Schlagwort-Archive: Antisemitismus

Das „Münchner Bündnis gegen Antisemitismus“ und die xenophobe „Freiheit“

Aus einer Pressemitteilung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München unter dem Titel „Falsche Freunde“:

Hinter dem Aufruf steht die „Die Freiheit“, ein Sammelbecken verschiedenster rechter und xenophober Kräfte. Mit einem Programm, das sich dezidiert gegen Einwanderer muslimischen Glaubens richtet, orientiert sich diese Splitterpartei an rechtspopulistischen Bewegungen im europäischen Ausland und hofft damit ähnliche Erfolge zu erzielen.

Damit ist über diese Partei so ziemlich alles gesagt, was es zu sagen gibt.

Wer es dennoch ausführlicher mag, findet in diesem PDF ab Seite 12 alles wissenswerte.

Advertisements

“Wird der Typ von Rothschild gesponsert?”

Neulich bei PI. NigelF erklärt, was es mit PIscher “Israelsolidarität” auf sich hat. Er findet nämlich, dass es Vorteile hat, wenn Israel/die Juden von verrückten Terroristen bedroht werden.

image

Mal abgesehen davon, dass “die” Muslime, auch wenn NigelF das wohl gerne hätte, keine einheitlich gemeinsamen Feindbilder haben (viele haben überhaupt keines), und Israel nicht von Muslimen als solchen bedroht ist, sondern von Antisemiten unterschiedlichster Couleur(unter denen es *auch* Muslime gibt), zeigt sich hier ein interessantes Denkmuster. NigelF, der sich hobbymäßig übrigens mit der Frage beschäftigt, wann in Deutschland sein ersehnter RassenkriegBürgerkrieg gegen Einwanderer startet, und sich dabei auf “Literatur” des antisemitischen Kopp-Verlages stützt, hat eigentlich nur etwas gegen Moslems. Deshalb liest er PI. Da dort jedoch plakative Israelsolidarität gezeigt wird, muss er sich eine Erklärung zurechtlegen, mit der er den Spagat zwischen PI und Kopp schafft. In der Konsequenz seiner Vorstellung wirft er seinen Feinden, die er als “die  Muslime” identifiziert, Juden zum Fraß vor, damit sie(“die Moslems”) nicht irgendwann ihn holen. In dieser Logik ist es angelegt, dass NigelF kein Interesse an einer friedlichen Beilegung des Nahostkonflikts entwickeln kann. Widerspruch bekommt er dabei freilich nicht zu lesen, denn mit seinem Kommentar hat er sehr treffend die PIsche Mainstreamhaltung zum Thema beschrieben.

Der humorbefreite OGDG erklärt, dass er das im PI-Copypaste-Beitrag gezeigte, sarkastische Video zum Thema “Einstaatenlösung” für einen ernstgemeinten Vorschlag hält, und vermutet schonmal, dass die Familie Rothschild dahinter steckt, zumal ja seiner Auffassung nach Juden wohl die USA beherrschten, für die Great Depression verantwortlich waren, und überhaupt, wohl die ganze Welt und noch mehr beherrschen.

image

Natürlich bekommen beide keinen Widerspruch von den aufmerksamen PI-Mitschreiberlingen zu lesen. Seit 24 Stunden. Aber das nur am Rande.


Lesetipps: Antisemiten in der Linkspartei

Um den Rechtsextremismus in vollem Umfang zu identifizieren, muss man ganz offensichtlich auch auf die Linkspartei schauen.

Hier finden sich Details, speziell bezüglich des Antisemitismus.

Das heißt nicht, dass man “die” Linkspartei als ganzes, oder “die” Linken pars pro toto dem Rechtsextremismus zuordnen kann – aber bei einem Teil davon geht das völlig problemlos.

Weiteres zum lesen und lernen hier.

