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Ägypten: Muss man vor der Muslimbruderschaft Angst haben?

Ein Artikel auf Quantara sagt: Nein.
Hamed Abdel-Samad sagt: Nein.
Beate Seel sagt in der taz: Nein.
Günther Lachmann sagt in der WELT: Ja.
Gudrun Büscher sagt in derWesten: Nein.
Julia Gerlach sagt auf heute.de: Nein.
Daniel Steinvorth ist  auf SPON zurückhaltend kritisch.

Und so weiter. So sieht es nach dem ersten Überfliegen der Zeitungen aus.

In Jordanien hingegen sieht es ganz anders aus, hier hat sich die Muslimbruderschaft offenbar an die Spitze der Proteste gestellt, und stellt daher auch ihre Forderungen.


Die Jihad-Fatwa

Hier übergeht PI einiges durch fahrlässige Auslassung.

Zum einen bezieht sich PI auf die Jerusalem Post, verlinkt jedoch falsch. Hier der Link zum Artikel von Barry Rubin.

Es geht um eine Fatwa von einem “Dr. Imad Mustafa” der Al-Azhar-Universität in Kairo(nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen syrischen Botschafter in den USA), die sich mit dem Jihad beschäftigt, und zwar mit dem Jihad als Waffengang. Diese Fatwa ist kritisch zu betrachten, bei PI werden jedoch Fehlschlüsse gezogen.

Zum einen wird erklärt, Defensiver Jihad sei religiös legitimiert. “Kennen wir ja schon”, meint PI – völlig kritiklos. Und zwar deshalb, weil der PI-Beitrag an dieser Stelle im Kern nichts weiter ist, als eine schlechte Übersetzung von Rubins Artikel, wobei Rubin selbst nicht alles durchschaut.

Hier der entsprechende Teil der Fatwa in englischer Sprache:

Fighting against non-Muslims is what is known in Islamic jurisprudence as Jihad in the path of God. Jihad is a prescribed duty in cases of aggression from the infidels against Muslims, for we must resist them, make jihad against them, and defend against them. This is according to the text of the Qur’an, for Almighty God has said: „Fight in the way of Allah those who fight you but do not transgress. Indeed. Allah does not like transgressors“ (Qur’an 2:190). This type of jihad is known as defensive jihad, and it is a duty agreed to by all Islamic scholars and all who are wise, and is endorsed in our day by recognized international charters. However, the occupier and his associates have come to label this „terrorism.“

Es wird hier nicht von einer hypothetischen Situation gesprochen, und auch der große Bedeutungsumfang des Begriffs “Jihad” wird nicht geklärt. Es liegt wohl an der Fragestellung, denn es wird klar nach dem Kampf gegen Nichtmoslems gefragt. Es wird daher in der Fatwa konkret auf den gegenwärtigen Terrorismus (z.B. im Irak und in Afghanistan) Bezug genommen. Darüber hinaus wird sogar behauptet, dieser sei durch “Internationale Chartas” legitimiert, man solle sich nur nicht durch das Wort “Terrorismus” abschrecken lassen. Das ist, das muss man so deutlich sagen, krasser Bullshit. Es wird nicht ganz deutlich, aber hierbei wird wohl auch auf die UN-Charta und somit auch auf das humanitäre Völkerrecht Bezug genommen. Muss ja so sein. Dann sollte Herr Doktor Imad Mustafa die Charta jedoch mal lesen, wenn er sich schon darauf beruft. Dort steht beispielsweise eindeutig und für sämtliche UN-Mitgliedsstaaten verbindlich(Hervorhebung von mir):

Der Sicherheitsrat stellt fest, ob eine Bedrohung oder ein Bruch des Friedens oder eine Angriffshandlung vorliegt; er gibt Empfehlungen ab oder beschließt, welche Maßnahmen (…) zu treffen sind

Imad Mustafa redet hier zudem von „Besatzer”. Hier ergeben sich gleich mehrere Denkaussetzer. Im Irak beispielsweise, in dem der von ihm selbst angesprochene Terrorismus real stattfindet, existiert keine Besatzung(PDF in mehreren Sprachen). Aber auch die Behauptung, die vergangene Besatzung habe sich gegen Muslime oder gar gegen den Islam gerichtet, basiert auf einer Halluzination. Der UN-Sicherheitsrat, auf den sich sein Text indirekt bezieht, hat übrigens auch die Zusammenarbeit mit der ISAF in Afghanistan beschlossen. Ihre Anwesenheit steht international überhaupt nicht in Frage. Ebensowenig steht es international in Frage, ob die terroristischen Aktivitäten bekämpft werden müssen. Sie müssen.

