Schlagwort-Archive: Evangelikale

Wo fängt es an, wo hört es auf?

(…)Wenn man wie Ludwig Erhard (CDU) 1965 Intellektuelle als »Pinscher« bezeichnet, wenn man wie Hildegard Stausberg (CDU), damals Chefredakteurin bei der Deutschen Welle, Ende der 90er Jahre über Inder sagt, »die vermehren sich wie die Karnickel«, dann erinnert sich der wache Zeitgenosse an Thilo Sarrazin (SPD), der im letzten Jahr schwadronierte, dass Araber und Türken in Deutschland »ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren«.(…)

Oftmals ist es ganz einfach die Angst vor “Überfremdung” durch Ansiedelung, die eine solche Sprache hervorbringt. Der Impuls ist ein rassistischer, das Objekt des Hasses ist beliebig austauschbar.

Etwas anders gelagert ist es, wenn religiöse Aspekte dazukommen:

Wo fängt Islambashing in den Medien an, wo hört es auf? »Kommen nach Beitritt der Türkei Gott und Allah in die Verfassung?« So fragte die evangelikale Zeitschrift »Spektrum« in einer Artikelüberschrift anlässlich des damals bevorstehenden Beschlusses der EU-Kommission Anfang Dezember 2004, mit der Türkei Beitrittsverhandlungen aufzunehmen. Dies ist suggestiver Journalismus: Man stellt eine völlig abwegige Behauptung in den öffentlichen Raum, um diese sodann umso heftiger attackieren zu können. (…)

Hier kann man von einer Art Bewahrungsabsicht einer “Religious Supremacy” sprechen. Ein Impuls, dem keine andere Konsequenz folgt:

Und nach dem Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh brachte »Spektrum« auf der Titelseite eines anderen Heftes in Großdruck hasserfüllte Zitate auf die deutsche Bevölkerung von Muslimen und sprach im Innenteil von in der Zukunft möglichen »Straßenkämpfen in den Großstädten«, von »wachsenden Bürgerkriegsängsten«, von »devoten Deutschen«, die keinen Mut mehr hätten, sich kritisch mit dem Islam auseinander zu setzen.

Subtile Aufstachelung.

(Quelle)

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Die Sicht Evangelikaler auf den Islam

In den USA hat nach den Anschlägen des 11. September die anti-islamische Stimmung in der Öffentlichkeit zugenommen. Doch was denken christlich-amerikanische Gruppen über den Islam? Der amerikanische Historiker Thomas S. Kidd analysiert in seiner Studie die Wahrnehmung des Mittleren Ostens durch die Evangelikalen. Von Joseph Croitoru

Auf Quantara kann man alles lesen. Ein paar kurze Auszüge:

In der Kolonialphase hatten die europäischen Einwanderer in Nordamerika so gut wie keinen Kontakt mit Muslimen, die Minderheit der muslimischen Sklaven wurde kaum wahrgenommen. Die Sicht auf den Islam war durch christliche Streitschriften aus Europa geprägt.[…]

[…]so sahen die evangelikalen Kolonisten in ihren Endzeitideen den Antichrist im Islam und Katholizismus direkt verkörpert.[…]

[…]Durch die Endzeitstimmung, die der antiklerikaler werdende Charakter des nachrevolutionären Frankreichs unter den christlich-konservativen Amerikanern ausgelöst hatte, erfuhr die Sicht auf die Türkei jedoch bald eine erneute Sakralisierung: Die Prophezeiung in der Offenbarung des Johannes, […], wurde als Hinweis auf den Untergang des Türkischen Reichs gedeutet.[…]

Das Scheitern der Missionare, das man auf die angebliche Rückständigkeit, Grausamkeit und Frauenfeindlichkeit der Muslime schob […]

Ein beliebtes Motiv [prophetischer Literatur, Anm. NDM] ist die Zerstörung der Moscheen auf dem Jerusalemer Tempelberg und der Wiederaufbau des jüdischen Tempels.

Ebenso die islamisch-russische Koalition, die auf Seiten des Antichristen kämpft.[…]

Allerdings traten die Iraner vorübergehend wieder in den Hintergrund, um in der Endzeitschlacht, von Saddam Husseins neubabylonischem Kult und dem ersten Golfkrieg inspiriert, Platz für das wiedererrichtete Babylon zu machen, das nun zum Sitz des Antichrist erklärt wurde[…]

Nun wird auch der Irak-Krieg als Zeichen für den bevorstehenden Vernichtungsschlag gegen den Islam gedeutet. Und der Antichrist ist neuerdings Muslim durch und durch: Er erscheint in Gestalt des islamischen Mahdi, ausgerüstet mit russisch-iranischer Atomwaffentechnik.

Thomas S. Kidd: „American Christians and Islam. Evangelical Culture and Muslims from the Colonial Period to the Age of Terrorism“. Princeton University Press, Princeton 2009.

Siehe auch:
Evangelikale Apokalyptiker
bzw. extern:
Armageddon und der apokalyptische „Holocaust“