Grundsätzlich ist also aufzupassen, denn: Einige “Linke” missbrauchen gute und wichtige Hinweise auf die real existierende Moslemfeindlichkeit, um ihrer antisemitischen und antiisraelischen Haltung Ausdruck zu verleihen.

Genau so, wie die Rechtsradikelen (PI, Po-Köln, usw.) den Davidstern wie ein Schutzschild vor sich her tragen, um sich gegen Rassismusvorwürfe zu immunisieren, so missbrauchen einige “Linke” den Islam, genauer gesagt: einige radikale politische Strömungen, die sich auf den Islam berufen, um ihren Antisemitismus zu verschleiern.

Und, es gibt noch weiteres zum Rechtspopulismus zu berichten.

Wir haben zentrale Aussagen von vier führenden europäischen Rechtspopulisten ausgewählt und das Forsa-Institut gebeten, eine repräsentative Zahl von Bundesbürgern mit diesen Fragen zur konfrontieren. Die Ergebnisse sind unerwartet eindeutig: Rechtspopulistisches Gedankengut trifft längst auf breite
Zustimmung in der Bevölkerung. Am anfälligsten zeigen sich die Wähler von Union und FDP – und die der Linkspartei. Besonders erschreckend: 20 Jahre nach der Wende stehen Ostdeutsche rechtem Gedankengut offenbar deutlich näher als Westdeutsche.

Kurzum: Nein, die Linkspartei ist nicht per se faschistisch, nur weil bei ihr auch rechtsradikales Gedankengut zum Teil auf einen Resonanzboden trifft. Aber sie ist gerade deswegen auch nicht per se antifaschistisch, nur weil dort auch Antifaschisten Unterschlupf bekommen. Vielmehr macht genau diese Mischung die Linkspartei gerade in Bezug auf Rassismus und Antisemitismus so profillos, wie die meisten anderen Parteien es sind. Mehr noch: Die als Monstranz vorgehaltene “Solidarität” macht ein konsequentes parteiinternes Durchgreifen in diesen Bereichen praktisch unmöglich.

Nachtrag: Hier die Studie(PDF)


Manchmal ist die BILD doch sympathisch

Die BILD-Printausgabe zu Po-NRW

Klick für größeres Bild

Und hier ein Artikel der Onlineausgabe

Und ein Kaspar Rosenbaum[*], Querfront-Autor in “Eigentümlich Frei”(ich verlinke nicht), schäumt und wütet, und legt sich für die Verfassungsfeindliche “Pro-NRW” ins Zeug und opfert schon einmal im Voraus.

Der Kaspar Rosenbaum übrigens, der im Jahre 2006 meinte, es gäbe in Deutschland bezüglich des Holocaust keine “Meinungsfreiheit”. Seiner Ansicht nach stellte sich auch die Teheraner Holocaustleugnungskonferenz lediglich in den Dienst dieser “Freiheit”[**] – mit dieser und ähnlichen Ansichten wurde er dann auch wohlwollend auf einer Ernst-Zündel-Solidaritätswebsite, Altermedia und weiteren Naziwebsites zitiert. Homosexuelle sind für ihn “Perverse”, die Begrifflichkeit “liberale Demokratie” ist für ihn ein Euphemismus, auch mit der Frage ob es Zeit für die “Systemfrage” sei, hatte er sich schon beschäftigt. Den Verfassungsschutz bezeichnete er auch mal als “Gesinnungsterroristen”, und er fabulierte von einer “offensichtlich mundtoten FDP seit Möllemann”. Alles natürlich aus seiner “liberalen” Perspektive heraus, oder aus der, die er für “liberal” hält. Er meint damit im Grunde nämlich: “Larifari zugunsten von Antisemitismus und Rassismus”.

Dass in der Printausgabe von “eigentümlich frei” bisweilen auch mal Werbung für Bücher erscheint, die sich intensiv mit den “Protokollen der Weisen von Zion”, einer “unsichtbaren Weltregierung”, eine angeblich fortbestehende “UNO-Feindstaatenklausel” und ähnlichem beschäftigen, verwundert daher nicht wirklich. Natürlich ganz selbstlos, der “Freiheit” wegen.