Imad Mustafa argumentiert also nicht in Übereinstimmung mit internationalen Abkommen, wie er suggeriert, sondern klar dagegen. Sein Kerngedanke ist viel mehr der, Internationale Vereinbarungen und Übereinkünfte zu ignorieren.

Letztlich ist er also ein Schreibtischtäter unter den Extremisten. Ein Kriegstreiber, der sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Da verwundert es auch nicht, dass er im folgenden noch einen Schritt weiter geht, und einen “Präemptiven Jihad” für erwägenswert hält.

Hier liefert Rubin übrigens keine vollständige Übersetzung. Er liefert:

Two schools [of Islamic jurisprudence] have ruled that offensive jihad is permissible in order to secure Islam’s border, to extend God’s religion to people in cases where the governments do not allow it, such as the Pharaoh did with the children of Israel, and to remove every religion but Islam from the Arabian peninsula

Was fehlt, ist die Erläuterung. Es wird nämlich auf  “Recht des Jihad”(arab.: فقه الجهاد) von Yusuf al-Qaradawi verwiesen, in dem genau der Widerstreit zwischen zwei Gruppen(“Verteidiger” und “Präemptive”) erläutert wird, um den es in der Fatwa geht. Mir ist hier nicht deutlich, welche Position Imad Mustafa hier einnimmt, oder ob er lediglich die Unterschiede der widerstreitenden Parteien darstellt. Dennoch. Die Fatwa-Segnung des Widerstreits bedeutet zugleich, dass es Strömungen gibt, die die Sache mit der “Preemtiveness” ernst nehmen, und “in die Mitte gelassen” werden. Erst hieraus wird die gesamte Tragweite deutlich, denn es geht gleich beim ersten Punkt, den Rubin völlig übersieht, in einem Teilbereich speziell um Israel, und hier zeigt sich wiederum, dass der Widerstreit kleiner ist, als bei den anderen Teilbereichen.

Punkt 1: to secure Islam’s border

Hiermit ist gemeint, die Grenze zwischen einer islamisch dominierten und einer nichtislamisch dominierten Region abzusichern. Soweit einleuchtend. Islamischer Staat sichert die Grenzen zu einem nichtislamischen Staat ab. Die Bezeichnung “Grenze” ist in diesem Zusammenhang jedoch völlig losgelöst vom Begriff der Staatlichkeit oder ähnlichem zu betrachten, und das macht es gefährlich, denn es erhebt die gesamte Argumentation über das Völkerrecht, und lässt sie gleichermaßen regional wie global gelten. Die Gebiete, die er meint, können auch kleiner sein(z.B. ein Dorf) oder sich über Staatsgrenzen hinaus ausbreiten. Der Begriff “Grenze” ist eher durch eine Linie definiert, deren Überschreitung die Wahrscheinlichkeit einer Kampfhandlung von Seiten des nichtislamischen “Gegners” erhöht. Der Unterschied dieser Art des “offensiven Jihad” zum eingangs erwähnten “defensiven” ist zudem der, dass der Standpunkt dieser Jihadisten so gewählt sein soll, dass sich der “Gegner” – bereits durch diesen Aufenthalt – bedroht fühlt. Es geht also im Prinzip darum, sich “an feindlichen Linien” aufzuhalten, also um eine reine Machtdemonstration. Man könnte dies auch als “Offensive Grenzverteidigung” beschreiben. Nicht in der Fatwa zitiert, aber im Buch, auf das sie sich bezieht, spricht Qaradawi konkret von “Levant”(Er selbst schließt dabei Ägypten ein). Noch konkreter spricht er dabei von “Land Israa” (Siehe „Sure 17, damit ist noch konkreter Jerusalem gemeint). Qaradawi schreibt, es sei ein Akt, um Gott näher zu kommen, wenn man in dieser Umgebung siedelt. Dieser Jihad solle mit dem Mittel “Dominanz in Überzahl”, einer Art “Belagerung” stattfinden. Hierbei zitiert er einen Hadith(ich glaube diesen) und bezieht ihn auf Jerusalem. Die Worte “Israel” und “Jerusalem” verwendet er dabei nicht, sondern nur “Palästina” und “Al-Quds”. Allein das zeigt, mit welcher Konnotation dieser Teil der Fatwa kommt.

