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Ist Integration vollbracht?

Viele fragen sich aufgrund der Undefiniertheit und damit Beliebigkeit des Begriffes “Integration”, was damit eigentlich gemeint ist. Man kann es kurz fassen: Alles und nichts.

Letztlich wird überall, wo dieser Begriff auftaucht, nur darüber diskutiert, was denn mit dem Begriff “Integration” gemeint sei, wie man ihn definiert, wer “integriert” ist, und wer nicht, usw., und zwar seitdem dieser Begriff in der Welt ist, und so lange er in der Welt ist. An diesen Diskussionen erfährt man immer wieder, dass es darüber keine Einigkeit gibt. Einfach deshalb, weil “Integration” ein zutiefst emotionaler, jedoch inhaltlich leerer Begriff ist, den jeder Mensch mit seinen persönlichen Wunschvorstellungen füllt. Entsprechend kontrovers verlaufen dann sämtliche Diskussionen um diesen Begriff.

1. Für manche ist Integration, dass ein Mensch die geltenden Gesetze™ achtet, und sich an sie hält. Nur: Wäre dann die politische Betätigung in einer Partei, die ja immer auch darauf abzielt, geltende Gesetze zu ändern, ein Zeichen für unterschwellige Unintegiertheit? Wohl nicht. Auftauchende Kritik an dem einen oder anderen Gesetz ist ein wesentliches Merkmal der demokratischen Gesellschaft. Ebenso ist Kriminalität ein bereits bekanntes Merkmal der Gesellschaft, wenn auch ein unschönes. Integration kann in der realen Praxis eben auch bedeuten, dass Mehmet und Stefan gemeinschaftlich ein Ladendiebstahl-Abenteuer begehen. Da sind gleiche Maßstäbe anzulegen. Wer hier also einen Stefan nicht als “unintegriert” bezeichnet, sollte es auch bei einem Mehmet oder Thijs unterlassen.

2. Für andere ist “Integration”, dass man sich in seinem Verhalten an den Gepflogenheiten der Mehrheit™ orientieren soll. Demnach sind z.B. Punks unintegriert. Gesichtstätowierte, Männerrocktragende Geeks, die sich vegan ernähren und der Hausbesetzerszene angehören, sind es sowieso. Das gleiche gilt in NRW für Fans von Jodelgesängen, Lederhosen und Weizenbier, speziell in Düsseldorf für Kölschtrinker. Wenn “Integration” wirklich hieße, man dürfe in der Masse nicht auffallen, dann würden unheimlich viele Menschen als unintegriert gelten. Das ist es also auch nicht, worum es gehen kann.

3. Für manche ist die offensive “Identifikation mit Deutschland™” die maßgebliche Messgröße für “Integration”. Sprachkenntnisse, Rechtschaffenheit und Bildungsstand werden völlig unwichtig, wenn der schwarz-rot-goldene Joker gespielt wird, wenn man sich also zwecks kollektiver Identifikation einem “gemeinsamen Banner” unterordnet. Ist das Fähnchen jedoch einmal nicht zu sehen, dann greifen wieder alle anderen “Erfordernisse” für den Stempel “Integriert”. Fähnchenschwenken integriert also nicht.

4. Für manche bedeutet “Integration” schlicht, die Deutsche Sprache™ zu beherrschen, wobei hier bereits differenzierte Forderungen gestellt werden. Für die einen ist man integriert, wenn man sich auch ohne gekonnte Wortbeugungen und korrekt ausgewählte Artikel in einer deutschsprachigen Gesellschaft bewegen kann. Andere setzen für den Stempel “Integriert” ein intellektuelles sprachliches Niveau voraus, das nur ein Bruchteil der Gesellschaft für sich erschlossen hat. Aber auch hier kann man nicht von “Integration” sprechen, denn selbst Leuten mit perfekten Deutschkenntnissen und guter Bildung wird häufig genug mangelnde Integration vorgeworfen.