Dazu fällt mir ein Zitat ein, das Simon Wiesenthal zugeordnet wird:

Any political party in a democracy that uses the word ‚freedom‘ in its name is either Nazi or Communist.

[*] Der IGDR mutmaßte seinerzeit, es sei ein Pseudonym

[**] Die erklärte Absicht der Veranstalter und Teilnehmer war es, durch die Leugnung des Holocaust das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. Die UNO reagierte.


Wo fängt es an?

Ohne konkreten Anlass vorgebracht sind derartige Texte weniger emotional unterfüttert, und somit fruchtreicher, denn als Reaktion auf Kampagnen.

Hier also der Catcher:

Kaum ein Thema ist in Deutschland so präsent wie Israel und der Nahostkonflikt. Der Grat zwischen legitimer Israelkritik und Antisemitismus ist schmal. Auch in der Forschung ist dies ein viel diskutiertes Thema, die Kardinalfrage lautet: Wann wird Israelkritik antisemitisch? In der vergangenen Woche hat der Publizit Alfred Grosser in einem Interview mit Cicero Online Israel scharf kritisiert. Ihm antwortet der Antisemitismus-Experte Martin Kloke.

Ein Schlüsselabsatz noch:

Die Schlüsselfrage ist nicht, ob „Israelkritik“ „erlaubt“ ist – sondern, ob Kritiker ein faires, kritisch-differenzierendes oder aber ein maßlos verzerrtes und einseitiges Israelbild zeichnen. Der Antisemitismus-Verdacht wird zur Gewissheit, wenn „Israelkritiker“ das Existenzrecht Israels als jüdischer und demokratischer Staat in Frage stellen (Delegitimierung), wenn sie immer nur „Israel“, der „zionistischen Lobby“ oder gar „den Juden“ die Schuld an der palästinensischen Malaise geben (Dämonisierung) und wenn sie umstrittene israelische Militäreinsätze mit den Verbrechen der Nazis gleichsetzen (Aufrechnung und „Entsorgung“ der NS-Verbrechen).

Alles im Cicero.


Gleich zu gleich gesellt sich gern

Was haben…

…gemeinsam?

Sie sind alle zu einer gemeinsamen Veranstaltung geladen, die am 6. Dezember in Berlin stattfinden soll. Als gemeinsamer Nenner kann wohl aus gutem Grund der Antisemitismus und allerlei anderer Nazikompatibler Kram vermutet werden.


Antisemitismus und Moslemfeindlichkeit befruchten sich gegenseitig

„Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft salonfähig geworden.“, sagt Kramer.

Dieser Trend habe sich ausgerechnet durch die Sarrazinische Debatte bestätigt.

“Im Bereich des Rechtsextremismus wird der Hass auf alle, die als ‚fremd‘ bezeichnet werden, immer deutlicher artikuliert. Das enthemmt auch rechtsextremistische Antisemiten, die sich in ihrem braunen Gedankensumpf bestätigt sehen”

Just in die Zeit beispielsweise, als Sarrazins Thesen von der Bildzeitung propagiert wurden, und sich Neonazis hierbei endlich bestätigt fühlten, dass “man wohl noch sagen dürfe”, fiel auch die Einweihung einer Synagoge in Mainz. Leserreaktionen bei der Welt-Online zeigten vor allem eines: Von Hemmungen war nichts zu spüren.

Einige Wochen später wurde dann auch ein Brandanschlag auf diese Synagoge verübt. Das Pikante: die Medienberichterstattung war sehr zögerlich – ähnlich zögerlich ging es beim Mord an einen Iraker in Leipzig zu. Man war wohl noch zu sehr damit beschäftigt, die Richtigkeit des sarrazinischen Ideologems von wertvoller und unwerter Zuwanderung zu propagieren, anstatt sich einmal damit zu beschäftigen, welchen Einfluss derartige Diskurse auf die üblichen Verdächtigen ausüben.

