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Berliner Anschlagsserie und die „Integrationsdebatte“

In Berlin kommt es seit Monaten immer wieder zu Anschlägen auf Moscheen. Politiker sehen darin eine folge der „Integrations“-Debatte.

Sechs Anschläge sind hierbei gezählt, die Polizei geht jedoch von einer höheren Dunkelziffer aus. Vor einer Woche hieß es noch, es seien „Einzelfälle“.

Gerade die massive „Deutschland schafft sich ab“-Werbekampagne von Bild und Spiegel, die propagierte, der „Stolz, Deutscher zu sein“ solle als etwas erstrebenswertes betrachtet werden, und die Anwesenheit von Muslimen bzw. Menschen aus dem „Islamischen Kulturraum“ solle zugleich prinzipiell als Gefahr für das Land betrachtet werden, sowie hysterische Reaktionen, wenn sich Vertreter von Minderheitenorganisationen mahnend zu Wort melden, führen zwangsläufig dazu, dass rechtsorientierte Jugendliche eine gesellschaftliche Legitimation für Gewalttaten sehen.

So verwundert es auch nicht, dass das Opfer des rechtsextremen Mordes in Leipzig ein Christ war, kommt es schließlich aus einem mehrheitlich von Muslimen bewohnten Land, dem Irak. Diejenigen, die ein entsprechendes Ressentiment pflegen, fragen nicht danach, ob eine Personen wirklich Muslimisch ist. Wer Muslim ist, entscheidet der Täter. Werden Personen aufgrund der Physiognomie in die Kategorie „Orientalisch“ eingeordnet, spielt sich im Kopf das gesamte Muslimfeindliche Zuschreibungsprogramm ab. Ähnlich war es auch bezüglich eines rechtsextremen Mordes in Dresden, als der Täter die ägyptische Pharmazeutin unzutreffend als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpfte, weil die Physiognomie, das Kopftuch oder beides aus Sicht des Täters bereits als „Beweis“ dafür ausreichte.

Anschläge auf symbolische Einrichtungen können ebenfalls auf das gesellschaftliche Klima zurückgeführt werden. Auch hierbei glauben Täter an einen gesellschaftlichen Rückhalt. Der Mechanismus ähnelt dem, der im Rahmen typisch übertriebener öffentlicher Diskurse rund um den Nahostkonflikt die Wahrscheinlichkeit antisemitischer Anschläge auf Synagogen steigen lässt. Aber auch rassistisch aufgeladene „Integrationsdebatten“ können eine solche Wirkung entfalten.

Daher ist es auch kein Wunder, wenn Moscheen auch folgendermaßen beschmiert werden:

In einem Fall wurde ein muslimisches Gebetshaus mit den Worten „Ihr Juden“ beschmiert.

Hier stellt sich schon die Frage, ob Apologeten der „Islamkritik“ wissen, was sie da tun.

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Anschlag auf Kunstprojekt gegen Alltagsrassismus in Dresden

Das anlässlich eines rassistischen und islamfeindlichen Mordes in Dresden initiierte Kunstprojekt “18 Stiche”, das sich der Mahnung gegen Alltagsrassismus widmet, wurde offenbar mutwillig beschädigt.

Zwei Betonstelen wurden umgeworfen und die zugehörigen Infotafeln gestohlen.

Zum Kunstprojekt:

Marwa El-Sherbini wurde unter rassistischen und islamfeindlichen Motiven mit 18 Messerstichen ermordet. Diese Stiche wollen wir in Form großer Betonmesser über das gesamte Stadtgebiet verteilen – und damit symbolisieren, dass sie stellvertretend stehen für die kleinen und großen ‚Stiche‘, die in Dresden Tag für Tag durch versteckten oder offenen Rassismus solche Menschen widerfahren, die offensichtlich ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben

Hierzu ein Video:


Lesetipp: “Das Islambild in den Medien”

Sehr lang, aber auch sehr inhaltsreich und ausgewogen und somit lesenswert ist die Vertextung eines Redebeitrages des Journalisten Jörg Lau, den er auf einer Ringvorlesung an der Goethe-Universität Frankfurt hielt. Thema der Vorlesung war: “Wie viel Islam verträgt Europa? Einbürgerung des Islam: Gefahr, Schicksal oder Chance für Europa?”

