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Neuer Islamischer Verband formiert sich

Schon im März berichtete DerWesten von Bestrebungen, einen Verband zu gründen, in dem sich liberale Muslime organisieren können, die sich von den bisher bekannten Verbänden nicht vertreten fühlen.

Tatsächlich sieht es nämlich so aus, dass lediglich ca. 20% der in Deutschland lebenden Muslime beitragszahlende Mitglieder der unter dem Koordinierungsrat der Muslime organisierten Verbände sind. Dennoch versuchen die zumeist eher konservativ geprägten Verbände, ihre Legitimation durch statistische Tricks hochzuspielen, beispielsweise, indem sie die Familienstruktur der Beitragszahler für sich vereinnahmen. Sie behaupten schlicht, dass der Beitrag eines Menschen ausreiche, um die Zugehörigkeit der gesamten Familie zum jeweiligen Verband zu begründen. Auf diese Weise kommen Sie dann zu Aussagen, der KDM vertrete 60% aller in Deutschland lebenden Muslime. Diese Zahl kann jedoch begründet angezweifelt werden. Lediglich etwa ein Viertel aller Muslime kennt überhaupt einen einzigen der im KDM vertretenen Verbände(am schlechtesten schneidet hier Milli Görüs/Islamrat ab). Den KDM selbst kennen sogar nur 10%. Von diesem wiederum fühlen sich nur ca. 20% von ihm vertreten[Quelle, PDF, S. 17, 173]. Das sind gerade mal 2% aller befragten Muslime. Es klafft also eine riesige Lücke zwischen dem Anspruch der Verbände und dem Leben der Muslime.

Bekanntheit Muslimischer Verbände

Darüber hinaus agieren die konservativen Verbände oftmals nicht sonderlich fair, sondern teils vereinnahmend und manchmal auch Selbstüberschätzend. Von Beginn der DIK an beanspruchten gleich mehrere Verbände für sich, “den Islam” in Deutschland in seiner Gänze vertreten zu können. Dies liegt sicherlich auch daran, dass jeder Verband seine eigene Agenda hat, die mit denen der jeweils anderen Verbände konkurrieren. Einige Verbände haben auch klar politische (von religiös-politisch über islamistisch bis türkisch-Nationalistisch) Wurzeln. Typisch für politische Strömungen: Sie blasen sich und ihre tatsächliche Relevanz künstlich auf. Dieses politische Gebaren(Anspruch über Definitionshoheiten und Selbstaufblasung) kennt man zum Beispiel auch von den Islamfeindlichen Rechten wie z.B. “Pro-NRW” sowie von diversen linksradikalen Strömungen.

Da es “den Islam” als monolithischen Block jedoch nur aus Sicht von Erzkonservativen, Islamisten und Islamhassern gibt, sind alle Bestrebungen begrüßenswert, die die tatsächliche Pluralität Islamischen Lebens in Deutschland auch auf Organisationsebene abbbilden, bzw. die bestehenden Vertretungslücken zu schließen gedenken. Die Schaffung eines Islamischen Verbands liberaler Prägung ist daher nicht nur erfreulich, sondern ein längst überfälliger Schritt, der dieser Pluralität Rechnung trägt.

Einen interessanten Blogeintrag hierzu, mit offenbar kontroverser Diskussion(über 170 Kommentare) gibt es bei Jörg Lau. (Daher kommt auch der folgende Radiobeitrag)

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/04/06/dlf_20100406_0936_0fc92215.mp3%20

Erwähnenswert ist hier also, dass dieser Verband nicht etwa Islamkritisch geprägt ist, sondern durch und durch gläubig. Ihm liegt jedoch eine Auslegung der religiösen Schriften zugrunde, die mit der Zeit geht:

Wir sind alle einem liberal-gläubigen Verständnis des Islam und einer historisch-kritischen Auslegung des Koran verpflichtet. Wir sind eindeutig in Deutschland verortet, es gibt kein weiteres Land, in dem wir uns heimisch fühlen. Wir bekennen uns zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Waren es bisher Islamkritiker wie Necla Kelek und Seyran Ates, die in der DIK für ein (radikales) Gegengewicht zu den teils sehr konservativ geprägten und zum Teil auch unter Islamismusverdacht stehenden Verbänden sorgten, kann in Zukunft eben dieser liberale Verband seinen Teil für das Gleichgewicht beitragen, und zumindest einen Teil der Islamkritiker obsolet machen – jedenfalls was die DIK angeht. Zudem ist ein solcher Verband geeignet, reaktionären Ängsteschürern und Essenzialisten effektiv etwas entgegenzusetzen. Denn das, was diese Strömungen am meisten fürchten, das ist die Stimme genau jener Moslems, die selbstbewusst und glaubhaft die Vereinbarkeit des Islam mit Errungenschaften der Moderne in einer säkularisierten Gesellschaft begründen und vorleben. Aus Überzeugung und unter Verwendung der religiösen Schriften.

Mit Verbalattacken von Islamisch-konservativer, Islamistischer sowie Islamfeindlicher Seite ist daher gleichermaßen zu rechnen. Aber wie heißt es so schön: Wenn man von Radikalen sämtlicher Coleur scharf angegangen wird, dann hat man irgendetwas goldrichtig gemacht.

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Von Höcksken auf Stöcksken, oder: die Gefahr der Radikalisierung durch Ausgrenzung

Angesichts der vielfältigen Nachrichten über den Terrorismus in Afghanistan, im Irak und in Nahost, über befremdliche Demonstrationen gegen vermeintliche Nichtigkeiten in praktisch ausschließlich Islamisch orientierten Staaten, haben Rechtsradikale und rechtsextreme Strömungen erkannt, dass sich Ängste vor derartigen Ereignissen prima gegen die einheimische Bevölkerung Muslimischen Glaubens richten lassen, um eine Athmosphäre zu schaffen, in der „Fremden“, und damit sind aus deren Sicht zuallererst Moslems gemeint, vom Grundgesetz garantierte Rechte nicht zugestanden werden. Man kann also sagen, es wird eine verfassungsfeindliche Stimmung erzeugt.

Solchem Ängsteschüren liegt oftmals die Absicht zugrunde, die Eigenschaft „Deutsch“ zu exklusivisieren. Die „Exklusivität“ des Deutschsein ist nach dieser Denkweise noch immer am Blut&Boden-Prinzip orientiert, auch wenn vordergründig kulturalistisch argumentiert wird. Diese Denkweise findet sich nicht einzig im Neonazistischen Spektrum: Wer nicht seit X Generationen in Deutschland beheimatet ist, wird hier zum „Passdeutschen“, zum „Migranten“ oder zum „Deutschtürken“(heißt: Türke mit Nebenattribut „Deutsch“) erklärt. „Othering“ nennt man dies.

Othering beschreibt den Prozess, sich selbst und sein soziales Image hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, „fremd“ klassifiziert.

Es sind unterschiedliche Begriffe für ein und das selbe, das man früher „Ausländer“ nannte. Die Geographische oder kulturelle Herkunft bestimmt hierbei die (gefühlte) Nationalität, „Deutsch sein“ wird von der Politik sogar dem „Deutsch werden“ hintenangestellt, also zum Ergebnis einer bewussten Anstrengung hochstilisiert. Somit wird „Deutsch sein“ zum Privileg erklärt. Hier wird dann wiederum strukturell zwischen „Leistungsdeutschen“ und „Geburtsdeutschen“ unterschieden. Aufgrund dieser Denkart etablierten sich auch schon Begriffe wie „Biodeutsch“, „Urdeutsch“, usw. Ius sanguis steckt in den Köpfen.

Die Blut&Boden-Ideologie besteht also noch weiter – inmitten der Gesellschaft – und äußert sich nur leicht modifiziert.

Zur „Islamisierung“:

Für Rassisten ist es mittlerweile viel schwieriger geworden, eine „Verausländerung“ herbeizureden. Dies hat mehrere Gründe, von der Europäischen Integration bis hin zum Internet spielen viele Faktoren eine Rolle.

Dennoch bestehen diffuse Ängste weiter. Es scheint fast so, als werde von bestimmten politischen Denkrichtungen ein innerer oder äußerer Feind gebraucht, um überlebensfähig zu bleiben. So ist es heute weniger „der Pole“, „der Russe“ oder „der Franzose“, denn Ruhrpolen, Spätaussiedler und LaFontaine – die können von Rassisten weder als innere noch als äußere Feinde dargestellt werden. Bei „dem Türken“, das beliebteste „Hassobjekt“ der Rassisten, wird’s ebenfalls schwierig. Die Hälfte sind deutsche. Dennoch bleibt für Rassisten, die ihrer Abstammungslehre folgen, die klar umrissene Gruppe die gleiche, und daher suchen sie ein anderes Merkmal als die Nationalität. Was ist nun das gemeinsame Merkmal der meisten Türken und Deutschen mit türkischem Zuwanderungshintergrund? Die Kultur kann es nicht mehr sein, denn die jüngsten Generationen sind zum Teil überassimiliert. Viele sind mittlerweile deutscher, als es viele deutschvölkische Rassisten wagen würden. Für Rassisten ist wieder einmal die Religionszugehörigkeit zum Merkmal des „Fremdrassigen“ geworden.

Hierbei übernimmt das immer wieder auftauchende Mantra, die Mär einer sogenannten „Islamisierung“ Deutschlands oder Europas, die Funktion des Begriffs „Überfremdung“, womit die „nationale“ bzw. „europäische“ Identität unterwandert werde.

Der Begriff der „Islamisierung“ hat hierbei jedoch eine völlig andere Bedeutung, wie sie dem Begriff zukommt, wenn er zum Beispiel in der Türkei verwendet wird.

In der Türkei meint er die Etablierung religiöser Gebote im staatlichen Recht, also im weitesten Sinne die Verschmelzung von Religion und Staat.

