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Der Integrationsgipfel im Schatten Sarrazins

Beim Sprengsatz findet sich ein interessanter Artikel, der so vieles auf den Punkt bringt, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Ich ziehe einfach mal zwei Abschnitte heraus, die einen wichtigen Zusammenhang beschreiben:

Die Sarrazin-Debatte hat zu einem Klima in Deutschland  geführt, in dem Migranten öffentlich – und wie selbstverständlich – wieder als “Scheiß-Ausländer” bezeichnet werden. Die latente Fremden- und Ausländerfeindlichkeit ist in dramatischer Weise virulent geworden. Und das in allen Kreisen, in bürgerlichen nur mit einer anderen Wortwahl. Sarrazin, und das ist das Schlimmste an seinem Buch, hat Hass und Ressentiments gesellschaftsfähig gemacht – zumindest fahrlässig. Man wird doch wohl mal sagen dürfen…

(…)

Auch der jüngste Integrationsgipfel war eine verlogene Veranstaltung. Ehrlich wäre es gewesen, erst einmal über die Deutschen und die rapide Zunahme der Ausländerfeindlichkeit zu sprechen und das aufgeheizte gesellschaftliche Klima, in dem der Gipfel stattfand. In einer Zeit, in der Desintegration mit Millionenauflagen gefördert wird, ist es einseitig und damit falsch, von Zuwanderern bessere Integration zu verlangen, wenn nicht gleichzeitig von den Deutschen gefordert wird, Migranten offen und vorurteilsfrei aufzunehmen. Beides ist untrennbar verbunden. Es gibt eine Hol- und eine Bringschuld.

Das schlimmste an der ganzen Geschichte ist, dass es da draußen Knalltüten gibt, die behaupten, die sarrazinische Ausgrenzungsdebatte fördere die Integrationsbereitschaft auf Seiten der sich integrierenden. Mag dies vielleicht sogar in Einzelfällen stimmen, ist in der Gesamtheit betrachtet das genaue Gegenteil der Fall: Sie fördert die Integrationsverweigerung auf Seiten der Integrierenden und eine wachsende Bereitschaft der bereits gut integrierten, diesem Land den Rücken zu kehren.

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Sarrazin hat ein Ungeheuer geschaffen

Wo der Schweinehund knurrt

Thilo Sarrazin hat ein Ungeheuer geschaffen, Medien haben es freigesetzt, Politiker gefüttert. Die INTEGRATIONSDEBATTE hat bislang nur Schaden angerichtet, aber nicht weitergeführt. Eine persönliche Zwischenbilanz

Der Zwischenruf aus Berlin von HANS-ULRICH JÖRGES

Zwei Monate haben das Land verändert. Zwei Monate Sarrazin-Debatte — und die sogenannte Integra­tionsdebatte war nichts anderes als das, ohne am Ende noch seinen Namen öffentlich zu erwähnen — haben ein Deutschland offenbart, das ich nicht mehr für möglich gehalten hätte. In diesen zwei Monaten seit dem Erscheinen des Sarrazin’schen Bestsellers wurde — quer durch die Gesellschaft, auch in gebildeten, bürgerlichen Kreisen — eine Migranten- und Islamfeindlichkeit aufgedeckt, die erschrecken lässt. Die Integrationsdebatte wurde darüber, in ihren hysterischen Entgleisungen, zur kaum noch kaschierten, primitiven Ausländer‑raus-Kampagne. Sie hat Ressentiments freigelegt, verfestigt und verbreitet, die lange nachwirken werden.

Fast 60 Prozent der Deutschen, enthüllte eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung, verlangen, dass die (grundgesetzlich garantierte!) Religionsausübung für Muslime „erheblich eingeschränkt" wird. Niemals seit der Judenverfolgung wurden Menschen in Deutschland so pauschal, so grobschlächtig und so verletzend ausschließlich nach ihrem Glauben beurteilt und herabgewürdigt.

Mir ist darüber speiübel geworden. Was haben der Bäcker aus der Türkei, der Arzt aus dem Iran und der Ingenieur aus Ägypten in Wahrheit miteinander gemeinsam? Den Glauben? Wissen wir nicht, dass Muslime hierzulande ähnlich säkularisiert leben, kaum häufiger in die Moschee gehen als Christen sonntags in ihre Kirche? Was würden Christen dazu sagen, wenn sie in arabischen Ländern an Wort und Tat des Papstes gemessen, nach dem Dogma der Jungfrauengeburt und dem himmelschreienden Skandal des sexuellen Missbrauchs von Kindern in katholischen Einrichtungen beurteilt würden? Dür­fen die unbezweifelbaren Missstände in Neu‑kölln-Nord zum Maßstab des Integrationserfolgs in ganz Deutschland werden?