Dass Antisemitismus nicht völlig sauber von “Israelkritik” getrennt werden kann, zeigte im Mai dieses Jahres ein ”israelkritischer” Anschlag auf eine Synagoge in der Lutherstadt Worms. In einem Bekennerschreiben hieß es: “Sobald ihr nicht den Palästinenser Ruhe gibt, geben wir euch keine Ruhe!!!”. Auch hier war die Medienberichterstattung zunächst sehr zögerlich.

Manche vermuteten – aufgrund der Rechtschreibung – dass es sich bei letzterem nicht um Antizionisten der Naziprägung handelt, sondern vielleicht um einen Antizionisten islamistischer Prägung. Puh, Glück gehabt. Es war wahrscheinlich eh keiner von uns. Die Kritikwürdigkeit eines solchen Reflexes muss hoffentlich nicht näher erläutert werden. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass es natürlich einen Antisemitismus islamistischer Lesart gibt, der bis in die Alltagskultur mancher Menschen vordringt. Nach dem Vorfall mit der “Free Gaza”-Flottille und insbesondere der Mavi Marmara und ihren z.T. klar antisemitischen Jihadisten zeigte sich dies am deutlichsten. Daher betont Kramer:

dass es eine „wild wuchernde antisemitische Szene in islamistisch-fundamentalistischen Kreisen“ gebe. Dort gehöre „Judenhass zum guten Ton – und zwar völlig ungeniert“. Kramer fügte hinzu: „Je offener diese Ideologie gepredigt wird, umso größer ist auch die Gefahr, dass sie vor allem junge Menschen beeinflusst und für legitim gehalten wird.“

Ein Punkt vergisst er hier jedoch, der ebenfalls eine Rolle spielt: Ein solcher Antisemitismus kann sich auch durch die Herstellung falscher Kausalitäten speisen und Resultat einer Art Querfront sein:

  1. Zum einen natürlich, wenn es direkt um Israel geht. Beispielsweise aber auch dann, wenn berechtigte Kritik an grassierender Moslemfeindlichkeit dazu missbraucht wird, um antiisraelische oder antiamerikanische Vorurteile zu bestätigen. Dies passiert auf Islamistischer, aber teils auch auf links-antiimperialistischer Seite, und teils sogar auf Seiten der Neonazis. Moslemfeindlichkeit wird hierbei nicht selten austauschbar als von zionistischen, kapitalistischen und/oder imperialistischen Kräften geschürt dargestellt, die einzig dazu dienen solle, irgendwelche Kriege vorzubereiten. Das geht dann teils bis hin zu abstrusen 911-Verschwörungstheorien inklusive Reichstagsbrandvergleichen.

    Dies wirkt katalysatorisch auf Jugendliche. Die real vorhandene Moslemfeindlichkeit kann bei betroffenen mittelbar eine antisemitische Grundhaltung erzeugen, sofern sie solchen Verschwörungstheorien folgen.

  2. Ähnlich problematisch ist es daher auch umgekehrt, wenn einige Strömungen, die aus Doitschnationalen oder christlich-fundamentalistischen Gründen der Moslemfeindlichkeit fröhnen, diesen Hass durch eine Israelfreundlichkeitsmaske mit einem Davidstern versehen, wie z.B. PI und bis vor einiger Zeit noch Pro-NRW und Pro-Köln, um sich von den nicht weniger Xenophoben “Kacknazis” abzugrenzen. Auf diese Weise werden jedoch genau die “Zusammenhänge” suggeriert, die es zwar so nicht gibt, auf die sich dann unter #1 genannte Verschwörungsfuzzis gerne berufen, und “den Juden”/”den Zionisten”/”den Amerikanern” o.ä. “die Macht nachzuweisen”, von der ihr Bauch ja immer schon ahnte, dass sie sie hätten.