Kürzen oder auszugsweise zitieren möchte ich nicht, da zu umfangreich. Es werden sehr viele Themen angeschnitten. Von fehlenden muslimischen Journalisten über den Mord an Marwa S., den Islamismus bis hin zu Sarrazin und der Darstellung der Debatten, die er anstieß, die Veränderung der Positionierungen zur Integrationsdebatte bei linken und bei rechten, usw. (und ich habe bisher nur die Hälfte gelesen) – wird vieles dargestellt.

Hier geht es zum Text.

Nachtrag: In der zweiten Hälfte findet sich eine ausführliche und plausible Darlegung der Gründe des Autors, den Islamophobiebegriff abzulehnen, dem anschließend macht er in aller Ausführlichkeit deutlich, dass sich der Journalismus einerseits keinen Lobbygruppen beugen darf, aber in diesem Themenbereich dennoch eine Generalrevision braucht. An dieser Stelle dann doch einmal ein Zitat:

Ein Beispiel dafür, wie man’s nicht macht: Ein islamischer Theologe hat mir erzählt, dass er vor wenigen Jahren einmal zu einer der großen Talksendungen im  deutschen Fernsehen eingeladen werden sollte. Es fand ein Vorgespräch statt, das angenehm verlief. Dann wurde er kurz vor der Sendung doch noch ausgeladen. Begründung: Man hätte sich etwas schärfere Kommentare von ihm erhofft. Tja, und in der Sendung bei Sabine Christiansen saß dann der Leipziger Salafist Hassan Dabagh mit seinem malerischen Rauschebart. Er wirkte toll im Fernsehen. Er wirkte wie fürs Fernsehen geschaffen.

Zum Ende hin berichtet er über den “Karikaturenstreit”, den er als einer der ersten in die deutschen Medien brachte.


Redebeiträge des Jahrestages

Die Redebeiträge (insgesamt ca. 50 Minuten, 40MB) vom Jahrestag des Mordes an Marwa S. kann man als .ogg-Datei herunterladen.


Zum Jahrestag am Mord an Marwa S.

Gedenktafel - Klick für größeres Bild

Etwa 250 Dresdner haben am Donnerstagabend an die vor einem Jahr ermordete Marwa El-Sherbini erinnert. Justizminister Jürgen Martens (FDP) sagte, der Mord an der Ägypterin sei ein Anschlag auf die gesamte Gesellschaft gewesen. Es sei beschämend, dass solch eine Tat in Dresden passiert sei.

(…)

Nach den Worten von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) sucht die Stadt ein Jahr nach dem Mord einen gemeinsamen Weg, damit der 1. Juli nicht in Vergessenheit gerät. In Dresden habe sich nach der Tat noch lange nicht genug verändert. Nach wie vor gebe es Rassismus. "Die Stadt braucht die Menschen aus aller Welt", betonte Orosz. Nach ihren Worten wird die Universität Bielefeld nun untersuchen, wie verbreitet der Rechtsextremismus in der Landeshauptstadt ist.

(Quelle)

Weiße Rosen als Zeichen der Anteilnahme

Mazyek betonte, nötig sei dabei auch ein klares Signal der Bundesregierung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe zwar nach dem Mord kondoliert. Allerdings sei bislang nicht deutlich geworden, dass die Sorgen der Muslime wirklich ernst genommen würden. „Bis heute warten die 4,3 Millionen Muslime in Deutschland auf eine solche Geste.“

An der bewegenden Zeremonie im Landgericht hatten am Vormittag ebenfalls rund 200 Menschen teilgenommen, darunter zahlreiche Bedienstete der Justiz. Im Andenken an das Opfer legten viele von ihnen weiße Rosen vor der Tafel ab, die in deutscher und arabischer Schrift an das Geschehen in einem Gerichtssaal in dem Gebäude erinnert. „Wir ehren unsere ägyptische Mitbürgerin Marwa El-Sherbini“, heißt es darauf unter anderem. „Sie wurde Opfer von Islamfeindlichkeit und Fremdenhass. Sie ist dem mit Würde und vorbildlicher Zivilcourage entgegengetreten.“

(Quelle)

Die FAZ beschreibt in einem sehr ausführlichen Artikel, welchen Einfluss dieses Ereignis in der Folge auf die Stadt ausgeübt hat.

