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Lesetipp: Interview mit Hilal Sezgin

Ein interessantes Interview mit Hilal Sezgin über ihren neuen Roman sowie über Islamfeindlichkeit findet sich bei Opinio.

Den Teil mit dem Roman lasse ich mal aus, zum anderen Thema zitiere ich allerdings mal zwei von fünf Fragen und deren Antworten:

F: Man könnte hinzufügen, dass Nichtmuslime zwar gerne mit Dingen wie Burka, Kopftuch, oder angebliche Frauenfeindlichkeit im Koran kommen, wie z.B. dem bekannten Züchtigungsvers in Sure 4 (Nr. 34), den man kurz zitiert um zu zeigen: „Islam erlaubt Frauen zu verprügeln!“, aber man weiß überhaupt nicht wie die Überlieferungen und die Gelehrten diesen Vers verstehen. Wenn man die Sprache etwas neu interpretiert, kommen da sogar feministische Argumentationen bei raus. Und ich denke, wenn es in Deutschland zu einem terroristischem Anschlag kommen würde, würde die Reaktion bei weitem gewalttätiger sein, als in Ihrem Buch.

S: Ja, das stimmt. Und was diese sogenannten Islamkritiker angeht, die diese Verse runterbeten oder oft sogar erfinden und manchmal völlig aus dem Kontext reißen, indem sie einen Vers zitieren, aber nicht den davor stehenden oder nachfolgenden: Man muss oft nicht mal die islamische Theologie verstehen, es reicht schon der gesunde Menschenverstand, wenn man den nächsten Vers noch dazu liest.
Was Kopftücher und die Burka angeht, ist für mich das Schlimmste, dass viele Menschen schon gar nicht mehr mit den Frauen reden, die Kopftücher tragen; diese Frauen werden dadurch tatsächlich isoliert. Und sobald ein Islamvertreter in einer Talkshow sitzt, muss er etwas zur Frauenfeindlichkeit sagen, und ob sie im Islam begründet ist. Das würde man mit einem Christen auch nicht machen. Kein katholischer Bischof wird standardmäßig gefragt, wann Frauen endlich zum Priesteramt zugelassen werden. Ich würde mir wünschen, dass im Umgang mit dem Islam einfach Normalität einkehren würde. Ich kann diese Bilder von Kopftuchfrauen und Minarette, die sich in den Himmel bohren, in unseren Zeitungen einfach nicht mehr sehen, vor allem weil das so ausgrenzend wirkt.

 

F: Sind Sie denn der Ansicht, dass die Islamophobie eine Rückkehr des alten Rassismus im neuen Gewand ist?

S: Ja – aber was heißt da Rückkehr? In einer Gesellschaft gibt es immer ein bestimmtes Maß der Ausgrenzung oder Ablehnung von „Anderen“. Es trifft viele Gruppen, gehen Sie mal als Schwarzer in manche ostdeutschen Städte! Ich denke, dass sich dieser Rassismus sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren etwas gegen den Nahen Osten und gegen Muslime verschoben hat. Aber wir sollten nicht so tun, als ob der Rassismus gegen Muslime den Rassismus gegen andere Gruppen aufgehoben hätte.

Hier kann man den Rest lesen.

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Interview mit Olivier Roy: “Wie hast du’s mit der Religion, Europa?”

In der NZZ findet sich ein umfangreiches Interview mit Olivier Roy, einem beachteten Islamexperten und Politologen. Ich versuche mal, es zusammenzukürzen, was natürlich subjektiv und auf Kosten von Details geschieht. Es komplett zu lesen dauert länger, ist aber sinnvoller.

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Interview mit Lamya Kaddor

Ein sehr lesenswertes Interview findet sich beim Tagesspiegel wieder.

Einige Auszüge:

Sie gelten als Vordenkerin der liberalen Muslime in Deutschland. Viele Menschen bezweifeln, dass es das überhaupt gibt: liberale Muslime.

Und ob es die gibt! Leute wie ich sind die Mehrheit. Wir sind hier aufgewachsen, haben eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir leben hier gut, und wir identifizieren uns mit diesem Staat. Nur glauben wir eben an den Islam.

Die Islamkritikerin Necla Kelek macht den Islam dafür verantwortlich, dass in türkischen Familien vieles schief läuft. In „Die verlorenen Söhne“ schreibt sie, dass im Koran das Recht auf Rache verbrieft sei. In Sure 17, Vers 33 steht: „Und tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht zur Rache.“

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das steht auch im Alten Testament. Der Koran ist ein Zeugnis des 7. Jahrhunderts. Er spricht zu seiner Zeit. Damals war Rache an der Tagesordnung. Zu sagen, deshalb wird auch heute gemordet, ist schon theologisch falsch. Die Typen, die heute ihre Schwestern wegen der Familienehre umbringen, haben sicher nicht Sure 17 gelesen. Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen.