Punkt 2: to extend God’s religion to people in cases where the governments do not allow it, such as the Pharaoh did with the children of Israel

Hier fragt Rubin:

What does it mean about extending “God’s religion,” i.e., Islam? On the surface, “where the governments do not allow it” and the reference to Pharaoh seem to imply the complete prohibition of Islam.

Zunächst einmal die Referenz zum Pharao im Koran(Sure 26, Vers 29 bis 49). Ich zitiere von 45 bis 49:

Moses warf seinen Stock hin. Da wurde er zu einer Schlange, die alles verschlang, was sie täuschend bewerkstelligt hatten. Die Zauberer warfen sich auf der Stelle nieder. Sie sagten: „Wir glauben an den Herrn der Welten, den Herrn von Moses und Aaron.“ Da sprach Pharao: „Glaubt ihr an ihn, bevor ich es euch erlaube? Er ist euer Meister, der euch die Zauberei gelehrt hat. Ihr werdet erfahren, wie ich euch bestrafe. Ich werde euch Hände und Füße wechselseitig abhacken und euch alle kreuzigen lassen.“

Dies ist beispielhaft.

Es geht in diesem Teil der Fatwa um Situationen, in denen die Missionierung zum oder der Übertritt zum Islam unterbunden oder auch nur erschwert ist. Hierbei wird wieder Bezug auf Qaradawi und das genannte Buch genommen. Es geht hierbei darum, dass alles, was an der Missionierung zum Islam hindern könnte, beseitigt wird. Er meint hierbei nicht nur rechtliche Hürden, oder Hürden der Gewaltandrohung, sondern alle, auch geistige Hürden, die abzubauen seien.

Zugleich geht es darum, allen Bestrebungen, Moslems zu einer anderen Religion oder zum Atheismus zu bringen, vorzubeugen.

Hierbei nimmt Imad Mustafa zudem Bezug auf die Argumentation der “Präemptiven” mit Sure 8:39. Manche nehmen auch Bezug auf Sure 2:193. Hier zeigt sich nach Qaradawi wiederum ein gewichtiger Widerstreit im Bezug darauf, ob der Schwertvers ältere, friedliche Verse abrogiert, oder nicht.

Man könnte nun sagen: In Ländern, in denen der Staat nicht in die Religionsfreiheit eingreift, tangiert diese Thematik eh nicht. Das stimmt so nicht, denn wie der Anschlag auf die Kopten in Ägypten zeigt, lässt es dieser Denkansatz zu, dass jede Entität, die einen Übertritt zum Islam zu behindern oder rückgängig zu machen gesucht, ob Einzelpersonen, eine Familie, eine Gemeinde oder eine ganze Religionsgemeinschaft, durch Extremisten als Feind betrachtet werden kann.

Punkt 3: to remove every religion but Islam from the Arabian peninsula

Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Es geht hierbei darum, die arabische Halbinsel, die als “Heiliges Land des Islam” wahrgenommen wird, von nichtislamischen Einflüssen gereinigt wird bzw. bleibt, und alles möglichst “pur” gehalten wird. Das ist der Grund, warum dort der Wahhabismus zur Staatsreligion erklärt wurde und regelmäßig andersreligiöse ausgewiesen werden, sobald sie entsprechende Freiheiten einfordern.

So viel erstmal zum Detail. Korrekturen und Richtigstellungen, falls nötig, sind erwünscht.

Rubin weiter:

Mustafa says that two of Islam’s main schools have always endorsed offensive jihad, but I doubt if he would have made that argument ten or 20 years ago.

Of course, that doesn’t mean most Muslims will accept this new stance. But it does mean that radical groups now have mainstream support for their most extreme, aggressive behavior. Even if nobody repeats Mustafa’s statement publicly – if for no other reasons than it is bad public relations in the West – this idea will be more and more taken for granted. Presumably, Mustafa won’t be forced to retract this fatwa by his colleagues or Egypt’s government.