Im Schulunterricht werden Deutschkenntnisse permanent weiterentwickelt und kontrolliert, in Kindergärten und Grundschulen wird ein besonderes Augenmerk auf die Sprachkompetenzen geworfen, und spezifischer Förderbedarf ermittelt. An die Schülergeneration kann sich also allenfalls eine Forderung richten, die an alle Schüler gleichermaßen gerichtet ist oder zumindest sein sollte: Fleißig zu lernen. Mit dem Thema “Integration” hat das jedoch nichts zu tun. Allenfalls könnte hier eine Note an die Eltern der SchülerInnen gerichtet werden, den wichtigen schulischen Aufgaben nicht im Wege zu stehen.

An die Gastarbeitergeneration kann sich die Forderung nach dem Spracherwerb auch nicht richten. Diese Generation wurde ja gerade unter der Bedingung eingeladen, dass sie sich nicht allzu sehr an die Gesellschaft anpasst, also auch die Sprache möglichst nicht beherrscht. Viele davon sind bereits in einem Alter, in dem das Erlernen von Sprachen generell unheimlich schwierig ist. In den meisten Fällen hat sich dennoch über die Jahre eine Sprachkenntnis herausgebildet, die für die meisten notwendigen Alltagsaktivitäten völlig ausreichen. Für alles darüber hinausgehende gibt es das Heer der Bi- bis Trilingual aufgewachsenen Folgegenerationen.

Bleiben also im Bereich des Spracherwerbs nur diejenigen, die in den letzten Jahren zugewandert sind, oder noch zuwandern werden. An diese Menschen gerichtet kann der Hinweis, dass die Kenntnis der Deutschen Sprache unheimlich viele Vorteile mit sich bringt, nicht falsch sein. Ein solcher Hinweis macht jedoch zumindest in einer Konstellation kaum Sinn: Nämlich dann, wenn professionelle Kurse fehlen, unerschwinglich sind oder lange Wartelisten haben, und das Herkunftsland die Türkei ist. In einem Land nämlich, dessen (Zahlen- und Flächenmäßig) größte Minderheitensprache Türkisch ist, können sich im Alltag nämlich durchaus Alternativen zu Erwerb und Anwendung der deutschen Sprache ergeben, wenn es für letzteres keine adäquaten Angebote gibt.

In den meisten Fällen gehen Diskussionen um “Integration” jedoch an der Lebensrealität der meisten Menschen sowieso vorbei. Der Ruf nach “Integration” kann sich, wenn überhaupt, dann nur an diejenigen Menschen richten, die gerade einwandern, und das sind nicht viele.

Für Menschen, die im Land geboren wurden, muss generell gelten:

Weshalb sollte ich mich in eine Gesellschaft integrieren, der ich schon seit meiner Geburt angehöre und in der ich mein ganzes Leben hier verbracht habe?

Dieser Punkt wird in Integrationsdebatten häufig übersehen. Weshalb sollte man Menschen, die (wie die Mehrheit aller Menschen des Landes) in das Land hineingeboren und durch die Gesellschaft des Landes geprägt wurden, eine irgendwie geartete, rein ethnisch begründete Sonderleistung namens “Integration” abverlangen?

Schon das plakative, meist als Lob gemeinte Attribut “Integriert” ist in solchen Fällen bereits eine Beleidigung – denn wo das “integriert sein” einer Person lobend betont wurde, ging zuvor immer die (in der Regel mit negativen emotionen assoziierte) Erwartung voraus, sie sei “Unintegriert” – also ein Vorurteil.

Der Begriff “Integration” war früher einmal nützlich gewesen, um eine Diskussion darüber anzustoßen, ob und welche Probleme bei bedingungsfreier Zuwanderung auftreten können. Dabei kristallisierten sich dann einige Schlagworte wie “Spracherwerb”, “Bildung”, “Armut”, “Kriminalität” (in dieser kausalen Reihenfolge) heraus. Dinge, die bereits (in nicht ausreichender Weise) politisch angegangen werden.

