Archiv der Kategorie: Islamismus

Zur Terrorberichterstattung

Primär sind natürlich Terroristen daran Schuld, dass es überhaupt eine Terrorberichterstattung gibt. Dennoch ist diese Berichterstattung mangelhaft:

Rund 80 Prozent der Berichterstattung widmete sich demnach Taten und Aktivitäten des Terrorismus, nur ein Fünftel den Ursachen, wobei dieser Anteil in den öffentlich-rechtlichen Sendern etwas höher war.

Die Sender und Zeitungen haben ihre Aufgabe, die Bürger über die Existenz des Terrorismus zu informieren, schon vor Jahren hinreichend erfüllt. Nun müsste im Grunde der nächste logische Schritt folgen: Die Information darüber, wie er entsteht. Aus welchen Gruppen rekrutiert er sich, lassen sich psychologische Gemeinsamkeiten bei entsprechenden Akteuren beschreiben, wie sieht der Weg aus, den sie zurücklassen… all dies. Stattdessen wird ein Actionfilm daraus gemacht:

Die Langzeitstudie zeigte auch, „dass die Privatsender stärker dramatisieren und visualisieren“. Die Zuschauer fühlten sich stärker bedroht. Wenn in einem Beitrag erst brückenbauende Soldaten und dann Opfer von Anschlägen gezeigt werden, reagierten die Zuschauer viel wütender, als wenn erst die Opfer und dann die Brückenbauer zu sehen seien, erklärte Frindte.

Solange die Information über die tatsächlichen Ursachen ausbleibt, ist es für einschlägig interessierte Gruppen ein leichtes, Ursachen zu behaupten, die keine Ursachen sind, z.B.: „Es sind Terroristen, weil es Moslems sind“ und mit Agitation a la: „Moscheen sind die Kasernen des Terrorismus“ politisches Kapital für ihre „Ausländer Raus“-Agenda zu schlagen.

Einer der vernünftigeren Beiträge zum Thema findet sich vielmehr hier:

Im Artikel Grundkurs Islamismus beschreibt ein Journalist, wie er undercover eine salafistisch orientierte, aus Saudi-Arabien finanzierte Sprachschule besuchte, dort mit Antisemitismus und Hitlerverehrung konfrontiert wurde, ungültig konvertierte, und hiernach ohne Probleme einen Draht bis hin zu Terrorlegitimierenden Personen aufbauen konnte. Bevor er sich dann tatsächlich auf den ihm angebotenen Weg nach Pakistan machte, wo er „unterrichtet“ werden sollte, reiste er jedoch zurück nach Deutschland. Eine weise Entscheidung.

Nachtrag:

Zwei der unter letztgenanntem Artikel abgelegte Kommentare wurden von der Redaktion als „Empfehlung“ markiert.

Einer, der sich mit dem Artikel selbst befasst:

Ein sehr aufklärender Bericht. Er zeigt, wie leicht der Weg in den Extremismus sein kann – man muss nur glauben, was die als Autorität wahrgenommenen Leute sagen. Gerade in Richtung Salafismus konvertierte sind es oftmals, die einfachen, eindeutigen Vorgaben folgen. Trifft jemand daher auf solche, die eine religiöse Legitimation für Gewalt aus dem Ärmel zaubern, steht er am Scheideweg: Zieht man mit – oder lässt man sich als „vom Glauben abgefallener“ beschimpfen – und erträgt die massiven sozialen Nachteile, die daraus Folgen?

Der zweite Kommentar befasst sich mit dem Thema, was es eigentlich zu bedeuten hat, wenn Muslime sagen, dass der Terroristen keine Muslime sind.

Wenn Muslime sagen, dass Terroristen keine Muslime sind, dann bedeutet das ganz einfach: „Die sind vom Glauben abgefallen“

Letztlich ist dies also eine Art, den Terrorismus aus dem eigenen Verständnis des Islam heraus zu verurteilen. Dies wird oftmals fehlinterpretiert als „Beschwichtigung“. Das ist es aber nicht, sondern eine der schärfstmöglichen Arten der moralischen Verurteilung.

Natürlich glauben Terroristen dennoch, sie seien die einzig wahren Muslime, und alle anderen seien vom Glauben abgefallen.

Hier stellt sich dann aber schon eine gewichtige Frage: Wem gibt man Recht, und wessen Auffassung legitimiert man damit?

