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Dichtung und Wahrheit bei Blogs, Twitter & Co

Das Internet ist Tummelplatz verhinderter Enthüller. Und damit auch Quelle für den klassischen Journalismus. Eine sehr bedenkliche Fundgrube!

So wahr, so wahr… Ein sehr lesenswerter Text bei Welt-Online.

Längst ist das Internet der Tummelplatz der verhinderten Enthüller. Seit Ende 2009 wird die persönliche Demontage des angesehenen Antisemitismusforschers Wolfgang Benz betrieben. Immer neue Recherchen wollen nicht nur empörende Kungeleien bei der Berufung seiner Nachfolge und drastische Methoden beim Umgang mit Kritikern belegen, sondern auch, dass der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin selbst Antisemit sei. Einer Gegenrecherche hielt keine der Episteln stand. Mal wurde dem Professor vorgeworfen, Anfang der 60er-Jahre Informationen nicht beachtet zu haben, die seit 1994 zugänglich sind. Mal stellt ein Ex-Doktorand falsche Zusammenhänge in Zeugenaussagen oder an ihm geübter Kritik her.

Durch die Hintertür werden Gerüchte "glaubwürdig"

Gerüchteforscher – ja, die gibt es! – empfehlen zum Umgang mit falschen Informationen, am besten nicht zu reagieren. Der Fall Benz steht jedoch paradigmatisch für ein weiteres Phänomen. Längst dienen ja auch Blogs und Co. dem traditionellen Journalismus als Quellen. In der Gerüchteküche um den Berliner Forscher stechen prominente Gegner hervor, die wissen, wie man Medien bedient. Quasi durch die Hintertür gelingt es so, Gerüchten durch Weiterverbreitung in renommierten Onlinemedien das Prüfsiegel kontrollierter Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Im Wege des Selbstzitats wird dann eine Debatte vorgegaukelt. Im üblichen Arbeitsdruck müssen Redaktionen das erst einmal durchschauen.

Hier gibt es alles.

Hintergrund:
Henryk M. Broder – “Sind Muslime die Juden von heute?”
“Mir schlägt ein unglaublicher Hass entgegen”
Interview mit Wolfgang Benz
Kleiner Lesetipp: Feindbild Vorurteilsforschung

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NPD gegen Islamisierung

Vor einiger Zeit überraschte ja die NPD damit, das in rechts-populären Kreisen etablierte Thema “Islamisierung” aufzureifen. Jürgen Gansel(NPD) hat sogar ein Positionspapier dazu veröffentlicht.

In Berlin scheinen die Nazis nun mit ihrer Propaganda zu beginnen. Jörg Lau schreibt:

Heute war eine Postwurfsendung der NPD in meinem Briefkasten – eine 4 Seiten starke Zeitung.
Ich wohne in Charlottenburg in einer alten Reihenhaussiedlung. Kein klassisches Neonaziterrain. Die Zeitung setzt denn auch auf ein neues Thema: “Islamisierung”.
Das Titelfoto zeigt eine Frau mit Kopftuch. Ein dazu gehöriger Text versucht mit zweifelhaften Zahlen zu erweisen, dass in wenigen Jahrzehnten Muslime die Mehrheit in Deutschland stellen werden. Falls nicht … die NPD ein Wörtchen mitreden wird.
Im Grunde hat der Flyer nur dieses eine Thema: die Verdrängung der Deutschen durch Muslime. Auf der Rückseite werden Werbematerialen angeboten. Darunter ein T-Shirt in rot-weißen Farben mit dem Aufdruck: “Danke Schweiz! Minarettverbot auch hier!” Die Grafik: Ein fallendes Minarett.
Im Inneren ist ein Comic zu sehen, der sich wohl an jüngere Leser wendet. Da sieht man eine Schulklasse mit lauter schwarzen Haarschöpfen. Nur ein blonder Junge sitzt in der vordersten Reihe. Er meldet sich, wird aber nie drangenommen. Stattdessen die dunkelhaarigen Kinder, die grotesk falsches Deutsch sprechen und schreiben. Der Lehrer lobt sie dafür auch noch. Und der Ausländerbeauftragte “Zottel” rügt das deutsch-blonde Kind, das sich darüber beschwert, als rassistisch.
Es wird das Bild einer korrupten Medien- und Politikelite gezeichnet, die sich heimlich dem Ziel der Islamisierung verschworen hat. Schon das Plädoyer für “Integration” gilt hier als Indiz für die Zugehörigkeit zu dieser korrupten, vaterlandslosen Clique.