Darüberhinaus kam zwischenzeitlich noch der Begriff “Partizipation” ins Spiel. Leider wurde darüber auf politischer Ebene nur sehr wenig diskutiert, der Begriff von einigen sogar als “Anmaßung” verworfen. Im Grunde ist das Merkwürdig, denn erfolgreiche Integrative Politik ist ja an nichts anderem als am Grad der Partizipation empirisch messbar. Ebenso, wie es in der Gleichstellungspolitik der Fall ist.

Mittlerweile ist der Begriff “Integration” möglicherweise sogar hinfällig geworden. Wenn schon die politischen Strömungen, Einstellungen und Ideologien, die aus den Ursprungsländern(hauptsächlich Türkei) mitgebracht wurden, (spätestens durch das Mitwirken von Erdogan) von der außenpolitischen Sphäre in die innenpolitische gebracht wurden, und seitdem permanent auch Gegenstände innenpolitischer Auseinandersetzungen sind, zwar teils in unschöner und rabiater Weise, teils aber sachlich, und stets unter innenpolitischem Vorzeichen, dann sind sie bereits integriert. Man könnte also möglicherweise sagen: Wir leben bereits in der Post-Integrations-Phase, und es beginnt die Phase der zunehmenden Partizipation, des Teilnehmens als aktives Subjekt und nicht mehr als passives Objekt, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Von der Reinigungsfachkraft und dem Schneider über den Lehrer, Anwalt, Journalist, Arzt, Manager – bis hin zum Kommunal/Landes/Bundes/Europapolitiker.

Gemessen wird dies an der tatsächlichen Partizipationsquote.

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Lesetipp: Neues Kostüm – alte Nazis

Immer mehr Bürgerinnen und Bürger treten Rechtsextremisten entgegen. Polizei und Politik hingegen reagieren auf Ausschreitungen gegen Asylbewerber oder Nazigegner oft erstaunlich nachlässig. Die schwarz-gelbe Bundesregierung erschwert sogar den Kampf gegen Rechtsradikale.

Die Nazis haben nur das Kostüm gewechselt. Auf ihren gelegentlichen Demonstrationen wirken sie heute wie Kopien der sogenannten „Antifa“, des kapuzentragenden „schwarzen Blocks“ der gewaltbereiten „Autonomen“. Das zehn Jahre alte öffentliche Bild von Skinheads mit Springerstiefeln, Bomberjacken und Baseballschlägern wurde einer Retusche unterworfen. Es gibt sie zwar noch immer – aber sie sind Nachzügler eines Uniformwechsels. Ihre alerten Hintermänner produzieren professionelle Webseiten und propagandistische Videos. In sozialen Netzwerken wie Facebook, StudiVZ oder Myspace werden junge „User“ an NS-Ideen herangeführt. Unter den Augen von Polizei und Verfassungsschutz – aber meist ungestört – treten Bands mit Namen wie „Sonderzug nach Auschwitz“, „Weißer arischer Widerstand“, „Stahlgewitter“, „Landser“ und „Zillertaler Türkenjäger“ auf:

Rechtsextreme Gewalt hat in Deutschland seit 1990 laut Recherchen der Zeit und des Tagesspiegels mindestens 147 Todesopfer gefordert. Seltsamerweise werden von offizieller behördlicher Seite für diesen Zeitraum „nur“ 37 Tote gezählt: Auf alle Fälle sind es mehr Opfer, als auf das Konto der terroristischen RAF gingen, die das Land und seine Verfassungsorgane jahrelang in Atem hielt. Inzwischen werden jedes Jahr neue Rekordzahlen krimineller Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund registriert. Bereits 2001 etwa wurden 10054 rechtsextrem motivierte Straftaten gezählt. Seitdem springt die Kurve steil nach oben. 2008 hatte sich die Zahl mit 20422 bereits mehr als verdoppelt. Die aktuelle Zahl für 2010 liegt noch nicht vor – es werden nicht weniger sein.

Weiterlesen im Cicero…


Anpassen? Warum eigentlich?