Verbot von Gesichtsschleiern in arabischen Ländern virulent

Frauen in Syrien, Saudi-Arabien und Ägypten sollen künftig mehr Gesicht zeigen. Dafür sorgen strenge Auflagen. Sie sollen den Einfluss der Orthodoxen im Islam mindern.

“An Europa und Frankreich möchte ich als Botschaft schicken – der Niqab hat keine Grundlage im Islam, er schadet vielmehr dem Ansehen des Islam", erklärte Abdel Muti Al-Bayyumi, Mitglied des Hohen Rates der Geistlichkeit an der Kairoer Al-Azhar Universität, der höchsten Lehrautorität der sunnitischen Muslime.

In Syrien wurden kürzlich mit einem Schlag 1200 Lehrerinnen, die den Niqab tragen, aus dem Schuldienst entlassen und in Bürojobs versetzt, wo sie keinen Kontakt mehr zu Kindern haben.

Gleichzeitig wurden zahlreiche Imame entlassen, andere müssen den Sicherheitsbehörden jede Woche ein Tonband mit ihrer Freitagspredigt vorlegen.

Selbst der saudische König Abdullah, auf dessen Territorium die strengen salafitischen Lehren ihre Wurzeln haben, zieht die Zügel stärker an.

Immer mehr moderate Muslime und säkulare Regime fühlen sich von dem gesellschaftlichen Druck der islamistischen Hardliner herausgefordert.

(Quelle)


Lesetipp: Wutausbruch – die Burka-Bomber

Ein kleiner Teaser für’s Gschmäckle:

Folgende Begebenheit: Am 9.8. wurde die Taiba-Moschee in Hamburg geschlossen – aufgrund einer Radikalisierung der Gemeinde. Ein Weckruf für jeden unwissenden Vollidioten, der überhaupt keine Ahnung von gar nichts hat, sich aber mit seinem Senf profilieren möchte und anfängt in die dämlichen Tasten seines dämlichen Computers zu hauen. Denn jetzt gilt es zu kommentieren und die Theorie des „christlichen Krieges gegen den islamischen Terror“ zu vertreten. Halleluja! „Hey, ich kenn mich da aus, weil deshalb und so halt!“ Ach, halt die Fresse! „Aber Islam ist Terrorist und so.“ Ähm, Nein!

Ruhig mal alles reinziehen. Hereinspaziert und hier entlang.


Lesetipp: “Das Islambild in den Medien”

Sehr lang, aber auch sehr inhaltsreich und ausgewogen und somit lesenswert ist die Vertextung eines Redebeitrages des Journalisten Jörg Lau, den er auf einer Ringvorlesung an der Goethe-Universität Frankfurt hielt. Thema der Vorlesung war: “Wie viel Islam verträgt Europa? Einbürgerung des Islam: Gefahr, Schicksal oder Chance für Europa?”

Kürzen oder auszugsweise zitieren möchte ich nicht, da zu umfangreich. Es werden sehr viele Themen angeschnitten. Von fehlenden muslimischen Journalisten über den Mord an Marwa S., den Islamismus bis hin zu Sarrazin und der Darstellung der Debatten, die er anstieß, die Veränderung der Positionierungen zur Integrationsdebatte bei linken und bei rechten, usw. (und ich habe bisher nur die Hälfte gelesen) – wird vieles dargestellt.

Hier geht es zum Text.

Nachtrag: In der zweiten Hälfte findet sich eine ausführliche und plausible Darlegung der Gründe des Autors, den Islamophobiebegriff abzulehnen, dem anschließend macht er in aller Ausführlichkeit deutlich, dass sich der Journalismus einerseits keinen Lobbygruppen beugen darf, aber in diesem Themenbereich dennoch eine Generalrevision braucht. An dieser Stelle dann doch einmal ein Zitat:

Ein Beispiel dafür, wie man’s nicht macht: Ein islamischer Theologe hat mir erzählt, dass er vor wenigen Jahren einmal zu einer der großen Talksendungen im  deutschen Fernsehen eingeladen werden sollte. Es fand ein Vorgespräch statt, das angenehm verlief. Dann wurde er kurz vor der Sendung doch noch ausgeladen. Begründung: Man hätte sich etwas schärfere Kommentare von ihm erhofft. Tja, und in der Sendung bei Sabine Christiansen saß dann der Leipziger Salafist Hassan Dabagh mit seinem malerischen Rauschebart. Er wirkte toll im Fernsehen. Er wirkte wie fürs Fernsehen geschaffen.