(Hier geht es weiter)

Auf den Kommentar eines PI-Freundes dazu wäre ich ja mal gespannt.


Kleiner Lesetipp: Feindbild Vorurteilsforschung

Fragliche Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus – Zum Streit um die Nachfolge von Wolfgang Benz

Das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung genießt einen hervorragenden Ruf. Nur ganz wenigen deutschen Hochschuleinrichtungen ist es gelungen, sich international ein solches Renommé zu erarbeiten. Doch nun, kurz vor seiner Emeritierung, kommt plötzlich heraus, dass der langjährige Leiter Wolfgang Benz ein schlimmer Finger ist. Das zumindest will ein Autoren-Kollektiv vermitteln, das mit großem Engagement eine Enthüllung nach der anderen über den 68-jährigen Historiker raushaut. Kaum wurde der Öffentlichkeit demonstriert, dass Benz an seinem Institut den Antisemitismus mit der Kritik am Islam gleichsetzt und den Holocaust trivialisiert, wurde auch schon bewiesen, dass der Forscher selbst Antisemit ist. Der 68-Jährige ignoriert die Vergangenheit seines toten Nazi-Doktorvaters. Wissenschaftler, die Benz kritisieren, ließ er mundtot machen. Wen kann es da noch wundern, dass er mit Taschenspielertricks das Berufungs verfahren zu seiner Nachfolge manipuliert, wie nun bekannt wurde.

Hier geht es weiter. Es wird noch interessanter.


Linksradikale zwischen Antimuslimischem Rassismus und Islamismus

Ein sehr interessanter Beitrag, der ein Dilemma linksradikaler Strömungen beschreibt, ist beim “Linksnet” zu finden: Es geht um die Schwierigkeit, Kritik am Islamismus zu üben, ohne hierbei inhaltlich durch die Heimatverliebte deutsche Querfront vereinnahmt zu werden – und umgekehrt – Kritik an den Moslemhassern zu üben, ohne inhaltlich von Bozkurts und Islamisten vereinnahmt zu werden.

Auszug “Postkoloniale Analyse und Kritik orientalistischer Islam-Bilder”:

Die gegenwärtigen Vorurteile und Klischees über Muslime und den Islam sind nicht geschichtslos. Sie lassen sich zurückverfolgen auf koloniale Diskurse, die sich unter dem Stichwort "Orientalismus" zusammenfassen lassen. Diese Diskurse wurden durch postkoloniale Autoren analysiert und kritisiert, nicht zuletzt durch Edward Said. Bei Orientalismus handelt es sich um die Konstruktion von Orient-Bildern als Negativfolie, von denen sich der Westen positiv absetzen konnte. Der Orientalismus arbeitet mit Zuschreibungen wie etwa „westlich“ gleich „aufgeklärt“ versus „orientalisch“ gleich „rückständig“. Dabei wurde der Islam ebenfalls als Teil einer rückständigen Kultur definiert und politische und ökonomische Prozesse wurden kulturalistisch umgedeutet.

Auszug “Islamophobie aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft”:

Während die oben erwähnten postkolonialen Ansätze marginalisiert blieben, kam es zu einer breiteren Debatte um die Feindschaft gegenüber Muslimen, als deutsche WissenschaftlerInnen sich dem Thema annahmen. Eine bis dahin unbekannte öffentliche Debatte begann, als im Dezember 2008 vom Zentrum für Antisemitismusforschung die Konferenz „Feindbild Muslim — Feindbild Jude“ organisiert wurde. Die Konferenz löste eine Flut von Publikationen aus (vgl. analyse&kritik Nr. 547). Es ist zu begrüßen, dass es so zu einer breiteren Auseinandersetzung kam und die Feindschaft gegenüber Muslimen sich immer weniger hinter "Islamkritik" verstecken kann. Allerdings kam es dabei auch zu einigen Verschiebungen, die zu diskutieren sind. Zum Ersten findet die gegenwärtige Debatte aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft statt und sie wird von etablierten Akteuren aus dem politischen und akademischen Mainstream geführt. So werden die Erfahrungen der von antimuslimischem Rassismus betroffenen Menschen überhört. Ebenso bleiben postkoloniale und radikal emanzipatorische Autoren und Ansätze marginalisiert.

Angesichts dessen, dass die Feindschaft gegenüber Muslimen eher zu- als abnehmen wird und dass sie als eine Ideologie zur Legitimation von Rassismus und sozialer Ausgrenzung zunehmend relevanter wird, ist die Entwicklung einer emanzipatorischen Perspektive so notwendig wie schwierig.
Dies wurde bei den Auseinandersetzungen um rechte Aufmärsche in Duisburg deutlich, wo Pro NRW und NPD Ende März gegen „Islamisierung“ aufmarschierten. So hat zwar das Bündnis linksradikaler und anarchistischer Gruppen „Rechtes Märchenland zerlegen“ versucht, erste Ansätze einer emanzipatorischen Positionierung jenseits von antimuslimischem Rassismus und Islamismus zu etablieren. Allerdings wurden diese Ansätze von den linken und bürgerlichen Bündnissen gegen Pro NRW und NPD nicht beachtet und blieben innerhalb der Proteste marginalisiert.

Ohne zu einer Lösung für das Dilemma zu kommen, ist die Analyse durchaus interessant und lesenswert, zumal sie zum einen die Mär von den “Linksgrüngutmenschlichen Islamismusverharmlosern” widerlegt, zum anderen die Mär, es seien nur die rassistischen Moslemfeinde, die sich mit dem Islamismus und allzu konservativen Wertvorstellungen anlegen.

Es wird sich zeigen, ob überhaupt und was genau daraus hervorgeht.

Und bevor mich jetzt einer einen Kommunisten schimpft: Es geht nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen. Wer einen solchen Themenkomplex monokausal auf wirtschaftliche Zusammenhänge zurückführt, hat sowieso nicht mehr alle Tassen im Schrank.


Interview mit Wolfgang Benz

Im Gespräch mit Claudia Mende warnt Professor Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, vor den Folgen der Islamophobie und Ausgrenzung von Minderheiten in Deutschland.

Das Interview auf Quantara ist im ganzen interessant, hier aber drei Auszüge.

Zur Gemeinsamkeit zwischen Islamfeindlichkeit und Antisemitismus:

(…) die Mechanismen von Ausgrenzung und Diskriminierung sind sich nicht nur ähnlich, sie haben auch den gleichen Grund: Die Mehrheitsgesellschaft braucht fremde Minderheiten, denen man Schuld zuschreiben kann und an die sie Bedrohungsängste, Überfremdungs- und Überwältigungsfantasien delegiert. Das stärkt den Zusammenhalt der Mehrheitsgesellschaft und verhilft ihr zu übersichtlichen Erklärungen und Definitionen, wie es in der Welt zugeht.

Zur Versachlichung der Feuilletondebatte über den Islam:

Von einem Umdenken kann noch keine Rede sein. Erfreulicherweise geben jetzt einige große seriöse Blätter wie die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung der Vernunft eine Stimme. Das ist ein Lichtblick aber kein Durchbruch. Diese Debatte ist noch lange nicht ausgestanden. Sie bietet einfach zu viel Reizstoff. Ich fürchte, bei der nächsten großen Verfehlung mit einem Muslim als Täter, zum Beispiel einem so genannten Ehrenmord, werden wir wieder einen Rückschlag erleben.

Die Abgrenzung zwischen Kritik und Ressentiment:

Islamfeindschaft, die sich selbst Islamkritik nennt und von manchen als Islamophobie bezeichnet wird, ist immer dann im Spiel, wenn keine Argumente mehr stattfinden, sondern nur noch gehasst wird. Was sich in manchen Blogs abspielt, hat nichts mehr mit Argumenten zu tun sondern mit Diskriminierung. Negative Eigenschaften werden Muslimen ein für alle Mal zugewiesen, das ist Ausgrenzung, keine Debatte.

Hier nochmal der Link zum Interview.

Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass Wolfgang Benz genau das tut, was manche Islamkritiker noch vermissen lassen: Er blendet die Abgründe der “Islamkritik” nicht aus.

Islamkritiker, die etwas auf sich halten, sind meines Erachtens nach dazu angehalten, sich wenigstens zu ihren “Fans” sowie den in “ihren” Kommentarspalten getätigten Äußerungen deutlich zu verhalten.


“Islamfeindlichkeit – wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen”

Eine recht Ausführliche Buchvorstellung hatte schon im Oktober 2009 Arne Hoffmann veröffentlicht.

Ich stelle hier mal die ersten zwei Absätze rein, und hoffe, dass dies zum weiterlesen der Buchvorstellung animiert:

Bereits auf dem Backcover und im Vorwort seines im Wiesbadener VS-Verlages erschienenen Sammelbands Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen macht sein Herausgeber, der Politologe Thorsten Gerald Schneiders, deutlich, dass es sich hierbei um einen von zwei Bänden handelt, die zusammengehören. Der zweite Band Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird soll beim selben Verlag im Januar erscheinen. Schneiders erklärt dazu: "’Islamkritik‘ ist eines der Schlagworte unserer Zeit. Doch dahinter verstecken sich oftmals nur pure Ressentiments. Zugleich lässt sich unter Muslimen eine dogmatische Verteidigungshaltung beobachten, bei der bisweilen jede Kritik von vornherein in den Wind geschlagen wird. Beide Extreme dominieren zu häufig die öffentlichen Diskussionen."

Wenn man die aktuelle Islamdebatte wirklich seriös und umfassend wiedergeben und analysieren will, erscheint die Beleuchtung dieser beider Seiten der Medaille in der Tat geboten, wenn nicht gar zwingend. Wer hin und wieder über diverse Online-Suchmaschinen zu dem Begriff "Islamophobie" recherchiert, wird bald feststellen, dass manche Muslime in der Tat mit diesem Vorwurf schnell bei der Hand sind, wo noch keine Spur von Fremdenfeindlichkeit oder kulturalistisch verbrämtem Rassismus zu erkennen ist, sondern lediglich bestimmte Aspekte des islamischen Lebens oder der islamischen Welt kritisiert werden, wie man das jederzeit etwa mit Aspekten aus dem Christentum ebenfalls tun würde, ohne dass der Vorwurf der "Christophobie" erhoben wird. (Fast würde ich hier von einer missbräuchlichen Verwendung des Ausdrucks/Begriffs "Islamophobie" sprechen; allerdings herrscht in der Sprachwissenschaft Konsens, dass es keine missbräuchliche Verwendung von Begriffen gibt, weil niemand festlegen kann, was eine ordnungsgemäße Verwendung wäre. Niemand muss sich zum Beispiel der Definition von Islamophobie anschließen, wie sie der Runnymede Trust vorgenommen hat, auch wenn diese sehr sinnvoll ist.)

Hier geht es also weiter

Dieses Buch wird wohl Einzug in die hiesige Stube halten, später natürlich auch der zweite Band. Sie werden dann aller voraussicht nach desöfteren für Zitate herhalten.


Henryk M. Broder – “Sind Muslime die Juden von heute?” (Episode 2)

Vor einiger Zeit hatte ich einen etwas ausführlicheren Blogpost zu einem unsäglichen Auslass von Henryk M. Broder geschrieben. Broder versuchte vergeblich, die Praktik von Herrn Benz und dem Zentrum für Antisemitismusforschung, die aktuell grassierende Islamfeindlichkeit mit älteren Formen des Antisemitismus zu vergleichen, zu dämonisieren. Bis heute konnte jedoch noch niemand Herrn Benz dahingehend widerlegen, dass gewisse Parallelen zwischen dem alten Antisemitismus und dem aktuellen Islamhass tatsächlich existieren. Warum dies nicht geschah, zeigt ein anderer Artikel. Auf der anderen Seite nämlich war jemand fleißig, ganz konkrete Beispiele für die genannten Parallelen zusammenzusuchen, und sie sind erschreckend deutlich.

Der Artikel ist länger(aber sehr lesenswert), daher greife ich nur das für mich wesentliche heraus, nämlich die Schlussfolgerung, die ich so auch unterschreiben kann:

weiterlesen


Alan Posener im Interview zum Thema Islamophobie

Ein außergewöhnlich interessantes Interview auf recht hohem intellektuellen Niveau (zumindest höher als meins. Ich bin Praktiker, wie Broder 🙂 ) findet man bei Endstation Rechts. Zwar sind sich Posener und Brodkorb nicht einig, aber es haben sich einige weitere Facetten der Kritik an den Islamophobie, “Islamkritik in Anführungszeichen”, Islamhass oder wie man es gerne nennen will, gezeigt.

Angeschnitten werden u.a.:

– Die selbsternannte “Achse des Guten”
– Islamophobie im allgemeinen
– Die Querfront zwischen sogenannten “Antideutschen” und der Israelaffinen Rechten
– Der Historikerstreit (Zu dem ich keinen Zugang habe, es wäre wohl an der Zeit für eine zweite Auflage)

Sehr lesenswert.

Siehe auch:
Thilo Sarrazin kein Rassist? – Posener über Maxeiner und Miersch