Ich beginne mit dem Kern. Ein großes Problem ist die Definition des Begriffs “Deutsch” oder bereits des Begriffs “Volk”.

Im Französischen gibt es keinen äquivalenten Begriff zu “Volk”. Dort sagt man “Peuple”, was mit “Gesamtheit aller Bürger” oder “Population” übersetzt werden kann. Ethnische oder Herkunftskategorien sind damit nicht verbunden. Der Deutsche Begriff “Volk” ist hingegen stark ethnisch geprägt, und ist immer noch in der Gesetzgebung und am Schriftzug des Reichstags in Berlin zu finden. Sogar im Grundgesetz wird noch zwischen deutscher Staatsangehörigkeit und “deutscher Volkszugehörigkeit” (Art. 116 GG) unterschieden. Der Begriff “Deutsch” basiert also historisch bedingt auf völkischen Definitionen. In vielen Bereichen der Presse und Literatur spiegelt sich das noch immer wider, und deshalb haben es viele Menschen, gerade belesene Menschen, besonders schwer, Einbürgerungen zu akzeptieren.

Man mache selbst mal einen Test mit beliebigen Personen. Zeige dieser Person drei Menschen: Einer der Menschen ist in Polen geboren, einer ist in Kroatien und einer in Spanien geboren. Alle drei haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Sag deiner Versuchsperson, sie solle herausfinden, wie viele der drei Personen Deutsche sind. Die meisten werden leider nicht auf die Idee kommen, einfach nach dem Ausweis zu fragen, sondern prüfen die Hautfarbe, die Behaarung, den Dialekt, usw.

Natürlich sind sich die meisten Menschen nicht bewusst, dass sie mit diesem Deutschbegriff einem völkisch-ideologischen Gedankenkonstrukt des 19. Jahrhunderts aufgesessen sind, das im Kern auf Ausgrenzung und Rassismus beruht, und es somit sie selbst sind, die mit ihrem Denken und Verhalten einer Einbindung/Integration/Akzeptanz im Wege stehen. Sie sind sich dem nicht bewusst, aber es ist so.

Wortbedeutungen haben einen sehr starken Einfluss auf das Denken der Menschen und können bereits ganz allein dazu führen, dass ein kaum integrierter Russe, der in Dresden einen Mord begangen hatte, eher als “zugehörig” oder “integriert” empfunden wird, als sein Opfer aus Ägypten, das nun wirklich sämtliche in der Öffentlichkeit kommunizierten Integrationsforderungen erfüllte. Denn er ist Spätaussiedler.

An diesem Wikipediaartikel kann man ablesen, wie schwerwiegend dieses Thema ist, und weshalb es das gegenwärtige Konstrukt “Deutsch” selbst ist, das es für Einwanderer praktisch unmöglich macht oder zumindest massiv erschwert, dazuzugehören, wenn man die “Abstammungskriterien” nicht erfüllt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche

Wie man an diesem Wiki-Eintrag sieht, lauert immer irgendeine “Deutsch”-Definition hinter der nächsten Ecke, in die man wieder nicht hineingelassen wird.

Daran kann man sicherlich rütteln, indem man die Begrifflichkeit “Deutsch sein” sprachlich und Inhaltlich eben ganz selbstverständlich so verwendet, wie es dem “Amerikanisch sein”, “Kanadisch sein” oder “Mensch sein” entspricht, und sich entschiedener und empörter gegen fremdmarkierendes und ausgrenzendes Vokabular wehrt, als bisher.

Das muss sich jedoch auch in der Mehrheit durchsetzen. Nur versuch mal einem über 60-jährigen klarzumachen, dass ein vermeintlicher “Deutscher mit Migrationshintergrund” überhaupt keinen Migrationshintergrund hat, sondern Deutscher ist, ohne Abzug und ohne Zusatz! Ich hatte mich in meiner Stadt kurzzeitig in einem SPD-nahen Verein umgeschaut, der gegen Rechtspopulismus und Nazis mobilisiert. Der Vorsitzende, eben ein solcher Ü60-Typ meinte in einem Gespräch(sinngemäß): “Gegen die Rechtspopulisten und Faschisten muss man was machen, machen wir ja auch. Aber die Türken haben sich hier trotzdem uns anzupassen und nicht andersrum!”

