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Antisemitische Deutungen bei der “Sezession”

Unter Berufung auf einen Artikel von Matthias Brodkorb versucht ein Herr Martin L., Autor bei der “Sezession”, also dem “wahren, guten und schönen Tagebuch”, dem Antisemitismus eine rationale Grundlage zu verleihen.

hxxp://www.sezession.de/11330/broder-vs-benz.html

Zunächst beschreibt er Broders korrekten Einwand, der Antisemitismus fuße nicht auf einer sachlichen Grundlage, Islamkritik hingegen könne sich sehr wohl auf reale Begebenheiten wie den Islamismus oder den Terrorismus berufen.

Nun behandelte Benz ja nicht die Islamkritik im ganzen, sondern eine besondere Form der “Islamkritik”, die sich auch mal in Hass und Feindschaft ergeht. Hier kann man natürlich schauen, ob bei Argumentationsformen dieses Islamhasses auch wirklich alles auf wahren Beschreibungen fußt, oder ob es vielleicht doch Generalisierungen, Fehlzuschreibungen oder gar periphere Verschwörungstheorien gibt, die einzig der Dämonisierung des Islam sowie dessen Anhänger als Gruppe dienen. Und in der Tat, es gibt derartiges.

Herr Martin L. geht den anderen Weg. Er meint tatsächlich einen Ankerpunkt gefunden zu haben, über den man die Erkenntnisse der Antisemitismusforschung generell infrage stellen kann. Es geht ihm hierbei schlicht um einen Versuch, den Antisemitismus eine Legitimation zu geben(wesentliches hervorgehoben):

(…)Hier wird nämlich indirekt und ohne Absicht des Benz ein beliebtes Kerndogma bestimmter jüdischer Gruppen unterwandert, das sich etwa in jenem unverschämten Märchen äußert, das Broder reflexartig aufgetischt hat, im satten Wohlgefühl der enormen Rückendeckung, die er dabei hat, nicht zuletzt durch weite Teile einer instrumentalisierten und politisierten „Antisemitismusforschung“. Die Behauptung, daß „Antisemitismus“ pauschal in den Bereich der Hirngespinste zu verweisen sei, also mit dem tatsächlichen Verhalten und den politischen Interessen von Juden nicht das geringste zu tun hätte(…)

Zum einen ist es ja schon bemerkenswert, dass er die Begriffe Antisemitismus und Antisemitismusforschung in Anführungszeichen schreibt. Dies weist darauf hin, dass er irgendein Problem mit diesen Begriffen hat. Welches genau, das beschreibt er nicht. Vielleicht sind diese Begriffe für seinen Geschmack etwas zu negativ besetzt?

Die verschwurbelte Konstruktion des Herrn L. kürze ich einmal auf das wesentliche:

“Das Kerndogma bestimmter jüdischer Gruppen” wird unterwandert. Dieses “Märchen” ist die Behauptung, dass Antisemitismus auf Grundlage von Hirngespinsten fußt. Dieses “Märchen”, also das “jüdische Dogma” wird von der missbrauchten Antisemitismusforschung aufrechterhalten.

Noch kürzer:

Die Antisemitismusforschung verbreitet Märchen. Jüdische Märchen

Und er meint damit nicht etwa den Part mit dem Islam, so wie es Broder meint, nein. Herr Martin L. meint den Part mit dem Judentum. Irgendwas müsse ja dran sein, am Antisemitismus – so liest sich die Message jedenfalls.

Hübsch verschwurbelter Antisemitismus ist eben auch Antisemitismus. Und so ist es auch nur logisch, wenn der Herr sich dazu berufen fühlt, gleich im nächsten seiner Artikel über den Antisemitismus zu schreiben, und wärmt hierbei antisemitische Zitate der frühen 1930er auf. Natürlich abgelegt in der Kategorie “Revisionen”

Ich hätte einen Vorschlag für den Herrn:
Broder lobte Herrn Benz zuletzt in hohen Tönen für ein neues Werk über den Antisemitismus. Vielleicht mag es der Antisemitismusinteressierte Martin L. gern mal lesen, und uns mit weiteren Antisemitismusartikeln verschonen, bis er die gesamte Lektüre, am besten auch Band I. auswendig gelernt und verinnerlicht hat.

Siehe auch:
Henryk M. Broder – “Sind Muslime die Juden von heute?”
“Erschrick nicht, wenn Du feststellst, dass Du konservativ bist”…


Henryk M. Broder – “Sind Muslime die Juden von heute?”

Henryk M. Broder lässt sich wieder in der WELT aus, und lässt wie erwartet keinen Stein auf dem anderen.

Unter der Überschrift “Sind Muslime die Juden von heute?” verfasste er eine Replik auf einen Artikel in der Süddeutschen von Wolfgang Benz, die sich in Polemik erschöpft. Im Schulunterricht hätte es danach wohl geheißen: “Thema verfehlt, setz, sechsen!”

Muslime sind ganz sicher nicht die Juden von heute – das behauptet so überspitzt auch niemand ernsthaft, der wirklich noch alle Tassen im Schrank hat. Juden sind die Juden von heute, und Muslime sind die Muslime von heute.

Broder unterstellt jedoch schon mit seiner suggestiven Überschrift Herrn Benz eine relativierende Gleichsetzung. Nun schreibt Benz jedoch von Parallelen, und Parallelen berühren sich bekanntlich nicht, er beschäftigt sich auch nicht mit Juden und Moslems, sondern mit Islamfeindlichkeit und Antisemitismus. Es geht um die Frage, was beide Formen der Fremdenfeindlichkeit gemeinsam haben – und das ist zum Beispiel die Stoßrichtung: Das pure Ressentiment. Weder der Ursprung ist gleich, noch das ideologische Fernziel. Das hat auch nie jemand ernsthaft behauptet. Broder übt sich also im Schattenboxen, wenn er eine solche Gleichsetzung zu bekämpfen behauptet.

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