Schlagwort-Archive: DIK

Islamfeindlichkeit, Moslemfeindlichkeit oder einfach Rassismus?

Hier mal zwei etwas nachgebesserte Kommentare, die ich auf dem Blog von Jörg Lau hinterlassen hatte. Ich fänd es zu schade, sie dort untergehen zu lassen.

Ursprünglich ging es um folgende Aussage, mit der der ZMD aus der Islamkonferenz ausstieg:

” … forderte, die Islamfeindlichkeit als “ausgeprägte Form des Rassismus mit Demütigungen, Verleumdungen und Gewalt gegen Muslime” müsse auf die zentrale politische Agenda kommen. Zudem würden die Ängste der Bevölkerung gegenüber dem Islam würden nicht ernst genug genommen.”

Es stand die (berechtigte) Frage im Raum, was denn Islamfeindlichkeit mit Rassismus zu tun habe, der Islam ist ja schließlich keine Rasse, sondern eine Religion. Sodann:

Das Problem ist in diesem Fall wohl die Begrifflichkeit. Es gibt ja in gewissen Teilen der Bevölkerung schon seit Jahrzehnten einen ausgeprägten Hass auf Türken bzw. “Vorder- und Mittelasiaten” – dieser war immer rassistisch. Seit dem 11. September 2001 stellen sie im Zuge von Terrorismus und Integrationsdebatten zunehmend deren Gemeinsame Identität, die Islamische Religionszugehörigkeit, in den Vordergrund. Unter dem Mantel der “Islamkritik” können seitdem die genannten Strömungen ihre Ablehnung der Anwesenheit von Menschen überdecken, und rechtfertigen ihr “wegwünschen” z.B. mit der Nennung von Koransuren.

Diese Strömung ist, wie die letzte Wahl in NRW gezeigt hat, nicht sehr wirkungsmächtig, jedoch vorhanden. Um diese muss es bei dieser Thematisierung gehen. Leider gibt es hier ein Begriffswirrwar. “Islamophobie”, “Islamfeindlichkeit”, “Islamhass”, usw… Das sind alles die falschen Begriffe. Jeder konsequente Atheist ist Islamfeindlich, hegt damit jedoch keine Abneigung gegenüber Moslems. Jeder, der von islamistischen Terroranschlägen liest, ist erstmal kurz Islamophob, hasst jedoch nicht automatisch. Auch Islamkritik dürfte nicht gemeint sein.

Es geht um etwas anderes: Die Abneigung gegenüber Menschen mit dem Merkmal “Moslem” – und zwar nicht weil es Moslems sind, sondern weil die meisten Moslems aus Vorder/Mittelasiaten und Nordafrika stammen – und als eben das werden sie gehasst. Der Begriff “Moslemfeindlichkeit” trifft daher am ehesten die Haltung, um die es geht. Man erkennt sie IMO schnell, wenn man auf aggressiv vertretene “Islamkritik” (in Anführungszeichen!) stößt, die darauf besteht, dass nur den Taliban, Hamas, das islamistische Regime in Teheran sowie die Saudi-Salafis die einzigen sind, denen die Auslegung der Islamischen Schriften zusteht.

Ich war etwas ungenau(dumme Angewohnheit), daher folgte ein Nachhaken:

(…)

Ich kann Ihrer Argumentation nicht ganz folgen. Muslime gibt es nicht nur in Vorder-/Mittelasien und Nordafrika. Das mögen historisch gesehen Kernländer des Islam sein, jedoch ist der Islam in weit mehr als nur diesen Ländern die am stärksten vertretene Religion (siehe auch Afganistan, Pakistan, Indonesien sowie Staaten in Afrika südlich der Sahel-Zone).
Dass die von Ihnen genannten Länder das Bild des Islam hier in D im wesentlichen prägen, sollte auch Herrn Köhler bekannt sein. Somit verweise ich auf den vorletzten Absatz meines Beitrags 45.