Wenn man derartige Fremdmarkierungen annimmt, und sich nicht prinzipiell dagegen erwehrt, kommen zudem die unmöglichsten Anpassungsforderungen. Aber wann ist man so angepasst, dass andere überhaupt nicht mehr auf die Idee kommen, zu sagen, man sei kein Deutscher? Diejenigen, die sich diesbezüglich keinem Defizit bewusst sind, erleben jeden Tag aufs Neue: Diese Forderung hört nie auf. Der Fordernde ist hier das Problem. Daher ist es ausschließlich das eigene Gewissen, das sagen kann, wann man selbst seine “Hausaufgaben” erledigt hat, und man sich nichts mehr sagen lassen muss.

Niemand muss sich in einem freien Land an irgendwen anpassen.


"WIR" und die anderen und der alltägliche Rassismus

MartinMarheineckeRassen_nsprop Der Mensch neigt zu Pauschalisierungen. Er ordnet ein, kategorisiert und ordnet zu.
WIR, das sinde DIE Deutschen und DIE Christen.
Die anderen das sind DIE Ausländer, DIE Muslims, DIE Juden.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass es diese Kategorien, diese Gruppen in Wirklichkeit gar nicht gibt. Die Zuordnung eines Menschen zu einer dieser Gruppen als solches wäre ja auch gar nicht tragisch. Klar, ich bin Deutscher. Ich gehöre zu dieser Gruppe von Menschen. Ich kann weder was dafür, noch ist es mein Verdienst, noch kann ich es verhindern.
Problematisch aber ist, dass mit bestimmten Gruppen bestimmte Klischees, bestimmte Eigenschaften verbunden werden.

"An allem Elend sind die Juden und die Radfahrer schuld." Antwort: "Wieso die Radfahrer?"

Juden sind Geldverleiher, sind raffgierig, geschäftstüchtig, schlagen aus allem Profit.
Wird von "East-Coast-Banker" gesprochen, so ist klar, dass damit Juden gemeint sind. Und Zinsknechtschaft ist fast untrennbar mit dem Judentum verbunden.

"Das ist typisch deutsch": Pünktlichkeit, Ordnung, Gewissenhaftigkeit,  Fleiß.

Ist jeder Deutsche so?

Was ist DER Islam?

Anders als bei der katholischen Kirche, gibt es DEN Islam gar nicht. Es gibt keine islamische "Kirche" und keine Mitgliedschaft in einer solchen, wie beim Katholizismus.
Es gibt zahlreiche, sehr unterschiedliche islamische Gruppen und Organisationen.
Jede von ihnen hat unterschiedliche Gebräuche, Koran-Auslegungen, kulturelle Ursprünge. Der Unterschied zwischen Aleviten und Sunniten dürfte vermutlich weit größer sein, als der zwischen Katholiken und Protestanten.

Und doch: oft reicht schon das dunkle Haar, die braunen Augen, der dunkle Teint, der Bart und das Urteil ist fertig: Ein Muslim.
Und damit sind dann auch eine ganze Reihe von Klischees verbunden: rückständig, unkulturell, frauenunterdrückend, Tierquäler, antichristlich, Terrorist.

Ob dieser Mensch tatsächlich einer muslimischen Gemeinde angehört und welcher, ob er gläubig ist, ob er muslimische Gebräuche praktiziert, ob er im Ramadam fastet, keinen Alkohol trinkt und kein Schweinefleisch isst, wird gar nicht mehr hinterfragt. Es ist Bestandteil der Eigenschaft "Muslim".