Was den Terrorismus angeht, ziehe ich gerne eine Analogie zum Rechtsextremismus. Rechtsextreme, eine im Verhältnis ähnlich kleine und ebenfalls gefährliche Minderheit, geben vor, das „wahre Deutschland“ zu vertreten, und legitimieren damit auch Gewalttaten. Die meisten Deutschen werden jedoch sagen: „Die Spinnen. Die vertreten Deutschland nicht.“ Obwohl Rechtsextreme tatsächlich innig davon überzeugt sind, Deutschland authentisch zu vertreten, tendiere ich doch eher dazu, die Auffassung als „richtig“ zu betrachten, dass dem nicht so ist.

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Was zum lesen: „Rechte Reise nach Jerusalem“

Ein Lesetipp ohne Zitate. Es geht um extrem Rechte Parteien wie „FPÖ“(Österreich), „Die Freiheit“(Deutschland), „Vlaams Belang“(Belgien) und „Schwedendemokraten“(äh, Schweden), die einen Abstecher nach Israel machten, um sich einen Persilschein abzuholen.

Der Blogpost „Rechte Reise nach Jerusalem“ analysiert differenziert und treffend den Wandel der extremen Rechten in Europa, deren neues Zusatzfeindbild „Moslem“ und die Basis, auf der ein Schulterschluss dieser europäischen Antisemiten mit Israelischen Rechtsradikalen möglich erscheint. Angerissen wird auch das Rechte Paradoxon: Der europafeindliche Geist, also das trennende ideologische Konstrukt „Europa der Vaterländer“ ist es, der die Rechten des Kontinents eint.

Also hier entlang -> Rechte Reise nach Jerusalem | Der Lindwurm. Sehr lesenswert.


Weihnachts-Salafismus

RP-Online verfasste einen Text, der einiger Korrektur bedarf.

Vorweg: Die Überschrift

“Salafisten planen Hasspredigten an Heiligabend”

trifft vermutlich zu.

Der Catcher allerdings enthält einen Fehler:

Radikalislamische Salafisten um den rheinischen Konvertiten Pierre Vogel wollen den Vorabend des Weihnachtsfests zur Hetze gegen westliche Werte nutzen und zum „Heiligen Krieg“ aufrufen.

Es stimmt, dass Salafisten radikal sind. Es ist auch richtig, dass Salafisten rund um Heiligabend predigen möchten – und zwar in Berlin und in Bonn. Eine Gruppe um Pierre Vogel wird in Berlin erwartet, Eine andere Gruppe um Abou-Nagies wird in Bonn erwartet.

Beide Gruppen werden sicherlich zurecht vom Verfassungsschutz beobachtet. Grundsätzlich ist aber immer auch zu beachten, dass man bei den Fakten bleibt, und korrekt einordnet. Es ist somit auch bezüglich des Salafismus sinnvoll, zu differenzieren.

In der Forschung wird der Salafismus in drei Strömungen unterteilt, die unterschiedliche Positionen in der Methode der Glaubensausübung vertreten.

Das sind der puristische, der politische und der jihadi Salafismus.

Einzelne Personen des deutschen Salafismus können jeweils einer dieser drei Strömungen zugeordnet werden. Im Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2010 von Prof. Dr. Uwe Backes, Prof. Dr. Alexander Gallus und Prof. Dr. Eckhard Jesse wird diese Einordnung anhand von Aussagen in Internetvideos vorgenommen. Zudem werden die Besonderheiten des deutschen Salafismus näher erläutert. Besonderheiten, die in der(im Vergleich zu anderen europäischen Staaten) effizienten staatlichen Vorgehensweise gegen Verfassungsfeindliche Bestrebungen begründet sind.

So ist beispielsweise Pierre Vogel, der in Berlin auftreten wird, mit seiner Gruppe(“EZP”) eher dem puristischen Salafismus zuzuordnen. Von der Gruppe um Ibrahim Abou-Nagie(“DWR”), die in Bonn auftreten wird, kann man dies nicht sagen. Laut einem Kommentator, der sich anscheinend genauer mit Internen Differenzen des deutschen Salafismus befasst hat, ist letzterer ein Verehrer von Bin Laden, und seine Gruppe (“DWR”) soll tatsächlich ein Rekrutierungsbecken für den Terrorismus sein.