Wie es konkret aussieht, wenn solche Theorien vorgesponnen werden, sieht man beispielhaft hier bei einem islamistischen YouTube-Video. Theorien, die nahezu identisch in Nazikreisen und erfolgreich verquerfronteten “Antiimperialistischen” Kreisen zu finden sind.


Aktionswochen gegen Antisemitismus

In diesem November finden bereits zum siebten Mal die Aktionswochen gegen Antisemitismus, die mit 170 Veranstaltungen bundesweit größte Kampagne gegen Antisemitismus, statt. Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, die Diskussionen über aktuellen und historischen Antisemitismus anzuregen. „Als wir vor sieben Jahren die ersten Aktionswochen gegen Antisemitismus veranstalteten, geschah dies, weil wir den Eindruck hatten, dass Erinnerungskultur und die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zunehmend in den Hintergrund geriet“, erläuterte Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung, zu Beginn der Pressekonferenz. „20 Jahre nach dem Mauerfall ist es nun wichtig, den aktuellen Antisemitismus in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.“

„Antisemitismus hat über die Jahrhunderte die Kleider gewechselt. Heute ist Israelkritik oftmals das Trägermaterial für eigentlichen Antisemitismus“, erklärte Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Aus diesem Grund gibt es in diesem Jahr erstmals einen inhaltlichen Schwerpunkt – Israelfeindschaft. Bei der Israelfeindschaft werden antisemitische Einstellungen als legitime Kritik am Staate Israel getarnt, so z.B. Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit dem Nationalsozialismus.

Weiterlesen: » Störungsmelder.

Ein wichtiges Thema. Nicht weniger wichtig, als andere Formen des Hasses auch.


Radiobeiträge: Wie Israelkritisch darf man sein?

Es handelt sich hierbei um zwei Radiobeiträge, in denen je eine andere Position zum Thema dargestellt wird.

Weltweit wird die Politik Israels immer offener kritisiert. Auch in Deutschland regt sich Unmut. Allerdings eher zaghaft. Israelkritik bleibt immer noch hinter vorgehaltener Hand.

Und so ist es kein Wunder, dass in Freiburg kurzerhand eine geplante Ausstellung über das Schicksal der Palästinenser nach 1948 wieder abgesagt wurde: Zu tendenziös sei diese Ausstellung, hieß es – mit anderen Worten: Zu israelkritisch. Ein Grund für unsere Korrespondentin und Israelkennerin Bettina Marx, der Frage nachzugehen, warum man sich hier in Deutschland so schwer mit Israelkritik tut.

Währenddessen freut man sich in Deutschland über ein junges, liberales Judentum, das durch aufgeschlossene Rabbiner immer populärer wird. Vielleicht war es deswegen auch möglich, dass sich eine 31 Jahre junge Frau zur ersten Rabbinerin in Deutschland seit dem Holocaust ausbilden ließ.

Dauer: ca. 10 Minuten
Quelle: Deutsche Welle

Und noch eine zweite Sendung:

Dauer: ca. 5 Minuten
Quelle: SWR

Der Antisemitismusforscher Prof. Micha Brumlik über den Streit um Alfred Grosser als Redner bei der Gedenkfeier bei der Reichspogromnacht. Tobias Ignee im Gespräch mit Prof. Micha Brumlik, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. SWR2 Journal am Mittag vom 05.11.2010


"WIR" und die anderen und der alltägliche Rassismus

MartinMarheineckeRassen_nsprop Der Mensch neigt zu Pauschalisierungen. Er ordnet ein, kategorisiert und ordnet zu.
WIR, das sinde DIE Deutschen und DIE Christen.
Die anderen das sind DIE Ausländer, DIE Muslims, DIE Juden.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass es diese Kategorien, diese Gruppen in Wirklichkeit gar nicht gibt. Die Zuordnung eines Menschen zu einer dieser Gruppen als solches wäre ja auch gar nicht tragisch. Klar, ich bin Deutscher. Ich gehöre zu dieser Gruppe von Menschen. Ich kann weder was dafür, noch ist es mein Verdienst, noch kann ich es verhindern.
Problematisch aber ist, dass mit bestimmten Gruppen bestimmte Klischees, bestimmte Eigenschaften verbunden werden.