Warum gibt es so viele Fundamentalisten im Islam?

Unter anderem hat das mit dem Einfluss der ultrakonservativen Wahhabiten zu tun. Die leben mehrheitlich in Saudi-Arabien und vertreten ein Textverständnis, das den Koran sehr wortgetreu auslegt und versucht, das Weltbild aus dem 7. Jahrhundert in die heutige Zeit zu übertragen – inklusive Steinigung, Harem und Vielehe. Dass diese Richtung von so großer Bedeutung ist, liegt am Geld, von dem haben die Saudis dank des Erdöls genug. So haben sie Schulbücher für die Muslime in Bosnien finanziert, in denen die Grundlagen ihres Weltbilds vermittelt werden. Sie vertreiben auch weltweit Koranübersetzungen.


Alan Posener im Interview zum Thema Islamophobie

Ein außergewöhnlich interessantes Interview auf recht hohem intellektuellen Niveau (zumindest höher als meins. Ich bin Praktiker, wie Broder 🙂 ) findet man bei Endstation Rechts. Zwar sind sich Posener und Brodkorb nicht einig, aber es haben sich einige weitere Facetten der Kritik an den Islamophobie, “Islamkritik in Anführungszeichen”, Islamhass oder wie man es gerne nennen will, gezeigt.

Angeschnitten werden u.a.:

– Die selbsternannte “Achse des Guten”
– Islamophobie im allgemeinen
– Die Querfront zwischen sogenannten “Antideutschen” und der Israelaffinen Rechten
– Der Historikerstreit (Zu dem ich keinen Zugang habe, es wäre wohl an der Zeit für eine zweite Auflage)

Sehr lesenswert.

Siehe auch:
Thilo Sarrazin kein Rassist? – Posener über Maxeiner und Miersch


Piratenwelt: Die Zukunft der Piratenpartei

Anlässlich des Interviews der Piratenpartei mit der rechtsaußen-Postille “Junge Freiheit” ist in Teilen der Piratenpartei eine teils heftige Diskussion über den Umgang mit anderen politischen Strömungen entbrannt. Ein Beitrag zur Diskussion fiel hierbei ganz besonders aus:

Piratenwelt

Hier ist Tom Hurry vom ZDF. Wir befinden uns hier im Foyer des Congress Center Berlin, gerade geht der Parteitag 2021 der Piratenpartei zu Ende. Nach ihrem sensationellen Wahlerfolg setzen hier die Piraten die Segel für die Koalitionsverhandlungen mit der immer noch größten Partei, der Bürgerbewegung "Mensch im Markt", in der ja vor nunmehr vier Jahren CDU, FDP und Teile der SPD aufgegangen sind. Wird es den Piraten und der Bürgerbewegung gelingen, den 77jährigen Oskar Lafontaine und seine erstarkte Linkspartei von der Macht fernzuhalten?

Gerade eben hören wir die letzten Takte der Parteihymne "Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste" aus der großen Halle herüberwehen, gesungen aus rauen Piratenkehlen.

Aus ganz Deutschland sind sie hier zusammengeströmt, Laptops aus allen Bundesländern und Netzwerken, wuchtige XXL-Kaliber stöpseln sich an elegante Notebooks in den Trendfarben, ernst wirkende Programmierer-Tools stehen Seit an Seit mit zierlichen Palms. Alle aber vereint ein Gedanke: die gemeinsame Piraterie. Wir gehen vorbei an den Nebenhallen der zahlreichen Parteigliederungen, die in den letzten Jahren ihren Startup erlebt haben. Da ist die LAN-Party zahlreicher Clans der Parteijugend. Wir sehen die Totenkopffahnen des Clans "Fear and Honour" neben den gebeamten John-Drake-Porträts des Clans "God – Guts – Guns". Die reizenden Girls vom Clan "Depp’s Darlings" haben ihr "Treasure Island" aufgebaut, eine Bar mit fantasievollen Drinks, die sie den hart arbeitenden Bildschirm-Piraten an den PCs servieren. Die Party geht in den dritten Tag. Nimmermüde übt sich hier der Parteinachwuchs und erlernt sein anspruchsvolles politisches Handwerk.

Aber auch im nächsten Raum herrscht Betriebsamkeit an den PCs. Der Seniorenclan "Holzbein" hackt, surft, zockt und gamet. Blitzende Augen unter dem Silberhaar, heisere Aufschreie vor den Bildschirmen lassen die Leidenschaft und das Engagement dieser älteren Piraten erkennen, die genau wie der Nachwuchs sich der aufstrebenden Sache der Freibeuterei verschrieben haben.