Die deutsche Volksgemeinschaft, das sind die Guten. Das sind die, der wir zugehörig sind. Also müssen es die Guten sein.
Und die wünschen sich die Freunde der deutschen Volksgemeinschaft möglichst homogen. Und da passen "die anderen" nicht dazu.

moschee Die stören die Volksgemeinschaft. Sie gefährden die Harmonie, die Gleichförmigkeit, die Regelmäßigkeit, die Symmetrie.

Ein Minarett, eine Moschee stört das gleichförmige Stadtbild, das geprägt ist von Mietshäusern, Geschäften und Kirchtürmen. Auch eine Synagoge ist da fehl am Platz, so wie kürzlich eine Gemeinderätin in Herford befand.
Sie stimmte gegen einen städtischenn Zuschuss zum Bau einer Synagoge, gegen die „Partikularinteressen einer Religionsgemeinschaft“.
Hat diese Frau vergessen, wieviele Milliarden der deutsche Staat jedes Jahr den christlichen Kirchen zuschießt? Oder ist das was anderes, weil die Bezahlung des christlichen Kirchenpersonals durch den Staat auf uralten Verträgen beruht?
Eine junge Reporterin rief Anette Kahane für ein Interview an und fragte dies und das zu Rechtsextremismus. Und dann kam der interessante Teil. In Taucha, Sachsen-Anhalt sei ein Jugendlicher aus einer Besuchergruppe zusammengeschlagen worden. Von irgendwelchen Rechten, sagte sie. Die hätten dabei immer „Du Scheiß-Jude, verpiss dich“ und ähnliches gebrüllt. „Nun, Frau Kahane, was meinen Sie? Ist das schon Antisemitismus?“ „Schon? Ja klar, was denn sonst?!“ sagte diese „Naja“, Neue_Synagoge_Berlin meinte die Reporterin, „aber das Opfer war doch ein Israeli“.

War die Entscheidung der Herforder Stadträtin Antisemitismus? Ach so, ich vergaß zu erwähnen, dass es sich bei dieser Abgeordneten nicht um eine Abgeordnete der NPD oder der sogenannten Pro-Bewegung handelte. Nein, es war ein Mitglied der LINKE.
Linker Antisemitismus? Oder war es "nur" das, was ihre Freundin und Bundestagsabgeordnete der Linken Inge Höger nur Tage zuvor als Crew-Mitglied der Gaza-Flottille vorlebte, als sie mit islamistischen Antisemiten zusammen gegen Israel der Hamas zu Ruhm verhelfen wollte? Wo sind da die Unterschiede?
Nein, Antisemitismus sei das nicht. Das sei Antizionismus. Und das sei nur Kritik an der Politik des Staates Israel, hört man dann immer wieder. Wird da wirklich unterschieden? Zwischen  der Kritik an DEN Juden und der Kritik an dem Staat Israel?
Die Juden sind mal wieder selber schuld. Denn gäbe es den Staat Israel nicht, gäbe es ja auch keinen Grund, ihn zu bekämpfen, gäbe es keinen grund einen Juden – Verzeihung: einen  Israeli – in Deutschland zusammen zu schlagen, gäbe es auch keinen Grund gegen den Bau einer Synagoge zu stimmen.

Die Juden- und Israelfeindlichkeit ist die eine Seite der selben Medaille, auf deren anderen die Islamfeindlichkeit steht.

WIR, die deutsche Volksgemeinschaft muss sich schützen. Sie muss im Vordergrund aller Überlegungen stehen. Und wenn mehrere Millionen Menschen in Pakistan von Seuchen und Tod bedroht sind, so müssen Spenden für den Wiederaufbau eines bei der Überschwemmung bei Görlitz beschädigten Zoos Vorrang vor den Spenden für Pakistan haben. Nunja: sind ja eh nur Muslime dort.

Und weil das Abendland untergehen könnte, können wir es natürlich auch nicht dulden, wenn in unseren Städten Moscheen und muslimische Gemeindezentren gebaut werden sollen, ebensowenig wie Synagogen.