Zum Ende hin berichtet er über den “Karikaturenstreit”, den er als einer der ersten in die deutschen Medien brachte.


“Selbst beim Islamismus gibt es große Unterschiede”

Drei Links zum von Claudia Dantschke gewonnenen Ingeborg-Drewitz-Preis:

Der taz gibt sie ein Interview.

Der Vorwärts bezeichnet sie als Geheimtipp.

Der humanistische Pressedienst verhält sich gewohnt neutral und lobt:

Ihr waches Auge für menschenfeindliche Tendenzen schließt Differenzierungen ein


WDR-Radiobeitrag zum NRW-Verfassungsschutzbericht 2009

http://www.wdr.de/mediathek/media/audio/2010/03/22/20100322_wb_verfassungsschutz.mp3%20

„Jihad Jane“ auf Mohammed-Zeichner angesetzt (Karikatur inside)

Ein gegen den schwedischen Zeichner Lars Vilks gerichteter Mordkomplott wurde aufgedeckt. Die US-Amerikanerin Colleen LaRose kundschaftete den Zeichner bereits aus und wurde nach der Rückreise in den USA festgenommen. Beim Mordkomplott scheint Geldgier eine bedeutende Rolle gespielt zu haben, zumal Pseudomoslems(Al-Qaida) im August 2007 100.000$ Kopfgeld ausgesetzt hatten.

Mordpläne – nur wegen einem schnöden Bild(Hier die Variante im „Barock-Stil“):

So lange es hitzige Reaktionen aufgrund solcher Bilder gibt(und es ist völlig unerheblich, ob man hierbei in seinen religiösen Gefühlen verletzt wird), wird es immer wieder neue neue Bilder geben. Das kann ich auch als nicht-Prophet weissagen. Fundamentalisten werden lernen müssen, dass ihr Hass und ihre Gewalt exakt das Gegenteil des beabsichtigten hervorrufen wird. Erschreckend waren übrigens auch die Reaktionen zu folgendem Werk:

Deutlich zu erkennen: Jesus als Rondellhund. Errichtet von Stig Ramsing

Es gab nämlich keine Reaktion – zumindest keine wütende. Sicher gibt es auch von vergleichbaren Reaktionen von radikal-christlicher Seite zu berichten. Es kann und wird jedoch nicht sein, dass Gewalttätigkeit und Erpressung das Verhalten von Menschen diktiert. Diese Zeiten waren einmal.

Auch Moses wurde desöfteren karikiert:

Vielleicht muss Religion thematisierende Kunst ja in Zukunft wie das folgende Bild von Thomas Kvam aus Norwegen aussehen, um einen Unbedenklichkeitsschein ausgestellt zu bekommen:

Die Zeichnung des Propheten Mohamed in unsichtbarer Tinte.

Bei aller Liebe: Viele der Mohammed-Karikaturen, die ich bisher gesehen habe, sind schlicht nicht gut gelungen und sind es im Prinzip nicht wirklich wert, sich darüber zu echauffieren. Die letzte Nicht-Karikatur von Kvam halte ich allerdings für gelungen. Für einen völligen Fehltritt halte ich jedoch die unsouveränen, ja fast schon kindischen Reaktionen von fundamentalistischer Seite. Diese Reaktionen wirken wie die eines Kleinkindes, dem man das Spielzeug weggenommen hat. Sie erinnern mich manchmal auch mehr an Clowns denn an Reaktionen von ernstzunehmenden Menschen, allerdings eher an solche des Clowns aus Stephen Kings ‚Es‘. Also durchaus an nicht wünschenswertes Verhalten. Ich bin angesichts solcher Ereignisse fast schon geneigt, selbst zum Stift zu greifen, und sämtliche Propheten und Religionen aufs Korn zu nehmen. Einfälle hätte ich da, zumal der Kult rund um Personen und Gebäude durchaus den realen Stoff enthält, ihn als Polytheismus und Götzendienst darzustellen. Aber ich bin kein guter Zeichner, also lasse ich es. 🙂


“Aber Linke und Ausländer sind viel schlimmer”

Häufiger Fall:

Immer dann, wenn rechtsextreme Gewalt thematisiert wird, kommt es zur scheinbar niederschmetternden “Gegenfrage”, wie viele deutsche denn im selben Zeitraum unter Gewalttaten von Ausländern leiden mussten, oder die Behauptung, dass Linksextreme Gewalt viel häufiger vorkomme. Da bei solchen Gegenfragen viele mangels Zahlenkenntnissen auf dem Schlauch stehen, hier eine kleine “Argumentationshilfe”.