Gerade zieht ein Trupp der "Pirate-Moms" vorbei, junge Piratenmütter mit ihren Allerkleinsten von der Babygruppe "Bloody Young". Als Frauen sind die Moms immer noch eine kleine Minderheit unter den Tausenden von Männern hier im Center. Aber man spürt die Begeisterung in den Gesichtern der Piraten-Nesthäkchen, die in ihren Kinderwagen vor den Notebooks abgestellt werden und ihre ersten Web-Erfahrungen machen. Keck tragen schon die Kleinen ihre Augenklappe, während sie mit dem unbedeckten Auge wissbegierig in die neue Welt blinzeln. Wenn man die winzigen Babyhändchen sieht, die munter auf die Tastatur patschen, versteht man die großen Zukunftshoffnungen der jungen Piratenpartei.

Doch nun haben wir uns endlich zu Kevin Blass durchgefunden, dem trotz seiner immerhin schon 28 Jahre jugendlich wirkenden Chef der Piratenpartei, der soeben mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt worden ist.

Herr Blass, gestatten Sie einige Fragen. Ihr Parteivize Sydney Castorp hat der umstrittenen Zeitschrift „Der rechte Stürmer“ ein Interview gegeben. Wie sehen Sie das?
Zunächst mal ahoj. Syd kann ich da nichts vorwerfen. Auch ich hab die Zeitschrift nicht gekannt, ich hielt sie für ein Sportmagazin oder so etwas. Man muss ja nicht jede Zeitschrift kennen. Offline-Medien sind eh von gestern.

Wie sieht die Piratenpartei die dramatische Wirtschaftslage? Hat der Kapitalismus noch eine Zukunft?
Nur online, sozusagen. Schauen Sie sich das überzeugende Standing des webgestützten Trading an in den letzten zehn Jahren. Wir Piraten schauen nicht auf die alten Industrien, das sind Bugs. Wir Piraten fördern das Leben, Arbeiten und Chillen im Web. Nur schnelles Saugen hilft. Und zwar jedem. Das ist unsere Definition von Bürgerrecht. Hier muss massiv investiert werde, alle staatlichen Beschränkungen müssen fallen.

Wie sehen Sie das Problem der sozialen Kluft? Die Linkspartei beklagt, dass immer mehr Menschen unter der Armutsgrenze leben.
Auch hier ist unsere Antwort eindeutig: Im Hartz-4-Regelsatz muss full supply mit PCs und sonstigem Equipment drin sein, mit allen Features und bitte aktuell, das sind wir diesen Leuten schuldig, keine Frage. Ansonsten sind solche sozialen Fragen nicht so unser Thema. An ideologischen Debatten haben wir kein Interesse. Bei uns zählt der gesunde Menschenverstand. Und sonst nichts.

Auch die Bildung war ja ein Thema im Wahlkampf. Was ist für Sie in den Koalitionsverhandlungen wichtig?
Wir Piraten stellen uns dieser Challenge. Der ganze Diskurs über Schulformen ist allerdings für die Fische. Die Unterrichtsmethoden müssen entrümpelt werden, Altes muss über Bord. Wir brauchen einen vernünftigen Mix. Viel mehr Medienerziehung, daneben Lernen am PC und v. a. Online-Lernen zuhause. Hier muss klar Schiff gemacht und eine volle Breitseite gegeben werden. Die Einsparungen bei den Lehrern finanzieren dann die technische Aufrüstung. Und noch eins, in aller Bescheidenheit: Wenn überhaupt noch so ein Fach wie Geschichte, dann muss der Schwerpunkt auf unterdrückten Freiheitsbewegungen in der Karibik und am Horn von Afrika liegen.

Ah, verstehe. Eine letzte Frage: Mehrere NATO-Staaten haben ihre Truppen aus Afghanistan abgezogen. Die USA und Deutschland kämpfen weiter. Die Linkspartei bezeichnet den Krieg als völkerrechtswidrig und sinnlos und weist auf die steigenden Opferzahlen unter Soldaten und Zivilisten hin. Wie positioniert sich hier die Piratenpartei?
Hier sind wir kompromisslos, hier wackeln wir nicht. Wir fordern klipp und klar für alle deutschen Soldaten am Hindukusch schnellen Internetaccess, und zwar zu Lande, zu Wasser und in der Luft! Auch in Schützenpanzern und Kampfhubschraubern! Über den Einsatz als solchen haben wir uns noch keine abschließende Meinung gebildet. Wir sind ja eine junge Bewegung.

Herr Blass, vielen Dank für dieses Gespräch. Und damit geben wir zurück ins Funkhaus.

Humorvoll wie bezeichnend zugleich, warnt er schließlich vor einem inhaltlichen Stillstand in der Piratenpartei.

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