"An allem Elend sind die Juden und die Radfahrer schuld." Antwort: "Wieso die Radfahrer?"

Juden sind Geldverleiher, sind raffgierig, geschäftstüchtig, schlagen aus allem Profit.
Wird von "East-Coast-Banker" gesprochen, so ist klar, dass damit Juden gemeint sind. Und Zinsknechtschaft ist fast untrennbar mit dem Judentum verbunden.

"Das ist typisch deutsch": Pünktlichkeit, Ordnung, Gewissenhaftigkeit,  Fleiß.

Ist jeder Deutsche so?

Was ist DER Islam?

Anders als bei der katholischen Kirche, gibt es DEN Islam gar nicht. Es gibt keine islamische "Kirche" und keine Mitgliedschaft in einer solchen, wie beim Katholizismus.
Es gibt zahlreiche, sehr unterschiedliche islamische Gruppen und Organisationen.
Jede von ihnen hat unterschiedliche Gebräuche, Koran-Auslegungen, kulturelle Ursprünge. Der Unterschied zwischen Aleviten und Sunniten dürfte vermutlich weit größer sein, als der zwischen Katholiken und Protestanten.

Und doch: oft reicht schon das dunkle Haar, die braunen Augen, der dunkle Teint, der Bart und das Urteil ist fertig: Ein Muslim.
Und damit sind dann auch eine ganze Reihe von Klischees verbunden: rückständig, unkulturell, frauenunterdrückend, Tierquäler, antichristlich, Terrorist.

Ob dieser Mensch tatsächlich einer muslimischen Gemeinde angehört und welcher, ob er gläubig ist, ob er muslimische Gebräuche praktiziert, ob er im Ramadam fastet, keinen Alkohol trinkt und kein Schweinefleisch isst, wird gar nicht mehr hinterfragt. Es ist Bestandteil der Eigenschaft "Muslim".

Die deutsche Volksgemeinschaft, das sind die Guten. Das sind die, der wir zugehörig sind. Also müssen es die Guten sein.
Und die wünschen sich die Freunde der deutschen Volksgemeinschaft möglichst homogen. Und da passen "die anderen" nicht dazu.

moschee Die stören die Volksgemeinschaft. Sie gefährden die Harmonie, die Gleichförmigkeit, die Regelmäßigkeit, die Symmetrie.

Ein Minarett, eine Moschee stört das gleichförmige Stadtbild, das geprägt ist von Mietshäusern, Geschäften und Kirchtürmen. Auch eine Synagoge ist da fehl am Platz, so wie kürzlich eine Gemeinderätin in Herford befand.
Sie stimmte gegen einen städtischenn Zuschuss zum Bau einer Synagoge, gegen die „Partikularinteressen einer Religionsgemeinschaft“.
Hat diese Frau vergessen, wieviele Milliarden der deutsche Staat jedes Jahr den christlichen Kirchen zuschießt? Oder ist das was anderes, weil die Bezahlung des christlichen Kirchenpersonals durch den Staat auf uralten Verträgen beruht?
Eine junge Reporterin rief Anette Kahane für ein Interview an und fragte dies und das zu Rechtsextremismus. Und dann kam der interessante Teil. In Taucha, Sachsen-Anhalt sei ein Jugendlicher aus einer Besuchergruppe zusammengeschlagen worden. Von irgendwelchen Rechten, sagte sie. Die hätten dabei immer „Du Scheiß-Jude, verpiss dich“ und ähnliches gebrüllt. „Nun, Frau Kahane, was meinen Sie? Ist das schon Antisemitismus?“ „Schon? Ja klar, was denn sonst?!“ sagte diese „Naja“, Neue_Synagoge_Berlin meinte die Reporterin, „aber das Opfer war doch ein Israeli“.