Vorher:

„Wer was gegen rechts tut, kann nur links sein, das war hier bis vor einem Jahr das gängige Vorurteil“, sagt Demuth. Sichtbar wurde das jahrelang am 13. Februar, wenn anlässlich der Zerstörung der Stadt Rechtsextreme aus ganz Europa aufmarschierten, ein überparteiliches Bündnis stets zur Gegendemo aufrief, CDU und FDP jedoch die „stille Trauer“ propagierten und sich öffentlich von allen anderen Aktionen distanzierten. Während in Städten wie Jena, Leipzig oder Köln die Oberbürgermeister in der ersten Reihe gegen Neonazi-Aufmärsche protestierten, duckten sich Stadt- und Landesregierung in Dresden lieber weg. In der Folge blieben immer mehr Dresdner, die sonst zu Tausenden öffentlich der Opfer gedacht hatten, zu Hause.

Nachher:

In diesem Jahr war das erstmals anders. Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) hatte sich überraschend an die Spitze der Protestbewegung gesetzt, zu der von ihr initiierten symbolischen Menschenkette in der Innenstadt kamen 15.000 Menschen, mehr als doppelt so viele wie erwartet. Die erfolgreiche Blockade des Neonazi-Aufmarschs außerhalb des Zentrums war freilich mindestens ebenso vielen unangemeldeten Demonstranten zu verdanken. Aber seit langem bestimmte mal kein parteipolitisches Gezänk den Gedenktag. Nicht wenige sehen das als ein Indiz dafür, wie die Ermordung Marwa al Scharbinis die Stadt verändert hat.

Zumindest ein Anfang.

Die Zeit und der Tagesspiegel titeln mit “Lehrstück in Rassismus” und schreiben:

Auch Wolfgang Donsbach, Professor für Kommunikationswissenschaft an Dresdens Technischer Universität, sieht die politische Aufgabe, die man anpacken kann und muss, unter den besseren Leuten, nicht bei den Underdogs wie al-Scherbinys Mörder Alex W., einem frustrierten arbeitslosen Russlanddeutschen, der inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. „Das größere Problem sind die, die vielleicht nicht gewalttätig sind, die aber schweigen oder stillschweigend billigen. Man muss an die Leute ran, die überhaupt erreichbar sind.“

(Hervorhebung von mir)

Und ein Kommentar dazu bei der Zeit:

Von "Gästen" und was man in Dresden sagen darf…

Einige, hoffentlich wenige, Dresdner und Ostdeutesche (oder doch bloß Rechtsradikale, die sich hier feige und in Anonymität als solche ausgeben??) haben angsichts dieser nötigen Erinnerung an die entsetzliche Tatsache des bis zum Mord getriebenen Rassismus nichts besseres zu tun, als schamlos diejenigen zu diffamieren, die dem Rassismus dort mit ihrem Namen entgegentreten. Die selbstgerechte Aufregung ist schädlich und künstlich: Jedes Kind weiß, dass Rassismus und rassistische Gewalt keine Spezialität des Ostens ist. Ebenso weiß jedes Kind, dass es im Moment der sichtbaren Gewalt an jedem Ort entscheidend ist, dass sich die lokale Öffentlichkeit breit, sichtbar und unmitsverständlich hinter die Opfer stellt. Wer nicht möchte, dass seine Stadt in den Geruch von Rassismus und Rechtsradikalismus gerät, hat alle Möglichkeit, das zu verhindern. In kleineren Städten als Dresdens gingen tausende aus harmloseren Anlässen auf die Straße. Das "Zeichen" der Bürgermeisterin war in diesem Fall fatal – und das war auch vorher abzusehen.
Im Übrigen ist die Sprache einiger Kommentare aus dieser Ecke verräterisch: Wer nicht aus Dreden kommte, sei "Gast" – ja dann wäre wohl auch Ostdeutschland nur "Gast" in der BRD? Wegen solcher Unverschämtheiten – auch wenn sie Minderheitsmeinung ist – wird Ostdeutschland immer unbeliebter bei Toruisten, Investoren, Wissenschaftlern Meine Bewunderung und guten Wünsche denen, die egal von woher mit Namen und Gesicht dem entgegentreten!