Beide Gruppen gehörten ursprünglich zusammen. Ein Teil dieser Gruppe hatte sich jedoch stark radikalisiert:

Denn obgleich Vogel einst bei „Die wahre Religion“ in Kooperation mit dessen Begründer Ibrahim Abou-Nagie begann und dort seinen Islam-Superstar-Status erreichte, scheitert die Allianz im Frühjahr 2008; Vogel, seine engen Vertrauten und andere Anhänger springen ab und schließen sich Vogels neuer Organisation EZP an. Erst knapp zwei Jahre später im Rahmen einer heftigen internen Diskussion der Muslime in Deutschland offenbart Vogel die Gründe für die Trennung: die zunehmende Radikalisierung Abou-Nagies, die Ende 2009 ihren Höhepunkt zu erreichen scheint. Denn DWR, verstärkt durch die Prediger Abu Dujana und Abu Abdullah, besetzt zunehmend Themen und eine Rhetorik, die weder im normal islamischen Milieu, noch bei EZP existiert. Man erklärt andere Muslime zu Ungläubigen, hetzt gegen Nichtmuslime, erklärt alle muslimischen Staatsoberhäupter, die nicht mit Scharia herrschen zu Ungläubigen, wie auch ihre Anhänger. Abou-Nagie erhebt sogar das Monopol auf die Wahrheit, alle anderen Gruppen, also auch Salafisten wie Hassan Dabbagh und Pierre Vogel werden zu Heuchlern und Schwachmaten abgestempelt. Es ist eine Rhetorik, der sich andere eine militant-islamistische Organisation in gleicher Weise seit langem bedient: Al Qaida. Und dafür lieben die Radikalen und Militanten DWR und ihre Prediger. Und so ist es kein Zufall, dass militant-islamistische Internetseiten und Youtube-Kanäle liebend gerne neben den neuesten Al-Qaida-Videos auch Videos von DWR hochladen und sie mitsamt Terror-Seiten weiterempfehlen. Schließlich erklärt Abou-Nagie in einer Moschee sogar, dass Allah Osama Bin Laden schütze.

Salafismus ist nichts, was man in irgendeiner Art gut finden muss. Eine solch radikale Religionsauffassung ist in vielerlei Hinsicht problematisch und eckt an vielen Stellen an. Sicherlich steht sie im Widerspruch zum allseits beliebten Konsumismus, was aber kein Alleinstellungsmerkmal ist. Sie steht auch in einem krassen Widerspruch zu gesellschaftlichen Entwicklungen, die man unter anderem der 68er Bewegung und der Moderne im allgemeinen zuordnen kann. Vieles davon hat mit der Kommunikation zwischen den Geschlechtern zu tun. Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen in der Gesellschaft, Aufhebung systematischer Geschlechtertrennung, usw. – Das sind einige der als problematisch empfundenen Erscheinungen, die auch in anderen Strömungen in weniger ausgeprägter Form auftreten, gesellschaftliche Kritik ernten und sich somit in gesellschaftlicher Verhandlung befinden. Dieser Prozess ist im Gange, mit dem Salafismus jedoch nur sehr stark eingeschränkt möglich, da er jeden Zusatz zur “Urlehre” ablehnt.

Das größte Problem des Salafismus ist jedoch: Es ist – empirisch belegt – relativ leicht möglich, im Rahmen einer solch radikalen Religionsauffassung eine noch viel weitergehende und tiefgreifendere Radikalisierung hervorzurufen, die bis hin zum Wunsch reicht, äußerste (terroristische) Gewalt anzuwenden. Es ist nicht nur möglich, sondern geschieht. Zwar versuchen z.B. Pierre Vogel und Ferid Heider anerkennenswerterweise, im Rahmen der Auslegungspraxis weitgehend den Terrorismus zu delegitimieren (zumindest was Zivilisten angeht), doch sind Wanderungs-“Karrieren”, die über die EZP-Gruppierung zur DWR-Gruppierung und/oder darüber hinaus führen, prinzipiell möglich.

Besonders dieser Umstand macht eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz nötig und wichtig. Trotz warnenden Hinweis auf mögliche Wanderungsbewegungen sollte jedoch nur dort “Terror” und “Hassbotschaft” draufstehen, wo auch tatsächlich Terror und Hassbotschaft drin steckt.

Es ist also zu bezweifeln, dass der EZP-Verein zu Hass oder Gewalt aufrufen wird, wie es Christlich-radikale “Nachrichtenmagazine” darstellen. Der Schwerpunkt dort liegt vielmehr bei der Mission. Beim DWR-Verein wiederum sieht es etwas anders aus. Aufmerksame Bürger, die gegen die Veranstaltungen protestieren möchten, sollten dies bedenken.


UN-Resolution gegen Rassismus: Stimmenthaltung der Schweiz

Es geht um ein Vorbereitungstreffen zur „Durban III“-Konferenz.

Eine Stimmenthaltung scheint dabei sogar noch moderat:

35 Länder, darunter die meisten europäischen und demokratischen Staaten, enthielten sich der Stimme. 19 Nationen, darunter die USA, Deutschland und Grossbritannien, stimmten sogar gegen die Resolution.