War die Entscheidung der Herforder Stadträtin Antisemitismus? Ach so, ich vergaß zu erwähnen, dass es sich bei dieser Abgeordneten nicht um eine Abgeordnete der NPD oder der sogenannten Pro-Bewegung handelte. Nein, es war ein Mitglied der LINKE.
Linker Antisemitismus? Oder war es "nur" das, was ihre Freundin und Bundestagsabgeordnete der Linken Inge Höger nur Tage zuvor als Crew-Mitglied der Gaza-Flottille vorlebte, als sie mit islamistischen Antisemiten zusammen gegen Israel der Hamas zu Ruhm verhelfen wollte? Wo sind da die Unterschiede?
Nein, Antisemitismus sei das nicht. Das sei Antizionismus. Und das sei nur Kritik an der Politik des Staates Israel, hört man dann immer wieder. Wird da wirklich unterschieden? Zwischen  der Kritik an DEN Juden und der Kritik an dem Staat Israel?
Die Juden sind mal wieder selber schuld. Denn gäbe es den Staat Israel nicht, gäbe es ja auch keinen Grund, ihn zu bekämpfen, gäbe es keinen grund einen Juden – Verzeihung: einen  Israeli – in Deutschland zusammen zu schlagen, gäbe es auch keinen Grund gegen den Bau einer Synagoge zu stimmen.

Die Juden- und Israelfeindlichkeit ist die eine Seite der selben Medaille, auf deren anderen die Islamfeindlichkeit steht.

WIR, die deutsche Volksgemeinschaft muss sich schützen. Sie muss im Vordergrund aller Überlegungen stehen. Und wenn mehrere Millionen Menschen in Pakistan von Seuchen und Tod bedroht sind, so müssen Spenden für den Wiederaufbau eines bei der Überschwemmung bei Görlitz beschädigten Zoos Vorrang vor den Spenden für Pakistan haben. Nunja: sind ja eh nur Muslime dort.

Und weil das Abendland untergehen könnte, können wir es natürlich auch nicht dulden, wenn in unseren Städten Moscheen und muslimische Gemeindezentren gebaut werden sollen, ebensowenig wie Synagogen.

Da wird dann plötzlich von der Trennung von Staat und Religion gesprochen, von "Partikularinteressen einer Religionsgemeinschaft". Dabei aber gleichzeitig gefordert, der Staat solle die christliche Religion schützen. In Wirklichkeit aber ist der deutsche Staat unendlich mit den christlichen Kirchen verfilzt. Auch im aktuellen Koalitionsvertrag ist von der "unverzichtbare(n) Rolle bei der Vermittlung der unserem Gemeinwesen zugrunde liegenden Werte“ bezüglich der christlichen Kirchen die Rede.

Weil die christlichen Kirchen eben zu uns gehören, sind sie Teil des Guten. Und damit sind die anderen – die Juden und die Muslims – logischerweise die Bösen. Jene, die unsere Kultur unterwandern, übernehmen, zerstören wollen, wie das ja auch z.B. Udo Ulfkotte im rechtsesoterischen Kopp – Verlag immer wieder gerne propagiert.

Da spielen Inquisition, Hexenverbrennungen, Unterdrückung der Wissenschaft in den 2000 Jahren christlicher Geschichte auch keine Rolle mehr. Und so werden dann natürlich auch die Erkenntnisse von Aufklärung und Humanismus schnell und bedenkenlos über Bord geworfen.
Die Ausländer haben mehr Rechte als die Deutschen in unserem Lande wird da immer gern behauptet und dabei geflissentlich übersehen, dass die BRD die Antidiskriminierungsrichtlinie der EU nur teilweise umgesetzt hat.
Die ethnische Zugehörigkeit zum "Deutschtum" wird entgegen den verfassungsmäßigen Grundrechten  höher bewertet, als die humanistischen Ideale der unveräußerlichen unteilbaren Menschenrechte.

Wer Muslim ist, ist fast automatisch Islamist und folglich Terrorist. Damit stehen alle Muslims und damit wiederum alle "Zugewanderten" unter Generalverdacht. Und doch haben sie für die deutsche Volksgemeinschaft eine wichtige Funktion. Denn wenn die schlecht sind, müssen wir gut sein.

Wir müssen uns nicht mit uns selbst beschäftigen, wenn wir über "Die Anderen" reden können. Wenn wir über "Ehrenmorde" reden, müssen wir  uns keine Gedanken darüber machen, dass 80 Prozent aller ermordeten Frauen von ihren deutschen, christlichen (Ex-) Partnern oder Familienmitgliedern ermordet werden.

Wenn wir uns darüber aufregen und gleichzeitig beruhigend damit trösten können, dass es ja muslimische Jugendliche waren, die eine jüdische Kinder-Tanzgruppe mit Steinen bewarfen, brauchen wir uns nicht mehr fragen, warum auch schon vor der palästinensischen Intifada jüdische Gemeindezentren und Synagogen von Polizisten bewacht werden mussten.
Der Grund war wohl weniger die „[b]esondere[r] Verantwortung (…) für die jüdischen Gemeinden als Teil unserer Kultur“, sondern  wohl eher die Angst vor schlechter Presse im Ausland, falls die Volksgemeinschaft mal wieder tabula rasa voelkerschau machen will.  Wer so tut, als gäbe es „unsere Gesellschaft“ mit „unseren Werten“ ohne ihre parzellierten Interessengruppen und ihre sozialen Disparitäten, braucht nicht zu sagen, ob Menschen, die einwandern, sich an antisemitischen Stammtischen beteiligen oder lieber philosemitische Sonntagsreden hören sollen – vielleicht sogar aber auch beides. Das Bekenntnis zur „Integration“ muss reichen. Den Rest besprechen wir am Sankt-Nimmerleins-Tag. – Vielleicht bei einem Erfrischungsgetränk im Augsburger Zoo, wo noch im Jahr 2005 – gerade war die Bundesrepublik offiziell zum „Zu-“Wanderungsland geworden – die besonders originelle Idee aufkam, ein „African Village“ zu installieren, in dem Schwarze inmitten anderer kurioser Geschöpfe „die Atmosphäre von Exotik“ vermitteln sollten. Im Zoo. (http://www.lifeinfo.de/inh1./texte/aktuelle_news14.html) Mit ähnlichen "Völkersachauen"  waren schon im 19. Jahrhundert Menschen anderer Kulturen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit zu Schauobjekten degradiert worden.

Für den alltäglichen Rassismus spielt es keine Rolle, dass es DEN Deutschen, DEN Muslim, DEN Juden, DEN Ausländer gar nicht gibt.

0_big Es geht dabei darum, sich selbst über die Ausgrenzung der ANDEREN als Zugehöriger zu DIESER Volksgemeinschaft, zur DEUTSCHEN Volksgemeinschaft definieren zu können.
Die eigene Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft, das Verlangen nach einer homogenen Gesellschaft, die durch gleiche Interessen – deutsche Interessen – gekennzeichnet ist, verleugnend, dass es in dieser Gesellschaft unterschiedliche Interessen gibt, die unabhängig von Volks-, Ethnie- und/oder Religionszugehörigkeit sind,  ist es, die den alltäglichen Rassismus schafft. Es ist die Grundlage für Faschismus, für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

(Quelle: Portal Antifaschismus2 – Lizenz: CC)