Mehr dazu:
Gedenktafel für Marwa El Sherbini
Die “Jüdische Allgemeine” über den Islamhass
PI-NEWS sieht im Mörder von Marwa S. einen Marinus van der Lubbe
18 Stiche
Mord an Ägypterin in Dresden – Teherans Radikale drehen durch
NPD-Wähler ermordet schwangere Ägypterin mit 18 Messerstichen – warum?


Gedenktafel für Marwa El Sherbini

Marwa Gedenktafel 
Bild via Fareus/bigberta (Klick für größeres Bild)

Marwa El Sherbini

Geboren am 7. Oktober 1977 in Alexandria
Gestorben am 1. Juli 2009 in Dresden

Wir ehren unsere ägyptische Mitbürgerin Marwa El Sherbini.
Sie wurde Opfer von Islamfeindlichkeit und Fremdenhass.
Sie ist dem mit Würde und vorbildlicher Zivilcourage
entgegengetreten. Während ihrer Zeugenaussage wurde sie
in diesem Gericht von dem Angeklagten niedergestochen.

Wir verneigen uns vor dem Opfer dieser schrecklichen und unfassbaren Tat und trauern mit ihrer Familie

Die Justiz des Freistaates Sachsen

Diese Gedenktafel sollte ursprünglich am Mittwoch, dem 16. Dezember 2009 eingeweiht werden. Dieser Termin wurde jedoch auf Bitten des Ehemanns verschoben, da er der Einweihung zu diesem Termin nicht beiwohnen konnte.

Siehe auch:

18 Stiche
Wikipedia-Eintrag


Die “Jüdische Allgemeine” über den Islamhass

 

Marwa El-Sherbini wurde ermordet, weil sie erkennbar Muslimin war, weil sie keinen Platz hatte in jenem Deutschland, das die NPD will. Eine Partei, die auch der Mörder von Dresden gewählt hat. Dieser Prozess erinnert uns an eine traurige Wahrheit, die im Jubel der Feier des Mauerfalls untergegangen ist: Mit der Einheit kam auch die dramatische Zunahme rechtsradikaler Gewalt. Fast täglich gibt es Übergriffe auf Andersdenkende und Anderslebende. 143 Menschen wurden seither getötet, weil sie eine andere Hautfarbe oder Religion hatten, weil sie behindert, links, obdachlos, Punker oder schwul waren. Alltag. Selbst der brutale Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini hätte vermutlich kaum für große Schlagzeilen gesorgt – wäre da nicht die Angst vor dem Aufschrei der arabischen Welt gewesen. Was mir dagegen Angst macht, das sind Hass und Gewalt vor unserer Haustür. Mit jeder »national befreiten Zone« verlieren wir ein Stück Freiheit. Das Gericht hat Recht gesprochen. Die Freiheit und die Menschenwürde aber werden nicht allein im Gerichtssaal verteidigt, sondern auch auf jedem Spielplatz. Das ist unsere Sache. Wir sind das Volk.

Mehr findet sich in der Quelle(PDF). Lesenswert.

(Via Politblogger)


PI-News und Lubbe – Kritik der Islam”kritik”

image PI-News hat sich durch die Gleichsetzung des Mörders von Marwa S. mit Marinus van der Lubbe derbst ins eigene Knie geschossen, und hierbei die Geisteshaltung mindestens eines der Autoren sowie einer Vielzahl der Kommentierer (von den Lesern selbst kommt ja nichts) offenbart.