Einer der Gründe für die Enthaltung der Schweiz war, dass dem generellen Schutz von Religionen vor Verunglimpfung so viel Platz eingeräumt werde, dass der Schutz des Individuums ins Hintertreffen gerate.

Andere westliche Länder begründen ihre Ablehnung eher damit, dass die gesamte Veranstaltung den Rassismus eher fördere, als dagegen zu wirken. Viele sprechen auch davon, dass in dieser Anti-Rassismus-Resolution der Rassismus nicht ausreichend behandelt werde. Kanada will mit der Konferenz schon gar nichts mehr zu tun haben. Sie und die daran angebundenen NGO-Aktivitäten haben sich als „Plattform für Rassismus inklusive Antisemitismus“ erwiesen.

Der Konflikt geht vielleicht bis auf Resolution 3379 aus Zeiten des kalten Krieges zurück(wenn nicht gar noch weiter), die später vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan als „Tiefpunkt“ der Geschichte der UN bezeichnet wurde, und schon damals als Antisemitisch eingestuft wurde. Zionismus wurde in dieser Resolution als eine Form von Rassismus bezeichnet und in eine Reihe mit dem Apartheidregime Südafrikas gestellt. Diese Resolution wurde 1991 wieder zurückgenommen. Die Rücknahme wird jedoch beispielsweise vom Iran (wie andere auch) bis heute beharrlich ignoriert, wie beispielsweise dieser Artikel der staatlichen(!) Nachrichtenagentur zeigt.

Heute versuchen einschlägige Staaten, diese überkommene Gleichsetzung in aktuellen Resolutionen verklausuliert unterzubringen, indem Israel in Anti-Rassismus-Resolutionen entweder als einziger Staat explizit oder in überproportionaler Häufigkeit erwähnt wird. Genau das war bei diesem Vorbereitungstreffen der Fall.

Die UN selbst erwähnte den Begriff „Antisemitismus“ (eher: „anti-Semitismus“) erst im Jahr 1998(PDF), knapp 50 Jahre nach ihrer Gründung, erstmals. Dies wurde erst durch massivem Druck seitens der USA möglich und blieb nicht unkritisiert.

Auch später war die Verabschiedung von Resolutionen gegen Antisemitismus weiterhin ein sehr schwieriges Unterfangen(2004).

Unter diesem Hintergrund sind auch die Durban-Konferenzen zu betrachten.


Gleich zu gleich gesellt sich gern

Was haben…

…gemeinsam?

Sie sind alle zu einer gemeinsamen Veranstaltung geladen, die am 6. Dezember in Berlin stattfinden soll. Als gemeinsamer Nenner kann wohl aus gutem Grund der Antisemitismus und allerlei anderer Nazikompatibler Kram vermutet werden.


Antisemitismus und Moslemfeindlichkeit befruchten sich gegenseitig

„Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft salonfähig geworden.“, sagt Kramer.

Dieser Trend habe sich ausgerechnet durch die Sarrazinische Debatte bestätigt.

“Im Bereich des Rechtsextremismus wird der Hass auf alle, die als ‚fremd‘ bezeichnet werden, immer deutlicher artikuliert. Das enthemmt auch rechtsextremistische Antisemiten, die sich in ihrem braunen Gedankensumpf bestätigt sehen”

Just in die Zeit beispielsweise, als Sarrazins Thesen von der Bildzeitung propagiert wurden, und sich Neonazis hierbei endlich bestätigt fühlten, dass “man wohl noch sagen dürfe”, fiel auch die Einweihung einer Synagoge in Mainz. Leserreaktionen bei der Welt-Online zeigten vor allem eines: Von Hemmungen war nichts zu spüren.

Einige Wochen später wurde dann auch ein Brandanschlag auf diese Synagoge verübt. Das Pikante: die Medienberichterstattung war sehr zögerlich – ähnlich zögerlich ging es beim Mord an einen Iraker in Leipzig zu. Man war wohl noch zu sehr damit beschäftigt, die Richtigkeit des sarrazinischen Ideologems von wertvoller und unwerter Zuwanderung zu propagieren, anstatt sich einmal damit zu beschäftigen, welchen Einfluss derartige Diskurse auf die üblichen Verdächtigen ausüben.

Dass Antisemitismus nicht völlig sauber von “Israelkritik” getrennt werden kann, zeigte im Mai dieses Jahres ein ”israelkritischer” Anschlag auf eine Synagoge in der Lutherstadt Worms. In einem Bekennerschreiben hieß es: “Sobald ihr nicht den Palästinenser Ruhe gibt, geben wir euch keine Ruhe!!!”. Auch hier war die Medienberichterstattung zunächst sehr zögerlich.