Ihrer Argumentation zufolge sollte man doch eher von türkenfeindlich, arabischfeindlich etc sprechen, oder?

 

In der Konsequenz ist es das, im Detail aber etwas komplex. Ich versuche mal, meine Einschätzung hintereinander bekommen.

In den Äußerungen einschlägiger Strömungen ist der Bezug auf nationale oder ethnische Minderheiten – relativ – selten(obgleich vorhanden). Sie fassen diese Minderheiten mit dem Oberbegriff “Islam”(als Gemeinschaft) bzw. “Moslems” zusammen, und stellen sie wahlweise “den Deutschen”, “den Europäern” oder “dem Abendland” gegenüber, wobei jedoch z.B. Albaner bewusst nicht eingeschlossen und Konvertiten als vereinzelte abtrünnige angesehen werden, teils als “Verräter” bezeichnet werden.

Unter “Islamisierung” verstehen sie hauptsächlich die Zuwanderung aus nichteuropäischen Regionen islamischer Prägung, aber eben auch die Anerkennung/Sichtbarkeit der mitgebrachten Kultur bzw. Religion. Wenn sie die imaginierten “Feinde” beschreiben, beschreiben sie hierbei permanent entweder Islamismus oder “Ausländerkriminalität” mit Betonung der (vermuteten) Herkunft/Religion.

Gewalttätige Religionsauslegungen werden von dieser Strömung zudem nicht als eingrenzbares Problem angesehen, sondern als Essenz und Mentalität, auf die auch die liberalsten Religions- und Kulturauffassungen zwingend hinausliefen.

Feindschaftliche Äußerungen werden hierbei häufig auf einwandernde Menschen oder ihre Nachkommen als Kulturträger und “Islamisierer” fokussiert – auch dann, wenn es im Grunde Atheisten sind. Das verbuchen sie dann unter “Taqiya”, als bewusstes Verschweigen “wahrer” Absichten. In diesem Sinne ist es also für den einzelnen Menschen praktisch unmöglich, aus dem Feindschema herauszukommen. Einziger Ausweg: Öffentliche, möglichst einseitige Positionierung gegen den Islam. Özkan, die etwas gegen Kopftücher *und* Kruzifixe gesagt hatte, fällt in Ungnade, plakative Äußerungen von Kelek und Ates werden hingegen gerne vorgezeigt(Und bis hin zum Kampf gegen den Islam und Zuwanderung uminterpretiert), eher liberalreligiöse Interpreten wie Kaddor oder Mohagheghi existieren in dieser Welt nicht(Oder: Taqiya).

Parallel dazu gibt es die offen rassistischen Nationalsozialisten, die in ehemals sozialistischen Regionen erfolgreicher sind. Diese sehen als ihr “geostrategisches” Hauptproblem ebenfalls die Einwanderung aus dem asiatischen und afrikanischen Raum, sprechen allerdings nicht von wie auch immer tradierten “Kulturräumen”, sondern von angestammten “Großrassen” und hantieren nicht mit Kunstgriffen.

Von den unterschiedlich begründeten Feindbildern dieser zwei Strömungen sind innerhalb Europas weitgehend die selben Menschen betroffen, und aufgrund dieser ideologischen Überschneidung sind zwischen ihnen auch in begrenztem Maße Wanderungsbewegungen und gegenseitige Einflussnahmen möglich und finden statt(siehe Molau, Brinkmann, Herre).

Große Unterschiede zwischen beiden Strömungen sehe ich in diesem Zusammenhang allerdings im nach außen dargestellten Verhältnis zu Israel(Womit nicht das Verhältnis zu Juden in Deutschland gemeint ist). Die einen sehen in Israel ein vorbildliches “Bollwerk” gegen den Islam und feiern daher jeden Militärschlag ab. Die anderen sehen in Israel typisch antisemitisch-verschwörungstheoretisch die Heimstätte der hinter der Einwanderung stehenden “geheimen Drahtzieher”. Auf die innenpolitische Hauptschnittmenge, den Bereich der (jeweils etwas anders begründeten) kollektivistischen Fremdenfeindlichkeit, haben diese Unterschiede jedoch wenig Einfluss.

Ansonsten: Auf islamisch-konservativer Seite wird meines Erachtens nach häufig vermischt, was nicht zusammen gehört. Berechtigte Kritikansätze werden ebenfalls in diese Problemkategorie hineingestopft. Das zeigt sich meiner Meinung nach indirekt auch in der Weigerung, den Islamismus zu beschreiben, sowie in der Haltung, der Begriff als solcher sei bereits Islamophob. Und genau diese zweifelhafte Vermischung sehe ich im Begriff “Islamophob”. Er setzt kritische Strömungen mit den rassistischen Strömungen gleich – die es aber zu differenzieren gilt.


Neuer Islamischer Verband formiert sich

Schon im März berichtete DerWesten von Bestrebungen, einen Verband zu gründen, in dem sich liberale Muslime organisieren können, die sich von den bisher bekannten Verbänden nicht vertreten fühlen.

Tatsächlich sieht es nämlich so aus, dass lediglich ca. 20% der in Deutschland lebenden Muslime beitragszahlende Mitglieder der unter dem Koordinierungsrat der Muslime organisierten Verbände sind. Dennoch versuchen die zumeist eher konservativ geprägten Verbände, ihre Legitimation durch statistische Tricks hochzuspielen, beispielsweise, indem sie die Familienstruktur der Beitragszahler für sich vereinnahmen. Sie behaupten schlicht, dass der Beitrag eines Menschen ausreiche, um die Zugehörigkeit der gesamten Familie zum jeweiligen Verband zu begründen. Auf diese Weise kommen Sie dann zu Aussagen, der KDM vertrete 60% aller in Deutschland lebenden Muslime. Diese Zahl kann jedoch begründet angezweifelt werden. Lediglich etwa ein Viertel aller Muslime kennt überhaupt einen einzigen der im KDM vertretenen Verbände(am schlechtesten schneidet hier Milli Görüs/Islamrat ab). Den KDM selbst kennen sogar nur 10%. Von diesem wiederum fühlen sich nur ca. 20% von ihm vertreten[Quelle, PDF, S. 17, 173]. Das sind gerade mal 2% aller befragten Muslime. Es klafft also eine riesige Lücke zwischen dem Anspruch der Verbände und dem Leben der Muslime.

Bekanntheit Muslimischer Verbände

Darüber hinaus agieren die konservativen Verbände oftmals nicht sonderlich fair, sondern teils vereinnahmend und manchmal auch Selbstüberschätzend. Von Beginn der DIK an beanspruchten gleich mehrere Verbände für sich, “den Islam” in Deutschland in seiner Gänze vertreten zu können. Dies liegt sicherlich auch daran, dass jeder Verband seine eigene Agenda hat, die mit denen der jeweils anderen Verbände konkurrieren. Einige Verbände haben auch klar politische (von religiös-politisch über islamistisch bis türkisch-Nationalistisch) Wurzeln. Typisch für politische Strömungen: Sie blasen sich und ihre tatsächliche Relevanz künstlich auf. Dieses politische Gebaren(Anspruch über Definitionshoheiten und Selbstaufblasung) kennt man zum Beispiel auch von den Islamfeindlichen Rechten wie z.B. “Pro-NRW” sowie von diversen linksradikalen Strömungen.

Da es “den Islam” als monolithischen Block jedoch nur aus Sicht von Erzkonservativen, Islamisten und Islamhassern gibt, sind alle Bestrebungen begrüßenswert, die die tatsächliche Pluralität Islamischen Lebens in Deutschland auch auf Organisationsebene abbbilden, bzw. die bestehenden Vertretungslücken zu schließen gedenken. Die Schaffung eines Islamischen Verbands liberaler Prägung ist daher nicht nur erfreulich, sondern ein längst überfälliger Schritt, der dieser Pluralität Rechnung trägt.

Einen interessanten Blogeintrag hierzu, mit offenbar kontroverser Diskussion(über 170 Kommentare) gibt es bei Jörg Lau. (Daher kommt auch der folgende Radiobeitrag)

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/04/06/dlf_20100406_0936_0fc92215.mp3%20

Erwähnenswert ist hier also, dass dieser Verband nicht etwa Islamkritisch geprägt ist, sondern durch und durch gläubig. Ihm liegt jedoch eine Auslegung der religiösen Schriften zugrunde, die mit der Zeit geht:

Wir sind alle einem liberal-gläubigen Verständnis des Islam und einer historisch-kritischen Auslegung des Koran verpflichtet. Wir sind eindeutig in Deutschland verortet, es gibt kein weiteres Land, in dem wir uns heimisch fühlen. Wir bekennen uns zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Waren es bisher Islamkritiker wie Necla Kelek und Seyran Ates, die in der DIK für ein (radikales) Gegengewicht zu den teils sehr konservativ geprägten und zum Teil auch unter Islamismusverdacht stehenden Verbänden sorgten, kann in Zukunft eben dieser liberale Verband seinen Teil für das Gleichgewicht beitragen, und zumindest einen Teil der Islamkritiker obsolet machen – jedenfalls was die DIK angeht. Zudem ist ein solcher Verband geeignet, reaktionären Ängsteschürern und Essenzialisten effektiv etwas entgegenzusetzen. Denn das, was diese Strömungen am meisten fürchten, das ist die Stimme genau jener Moslems, die selbstbewusst und glaubhaft die Vereinbarkeit des Islam mit Errungenschaften der Moderne in einer säkularisierten Gesellschaft begründen und vorleben. Aus Überzeugung und unter Verwendung der religiösen Schriften.

Mit Verbalattacken von Islamisch-konservativer, Islamistischer sowie Islamfeindlicher Seite ist daher gleichermaßen zu rechnen. Aber wie heißt es so schön: Wenn man von Radikalen sämtlicher Coleur scharf angegangen wird, dann hat man irgendetwas goldrichtig gemacht.


Was die Deutschen für die Integrationsdebatte aus ihrer Geschichte lernen können

Ich nehme mal ein paar Absätze von Zafer Senocak heraus. Am besten, man liest den gBeitrag zur Integrationspolitik in seiner Gänze.

In jeder Ecke stößt man hierzulande auf ein Geschichtsthema: Die traumatische Erfahrung des Nationalsozialismus, des Krieges, des Völkermords an den europäischen Juden, aber auch das Leid der deutschen Bevölkerung durch Krieg, Flucht und Vertreibung haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Deshalb wirkt nichts unglaubwürdiger als ein geschichtsloses und damit gesichtsloses Deutschland. Die Einwanderungsfrage aber wird von all dem ferngehalten. Integrationsgipfel, Islamkonferenz, Debatten und Veranstaltungen zum Thema – der gesamte Politikentwurf wird so lanciert, als ginge es lediglich um die Integration Nichtdeutscher in die deutsche Gesellschaft.

Die Sprache der Integrationsdebatten ist jedenfalls bezeichnend. Sie ist voller Fallstricke, wenn es um Identitätsfragen geht, um Heimat oder Loyalität. So wurde in den Debatten um die doppelte Staatsbürgerschaft immer wieder der Begriff der Loyalität bemüht, der in der wilhelminischen Epoche von konservativen Historikern und Politikern herangezogen wurde, um zu belegen, dass deutsche und jüdische Identität unvereinbar seien: Aus der Sicht des Historikers Heinrich von Treitschke war die Einheit von Staat und Volk in Gefahr. Wer sich heute gegen Doppelidentitäten sperrt, gerät in die Tradition eines nebulösen Staatsverständnisses, der den Weg der Deutschen in die Demokratie lange blockiert hat. Die Oberhoheit über das Angstpotenzial haben diese Begriffe ohnehin: Angst vor Verlust der Identität, vor Fremden, vor Unbekannten.

In der Geschichtsschreibung ging es oft um die Konstruktion von nationaler Identität. Moderne Geschichtswissenschaft hat sich davon zwar entfernt, aber sie riskiert nach wie vor zu wenig die vergleichende Wahrnehmung. Wir brauchen eine vergleichende Geschichtswissenschaft – ähnlich der vergleichenden Literaturwissenschaft. Dabei können auch literarische Texte mit ihren biografischen Konnotationen eine eher emotionsleere Wahrnehmung der Vergangenheit ergänzen und neue Perspektiven eröffnen. Gerade die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die Völkermorde, Vertreibungen und nationalistischen Exzesse teilen die Europäer miteinander, die Deutschen teilen sie auch mit den Türken.

Deutsche und Türken verbindet etwas. Beide stammen aus großen Mischkulturen, die im 20. Jahrhundert gewaltsam zerschlagen wurden. Ein bitterer Erfahrungshintergrund, den man gemeinsam erörtern kann. So lassen sich Unterschiede und Ähnlichkeiten genauer benennen, jenseits der Sphäre vager Urteile und Vorurteile aufheben. An den Tischen der deutschen Integrationspolitik sollte es also nicht nur um Türken, den Islam und all das gehen, was der Durchschnittsdeutsche als fremd empfindet, sondern auch um das, was er als das Eigene wahrnimmt. Um die eigene Geschichte, den eigenen Identitätswandel. In diesem Wandel steckt nicht nur die Sehnsucht nach Anerkennung, sondern auch die Verunsicherung hinsichtlich einer Zukunft, in der nichts mehr so sein wird wie heute und hoffentlich manches anders als gestern.


Von Höcksken auf Stöcksken, oder: die Gefahr der Radikalisierung durch Ausgrenzung

Angesichts der vielfältigen Nachrichten über den Terrorismus in Afghanistan, im Irak und in Nahost, über befremdliche Demonstrationen gegen vermeintliche Nichtigkeiten in praktisch ausschließlich Islamisch orientierten Staaten, haben Rechtsradikale und rechtsextreme Strömungen erkannt, dass sich Ängste vor derartigen Ereignissen prima gegen die einheimische Bevölkerung Muslimischen Glaubens richten lassen, um eine Athmosphäre zu schaffen, in der „Fremden“, und damit sind aus deren Sicht zuallererst Moslems gemeint, vom Grundgesetz garantierte Rechte nicht zugestanden werden. Man kann also sagen, es wird eine verfassungsfeindliche Stimmung erzeugt.

Solchem Ängsteschüren liegt oftmals die Absicht zugrunde, die Eigenschaft „Deutsch“ zu exklusivisieren. Die „Exklusivität“ des Deutschsein ist nach dieser Denkweise noch immer am Blut&Boden-Prinzip orientiert, auch wenn vordergründig kulturalistisch argumentiert wird. Diese Denkweise findet sich nicht einzig im Neonazistischen Spektrum: Wer nicht seit X Generationen in Deutschland beheimatet ist, wird hier zum „Passdeutschen“, zum „Migranten“ oder zum „Deutschtürken“(heißt: Türke mit Nebenattribut „Deutsch“) erklärt. „Othering“ nennt man dies.

Othering beschreibt den Prozess, sich selbst und sein soziales Image hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, „fremd“ klassifiziert.

Es sind unterschiedliche Begriffe für ein und das selbe, das man früher „Ausländer“ nannte. Die Geographische oder kulturelle Herkunft bestimmt hierbei die (gefühlte) Nationalität, „Deutsch sein“ wird von der Politik sogar dem „Deutsch werden“ hintenangestellt, also zum Ergebnis einer bewussten Anstrengung hochstilisiert. Somit wird „Deutsch sein“ zum Privileg erklärt. Hier wird dann wiederum strukturell zwischen „Leistungsdeutschen“ und „Geburtsdeutschen“ unterschieden. Aufgrund dieser Denkart etablierten sich auch schon Begriffe wie „Biodeutsch“, „Urdeutsch“, usw. Ius sanguis steckt in den Köpfen.

Die Blut&Boden-Ideologie besteht also noch weiter – inmitten der Gesellschaft – und äußert sich nur leicht modifiziert.

Zur „Islamisierung“:

Für Rassisten ist es mittlerweile viel schwieriger geworden, eine „Verausländerung“ herbeizureden. Dies hat mehrere Gründe, von der Europäischen Integration bis hin zum Internet spielen viele Faktoren eine Rolle.

Dennoch bestehen diffuse Ängste weiter. Es scheint fast so, als werde von bestimmten politischen Denkrichtungen ein innerer oder äußerer Feind gebraucht, um überlebensfähig zu bleiben. So ist es heute weniger „der Pole“, „der Russe“ oder „der Franzose“, denn Ruhrpolen, Spätaussiedler und LaFontaine – die können von Rassisten weder als innere noch als äußere Feinde dargestellt werden. Bei „dem Türken“, das beliebteste „Hassobjekt“ der Rassisten, wird’s ebenfalls schwierig. Die Hälfte sind deutsche. Dennoch bleibt für Rassisten, die ihrer Abstammungslehre folgen, die klar umrissene Gruppe die gleiche, und daher suchen sie ein anderes Merkmal als die Nationalität. Was ist nun das gemeinsame Merkmal der meisten Türken und Deutschen mit türkischem Zuwanderungshintergrund? Die Kultur kann es nicht mehr sein, denn die jüngsten Generationen sind zum Teil überassimiliert. Viele sind mittlerweile deutscher, als es viele deutschvölkische Rassisten wagen würden. Für Rassisten ist wieder einmal die Religionszugehörigkeit zum Merkmal des „Fremdrassigen“ geworden.

Hierbei übernimmt das immer wieder auftauchende Mantra, die Mär einer sogenannten „Islamisierung“ Deutschlands oder Europas, die Funktion des Begriffs „Überfremdung“, womit die „nationale“ bzw. „europäische“ Identität unterwandert werde.

Der Begriff der „Islamisierung“ hat hierbei jedoch eine völlig andere Bedeutung, wie sie dem Begriff zukommt, wenn er zum Beispiel in der Türkei verwendet wird.

In der Türkei meint er die Etablierung religiöser Gebote im staatlichen Recht, also im weitesten Sinne die Verschmelzung von Religion und Staat.

Wird dieser Begriff in Deutschland verwendet, dann wird er in aller Regel gleichbedeutend mit „Überfremdung“ und „Verausländerung“ verwendet. (Beides übrigens Begriffe, die aus dem Nationalsozialistischen Spektrum kommen). Hierbei geht es also um die reine Anwesenheit von Menschen mit ihrer religiös-kulturellen Prägung. Hierbei wird vordergründig kulturalistisch argumentiert, der motivationale Hintergrund ist jedoch ein rein rassistischer. Auf die Essenz zugespitzt hatte es Thilo Sarrazin mit den demagogischen Worten:

Die Türken erobern Deutschland (…) durch eine höhere Geburtenrate

Dies ist in mehrerlei Hinsicht nicht korrekt.

Zum ersten schreibt Sarrazin „den Türken“ einen kollektiven Willen bzw. eine kollektive Eigenschaft zu, was auch ohne viel Nachdenken als rassistischer Humbug gewertet werden kann. Zum zweiten Zeigen demographische Studien, dass sich die Fertilität von Zuwanderern auch aus geburtenreichen Regionen schon nach wenigen Generationen der Gesamtgesellschaft anpasst. Prinzipiell ist dieser Mann rechten Demagogen auf den Leim gegangen.

Es geht also bei dem ganzen Hick-Hack um eine geplante „Islamisierung“(Pro-NRW sagt ab und zu: „Türkisierung“) in erster Linie darum, rassistische Ängste und Vorurteile zu schüren und somit Handlungsbedarf zu erzeugen, dem sie ja liebend gern nachkommen würden, würde man sie nur wählen. Hierbei sind entsprechende Rechtsextreme Positionen – je nach Argumentationsform(Kulturalistische oder Rassistische Überfremdungsängste, kollektivistische Zuschreibung von Ergebnissen fundamentalismuskritischer Analysen) quer durch die Gesellschaft sogar bis in Teile des linksradikalen Lagers anschlussfähig geworden. Nicht alle aus dem sogenannten „Antideutschen“ Spektrum sind in der Lage, sich dagegen zu immunisieren, den PIschen Rassismus als „Xenophobie“ kleinzureden.

Obgleich ich kein ausgewiesener Freund christlich-konservativer Weltanschauung bin, ist es jedoch auch diese Strömung, welche innerhalb der CDU/CSU derartige Tendenzen frühzeitig erkannt hat, und zusammen mit der SPD begonnen hatte, dem von Teilen der Gesellschaft tatsächlich gefühlten Handlungsbedarf nachzukommen – jedoch nicht in der Menschenverachtenden Art und Weise, wie es sich Rechtsextremisten gewünscht hätten. Das Credo ist nämlich nicht die pauschale Dämonisierung und Ausgrenzung des Islam bzw. der Moslems, wie es rechtsaußen(teils auch linksaußen) verlangt wird, sondern die Anerkennung und geordnete Integration und Rechtezusprechung bei weit wirklichkeitsnäherer Betrachtung der gesellschaftlichen Realitäten. Beigetragen haben auch Einsichten in linksliberalen Strömungen, was beispielsweise die Notwendigkeit von Sprachkenntnissen als Voraussetzung für das Ankommen in der Gesellschaft anbelangt.

Tatsächlich sehe ich zur Zeit bei CDU und CSU die Möglichkeiten, einen Spagat zu vollziehen. Erstens: von Rechtsextremen gegen den Islam und gegen Moslems aufgescheuchte Bürger wieder zurück auf den Boden der Demokratie zu holen, bei zweitens gleichzeitiger Wertschätzung durch konservative Muslime, was auf die religiöse Prägung dieser Parteien zurückzuführen ist. Es wird sich jedoch zeigen, ob sich die Neustrukturierung der Deutschen Islamkonferenz, nachdem die SPD abgewählt wurde, als vorteilhaft erweist. Ein innenpolitischer Rechtsruck war und ist nach der Loslösung von der SPD zu erwarten. Der parlamentarische Staatssekretär des ausrichtenden Innenministers De Maiziere ist nämlich Ole Schröder, Ehemann von Kristina Schröder, was wohl zukünftig Anlass zur aufmerksamen Betrachtung der Deutschen Islamkonferenz sein dürfte, zumal das Thema Islam nicht gerade ein Stammressort des neuen Innenministers ist(man darf korrigieren). Eine der ersten Handlungen während der Umstrukturierungen war, den z.T. umstrittenen Islamrat von der Mitwirkung auszuschließen, was Anlass von mancher Seite war, die Besorgnis auszudrücken, dass durch eben solche Ausgrenzung radikale Kräfte gestärkt werden könnten. So schreibt zum Beispiel die taz:

Es war falsch, dass der Innenminister die islamische Gemeinschaft von der Islamkonferenz ausgeschlossen hat, kritisieren Fachleute. Das schwäche die Reformer.