Ach ja, die Scharia, das islamische Straf­recht mit Handabhacken und Steinigen … Schrill beschrien in dieser sogenannten Debatte. Will die Scharia jemand in Deutschland einführen? Übrigens: Sie gilt auch in der Türkei nicht. Das erste türkische Strafgesetzbuch wurde 1926 (!) vom italienischen Strafgesetzbuch abgeschrieben, das damals als besonders modern galt. Das im selben Jahr in Kraft gesetzte Zivilgesetzbuch war eine Übersetzung des schweizerischen. Braucht man das nicht zu wissen?

Was ist gut integrierten „Muslimen" mit gedankenlosem, rabiatem Geschwätz angetan worden! Ein Berliner Freund, in Afghanistan geboren, Akademiker, mit deutscher Frau und Kind, perfekt integriert und akzentfrei deutsch sprechend, war so verzweifelt über die Ablehnung, die ihm nun entgegenschlug, dass er Pläne zum Bau eines Hauses infrage stellte — und darüber nachdachte, das Land zu verlassen.

Sarrazin hat ein Ungeheuer geschaffen. Und die Medien haben es freigesetzt, unter der Flagge der Diskussion. Fernseh-Talkshows hören genau, wo der deutsche Schweinehund knurrt — manche haben ihm fleißig Knochen hingeworfen, damit er Quote kackt. Die feine „FAZ" gebärdete sich knarzend reak­tionär wie ein Soldatenstiefel. „Wulff, der Christ, kämpft für den Islam. Ganz so wie Erdogan", kommentierte sie die Integrationsrede des Bundespräsidenten vom 3. Oktober. Als Wulff vor dem türkischen Parlament spiegelbildlich Religionsfreiheit für Christen eingefordert hatte, bemängelte sie, dass „derjenige, der die Ketten endgültig sprengte" auch darin nicht vorgekommen sei. Sarrazin, der die Erbdummheit der Muslime propagiert, wäre als Freiheitsheld vor dem türkischen Parlament zu loben? Das ist intellektuelle Heimtücke.

Unter der Überschrift „Integration heißt nicht, ein Volk‘ zu sein", rief Helga Hirsch bei „Welt online" Wulff hinterher: „Wer Türken, Polen, Russen, Juden, Iraker, Italiener, Deutsche zu einem Volk erklärt, weil sie deutsche Staatsbürger sind, verkleistert gerade das, was uns augenblicklich so viele Probleme bereitet…" Unfassbar: Juden als Fremde ausgegrenzt! Erst ein kritischer Hinweis von außen führte dazu, dass die Redaktion die Juden aus dem Text strich, gerade rechtzeitig vor der Ver­öffentlichung auch in der gedruckten „Welt". Helga Hirsch übrigens war rechte Hand Joachim Gaucks bei dessen Präsidentschaftskampagne und Co-Autorin seiner Memoiren.

Den Verstand verloren hat zu Teilen auch die Politik. Kristina Schröder etwa, die Familienministerin, die „Deutschenfeindlichkeit" muslimischer Schüler „Rassismus" nannte. Das törichte Mädchen ist nur deshalb im Amt, weil es der hessischen CDU angehört. Durch derlei Geschwätz wird auch noch dem Ansehen der Politiker geschadet — weil die Aufgestachelten genau beobachten, dass die nur reden, aber nichts tun. Gottlob hat Wulff dem guten Deutschland eine Stimme gegeben.

Dieser Zwischenruf stand in der Printausgabe des aktuellen Stern.
(Via Dontyoubelievethehype)


Empfehlenswerte Radiobeiträge über Sarrazin und Populismus

Quelle: HR2
Länge: ca. 53 Minuten

Außerdem empfehlenswert ist dieser Radiobeitrag über Populismus mit Exkursen zur Tea Party, LaFontaine, Sarrazin, Ronald Schill,  die „Schwedendemokraten“ und Wilders.
Titel: „Uns hört ja keiner zu“ – Warum Populisten erfolgreich sind