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Zu Necla Kelek

Die Überschrift der Kritik zu ihrem Buch “Himmelsreise” bringt eigentlich den Umstand auf den Punkt, warum ich kein Problem mit Necla Kelek habe:

Ein Hoch auf Atatürk

Das hat nichts mit dem Atatürkschen Nationalismus zu tun, mit dem ich sehr wohl ein Problem habe, sondern mehr mit seiner Hinwendung in Richtung des westlichen, auch was die demokratische Streitkultur angeht, die er in seinen Lebzeiten nicht vollenden konnte, obgleich er, hätte er die Möglichkeiten gehabt, wohl noch viele weitere Reformen angestoßen hätte. Diese hätten sich möglicherweise so ähnlich dargestellt, wie die Reformen, die im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt der Türkei stattfanden und -finden.

Ein bedeutender Schritt der Politik Atatürks war es, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs die Religion von der Politik zu trennen und den Laizismus einzuführen. Unabänderbarer Bestandteil der türkischen Verfassung ist der säkulare Charakter des Staates. Und dieses Thema (Säkularismus) scheint mir der Schwerpunkt von Necla Kelek zu sein. In der (kultur-)christlichen Mehrheitsgesellschaft ist es völlig üblich geworden, Missstände in den (kultur-)Christlichen Religionsgemeinschaften in aller Schärfe, auch polemisierend, zu kritisieren. Das gehört dazu. Und die Möglichkeit, dies sanktionsfrei zu tun, wird zu den Errungenschaften der Moderne gezählt. Ähnlich verhält es sich in der Türkei und bei türkischstämmigen Deutschen bezüglich des Islam, vorgeblich islamischen oder eben sonstwie tradierten Werten. Kritik an traditionellen Lebensweisen wird in der Türkei mitunter sehr zugespitzt und emotional geäußert.

Hingegen: Zieht die Mehrheitsgesellschaft in der Türkei in vergleichbarer Weise über z.B. das Christentum her und bringt somit die Christliche Minderheit in Bedrängnis, führt dies zu völlig berechtigter Empörung. Das gleiche gilt für die jüdische Minderheit, und genau so verhält es sich auch in Deutschland mit seiner Christlichen Mehrheitsgesellschaft, dem Islam, dem Judentum, Roma und anderen Minderheiten. Die mit harscher Kritik einer Mehrheit einhergehende Gefahr, Fanatiker zu radikalisieren, ist, und das zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher aller Nationen, viel zu groß, als dass sie in den Salon gehört. Innerhalb oder aus einer religiös oder kulturell definierten Minderheit können kontrovers geführte Auseinandersetzungen hingegen sehr ergiebig und fruchtreich sein und zu Einsichten, also zur Entwicklung führen. Das ist gut, das ist lebendige Streitkultur auf Augenhöhe, und sie ist nötig. Ständig. Aus der Christlichen Community heraus, aus der Jüdischen Community heraus und aus der Islamischen Community heraus. Anschuldigungen von Vertretern jeweils anderer Communities sind jedoch – siehe oben – grundsätzlich problematisch.

Daher habe ich weder mit Necla Kelek noch mit Seyran Ates ein Problem. Keleks Schriften entspringen der Türkisch-Islamischen Community, und es ist nicht so, dass sie völlig ahnungslos an ein Thema herangeht, wie es beispielsweise PImaten tun. Sie trägt damit eine Diskussion, die es auch in der Türkei gibt, nach Deutschland, und ist in der Lage, auf Facetten und Hintergründe hinzuweisen, die einem Broder völlig unbekannt sind. Inhalte und Polemiken sind aus diesem Grunde anders zu bewerten, als kämen sie in gleicher Form beispielsweise von Ulfkotte oder Broder als Vertreter des Mainstream.

Kurz: Nichts gegen scharfe Kritik – die gleiche Form und Zuspitzung wirkt aber unterschiedlich, je nachdem, aus welcher Position heraus sie getätigt wird – denn daraus leiten sich jeweils unterschiedliche Zuschreibungen und suggerierte Konsequenzen ab.

Aus diesem Grunde kann ich der eingangs verlinkten Kritik zunächst mal, ohne ihr Buch gelesen zu haben, nur in Teilen zustimmen. Zum Beispiel: Die tendenzielle Verallgemeinerung, die mangelnde Trennschärfe. Denn genau die ist es, die Fanatiker der Mehrheit radikalisiert. Und für die gehört letztlich auch Kelek zu “den anderen”, “den Türken” oder wahlweise zu “den Moslems”. Sie tut also gut daran, Strömungen, die sie meint, trennschärfer zu umschreiben.

Es handelt sich hier um eine Meinung. Meinungen sind immer vorläufig. Kommentare/Korrekturen/Richtigstellungen sind daher erwünscht.

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Familiendrama vs. “Ehrenmord”

Das Migazin beleuchtete die Google-Ergebnisse zu diesen beiden Themen, die eigentlich eines sind.

Familiendrama vs. Ehrenmord in der deutschen Presselandschaft.

Hierdurch wird klar, in welcher Hinsicht und in wie fern die Wahrnehmung innerhalb der Bevölkerung des Landes zu bestimmten Themen maßgeblich von den Gesetzmäßigkeiten der Presselandschaft bestimmt wird.