Rechtsextreme Gewalttaten sind aufgrund der politischen Dimension nicht einfach pauschal mit von Ausländern begangenen Gewalttaten vergleichbar. Zahlen zu politisch motivierter Gewalt können den jeweiligen Verfassungsschutzberichten entnommen werden.

Als Beispiel seien hier drei für die genaue Betrachtung maßgeblichen Tabellen des vorläufigen Verfassungsschutzberichtes 2008 angeführt. Eine Kurzzusammenfassung:

Politisch motivierte Gewalttaten Rechts: 1.042
Politisch motivierte Gewalttaten Links: 701
Politisch motivierte Gewalttaten Ausl.: 113

Hier Screenshots der drei Seiten(für die größere Version einfach anklicken):

PMK-Rechts 2008 PMK-Links 2008 PMK-Ausländer 2008

Angemerkt sei hierbei auch, dass bei “PMK-Ausländer” Sowohl linksextremistisch, als auch rechtsextremistisch und islamistisch motivierte Straftaten eingeordnet werden, sofern der Täter ein Ausländer ist.

Aber nun zu Gewalt im allgemeinen. Oftmals wird ja nicht nur in Nationalistischen, sondern zum Teil auch in konservativen und auch in sozialdemokratischen Kreisen gesagt, dass “Ausländer” besonders zur Gewalt neigen. Gerade eben fand ich einen Artikel der eher konservativen WELT zum Thema “Jugendgewalt”, den ich hier auszugsweise zitiere, und die Überschrift zeigt schon genau, welche Assoziation viel zu häufig fälschlicherweise gezogen wird(Hervorhebungen von mir):

Problem: Migrationshintergrund

Und die zweite besorgniserregende Nachricht: Der Studie zufolge begehen Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger Gewalttaten als deutsche Jugendliche. Bei den Mehrfachtätern erreichen demnach Jugendliche aus dem früheren Jugoslawien mit 9,4 Prozent den höchsten Wert, gefolgt von Türken mit 8,3 Prozent. Jugendliche aus Asien (2,6 Prozent) und Deutschland (3,3, Prozent) werden am seltensten mehrfach gewalttätig. Die Unterschiede würden aber komplett ausgeglichen, wenn man Jugendliche unterschiedlicher Herkunft mit denselben familiären, schulischen und sozialen Rahmenbedingungen vergleiche. Oder anders ausgedrückt: Verwahrlosung und Gewalt sind keine ethnischen, sondern soziale Probleme.

Das heißt: Ein irgendwie gearteter ethnischer oder kultureller Hintergrund ist kein Auslöser von Gewaltbereitschaft, obgleich in solchen Milieus nicht selten eine Bezugnahme auf den jeweiligen Hintergrund stattfindet. Das gilt für Teile des Rechtsextremistischen Spektrums ebenso. Einen möglichen Grund hatte Schopenhauer bereits erwähnt:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz, denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt (…) Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn.

– Arthur Schopenhauer in den Parerga und Paralipomena

Das gleiche Phänomen findet sich auch ohne weiteres bei anderen Merkmalen der Massenselbstidentifikation wieder, z.B. bei Religionen oder Nationen übergreifenden kulturellen Hintergründen.

Man sollte gerade deswegen auch (aber nicht nur) beleuchten, welchen Einfluss Musik gerade bei heranwachsenden männlichen Jugendlichen ausübt, wenn sie einen solchen Stolz schürt, und zugleich Assoziationen weckt, welche das gesellschaftliche Ideal eines erfolgreichen Menschen entwerfen, vermitteln und bewerben, das dann letztlich den Alltag zumindest mit bestimmt.

Beispiel: