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Zum Jahrestag am Mord an Marwa S.

Gedenktafel - Klick für größeres Bild

Etwa 250 Dresdner haben am Donnerstagabend an die vor einem Jahr ermordete Marwa El-Sherbini erinnert. Justizminister Jürgen Martens (FDP) sagte, der Mord an der Ägypterin sei ein Anschlag auf die gesamte Gesellschaft gewesen. Es sei beschämend, dass solch eine Tat in Dresden passiert sei.

(…)

Nach den Worten von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) sucht die Stadt ein Jahr nach dem Mord einen gemeinsamen Weg, damit der 1. Juli nicht in Vergessenheit gerät. In Dresden habe sich nach der Tat noch lange nicht genug verändert. Nach wie vor gebe es Rassismus. "Die Stadt braucht die Menschen aus aller Welt", betonte Orosz. Nach ihren Worten wird die Universität Bielefeld nun untersuchen, wie verbreitet der Rechtsextremismus in der Landeshauptstadt ist.

(Quelle)

Weiße Rosen als Zeichen der Anteilnahme

Mazyek betonte, nötig sei dabei auch ein klares Signal der Bundesregierung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe zwar nach dem Mord kondoliert. Allerdings sei bislang nicht deutlich geworden, dass die Sorgen der Muslime wirklich ernst genommen würden. „Bis heute warten die 4,3 Millionen Muslime in Deutschland auf eine solche Geste.“

An der bewegenden Zeremonie im Landgericht hatten am Vormittag ebenfalls rund 200 Menschen teilgenommen, darunter zahlreiche Bedienstete der Justiz. Im Andenken an das Opfer legten viele von ihnen weiße Rosen vor der Tafel ab, die in deutscher und arabischer Schrift an das Geschehen in einem Gerichtssaal in dem Gebäude erinnert. „Wir ehren unsere ägyptische Mitbürgerin Marwa El-Sherbini“, heißt es darauf unter anderem. „Sie wurde Opfer von Islamfeindlichkeit und Fremdenhass. Sie ist dem mit Würde und vorbildlicher Zivilcourage entgegengetreten.“

(Quelle)

Die FAZ beschreibt in einem sehr ausführlichen Artikel, welchen Einfluss dieses Ereignis in der Folge auf die Stadt ausgeübt hat.

Vorher:

„Wer was gegen rechts tut, kann nur links sein, das war hier bis vor einem Jahr das gängige Vorurteil“, sagt Demuth. Sichtbar wurde das jahrelang am 13. Februar, wenn anlässlich der Zerstörung der Stadt Rechtsextreme aus ganz Europa aufmarschierten, ein überparteiliches Bündnis stets zur Gegendemo aufrief, CDU und FDP jedoch die „stille Trauer“ propagierten und sich öffentlich von allen anderen Aktionen distanzierten. Während in Städten wie Jena, Leipzig oder Köln die Oberbürgermeister in der ersten Reihe gegen Neonazi-Aufmärsche protestierten, duckten sich Stadt- und Landesregierung in Dresden lieber weg. In der Folge blieben immer mehr Dresdner, die sonst zu Tausenden öffentlich der Opfer gedacht hatten, zu Hause.

Nachher:

In diesem Jahr war das erstmals anders. Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) hatte sich überraschend an die Spitze der Protestbewegung gesetzt, zu der von ihr initiierten symbolischen Menschenkette in der Innenstadt kamen 15.000 Menschen, mehr als doppelt so viele wie erwartet. Die erfolgreiche Blockade des Neonazi-Aufmarschs außerhalb des Zentrums war freilich mindestens ebenso vielen unangemeldeten Demonstranten zu verdanken. Aber seit langem bestimmte mal kein parteipolitisches Gezänk den Gedenktag. Nicht wenige sehen das als ein Indiz dafür, wie die Ermordung Marwa al Scharbinis die Stadt verändert hat.

Zumindest ein Anfang.

Die Zeit und der Tagesspiegel titeln mit “Lehrstück in Rassismus” und schreiben:

Auch Wolfgang Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft an Dresdens Technischer Universität, sieht die politische Aufgabe, die man anpacken kann und muss, unter den besseren Leuten, nicht bei den Underdogs wie al-Scherbinys Mörder Alex W., einem frustrierten arbeitslosen Russlanddeutschen, der inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. „Das größere Problem sind die, die vielleicht nicht gewalttätig sind, die aber schweigen oder stillschweigend billigen. Man muss an die Leute ran, die überhaupt erreichbar sind.“

(Hervorhebung von mir)

Und ein Kommentar dazu bei der Zeit:

Von "Gästen" und was man in Dresden sagen darf…

Einige, hoffentlich wenige, Dresdner und Ostdeutesche (oder doch bloß Rechtsradikale, die sich hier feige und in Anonymität als solche ausgeben??) haben angsichts dieser nötigen Erinnerung an die entsetzliche Tatsache des bis zum Mord getriebenen Rassismus nichts besseres zu tun, als schamlos diejenigen zu diffamieren, die dem Rassismus dort mit ihrem Namen entgegentreten. Die selbstgerechte Aufregung ist schädlich und künstlich: Jedes Kind weiß, dass Rassismus und rassistische Gewalt keine Spezialität des Ostens ist. Ebenso weiß jedes Kind, dass es im Moment der sichtbaren Gewalt an jedem Ort entscheidend ist, dass sich die lokale Öffentlichkeit breit, sichtbar und unmitsverständlich hinter die Opfer stellt. Wer nicht möchte, dass seine Stadt in den Geruch von Rassismus und Rechtsradikalismus gerät, hat alle Möglichkeit, das zu verhindern. In kleineren Städten als Dresdens gingen tausende aus harmloseren Anlässen auf die Straße. Das "Zeichen" der Bürgermeisterin war in diesem Fall fatal – und das war auch vorher abzusehen.
Im Übrigen ist die Sprache einiger Kommentare aus dieser Ecke verräterisch: Wer nicht aus Dreden kommte, sei "Gast" – ja dann wäre wohl auch Ostdeutschland nur "Gast" in der BRD? Wegen solcher Unverschämtheiten – auch wenn sie Minderheitsmeinung ist – wird Ostdeutschland immer unbeliebter bei Toruisten, Investoren, Wissenschaftlern Meine Bewunderung und guten Wünsche denen, die egal von woher mit Namen und Gesicht dem entgegentreten!

Mehr dazu:
Gedenktafel für Marwa El Sherbini
Die “Jüdische Allgemeine” über den Islamhass
PI-NEWS sieht im Mörder von Marwa S. einen Marinus van der Lubbe
18 Stiche
Mord an Ägypterin in Dresden – Teherans Radikale drehen durch
NPD-Wähler ermordet schwangere Ägypterin mit 18 Messerstichen – warum?


Lesetipp: Interview mit Hilal Sezgin

Ein interessantes Interview mit Hilal Sezgin über ihren neuen Roman sowie über Islamfeindlichkeit findet sich bei Opinio.

Den Teil mit dem Roman lasse ich mal aus, zum anderen Thema zitiere ich allerdings mal zwei von fünf Fragen und deren Antworten:

F: Man könnte hinzufügen, dass Nichtmuslime zwar gerne mit Dingen wie Burka, Kopftuch, oder angebliche Frauenfeindlichkeit im Koran kommen, wie z.B. dem bekannten Züchtigungsvers in Sure 4 (Nr. 34), den man kurz zitiert um zu zeigen: „Islam erlaubt Frauen zu verprügeln!“, aber man weiß überhaupt nicht wie die Überlieferungen und die Gelehrten diesen Vers verstehen. Wenn man die Sprache etwas neu interpretiert, kommen da sogar feministische Argumentationen bei raus. Und ich denke, wenn es in Deutschland zu einem terroristischem Anschlag kommen würde, würde die Reaktion bei weitem gewalttätiger sein, als in Ihrem Buch.

S: Ja, das stimmt. Und was diese sogenannten Islamkritiker angeht, die diese Verse runterbeten oder oft sogar erfinden und manchmal völlig aus dem Kontext reißen, indem sie einen Vers zitieren, aber nicht den davor stehenden oder nachfolgenden: Man muss oft nicht mal die islamische Theologie verstehen, es reicht schon der gesunde Menschenverstand, wenn man den nächsten Vers noch dazu liest.
Was Kopftücher und die Burka angeht, ist für mich das Schlimmste, dass viele Menschen schon gar nicht mehr mit den Frauen reden, die Kopftücher tragen; diese Frauen werden dadurch tatsächlich isoliert. Und sobald ein Islamvertreter in einer Talkshow sitzt, muss er etwas zur Frauenfeindlichkeit sagen, und ob sie im Islam begründet ist. Das würde man mit einem Christen auch nicht machen. Kein katholischer Bischof wird standardmäßig gefragt, wann Frauen endlich zum Priesteramt zugelassen werden. Ich würde mir wünschen, dass im Umgang mit dem Islam einfach Normalität einkehren würde. Ich kann diese Bilder von Kopftuchfrauen und Minarette, die sich in den Himmel bohren, in unseren Zeitungen einfach nicht mehr sehen, vor allem weil das so ausgrenzend wirkt.

 

F: Sind Sie denn der Ansicht, dass die Islamophobie eine Rückkehr des alten Rassismus im neuen Gewand ist?

S: Ja – aber was heißt da Rückkehr? In einer Gesellschaft gibt es immer ein bestimmtes Maß der Ausgrenzung oder Ablehnung von „Anderen“. Es trifft viele Gruppen, gehen Sie mal als Schwarzer in manche ostdeutschen Städte! Ich denke, dass sich dieser Rassismus sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren etwas gegen den Nahen Osten und gegen Muslime verschoben hat. Aber wir sollten nicht so tun, als ob der Rassismus gegen Muslime den Rassismus gegen andere Gruppen aufgehoben hätte.

Hier kann man den Rest lesen.


Dichtung und Wahrheit bei Blogs, Twitter & Co

Das Internet ist Tummelplatz verhinderter Enthüller. Und damit auch Quelle für den klassischen Journalismus. Eine sehr bedenkliche Fundgrube!

So wahr, so wahr… Ein sehr lesenswerter Text bei Welt-Online.

Längst ist das Internet der Tummelplatz der verhinderten Enthüller. Seit Ende 2009 wird die persönliche Demontage des angesehenen Antisemitismusforschers Wolfgang Benz betrieben. Immer neue Recherchen wollen nicht nur empörende Kungeleien bei der Berufung seiner Nachfolge und drastische Methoden beim Umgang mit Kritikern belegen, sondern auch, dass der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin selbst Antisemit sei. Einer Gegenrecherche hielt keine der Episteln stand. Mal wurde dem Professor vorgeworfen, Anfang der 60er-Jahre Informationen nicht beachtet zu haben, die seit 1994 zugänglich sind. Mal stellt ein Ex-Doktorand falsche Zusammenhänge in Zeugenaussagen oder an ihm geübter Kritik her.

Durch die Hintertür werden Gerüchte "glaubwürdig"

Gerüchteforscher – ja, die gibt es! – empfehlen zum Umgang mit falschen Informationen, am besten nicht zu reagieren. Der Fall Benz steht jedoch paradigmatisch für ein weiteres Phänomen. Längst dienen ja auch Blogs und Co. dem traditionellen Journalismus als Quellen. In der Gerüchteküche um den Berliner Forscher stechen prominente Gegner hervor, die wissen, wie man Medien bedient. Quasi durch die Hintertür gelingt es so, Gerüchten durch Weiterverbreitung in renommierten Onlinemedien das Prüfsiegel kontrollierter Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Im Wege des Selbstzitats wird dann eine Debatte vorgegaukelt. Im üblichen Arbeitsdruck müssen Redaktionen das erst einmal durchschauen.

Hier gibt es alles.

Hintergrund:
Henryk M. Broder – “Sind Muslime die Juden von heute?”
“Mir schlägt ein unglaublicher Hass entgegen”
Interview mit Wolfgang Benz
Kleiner Lesetipp: Feindbild Vorurteilsforschung


Wenn’s drauf ankommt…

Einen sehr wichtigen Beitrag brachte Bilkay Öney in der Jüdischen Allgemeinen. Ich kürze hier mal auf das wesentliche ab:

(…)Erstmals sollten junge Türken mit Vertretern des American Jewish Committee über Rassismus diskutieren. Das war vor der israelischen Kommandoaktion gegen die Gaza-Flottille am 31. Mai. Unmittelbar darauf wurde der Termin gestrichen. Nicht abgesagt. Nein, die Diskussion fiel einfach aus. Die Regierungspartei AKP scheint zwei Dinge leider nicht voneinander trennen zu können: die außenpolitische Linie in ihrer Haltung zu Israel und die innenpolitischen Erfordernisse für die knapp drei Millionen Bürger türkischer Herkunft, die in der Bundesrepublik leben.

Die türkische Gemeinde bildet die größte Minderheitengruppe in Deutschland. Sie ist gleichzeitig diejenige, die im Mittelpunkt der Integrationsdebatte steht und sich am häufigsten gegen Vorurteile wehren muss. Für dieses Anliegen ist die Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinschaft unerlässlich. Bisher hat diese die türkische Minderheit stets verteidigt und in Schutz genommen: beim Kopftuchstreit, beim Moscheenstreit und als in Mölln (1992) und Solingen (1993) die Häuser von Türken brannten. Nun brennt es politisch wieder. Denn jemand zündelt. Aber wo ist die türkische Stimme in Deutschland, die sich für jüdische Belange starkmacht?

(…) Tatsächlich finden sich Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen beiden Minderheiten – auch in religiösen Bräuchen; von der Beschneidung bis hin zum Gebot, kein Schweinefleisch zu essen. Immer, wenn türkische Jugendliche sich mit ihren palästinensischen Schulfreunden, ihren muslimischen Glaubensbrüdern, solidarisieren und judenfeindliche Äußerungen von sich geben, hilft es, sie auf diesen Vergleich hinzuweisen. Jugendliche kann man aufklären.(…)

(…)Noch erschreckender ist es, wenn judenfeindliche Äußerungen in intellektuellen Kreisen der deutsch-türkischen Community kursieren. Neulich etwa, als eine türkische Professorin monierte, die Juden würden nicht nur die Finanzwelt beherrschen, sondern auch die Wissenschaft. Alle Nobelpreisträger seien Juden, sagte sie, das könne doch kein Zufall sein. In solchen Momenten schnürt es mir die Kehle zu. Aufgewühlt stellte ich der Professorin Gegenfragen: Wie hätte wohl das türkische Militär reagiert, wenn sich israelische Friedensaktivisten gegen den Willen Ankaras auf den Weg in die kurdischen Gebiete gemacht hätten, um die PKK mit Hilfsladungen zu versorgen? Hätte das türkische Militär die Israelis passieren lassen?

(…) In Zeiten wachsender Islamophobie und Diskriminierung brauchen die Muslime erfahrene und verlässliche Partner. Zudem tragen Deutsch-Türken eine historische und moralische Verantwortung für die Juden. Nicht nur aufgrund der deutschen Geschichte, sondern in guter alter osmanischer Tradition.(…)

Recht hat die Frau. Echt.


PI-News soll vom Verfassungsschutz beobachtet werden

Der SPD-Rechtsexperte Sebastian Edathy forderte vom neuen Bundesinnenminister, den rassistischen Blog PI-News vom Bundesverfassungsschutz beobachten zu lassen.

“Auf dieser Seite werden die Angehörigen einer ganzen Religionsgemeinschaft systematisch verächtlich gemacht”, so Edathy, und es werden “wiederholt der Straftatbestand der Volksverhetzung und der Beschimpfung von Religionsgemeinschaften erfüllt”, begründet er seine Forderung.

Desweiteren forderte er De Maizière auf, Kontakt mit seinem türkischen Amtskollegen aufzunehmen, da die Website bei einem türkischen Provider gehostet ist. Es könne “nicht im Interesse der Türkei sein, dass von dort eine Internetseite unterstützt wird, die gegen das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland agitiert”, zitiert ihn das Newsblog “News-Item”.

Was Herr Edathy wohl noch nicht mitbekommen hat: Zu den von PI-News herangezogenen Informationsquellen gehören auch nationalsozialistisch/antisemitisch orientierte Portale, und der Provider wirbt folgendermaßen:

Was Sie hosten möchten, was unsere Kunden machen, ist uns egal. Sie können hosten was Sie möchten! Achten Sie nur auf unsere Allowed and Forbidden Website

Dort erlaubt der Provider seinen Kunden ausdrücklich das Betreiben von Hate-Sites. Darüberhinaus verfügt der Provider über eine Infrastruktur, die seinen Kunden vollständige Anonymität verspricht, und sie somit (auf dem ersten Blick) für die Justiz unergreifbar macht. Der Versuch, Herres presserechtliche Verantwortung über den Provider festzustellen, ist daher denkbar schwierig. Es gibt jedoch auch weitere mögliche Wege.


Islamfeindlichkeit, Moslemfeindlichkeit oder einfach Rassismus?

Hier mal zwei etwas nachgebesserte Kommentare, die ich auf dem Blog von Jörg Lau hinterlassen hatte. Ich fänd es zu schade, sie dort untergehen zu lassen.

Ursprünglich ging es um folgende Aussage, mit der der ZMD aus der Islamkonferenz ausstieg:

” … forderte, die Islamfeindlichkeit als “ausgeprägte Form des Rassismus mit Demütigungen, Verleumdungen und Gewalt gegen Muslime” müsse auf die zentrale politische Agenda kommen. Zudem würden die Ängste der Bevölkerung gegenüber dem Islam würden nicht ernst genug genommen.”

Es stand die (berechtigte) Frage im Raum, was denn Islamfeindlichkeit mit Rassismus zu tun habe, der Islam ist ja schließlich keine Rasse, sondern eine Religion. Sodann:

Das Problem ist in diesem Fall wohl die Begrifflichkeit. Es gibt ja in gewissen Teilen der Bevölkerung schon seit Jahrzehnten einen ausgeprägten Hass auf Türken bzw. “Vorder- und Mittelasiaten” – dieser war immer rassistisch. Seit dem 11. September 2001 stellen sie im Zuge von Terrorismus und Integrationsdebatten zunehmend deren Gemeinsame Identität, die Islamische Religionszugehörigkeit, in den Vordergrund. Unter dem Mantel der “Islamkritik” können seitdem die genannten Strömungen ihre Ablehnung der Anwesenheit von Menschen überdecken, und rechtfertigen ihr “wegwünschen” z.B. mit der Nennung von Koransuren.

Diese Strömung ist, wie die letzte Wahl in NRW gezeigt hat, nicht sehr wirkungsmächtig, jedoch vorhanden. Um diese muss es bei dieser Thematisierung gehen. Leider gibt es hier ein Begriffswirrwar. “Islamophobie”, “Islamfeindlichkeit”, “Islamhass”, usw… Das sind alles die falschen Begriffe. Jeder konsequente Atheist ist Islamfeindlich, hegt damit jedoch keine Abneigung gegenüber Moslems. Jeder, der von islamistischen Terroranschlägen liest, ist erstmal kurz Islamophob, hasst jedoch nicht automatisch. Auch Islamkritik dürfte nicht gemeint sein.

Es geht um etwas anderes: Die Abneigung gegenüber Menschen mit dem Merkmal “Moslem” – und zwar nicht weil es Moslems sind, sondern weil die meisten Moslems aus Vorder/Mittelasiaten und Nordafrika stammen – und als eben das werden sie gehasst. Der Begriff “Moslemfeindlichkeit” trifft daher am ehesten die Haltung, um die es geht. Man erkennt sie IMO schnell, wenn man auf aggressiv vertretene “Islamkritik” (in Anführungszeichen!) stößt, die darauf besteht, dass nur den Taliban, Hamas, das islamistische Regime in Teheran sowie die Saudi-Salafis die einzigen sind, denen die Auslegung der Islamischen Schriften zusteht.

Ich war etwas ungenau(dumme Angewohnheit), daher folgte ein Nachhaken:

(…)

Ich kann Ihrer Argumentation nicht ganz folgen. Muslime gibt es nicht nur in Vorder-/Mittelasien und Nordafrika. Das mögen historisch gesehen Kernländer des Islam sein, jedoch ist der Islam in weit mehr als nur diesen Ländern die am stärksten vertretene Religion (siehe auch Afganistan, Pakistan, Indonesien sowie Staaten in Afrika südlich der Sahel-Zone).
Dass die von Ihnen genannten Länder das Bild des Islam hier in D im wesentlichen prägen, sollte auch Herrn Köhler bekannt sein. Somit verweise ich auf den vorletzten Absatz meines Beitrags 45.

Ihrer Argumentation zufolge sollte man doch eher von türkenfeindlich, arabischfeindlich etc sprechen, oder?

 

In der Konsequenz ist es das, im Detail aber etwas komplex. Ich versuche mal, meine Einschätzung hintereinander bekommen.

In den Äußerungen einschlägiger Strömungen ist der Bezug auf nationale oder ethnische Minderheiten – relativ – selten(obgleich vorhanden). Sie fassen diese Minderheiten mit dem Oberbegriff “Islam”(als Gemeinschaft) bzw. “Moslems” zusammen, und stellen sie wahlweise “den Deutschen”, “den Europäern” oder “dem Abendland” gegenüber, wobei jedoch z.B. Albaner bewusst nicht eingeschlossen und Konvertiten als vereinzelte abtrünnige angesehen werden, teils als “Verräter” bezeichnet werden.

Unter “Islamisierung” verstehen sie hauptsächlich die Zuwanderung aus nichteuropäischen Regionen islamischer Prägung, aber eben auch die Anerkennung/Sichtbarkeit der mitgebrachten Kultur bzw. Religion. Wenn sie die imaginierten “Feinde” beschreiben, beschreiben sie hierbei permanent entweder Islamismus oder “Ausländerkriminalität” mit Betonung der (vermuteten) Herkunft/Religion.

Gewalttätige Religionsauslegungen werden von dieser Strömung zudem nicht als eingrenzbares Problem angesehen, sondern als Essenz und Mentalität, auf die auch die liberalsten Religions- und Kulturauffassungen zwingend hinausliefen.

Feindschaftliche Äußerungen werden hierbei häufig auf einwandernde Menschen oder ihre Nachkommen als Kulturträger und “Islamisierer” fokussiert – auch dann, wenn es im Grunde Atheisten sind. Das verbuchen sie dann unter “Taqiya”, als bewusstes Verschweigen “wahrer” Absichten. In diesem Sinne ist es also für den einzelnen Menschen praktisch unmöglich, aus dem Feindschema herauszukommen. Einziger Ausweg: Öffentliche, möglichst einseitige Positionierung gegen den Islam. Özkan, die etwas gegen Kopftücher *und* Kruzifixe gesagt hatte, fällt in Ungnade, plakative Äußerungen von Kelek und Ates werden hingegen gerne vorgezeigt(Und bis hin zum Kampf gegen den Islam und Zuwanderung uminterpretiert), eher liberalreligiöse Interpreten wie Kaddor oder Mohagheghi existieren in dieser Welt nicht(Oder: Taqiya).

Parallel dazu gibt es die offen rassistischen Nationalsozialisten, die in ehemals sozialistischen Regionen erfolgreicher sind. Diese sehen als ihr “geostrategisches” Hauptproblem ebenfalls die Einwanderung aus dem asiatischen und afrikanischen Raum, sprechen allerdings nicht von wie auch immer tradierten “Kulturräumen”, sondern von angestammten “Großrassen” und hantieren nicht mit Kunstgriffen.

Von den unterschiedlich begründeten Feindbildern dieser zwei Strömungen sind innerhalb Europas weitgehend die selben Menschen betroffen, und aufgrund dieser ideologischen Überschneidung sind zwischen ihnen auch in begrenztem Maße Wanderungsbewegungen und gegenseitige Einflussnahmen möglich und finden statt(siehe Molau, Brinkmann, Herre).

Große Unterschiede zwischen beiden Strömungen sehe ich in diesem Zusammenhang allerdings im nach außen dargestellten Verhältnis zu Israel(Womit nicht das Verhältnis zu Juden in Deutschland gemeint ist). Die einen sehen in Israel ein vorbildliches “Bollwerk” gegen den Islam und feiern daher jeden Militärschlag ab. Die anderen sehen in Israel typisch antisemitisch-verschwörungstheoretisch die Heimstätte der hinter der Einwanderung stehenden “geheimen Drahtzieher”. Auf die innenpolitische Hauptschnittmenge, den Bereich der (jeweils etwas anders begründeten) kollektivistischen Fremdenfeindlichkeit, haben diese Unterschiede jedoch wenig Einfluss.

Ansonsten: Auf islamisch-konservativer Seite wird meines Erachtens nach häufig vermischt, was nicht zusammen gehört. Berechtigte Kritikansätze werden ebenfalls in diese Problemkategorie hineingestopft. Das zeigt sich meiner Meinung nach indirekt auch in der Weigerung, den Islamismus zu beschreiben, sowie in der Haltung, der Begriff als solcher sei bereits Islamophob. Und genau diese zweifelhafte Vermischung sehe ich im Begriff “Islamophob”. Er setzt kritische Strömungen mit den rassistischen Strömungen gleich – die es aber zu differenzieren gilt.


Linksradikale zwischen Antimuslimischem Rassismus und Islamismus

Ein sehr interessanter Beitrag, der ein Dilemma linksradikaler Strömungen beschreibt, ist beim “Linksnet” zu finden: Es geht um die Schwierigkeit, Kritik am Islamismus zu üben, ohne hierbei inhaltlich durch die Heimatverliebte deutsche Querfront vereinnahmt zu werden – und umgekehrt – Kritik an den Moslemhassern zu üben, ohne inhaltlich von Bozkurts und Islamisten vereinnahmt zu werden.

Auszug “Postkoloniale Analyse und Kritik orientalistischer Islam-Bilder”:

Die gegenwärtigen Vorurteile und Klischees über Muslime und den Islam sind nicht geschichtslos. Sie lassen sich zurückverfolgen auf koloniale Diskurse, die sich unter dem Stichwort "Orientalismus" zusammenfassen lassen. Diese Diskurse wurden durch postkoloniale Autoren analysiert und kritisiert, nicht zuletzt durch Edward Said. Bei Orientalismus handelt es sich um die Konstruktion von Orient-Bildern als Negativfolie, von denen sich der Westen positiv absetzen konnte. Der Orientalismus arbeitet mit Zuschreibungen wie etwa „westlich“ gleich „aufgeklärt“ versus „orientalisch“ gleich „rückständig“. Dabei wurde der Islam ebenfalls als Teil einer rückständigen Kultur definiert und politische und ökonomische Prozesse wurden kulturalistisch umgedeutet.

Auszug “Islamophobie aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft”:

Während die oben erwähnten postkolonialen Ansätze marginalisiert blieben, kam es zu einer breiteren Debatte um die Feindschaft gegenüber Muslimen, als deutsche WissenschaftlerInnen sich dem Thema annahmen. Eine bis dahin unbekannte öffentliche Debatte begann, als im Dezember 2008 vom Zentrum für Antisemitismusforschung die Konferenz „Feindbild Muslim — Feindbild Jude“ organisiert wurde. Die Konferenz löste eine Flut von Publikationen aus (vgl. analyse&kritik Nr. 547). Es ist zu begrüßen, dass es so zu einer breiteren Auseinandersetzung kam und die Feindschaft gegenüber Muslimen sich immer weniger hinter "Islamkritik" verstecken kann. Allerdings kam es dabei auch zu einigen Verschiebungen, die zu diskutieren sind. Zum Ersten findet die gegenwärtige Debatte aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft statt und sie wird von etablierten Akteuren aus dem politischen und akademischen Mainstream geführt. So werden die Erfahrungen der von antimuslimischem Rassismus betroffenen Menschen überhört. Ebenso bleiben postkoloniale und radikal emanzipatorische Autoren und Ansätze marginalisiert.

Angesichts dessen, dass die Feindschaft gegenüber Muslimen eher zu- als abnehmen wird und dass sie als eine Ideologie zur Legitimation von Rassismus und sozialer Ausgrenzung zunehmend relevanter wird, ist die Entwicklung einer emanzipatorischen Perspektive so notwendig wie schwierig.
Dies wurde bei den Auseinandersetzungen um rechte Aufmärsche in Duisburg deutlich, wo Pro NRW und NPD Ende März gegen „Islamisierung“ aufmarschierten. So hat zwar das Bündnis linksradikaler und anarchistischer Gruppen „Rechtes Märchenland zerlegen“ versucht, erste Ansätze einer emanzipatorischen Positionierung jenseits von antimuslimischem Rassismus und Islamismus zu etablieren. Allerdings wurden diese Ansätze von den linken und bürgerlichen Bündnissen gegen Pro NRW und NPD nicht beachtet und blieben innerhalb der Proteste marginalisiert.

Ohne zu einer Lösung für das Dilemma zu kommen, ist die Analyse durchaus interessant und lesenswert, zumal sie zum einen die Mär von den “Linksgrüngutmenschlichen Islamismusverharmlosern” widerlegt, zum anderen die Mär, es seien nur die rassistischen Moslemfeinde, die sich mit dem Islamismus und allzu konservativen Wertvorstellungen anlegen.

Es wird sich zeigen, ob überhaupt und was genau daraus hervorgeht.

Und bevor mich jetzt einer einen Kommunisten schimpft: Es geht nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen. Wer einen solchen Themenkomplex monokausal auf wirtschaftliche Zusammenhänge zurückführt, hat sowieso nicht mehr alle Tassen im Schrank.


Interview mit Wolfgang Benz

Im Gespräch mit Claudia Mende warnt Professor Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, vor den Folgen der Islamophobie und Ausgrenzung von Minderheiten in Deutschland.

Das Interview auf Quantara ist im ganzen interessant, hier aber drei Auszüge.

Zur Gemeinsamkeit zwischen Islamfeindlichkeit und Antisemitismus:

(…) die Mechanismen von Ausgrenzung und Diskriminierung sind sich nicht nur ähnlich, sie haben auch den gleichen Grund: Die Mehrheitsgesellschaft braucht fremde Minderheiten, denen man Schuld zuschreiben kann und an die sie Bedrohungsängste, Überfremdungs- und Überwältigungsfantasien delegiert. Das stärkt den Zusammenhalt der Mehrheitsgesellschaft und verhilft ihr zu übersichtlichen Erklärungen und Definitionen, wie es in der Welt zugeht.

Zur Versachlichung der Feuilletondebatte über den Islam:

Von einem Umdenken kann noch keine Rede sein. Erfreulicherweise geben jetzt einige große seriöse Blätter wie die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung der Vernunft eine Stimme. Das ist ein Lichtblick aber kein Durchbruch. Diese Debatte ist noch lange nicht ausgestanden. Sie bietet einfach zu viel Reizstoff. Ich fürchte, bei der nächsten großen Verfehlung mit einem Muslim als Täter, zum Beispiel einem so genannten Ehrenmord, werden wir wieder einen Rückschlag erleben.

Die Abgrenzung zwischen Kritik und Ressentiment:

Islamfeindschaft, die sich selbst Islamkritik nennt und von manchen als Islamophobie bezeichnet wird, ist immer dann im Spiel, wenn keine Argumente mehr stattfinden, sondern nur noch gehasst wird. Was sich in manchen Blogs abspielt, hat nichts mehr mit Argumenten zu tun sondern mit Diskriminierung. Negative Eigenschaften werden Muslimen ein für alle Mal zugewiesen, das ist Ausgrenzung, keine Debatte.

Hier nochmal der Link zum Interview.

Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass Wolfgang Benz genau das tut, was manche Islamkritiker noch vermissen lassen: Er blendet die Abgründe der “Islamkritik” nicht aus.

Islamkritiker, die etwas auf sich halten, sind meines Erachtens nach dazu angehalten, sich wenigstens zu ihren “Fans” sowie den in “ihren” Kommentarspalten getätigten Äußerungen deutlich zu verhalten.


Anschlagsdrohung gegen Moscheeverein

“Islamkritik”(mit Anführungszeichen) in Bad Lippspringe:

Bad Lippspringe (WV). Entsetzen hat ein anonymes Schreiben an die türkisch-islamische Gemeinde Bad Lippspringe ausgelöst. Darin droht der bislang unbekannte Verfasser einen Brandanschlag auf die Moschee an, sollte der Minarett-Antrag nicht zurückgezogen werden. Polizei und Staatsschutz nehmen das Schreiben ernst und haben Ermittlungen aufgenommen.

»Das Schreiben haben wir am Dienstag im Briefkasten der Moschee gefunden – zusammen mit zwei faulen Eiern. Wir haben die Polizei informiert, und die hat sofort den Staatsschutz eingeschaltet«, sagte Gemeinde-Sprecher Ömer Karaca gestern. Er sei »sehr, sehr bestürzt«, wolle sich aber nicht einschüchtern lassen. »Wir werden unseren Antrag für das Minarett nicht zurückziehen, sondern ihn weiterhin ruhen lassen, um zunächst um eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung zu werben«, erklärte Karaca. Bereits vor einigen Wochen hatten Flugblätter aus der rechten Szene, die in der Kurstadt verteilt wurden, die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Einen Zusammenhang mit dem nun verfassten Drohbrief halten die Ermittler jedoch für unwahrscheinlich. »Nach Einschätzung des Staatsschutzes ist der anonyme Brief vermutlich einem Einzeltäter zuzurechnen«, sagte Polizeisprecher Michael Biermann. Die Ermittlungen zur Herkunft des Schreibens dauerten noch an.

[PI-Mode]Das waren bestimmt Linksfaschisten, die Islamkritik in ein schlechtes Licht rücken wollen. Wir wissen doch alle: Es gibt keine Islamfeindlichkeit, sondern nur Islamismus[/PI-Mode]


Zum Vergleich: Islamfeindlichkeit und Antisemitismus

Ein sehr gelungener Artikel zu diesem Vergleich stammt von Jochen Müller. Er nagt nicht an der Legitimität von Vergleichen, sondern betont ihren Sinn und zeigt zugleich ihre Grenzen auf. Hierbei legt der Autor die Unterschiede beider Hassformen dar, was einerseits nötig ist, andererseits jedoch ein direktes Resultat des Vergleichens ist, was wiederum den Sinn vergleichender Forschung unterstreicht.

Bei den kommenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wirbt auch die islam- und muslimfeindliche Pro-Köln (bzw. Pro-NRW) Bewegung um Stimmen – unter anderem mit einem Plakat (s. Bild), das vor einer vermeintlich drohenden Islamisierung Deutschlands warnt. "Abendland in Christenhand" lautet auch das Motto ihrer Kampagne. Für solche Formen von populistischer und rassistischer Mobilisierung gegen Islam und Muslime hat sich der Begriff „Islamophobie“ etabliert. Außerdem haben die sich zunehmend offen artikulierenden Ressentiments zuletzt Anlass gegeben, die aktuelle Islamfeindschaft mit Vorurteilsstrukturen und Erscheinungsformen des Antisemitismus zu vergleichen. Dieser Vergleich ist indes sehr umstritten.

Für die Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de) hat ufuq-Mitarbeiter Jochen Müller dazu einen Beitrag verfasst, der sich zum einen mit der Geschichte der „Islamophobie“ befasst und zum anderen auf Unterschiede zwischen aktueller Islamfeindschaft und dem modernen Antisemitismus hinweist. Wir dokumentieren im Folgenden den Beitrag:

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