Wird dieser Begriff in Deutschland verwendet, dann wird er in aller Regel gleichbedeutend mit „Überfremdung“ und „Verausländerung“ verwendet. (Beides übrigens Begriffe, die aus dem Nationalsozialistischen Spektrum kommen). Hierbei geht es also um die reine Anwesenheit von Menschen mit ihrer religiös-kulturellen Prägung. Hierbei wird vordergründig kulturalistisch argumentiert, der motivationale Hintergrund ist jedoch ein rein rassistischer. Auf die Essenz zugespitzt hatte es Thilo Sarrazin mit den demagogischen Worten:

Die Türken erobern Deutschland (…) durch eine höhere Geburtenrate

Dies ist in mehrerlei Hinsicht nicht korrekt.

Zum ersten schreibt Sarrazin „den Türken“ einen kollektiven Willen bzw. eine kollektive Eigenschaft zu, was auch ohne viel Nachdenken als rassistischer Humbug gewertet werden kann. Zum zweiten Zeigen demographische Studien, dass sich die Fertilität von Zuwanderern auch aus geburtenreichen Regionen schon nach wenigen Generationen der Gesamtgesellschaft anpasst. Prinzipiell ist dieser Mann rechten Demagogen auf den Leim gegangen.

Es geht also bei dem ganzen Hick-Hack um eine geplante „Islamisierung“(Pro-NRW sagt ab und zu: „Türkisierung“) in erster Linie darum, rassistische Ängste und Vorurteile zu schüren und somit Handlungsbedarf zu erzeugen, dem sie ja liebend gern nachkommen würden, würde man sie nur wählen. Hierbei sind entsprechende Rechtsextreme Positionen – je nach Argumentationsform(Kulturalistische oder Rassistische Überfremdungsängste, kollektivistische Zuschreibung von Ergebnissen fundamentalismuskritischer Analysen) quer durch die Gesellschaft sogar bis in Teile des linksradikalen Lagers anschlussfähig geworden. Nicht alle aus dem sogenannten „Antideutschen“ Spektrum sind in der Lage, sich dagegen zu immunisieren, den PIschen Rassismus als „Xenophobie“ kleinzureden.

Obgleich ich kein ausgewiesener Freund christlich-konservativer Weltanschauung bin, ist es jedoch auch diese Strömung, welche innerhalb der CDU/CSU derartige Tendenzen frühzeitig erkannt hat, und zusammen mit der SPD begonnen hatte, dem von Teilen der Gesellschaft tatsächlich gefühlten Handlungsbedarf nachzukommen – jedoch nicht in der Menschenverachtenden Art und Weise, wie es sich Rechtsextremisten gewünscht hätten. Das Credo ist nämlich nicht die pauschale Dämonisierung und Ausgrenzung des Islam bzw. der Moslems, wie es rechtsaußen(teils auch linksaußen) verlangt wird, sondern die Anerkennung und geordnete Integration und Rechtezusprechung bei weit wirklichkeitsnäherer Betrachtung der gesellschaftlichen Realitäten. Beigetragen haben auch Einsichten in linksliberalen Strömungen, was beispielsweise die Notwendigkeit von Sprachkenntnissen als Voraussetzung für das Ankommen in der Gesellschaft anbelangt.

Tatsächlich sehe ich zur Zeit bei CDU und CSU die Möglichkeiten, einen Spagat zu vollziehen. Erstens: von Rechtsextremen gegen den Islam und gegen Moslems aufgescheuchte Bürger wieder zurück auf den Boden der Demokratie zu holen, bei zweitens gleichzeitiger Wertschätzung durch konservative Muslime, was auf die religiöse Prägung dieser Parteien zurückzuführen ist. Es wird sich jedoch zeigen, ob sich die Neustrukturierung der Deutschen Islamkonferenz, nachdem die SPD abgewählt wurde, als vorteilhaft erweist. Ein innenpolitischer Rechtsruck war und ist nach der Loslösung von der SPD zu erwarten. Der parlamentarische Staatssekretär des ausrichtenden Innenministers De Maiziere ist nämlich Ole Schröder, Ehemann von Kristina Schröder, was wohl zukünftig Anlass zur aufmerksamen Betrachtung der Deutschen Islamkonferenz sein dürfte, zumal das Thema Islam nicht gerade ein Stammressort des neuen Innenministers ist(man darf korrigieren). Eine der ersten Handlungen während der Umstrukturierungen war, den z.T. umstrittenen Islamrat von der Mitwirkung auszuschließen, was Anlass von mancher Seite war, die Besorgnis auszudrücken, dass durch eben solche Ausgrenzung radikale Kräfte gestärkt werden könnten. So schreibt zum Beispiel die taz:

Es war falsch, dass der Innenminister die islamische Gemeinschaft von der Islamkonferenz ausgeschlossen hat, kritisieren Fachleute. Das schwäche die Reformer.