Manche vermuteten – aufgrund der Rechtschreibung – dass es sich bei letzterem nicht um Antizionisten der Naziprägung handelt, sondern vielleicht um einen Antizionisten islamistischer Prägung. Puh, Glück gehabt. Es war wahrscheinlich eh keiner von uns. Die Kritikwürdigkeit eines solchen Reflexes muss hoffentlich nicht näher erläutert werden. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass es natürlich einen Antisemitismus islamistischer Lesart gibt, der bis in die Alltagskultur mancher Menschen vordringt. Nach dem Vorfall mit der “Free Gaza”-Flottille und insbesondere der Mavi Marmara und ihren z.T. klar antisemitischen Jihadisten zeigte sich dies am deutlichsten. Daher betont Kramer:

dass es eine „wild wuchernde antisemitische Szene in islamistisch-fundamentalistischen Kreisen“ gebe. Dort gehöre „Judenhass zum guten Ton – und zwar völlig ungeniert“. Kramer fügte hinzu: „Je offener diese Ideologie gepredigt wird, umso größer ist auch die Gefahr, dass sie vor allem junge Menschen beeinflusst und für legitim gehalten wird.“

Ein Punkt vergisst er hier jedoch, der ebenfalls eine Rolle spielt: Ein solcher Antisemitismus kann sich auch durch die Herstellung falscher Kausalitäten speisen und Resultat einer Art Querfront sein:

  1. Zum einen natürlich, wenn es direkt um Israel geht. Beispielsweise aber auch dann, wenn berechtigte Kritik an grassierender Moslemfeindlichkeit dazu missbraucht wird, um antiisraelische oder antiamerikanische Vorurteile zu bestätigen. Dies passiert auf Islamistischer, aber teils auch auf links-antiimperialistischer Seite, und teils sogar auf Seiten der Neonazis. Moslemfeindlichkeit wird hierbei nicht selten austauschbar als von zionistischen, kapitalistischen und/oder imperialistischen Kräften geschürt dargestellt, die einzig dazu dienen solle, irgendwelche Kriege vorzubereiten. Das geht dann teils bis hin zu abstrusen 911-Verschwörungstheorien inklusive Reichstagsbrandvergleichen.

    Dies wirkt katalysatorisch auf Jugendliche. Die real vorhandene Moslemfeindlichkeit kann bei betroffenen mittelbar eine antisemitische Grundhaltung erzeugen, sofern sie solchen Verschwörungstheorien folgen.

  2. Ähnlich problematisch ist es daher auch umgekehrt, wenn einige Strömungen, die aus Doitschnationalen oder christlich-fundamentalistischen Gründen der Moslemfeindlichkeit fröhnen, diesen Hass durch eine Israelfreundlichkeitsmaske mit einem Davidstern versehen, wie z.B. PI und bis vor einiger Zeit noch Pro-NRW und Pro-Köln, um sich von den nicht weniger Xenophoben “Kacknazis” abzugrenzen. Auf diese Weise werden jedoch genau die “Zusammenhänge” suggeriert, die es zwar so nicht gibt, auf die sich dann unter #1 genannte Verschwörungsfuzzis gerne berufen, und “den Juden”/”den Zionisten”/”den Amerikanern” o.ä. “die Macht nachzuweisen”, von der ihr Bauch ja immer schon ahnte, dass sie sie hätten.

Wie es konkret aussieht, wenn solche Theorien vorgesponnen werden, sieht man beispielhaft hier bei einem islamistischen YouTube-Video. Theorien, die nahezu identisch in Nazikreisen und erfolgreich verquerfronteten “Antiimperialistischen” Kreisen zu finden sind.


Aktionswochen gegen Antisemitismus

In diesem November finden bereits zum siebten Mal die Aktionswochen gegen Antisemitismus, die mit 170 Veranstaltungen bundesweit größte Kampagne gegen Antisemitismus, statt. Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, die Diskussionen über aktuellen und historischen Antisemitismus anzuregen. „Als wir vor sieben Jahren die ersten Aktionswochen gegen Antisemitismus veranstalteten, geschah dies, weil wir den Eindruck hatten, dass Erinnerungskultur und die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zunehmend in den Hintergrund geriet“, erläuterte Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung, zu Beginn der Pressekonferenz. „20 Jahre nach dem Mauerfall ist es nun wichtig, den aktuellen Antisemitismus in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.“

„Antisemitismus hat über die Jahrhunderte die Kleider gewechselt. Heute ist Israelkritik oftmals das Trägermaterial für eigentlichen Antisemitismus“, erklärte Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Aus diesem Grund gibt es in diesem Jahr erstmals einen inhaltlichen Schwerpunkt – Israelfeindschaft. Bei der Israelfeindschaft werden antisemitische Einstellungen als legitime Kritik am Staate Israel getarnt, so z.B. Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit dem Nationalsozialismus.