Da wird dann plötzlich von der Trennung von Staat und Religion gesprochen, von "Partikularinteressen einer Religionsgemeinschaft". Dabei aber gleichzeitig gefordert, der Staat solle die christliche Religion schützen. In Wirklichkeit aber ist der deutsche Staat unendlich mit den christlichen Kirchen verfilzt. Auch im aktuellen Koalitionsvertrag ist von der "unverzichtbare(n) Rolle bei der Vermittlung der unserem Gemeinwesen zugrunde liegenden Werte“ bezüglich der christlichen Kirchen die Rede.

Weil die christlichen Kirchen eben zu uns gehören, sind sie Teil des Guten. Und damit sind die anderen – die Juden und die Muslims – logischerweise die Bösen. Jene, die unsere Kultur unterwandern, übernehmen, zerstören wollen, wie das ja auch z.B. Udo Ulfkotte im rechtsesoterischen Kopp – Verlag immer wieder gerne propagiert.

Da spielen Inquisition, Hexenverbrennungen, Unterdrückung der Wissenschaft in den 2000 Jahren christlicher Geschichte auch keine Rolle mehr. Und so werden dann natürlich auch die Erkenntnisse von Aufklärung und Humanismus schnell und bedenkenlos über Bord geworfen.
Die Ausländer haben mehr Rechte als die Deutschen in unserem Lande wird da immer gern behauptet und dabei geflissentlich übersehen, dass die BRD die Antidiskriminierungsrichtlinie der EU nur teilweise umgesetzt hat.
Die ethnische Zugehörigkeit zum "Deutschtum" wird entgegen den verfassungsmäßigen Grundrechten  höher bewertet, als die humanistischen Ideale der unveräußerlichen unteilbaren Menschenrechte.

Wer Muslim ist, ist fast automatisch Islamist und folglich Terrorist. Damit stehen alle Muslims und damit wiederum alle "Zugewanderten" unter Generalverdacht. Und doch haben sie für die deutsche Volksgemeinschaft eine wichtige Funktion. Denn wenn die schlecht sind, müssen wir gut sein.

Wir müssen uns nicht mit uns selbst beschäftigen, wenn wir über "Die Anderen" reden können. Wenn wir über "Ehrenmorde" reden, müssen wir  uns keine Gedanken darüber machen, dass 80 Prozent aller ermordeten Frauen von ihren deutschen, christlichen (Ex-) Partnern oder Familienmitgliedern ermordet werden.

Wenn wir uns darüber aufregen und gleichzeitig beruhigend damit trösten können, dass es ja muslimische Jugendliche waren, die eine jüdische Kinder-Tanzgruppe mit Steinen bewarfen, brauchen wir uns nicht mehr fragen, warum auch schon vor der palästinensischen Intifada jüdische Gemeindezentren und Synagogen von Polizisten bewacht werden mussten.
Der Grund war wohl weniger die „[b]esondere[r] Verantwortung (…) für die jüdischen Gemeinden als Teil unserer Kultur“, sondern  wohl eher die Angst vor schlechter Presse im Ausland, falls die Volksgemeinschaft mal wieder tabula rasa voelkerschau machen will.  Wer so tut, als gäbe es „unsere Gesellschaft“ mit „unseren Werten“ ohne ihre parzellierten Interessengruppen und ihre sozialen Disparitäten, braucht nicht zu sagen, ob Menschen, die einwandern, sich an antisemitischen Stammtischen beteiligen oder lieber philosemitische Sonntagsreden hören sollen – vielleicht sogar aber auch beides. Das Bekenntnis zur „Integration“ muss reichen. Den Rest besprechen wir am Sankt-Nimmerleins-Tag. – Vielleicht bei einem Erfrischungsgetränk im Augsburger Zoo, wo noch im Jahr 2005 – gerade war die Bundesrepublik offiziell zum „Zu-“Wanderungsland geworden – die besonders originelle Idee aufkam, ein „African Village“ zu installieren, in dem Schwarze inmitten anderer kurioser Geschöpfe „die Atmosphäre von Exotik“ vermitteln sollten. Im Zoo. (http://www.lifeinfo.de/inh1./texte/aktuelle_news14.html) Mit ähnlichen "Völkersachauen"  waren schon im 19. Jahrhundert Menschen anderer Kulturen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit zu Schauobjekten degradiert worden.

