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Wer sind sie, die “Integrationsverweigerer”?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten.

Sind Integrationsverweigerer jene, die als Gastarbeiter nie richtig Deutsch lernten, weil das Erlernen der deutschen Sprache nicht nötig war? Sind es deren Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, Deutsch sprechen, aber in eigenen sozialen Netzwerken leben? Oder sind es etwa die Arbeitslosen unter ihnen? Die Zahl derjenigen, die sich der Teilhabe an der deutschen Gesellschaft bewusst verschließen, die sich der Integration aktiv verweigern, ist denkbar gering.

schreibt Özgür Uludag auf der Homepage des NDR.

Dafür werden die Aufsteiger immer zahlreicher. Studien der Arbeitsmarktforschung bezeugen, dass Migranten aus der Türkei und arabischen Ländern überdurchschnittlich häufig ihr Glück in die Hand nehmen und unternehmerisch tätig werden.

In einem Radiointerview (WMV-Stream) erklärt der Islamwissenschaftler Christian Meier zudem, weshalb er die gegenwärtige Integrationsdebatte für undifferenziert hält und plädiert für eine Deeskalation der Debatte.

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Sarrazin hat ein Ungeheuer geschaffen

Wo der Schweinehund knurrt

Thilo Sarrazin hat ein Ungeheuer geschaffen, Medien haben es freigesetzt, Politiker gefüttert. Die INTEGRATIONSDEBATTE hat bislang nur Schaden angerichtet, aber nicht weitergeführt. Eine persönliche Zwischenbilanz

Der Zwischenruf aus Berlin von HANS-ULRICH JÖRGES

Zwei Monate haben das Land verändert. Zwei Monate Sarrazin-Debatte — und die sogenannte Integra­tionsdebatte war nichts anderes als das, ohne am Ende noch seinen Namen öffentlich zu erwähnen — haben ein Deutschland offenbart, das ich nicht mehr für möglich gehalten hätte. In diesen zwei Monaten seit dem Erscheinen des Sarrazin’schen Bestsellers wurde — quer durch die Gesellschaft, auch in gebildeten, bürgerlichen Kreisen — eine Migranten- und Islamfeindlichkeit aufgedeckt, die erschrecken lässt. Die Integrationsdebatte wurde darüber, in ihren hysterischen Entgleisungen, zur kaum noch kaschierten, primitiven Ausländer‑raus-Kampagne. Sie hat Ressentiments freigelegt, verfestigt und verbreitet, die lange nachwirken werden.

Fast 60 Prozent der Deutschen, enthüllte eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung, verlangen, dass die (grundgesetzlich garantierte!) Religionsausübung für Muslime „erheblich eingeschränkt" wird. Niemals seit der Judenverfolgung wurden Menschen in Deutschland so pauschal, so grobschlächtig und so verletzend ausschließlich nach ihrem Glauben beurteilt und herabgewürdigt.

Mir ist darüber speiübel geworden. Was haben der Bäcker aus der Türkei, der Arzt aus dem Iran und der Ingenieur aus Ägypten in Wahrheit miteinander gemeinsam? Den Glauben? Wissen wir nicht, dass Muslime hierzulande ähnlich säkularisiert leben, kaum häufiger in die Moschee gehen als Christen sonntags in ihre Kirche? Was würden Christen dazu sagen, wenn sie in arabischen Ländern an Wort und Tat des Papstes gemessen, nach dem Dogma der Jungfrauengeburt und dem himmelschreienden Skandal des sexuellen Missbrauchs von Kindern in katholischen Einrichtungen beurteilt würden? Dür­fen die unbezweifelbaren Missstände in Neu‑kölln-Nord zum Maßstab des Integrationserfolgs in ganz Deutschland werden?

Ach ja, die Scharia, das islamische Straf­recht mit Handabhacken und Steinigen … Schrill beschrien in dieser sogenannten Debatte. Will die Scharia jemand in Deutschland einführen? Übrigens: Sie gilt auch in der Türkei nicht. Das erste türkische Strafgesetzbuch wurde 1926 (!) vom italienischen Strafgesetzbuch abgeschrieben, das damals als besonders modern galt. Das im selben Jahr in Kraft gesetzte Zivilgesetzbuch war eine Übersetzung des schweizerischen. Braucht man das nicht zu wissen?

Was ist gut integrierten „Muslimen" mit gedankenlosem, rabiatem Geschwätz angetan worden! Ein Berliner Freund, in Afghanistan geboren, Akademiker, mit deutscher Frau und Kind, perfekt integriert und akzentfrei deutsch sprechend, war so verzweifelt über die Ablehnung, die ihm nun entgegenschlug, dass er Pläne zum Bau eines Hauses infrage stellte — und darüber nachdachte, das Land zu verlassen.

Sarrazin hat ein Ungeheuer geschaffen. Und die Medien haben es freigesetzt, unter der Flagge der Diskussion. Fernseh-Talkshows hören genau, wo der deutsche Schweinehund knurrt — manche haben ihm fleißig Knochen hingeworfen, damit er Quote kackt. Die feine „FAZ" gebärdete sich knarzend reak­tionär wie ein Soldatenstiefel. „Wulff, der Christ, kämpft für den Islam. Ganz so wie Erdogan", kommentierte sie die Integrationsrede des Bundespräsidenten vom 3. Oktober. Als Wulff vor dem türkischen Parlament spiegelbildlich Religionsfreiheit für Christen eingefordert hatte, bemängelte sie, dass „derjenige, der die Ketten endgültig sprengte" auch darin nicht vorgekommen sei. Sarrazin, der die Erbdummheit der Muslime propagiert, wäre als Freiheitsheld vor dem türkischen Parlament zu loben? Das ist intellektuelle Heimtücke.