Weiterlesen: » Störungsmelder.

Ein wichtiges Thema. Nicht weniger wichtig, als andere Formen des Hasses auch.


Die Schwierigkeit von Vergleichen

Moslemfeindlichkeit und Antisemitismus

Vergleiche hier, vergleiche dort. Sie sind nützlich. Es ist auch nützlich, unterschiedliche Ressentiments miteinander zu vergleichen, z.B. Die Moslemfeindlichkeit mit dem Antisemitismus. Das Ergebnis eines Vergleichs ähnlicher Dinge ist immer die Erkenntnis, dass es Gemeinsamkeiten, aber eben auch Unterschiede gibt. Logisch.

Falsch ist es jedoch, aus welcher Motivation heraus auch immer, derartige Vergleiche anzustellen, um primär die Gemeinsamkeiten zweier Phänomene in den Vordergrund zu stellen. Dies kann, ob beabsichtigt oder nicht, dem Zweck der Gleichsetzung dienen. Beispielsweise um andeuten zu können: “Seht her, das ist ja das selbe! Das eine genau so schlimm wie das andere!” Dies kann in mehrlei Hinsicht gefährlich sein. Einerseits besteht die Gefahr einer niedrigschwelligen Verharmlosung. Zudem kann eine Ineinssetzung suggerieren, dass sich auch der Umgang mit den problematisierten Ressentiments gleichen müsse. Bei genauerer Betrachtung jedoch unterscheiden sie sich in einigen derjenigen Punkte, die Aufschluss darüber geben, mit Wem man es zu tun hat, was er will, und mit welchen Strategien man ihm begegnen sollte. Ebenso wichtig sind daher die Unterschiede zwischen den Phänomenen.

Ein Vergleich ist also gut und richtig, um Feindbildkonstruktionen zu erforschen, schlicht damit das neu aufgetretene Feindbild überhaupt als solches erkannt wird. Gleichsam ermöglicht der Vergleich jedoch, was nicht weniger wichtig ist, auf elementare Unterschiede hinweisen zu können. Beispielsweise bezüglich der Motivation des Täters:

  • Unterstellt man Antisemiten die gleichen Motivationen wie Moslemfeinden, dann unterstellt man ihnen damit, sie würden Juden lediglich hassen, solange sie in Deutschland anwesend sind. Eine Ausreise würde demnach genügen, um den Hass abzubauen. Das wäre eine grobe Verharmlosung des Antisemitismus, denn der Antisemitismus richtet sich gegen Juden, weil sie existieren.
  • Unterstellt man umgekehrt Moslemfeinden eine Motivation, die der des Antisemiten gleicht, dann unterstellt man ihnen wiederum, über einer Milliarde Menschen übel zu nehmen, dass sie existieren. Dies wäre eine Übertreibung, die den Antisemitismus wie ein vernachlässigbares Phänomen erscheinen lässt. In der Praxis zeigt sich, dass Moslemfeinde überhaupt keine derartigen Ambitionen hegen. Ganz im Gegenteil.

Ergebnis dieses Vergleichs:
Trotz Ähnlichkeiten bezüglich der Feindbildkonstruktion verbietet sich eine Gleichbehandlung bezüglich der Motivationslage kategorisch.

Gewaltbereiter Islamismus und Faschismus

In einer anderen Weise kann auch der Vergleich zwischen gewaltbereitem Islamismus und dem Faschismus schwierig sein, der ganz gerne mal die Runde macht. Es lassen sich Ähnlichkeiten im Konstrukt ausmachen, ebenso jedoch auch Unterschiede, die darauf hindeuten, dass beide Phänomene nicht gleich behandelt werden können.

Mit diesem Thema beschäftigt sich der Artikel “Von Nazis und Islamisten”.

Es gibt Gemeinsamkeiten, die zeigen, dass ein Problem existiert:

Der gewaltbereite islamische Fundamentalismus macht mit dem Islam, was der Nationalsozialismus mit dem deutschen Patriotismus gemacht hat. Beide sind eine leichte Beute für Demagogen, denn es gibt keine allgemein akzeptierte Autorität, die über den richtigen, guten Patriotismus oder Islam entscheidet. Beide scheren sich nicht um das Leben ihrer Anhänger. Beide fühl(t)en sich gedemütigt, bedrängt, sehn(t)en sich nach dem Retter. Beide kultivier(t)en in diesem Klima den Hass auf die Juden. Beide bringen ein intellektuelles Klima hervor, in dem das Ressentiment blüht, der Dekadenzvorwurf, die Verschwörungstheorie, die Wahnidee von kultureller Reinheit, die Welteroberungsfantasie, apokalyptische Visionen und Ängste.

