise anfreunden. Die Sorge: Allzu groß ist die Gefahr einer Gleichsetzung und damit einer indirekten Marginalisierung des Antisemitismus im allgemeinen bis hin zur indirekten Rechtfertigung der Shoa. Hierzu würde es tatsächlich reichen, Gemeinsamkeiten hervorzuheben und zugleich die Unterschiede auszublenden oder gar zu leugnen.

Dankenswerterweise hatte dies ein rechtsradikales Magazin schon sehr frühzeitig zu Ende gedacht, und diese Sorge somit bestätigt.

Hieraus kann man nur den einen Schluss ziehen, dass mit derartigen Vergleichen, bei allem Sinn, den sie ergeben, sehr umsichtig umzugehen ist. Die durch einen Vergleich beschreibbaren Unterschiede sind den Gemeinsamkeiten mindestens gleichrangig. Letztlich kann sich hierbei auch herausstellen, dass andere Feindfiguren, wie beispielsweise der Antiziganismus, Zuschreibungen enthalten, die viel gewichtigere Parallelen mit der Moslemfeindlichkeit aufweisen, die im Antisemitismus jedoch nicht vorkommen. Gleichsam gilt dies auch für andere Feindbilder. Der Punkt ist der, dass überhaupt verglichen wird, und Schlüsse aus der Historie gezogen werden.

Auf Welt-Online stellt daher ein Autor die These auf:

Islamophobie ist nicht das Gleiche wie Antisemitismus. Die Vorbehalte gegen Muslime erinnern eher an die Katholophobie, die es bis ins 20. Jahrhundert gab.

Er wirbt hierbei fernab von Unterstellungen “böser Absichten” für eine Vergleichende Betrachtung der Islamfeindlichkeit mit dem historischen Antikatholizismus. Den Vergleich mit dem Antisemitismus hält er nicht für hilfreich, denn:

Antisemiten glauben, dass Juden gleichzeitig erbärmlich und unglaublich mächtig sind, dass sie die Weltpresse kontrollieren, dass sie hinter dem Bolschewismus und dem Kapitalismus zugleich stecken(…)

Hier ist dennoch anzumerken, dass im moslemfeindlichen Kerndiskurs häufig ebenso Verachtung gegenüber einer imaginierten Presseverschwörung mitschwingt, mitsamt der Theorie, die Presselandschaft sei von den “Feinden” beherrscht, die eine “Umvolkungspropaganda” betrieben. Je nach politischer Ausrichtung sind es “Gutmenschen, 68er, K—Gruppen”(sagt Ulfkotte), oder eben “die Zionisten”(sagen Nazis). Aber es ist wirklich in der Tat so: niemand sagt, “die Moslems” steckten leitend hinter “der Presse”.

Weiter führt er aus:

(…)der laut zeternde Feind des Islam, der seinen Hass im Internet kundtut, glaubt nicht, die Muslime hätten mit List den Börsencrash des Jahres 2008 inszeniert, um sich zu bereichern. Solche besonders perfiden Gemeinheiten bleiben für die Kinder Israels reserviert.

Und das, Obwohl Schariabanken am stabilsten aus der Krise getreten sind, und vielfältig laut und positiv über dieses System nachgedacht wurde. Stoff für Verschwörungstheorien hätte es also durchaus gegeben. Eine solche Genialität und Boshaftigkeit traut der Moslemfeindliche Diskurs einer Kultur, die als “minderwertig” markiert wird, jedoch nicht zu. Während der Antisemitismus das Volk “von oben und von innen her” bedroht sieht, sieht die Moslemfeindlichkeit das Volk “von unten und von außen her” bedroht.

Hier ergeben sich dann tatsächlich interessante Parallelen zum angelsächsischen Antikatholizismus, von denen der Autor dann auch einige beschreibt. Ob diese Parallelen in sich schlüssig sind, ist offenbar ebenso umstritten. Es gibt Stimmen, die sich gegen jeden Vergleich aussprechen.

Es gibt zudem Stimmen, die sich für eine genauere Differenzierung des islamkritischen Milieus aussprechen. Islamkritik ist eben nicht gleich Islamkritik. Eine Verurteilung von Islamistischen Terroranschlägen durch autochtone deutsche Muslime kann schwerlich als Islamkritik oder gar “Islamophobie” bezeichnet werden. Vielmehr ist dies ein Ausdruck einer Verteidigung des Islam gegenüber extremistischen Tendenzen.