Unter der Überschrift „Integration heißt nicht, ein Volk‘ zu sein", rief Helga Hirsch bei „Welt online" Wulff hinterher: „Wer Türken, Polen, Russen, Juden, Iraker, Italiener, Deutsche zu einem Volk erklärt, weil sie deutsche Staatsbürger sind, verkleistert gerade das, was uns augenblicklich so viele Probleme bereitet…" Unfassbar: Juden als Fremde ausgegrenzt! Erst ein kritischer Hinweis von außen führte dazu, dass die Redaktion die Juden aus dem Text strich, gerade rechtzeitig vor der Ver­öffentlichung auch in der gedruckten „Welt". Helga Hirsch übrigens war rechte Hand Joachim Gaucks bei dessen Präsidentschaftskampagne und Co-Autorin seiner Memoiren.

Den Verstand verloren hat zu Teilen auch die Politik. Kristina Schröder etwa, die Familienministerin, die „Deutschenfeindlichkeit" muslimischer Schüler „Rassismus" nannte. Das törichte Mädchen ist nur deshalb im Amt, weil es der hessischen CDU angehört. Durch derlei Geschwätz wird auch noch dem Ansehen der Politiker geschadet — weil die Aufgestachelten genau beobachten, dass die nur reden, aber nichts tun. Gottlob hat Wulff dem guten Deutschland eine Stimme gegeben.

Dieser Zwischenruf stand in der Printausgabe des aktuellen Stern.
(Via Dontyoubelievethehype)


Was die Deutschen für die Integrationsdebatte aus ihrer Geschichte lernen können

Ich nehme mal ein paar Absätze von Zafer Senocak heraus. Am besten, man liest den gBeitrag zur Integrationspolitik in seiner Gänze.

In jeder Ecke stößt man hierzulande auf ein Geschichtsthema: Die traumatische Erfahrung des Nationalsozialismus, des Krieges, des Völkermords an den europäischen Juden, aber auch das Leid der deutschen Bevölkerung durch Krieg, Flucht und Vertreibung haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Deshalb wirkt nichts unglaubwürdiger als ein geschichtsloses und damit gesichtsloses Deutschland. Die Einwanderungsfrage aber wird von all dem ferngehalten. Integrationsgipfel, Islamkonferenz, Debatten und Veranstaltungen zum Thema – der gesamte Politikentwurf wird so lanciert, als ginge es lediglich um die Integration Nichtdeutscher in die deutsche Gesellschaft.

Die Sprache der Integrationsdebatten ist jedenfalls bezeichnend. Sie ist voller Fallstricke, wenn es um Identitätsfragen geht, um Heimat oder Loyalität. So wurde in den Debatten um die doppelte Staatsbürgerschaft immer wieder der Begriff der Loyalität bemüht, der in der wilhelminischen Epoche von konservativen Historikern und Politikern herangezogen wurde, um zu belegen, dass deutsche und jüdische Identität unvereinbar seien: Aus der Sicht des Historikers Heinrich von Treitschke war die Einheit von Staat und Volk in Gefahr. Wer sich heute gegen Doppelidentitäten sperrt, gerät in die Tradition eines nebulösen Staatsverständnisses, der den Weg der Deutschen in die Demokratie lange blockiert hat. Die Oberhoheit über das Angstpotenzial haben diese Begriffe ohnehin: Angst vor Verlust der Identität, vor Fremden, vor Unbekannten.

In der Geschichtsschreibung ging es oft um die Konstruktion von nationaler Identität. Moderne Geschichtswissenschaft hat sich davon zwar entfernt, aber sie riskiert nach wie vor zu wenig die vergleichende Wahrnehmung. Wir brauchen eine vergleichende Geschichtswissenschaft – ähnlich der vergleichenden Literaturwissenschaft. Dabei können auch literarische Texte mit ihren biografischen Konnotationen eine eher emotionsleere Wahrnehmung der Vergangenheit ergänzen und neue Perspektiven eröffnen. Gerade die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die Völkermorde, Vertreibungen und nationalistischen Exzesse teilen die Europäer miteinander, die Deutschen teilen sie auch mit den Türken.

Deutsche und Türken verbindet etwas. Beide stammen aus großen Mischkulturen, die im 20. Jahrhundert gewaltsam zerschlagen wurden. Ein bitterer Erfahrungshintergrund, den man gemeinsam erörtern kann. So lassen sich Unterschiede und Ähnlichkeiten genauer benennen, jenseits der Sphäre vager Urteile und Vorurteile aufheben. An den Tischen der deutschen Integrationspolitik sollte es also nicht nur um Türken, den Islam und all das gehen, was der Durchschnittsdeutsche als fremd empfindet, sondern auch um das, was er als das Eigene wahrnimmt. Um die eigene Geschichte, den eigenen Identitätswandel. In diesem Wandel steckt nicht nur die Sehnsucht nach Anerkennung, sondern auch die Verunsicherung hinsichtlich einer Zukunft, in der nichts mehr so sein wird wie heute und hoffentlich manches anders als gestern.