Aber auch wesentliche Unterschiede.

Vor einem neuen Faschismus hüten wir uns durch die Einhegung und politische Entschärfung patriotischer Gefühle, durch den weitgehenden Verzicht auf patriotische Diskurse als Mittel innenpolitischer Polarisierung.

Und dies funktioniere bei Religionen eben nicht, da Religiöse Identifikation inhaltlich über die nationale Identifikation hinausgeht, und in aller Regel nicht geographisch gebunden ist. Das ist nur einer der Unterschiede. Es gibt auch weitere, die im Artikel angedeutet werden.

Wer also glaubt, durch Begrifflichkeiten wie “Islamfaschismus” zu suggerieren, man könne den gewaltbereiten Islamismus auf eine Weise eindämmen, wie es mit dem Nationalsozialismus vorgemacht wurde, nämlich durch Aufgriff der Kriegsrethorik und der praktischen Demonstration der real vorhandenen militärischen Macht, läuft ebenso auf dem Holzweg wie jene, die glauben und behaupten, dass Moslemfeindlichkeit lediglich eine aktualisierte Form des Antisemitismus sei. Hätte die Gleichbehandlung einen realen praktischen Nutzen, dann wären sowohl Moslemfeindlichkeit als auch gewaltbereiter Islamismus bereits Themen für die Geschichtsbücher.

Was den Islamismus angeht, so bietet der Artikel dennoch Vorschläge.

Das Wohlstandsversprechen des Westens muss eingehalten werden, denn auch hierdurch definiert er sich gegenüber der (auch islamischen)Außenwelt. Wenn islamisch geprägte Staaten also, nachdem sie sich dem Westen (partiell) zuwandten, wirtschaftlich auf der Stelle treten und ihren ärmsten keinen im Vergleich zur vorherigen Situation bescheidenen Wohlstand bieten, wird dies in der Bevölkerung antiwestliche oder sogar islamistisch-extremistische Kräfte mobilisieren.

Für die Türkei hieße dies beispielsweise, dass im Rahmen des EU-Integrationsprojektes nicht Konzessionen bezüglich historischer Fakten zu den Dingen höchster Priorität gehören. Druck auf eine zukünftige türkische Regierung, einen klug definierten Teil der horrenden Militärausgaben sukzessiv zugunsten eines gerechteren Sozialsystems umzuschichten, könnte bei ärmeren Teilen der Bevölkerung bewirken, dass das pseudosoziale Gebaren von gewaltbefürwortenden Islamisten nicht auf fruchtbaren Boden trifft. Hierbei wäre jedoch auch zu beachten, welche Partei gerade die Regierung stellt, und wo sie der Bevölkerung gegenüber den Ursprung der sozialen Veränderung verortet.


Verbot von Gesichtsschleiern in arabischen Ländern virulent

Frauen in Syrien, Saudi-Arabien und Ägypten sollen künftig mehr Gesicht zeigen. Dafür sorgen strenge Auflagen. Sie sollen den Einfluss der Orthodoxen im Islam mindern.

“An Europa und Frankreich möchte ich als Botschaft schicken – der Niqab hat keine Grundlage im Islam, er schadet vielmehr dem Ansehen des Islam", erklärte Abdel Muti Al-Bayyumi, Mitglied des Hohen Rates der Geistlichkeit an der Kairoer Al-Azhar Universität, der höchsten Lehrautorität der sunnitischen Muslime.

In Syrien wurden kürzlich mit einem Schlag 1200 Lehrerinnen, die den Niqab tragen, aus dem Schuldienst entlassen und in Bürojobs versetzt, wo sie keinen Kontakt mehr zu Kindern haben.

Gleichzeitig wurden zahlreiche Imame entlassen, andere müssen den Sicherheitsbehörden jede Woche ein Tonband mit ihrer Freitagspredigt vorlegen.

Selbst der saudische König Abdullah, auf dessen Territorium die strengen salafitischen Lehren ihre Wurzeln haben, zieht die Zügel stärker an.

Immer mehr moderate Muslime und säkulare Regime fühlen sich von dem gesellschaftlichen Druck der islamistischen Hardliner herausgefordert.