Für den alltäglichen Rassismus spielt es keine Rolle, dass es DEN Deutschen, DEN Muslim, DEN Juden, DEN Ausländer gar nicht gibt.

0_big Es geht dabei darum, sich selbst über die Ausgrenzung der ANDEREN als Zugehöriger zu DIESER Volksgemeinschaft, zur DEUTSCHEN Volksgemeinschaft definieren zu können.
Die eigene Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft, das Verlangen nach einer homogenen Gesellschaft, die durch gleiche Interessen – deutsche Interessen – gekennzeichnet ist, verleugnend, dass es in dieser Gesellschaft unterschiedliche Interessen gibt, die unabhängig von Volks-, Ethnie- und/oder Religionszugehörigkeit sind,  ist es, die den alltäglichen Rassismus schafft. Es ist die Grundlage für Faschismus, für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

(Quelle: Portal Antifaschismus2 – Lizenz: CC)


Wer bist du?

Ein Film mit vielen vernünftigen und zum Teil weisen Aussagen.
Die beste Aussage von allen war: "In erster Linie bin ich Ipek"

Ich hatte mich mal (vor etlichen Jahren) jemandem auf einer Kneipentour kennengelernt, und mich mit ihm unterhalten. Er sah mir danach aus, als sei sein Ursprung irgendwo im griechisch-türkischen Bereich zu verorten, und daher wollte ich mal nachhaken. Die Kommunikation war etwa so(sinngemäß wiedergegeben):

– Woher kommst du eigentlich?
– "Ich komme aus Marl"
– Ich meine, woher kommst du ursprünglich?"
– "Ich bin auch in Marl geboren."
– Und deine Eltern?
(Das Thema wurde ihm etwas unangenehm)
– "Die kommen aus der Türkei, aber was hat das mit mir zu tun?"
– Ich wollte wissen, wo du herkommst, was du bist.
– "Ich bin ein Mensch und Tätowierer. Hast du ein Tattoo?"

Damit wurde dann schnell klar, wie irrelevant solche Fragen über die Herkunft eigentlich sind. Das gilt auch für Fragen über die Religion. Fragen zur kollektiven Zugehörigkeit dienen eigentlich immer nur dazu, jemanden möglichst schnell in eine kollektive, möglichst “andere” Schublade zu stecken, ohne sich mit der Person selbst befassen zu müssen, obwohl einen möglicherweise sogar mehr verbindet, als trennt. Das Religionsverständnis und die Lebenseinstellung erschließen sich während der Kommunikation ganz von alleine, und die Information über die “Herkunft” ist in aller Regel nicht wesentlich, sondern schmückendes Detail.

(Video via Fareus)


“Sie sind Deutsch? Ja, klar. Afro-Deutsch”

Ein sehr interessanter Radiobeitrag zum Thema Rassismus aus der Sicht eines Deutschen, der die Nazis überlebt hatte.

Ein schönes Gedicht dazu:

Wenn ich geboren werde bin ich schwarz.
Wenn ich erwachsen bin, bin ich schwarz.
Wenn ich krank bin, bin ich schwarz.
Wenn mir kalt ist, bin ich schwarz.
Wenn ich Angst habe, bin ich schwarz.
Wenn ich mich sonne, bin ich schwarz.
Und wenn ich sterbe, bin ich schwarz.

Und du?

Kommst du zur Welt, bist du rosa.
Wachst du auf, bist du pfirsichfarben.
Wenn du krank bist, bist du grün.
Wenn dir kalt ist, bist du blau.
Wenn du Angst hast, bist du weiss.
Wenn du dich sonnst, bist du rot.
Und wenn du stirbst, bist du grau.

Und du, weißer Mann, wagst es
mich einen Farbigen zu nennen?