Generell ist es daher geboten, diskursive Elemente zu ordnen und unterschiedlich mit ihnen umzugehen, wie es Micha Brumlik in der Taz fordert. So gibt es:

1. feindselig verwendete „Realistische Behauptungen über Fremdgruppen“; 2. „Fremdenfeindliche Behauptungen, die ein sozial bedrohliches Verhalten sämtlichen ihrer Mitglieder einer Gruppe zurechnen, die aber nur auf dem Verhalten einer Minderheit dieser Gruppe basieren“, sowie 3. „Chimärische Behauptungen, die mit Gewissheit Charakteristika, die empirisch nie beobachtet wurden … einer Fremdgruppe und allen ihren Mitgliedern zuweisen.“

Es muss also genau hingesehen werden, ob in einer konkreten Argumentation Islamkritik, Islamfeindlichkeit oder Islamophobie vorliegt, was jedoch manchmal kaum möglich ist:

Es wäre bei Aussagen, die eventuell zu pauschal als „Islamophobie“ bezeichnet werden, im Einzelfall zu prüfen, ob es sich dabei um realistische Behauptungen, unzulässige Generalisierungen oder um wahnhafte Hirngespinste handelt. Terminologisch ließe sich dann zwischen „Islamkritik“, „Islamfeindlichkeit“ und „Islamophobie“ unterscheiden. Der Erfolg von Sarrazins Machwerk lässt sich dann aus seiner brisanten Mischung erklären, daraus, dass es neben der generalisierenden „Islamfeindlichkeit“ eben auch einige Elemente seriöser „Islamkritik“ enthält sowie – vor allem in den letzten Abschnitten des Buches unter dem Deckmantel der Satire – klinische Islamophobie verbreitet.

Es muss also darum gehen…

unterschiedliche Formen gruppenbezogener Menschenfeindschaft (…) daraufhin zu untersuchen, wie sich bei ihnen realistische Beobachtungen, unzulässige Generalisierungen und klinische Wahnvorstellungen mischen.

Dieser Ansatz ist für das gesamte Spektrum der Feindbilder sehr sinnvoll. Hierbei sind nicht allein die innerhalb der deutschen Gesellschaft existenten Feindbilder gemeint, sondern auch Feindbilder, die in anderen Ländern durch Mehrheiten gepflegt werden, z.B. die türkische Kurdenfeindlichkeit, die ägyptische Koptenfeindlichkeit, die niederländische Moffenfeindlichkeit, die Homophobie in Uganda, die protestantische Katholikenfeindlichkeit in den USA, und selbstverständlich auch der islamisch unterfütterte Antisemitismus.

Die Mischung aus Realismus, Feindschaftlich-generalisierender Unterstellung und Phobie ist jeweils eine völlig andere. In allen Fällen gilt es jedoch, die phobischen Zuschreibungen klar zurückzuweisen, Generalisierungen richtigzustellen und sich konstruktiv mit realistischer Kritik auseinanderzusetzen. Die komplexeste Aufgabe liegt dabei im Umgang mit Schriften, die alle drei Elemente vermischen. Es ist zu erwarten, dass die Zahl diesartiger Schriften zunehmen wird.


Schon wieder die Lei(d/t)kultur

Es wird wieder einmal über die „Deutsche Leitkultur“ gestritten. Die Katholenkirche und die CSU wollen unbedingt, dass das Land „Christlich-Jüdisch“ wird. Die FDP und der Zentralrat der Juden sind dagegen. Ungefähr 35% sind offiziell Religionslos, ca. 2% sind Muslime[*].

http://www.domradio.de/aktuell/69862/verzicht-auf-religioese-werte.html

Der Grund, dass Kath.-Kirche und CSU so sehr darauf pochen, dass sich alle dem Christentum unterordnen, scheint deren kontinuierlich wachsende Bedeutungslosigkeit zu sein:

Religionen in Deutschland

Das Herbeigerede einer “Christlich-Jüdischen Leitkultur”, an die sich dann auch alle zu orientieren haben, also auch Atheisten, Muslime, Juden, Bhuddisten, usw., und der ebenfalls herbeigeredete Popanz der Islamisierungsgefahr(Dessen Anteil seit 1990 praktisch unverändert ist) scheint als rethorischer Platz zu dienen, um zum Christentum zu rufen, es sich jedoch nicht mit den hierbei adressierten Konfessionslosen zu verscherzen.

Es geht darum, die “verlorenen Schäfchen” zu “integrieren” – die Atheisten und Agnostiker.

[*] Offiziell werden ca. 4-5% Muslime gelistet. Die FoWid(PDF) schreibt hierzu:

Die Angaben zu den Muslimen gelten als zu hoch, da sich nach empirischen Untersuchungen nur 20 % bis maximal 50 % der rund 3,2 Millionen Migranten – die als Muslime eingestuft werden, da sie aus einem „überwiegend muslimischen Land“ stammen –, als religiöse Muslime zu bezeichnen sind. In dieser Hinsicht würde sich die Zahl der Muslime auf mindestens 2% reduzieren und die der Konfessionsfreie auf 36% erhöhen.

und

Legt man gar die formale Mitgliedschaft als Kriterium fest, sind sogar nur 0,5 % organisierte Moslems, während die Gruppe der Konfessionslosen entsprechend größer ist.