(Quelle)


Islamophobie vs. Antimuslimismus

In der taz schreibt Armin Pfahl-Taughber  einem Kommentar, der im wesentlichen aussagt, was ich bereits zu beschreiben versuchte.

Im Kommentar Das reine Ressentiment – Eine Ablehnung des Islam beinhaltet noch keine Ablehnung von Muslimen plädiert er dafür, das Ressentiment gegen Muslime als Angehörige einer Gruppe mit einem trennscharfen Begriff zu umschreiben, der sich inhaltlich von Religionskritik unterscheidet. Der Begriff “Islamophobie” setze beides in Eins. Inhaltlich ist er aus verschiedenen Gründen nicht geeignet, zwischen dem homogenisierenden Ressentiment gegen eine sehr heterogene soziale Gruppe und (u.a. berechtigter) Kritik an konkreten Verhaltensweisen, die den gesellschaftlichen Wertekonsens strapazieren, zu trennen. Eine solche Trennung sei jedoch notwendig.

Diese Nichtunterscheidung wird beispielsweise durch islamistische Gruppen gerne genutzt, da sie verständlicherweise kein Interesse an einer solchen Trennung haben. Sachlich vorgetragene und gut begründete Kritik an der Art und der Folgen spezieller Religionsauffassungen, die in Teilen den Werten des Grundgesetzes widersprechen(z.B. Salafismus), kann durch die Aufrechterhaltung der begrifflichen Unschärfe schon vor der Äußerung mit einer Aura des Illegitimen versehen werden.

Auf der anderen Seite, und das beleuchtet Pfahl-Taughber nicht, ist die inhaltlich identische begriffliche Unschärfe auch von xenophoben und rassistischen Gruppierungen erwünscht (wird dort allerdings auf den Begriff “Islamkritik” angewandt), aus genau dem umgekehrten Grund: Sie erhoffen sich dadurch, dass die Akzeptanz legitimer Religionskritik auch zur Akzeptanz von xenophoben oder gar rassistischen Denkmustern führt. Ein Scharnier zwischen legitimer Kritik und Xenophobie befindet sich z.B. dort, wo eine inhaltliche Religionskritik mit Generalisierung (“die Moslems begehen Ehrenmorde”) oder Essenzialisierung(“Insgeheim sind alle gläubigen Moslems Islamisten”) einhergeht. Noch deutlicher wird es, wenn im Rahmen einer vermeintlichen “Islamkritik” eine religionsunabhängige Gruppierung nach “Südländer”, “Araber”, “Orientale” o.ä. vorgenommen wird. In solchen Einordnungen finden sich die Anknüpfungspunkte für den klassischen Rassismus, der sich nicht gegen zweifelhaftes Sagen und Tun einzelner wendet, sondern ein Ressentiment gegen Menschen offenbart, weil sie als Teil einer als “fremd” markierten Gruppe klassifiziert werden – gänzlich unabhängig vom individuellen Verhalten.

Ein paar Auszüge aus dem Kommentar:

Zum Islamophobiebegriff schreibt er:

Aber ist dieser Begriff brauchbar, um im Sinne der Vorurteilsforschung ein spezifisches Ressentiment gegen Muslime zu fassen? Schließlich gibt es einen klaren Unterschied zwischen fremdenfeindlich motivierter Hetze und einer – oft menschenrechtlich begründeten – Kritik am Islam und den Muslimen.

(…)

Bis in die Gegenwart wird der Begriff in diesem Sinne durch islamische und islamistische Organisationen wie die Islamic Human Rights Commission in Großbritannien instrumentalisiert, die fast jede kritische Stimme mit diesem Schlagwort belegt.

Nicht letzteres sei das für die Vorurteilsforschung zu behandelnde Problem, sondern ersteres:

Es handelt sich vielmehr um Vorurteile gegen Individuen, die – ganz unabhängig von deren Einstellungen und Handlungen – allein auf der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe beruht. Es geht dabei also nicht um die Haltung gegenüber einer spezifischen Religion, sondern um die Einstellung gegenüber einer bestimmten Menschengruppe.

(…)

Denn warum muss die Ablehnung aller Praktiken und Symbole des Islam bereits für eine Feindseligkeit gegenüber allen Muslimen sprechen? Auch Atheisten und andere können zu so einer Einstellung kommen, wenn sie sich einem anderen Glauben oder einer säkularen Weltanschauung zugehörig fühlen.

(…)

Besser sollte man vielleicht von "Antimuslimismus" oder "Muslimenfeindschaft" sprechen. Diese beiden synonymen Begriffe zielen auf die Feindseligkeit gegenüber Muslimen als Muslime ab.