Ein sehr treffender Kommentar hierzu, der überraschenderweise durch die Zensur von PI-News gelangte, dem ich beinahe vollständig zustimme, ist der von “lobotomium”. Aussagen, denen ich nicht zustimme, sind graugelegt, Hinweise auf weitere kritische Stellen beherzige ich natürlich:

Warum dieser unsägliche Vergleich: van der Lubbe/Alex W. nicht nur schädlich, sondern auch verwerflich war, das habe ich — jedenfalls was meine Sicht der Dinge angeht — in einem anderen Thread schon ausfürhlich begründet.

Da Sie hier aber, mit einer inhaltlichen Verknüpfung zu diesem Artikel, die gleiche Frage stellen, kann ich meine Antwort auch noch einmal hier posten. Daß PI sich der Kritik gestellt und Konsequenzen gezogen hat, finde ich im Gegensatz zu Ihnen übrigens sehr begrüßenswert.

1. Es ist bis heute umstritten, ob Marinus van der Lubbe das Feuer im Reichstag überhaupt gelegt hat (ungeachtet vermeintlicher Belege, die hier angeführt werden, daß der Sachverhalt “aufgeklärt” sei). Im Fall von Alex W. dürften dagegen keinerlei Zweifel bestehen, daß er Frau El-Sherbini tatsächlich ermordet hat: es waren genug Zeugen anwesend; außerdem hat er die Tat selbst gestanden. Aus Gründen der juristischen Etikette mag es geboten sein, solange von einem “mutmaßlichen” Mörder zu sprechen, bis das Urteil gesprochen worden ist. Das ändert aber an den Tatsachen nicht das geringste.
2. Es ist völlig abwegig, in Bezug auf Alex W. von einem “politischen Verfahren” zu sprechen, bei dem das Urteil schon von vorneherein feststehe. Die Nazis wußten schon vor dem Prozeß gegen van der Lubbe, daß sie ihn hinrichten würden; sie haben deshalb extra das Gesetz geändert, so daß van der Lubbe, rückwirkend, mit dem Tode bestraft werden konnte – wodurch sie nicht zuletzt gegen den ehernen Grundsatz des Strafrechts verstoßen haben: nulla poena sine lege, der bei uns Verfassungsrang hat(Art. 103 Abs. 2 GG).
Alex W. dagegen bekommt ein ordentliches Verfahren vor einem ordentlichen deutschen Gericht. Man mag sich darüber streiten, ob es glücklich ist, daß der Prozeß in Dresden stattfindet und nicht in einer anderen Stadt, aber die Unrechtsjustiz der Nazis mit dem Justizsystem der BRD gleichsetzen zu wollen ist nicht nur lächerlich, sondern durchaus empörend. Daß der ägyptische Botschafter zu der Verhandlung erscheint, mag einem mißfallen, ein solches Vorgehen ist aber nicht unüblich und wird mitunter auch von deutschen Diplomaten praktiziert, sofern deutsche beim Verfahren beteilgt sind/waren; i.ü. dürfte dies auf die Entscheidung des Gerichtes keinen Einfluß haben.
3. Marinus van der Lubbe war nach allen Schilderungen, die es von ihm gibt, zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig. Selbst wenn er die Tat, die man ihm zur Laste legte, begangen haben sollte, so hätte er doch nicht deswegen bestraft werden dürfen. In dem Verfahren gegen Alex W. wird dessen Schuldfähigkeit dagegen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, und ich kann Ihnen versichern: falls sich zeigen sollte, daß Alex W. zum Tatzeitpunkt nur vermindert oder gar nicht schuldfähig war, so wird das Gericht auch so entscheiden; ein anderes Urteil könnte sonst von einer höheren Instanz niemals Bestand haben.
4. Marinus van der Lubbe ist vor seinem Scheinprozeß von den Nazis mißhandelt und gefoltert worden. Das kann man von Alex W. nicht behaupten.
5. Marinus van der Lubbe wurde zur Last gelegt, ein Gebäude in Brand gesteckt zu haben. Alex W. dagegen hat eine unschuldige, junge Frau brutal ermordet.
6. Der Reichstagsbrand diente den Nationalsozialisten dazu, die Reichstagsbrandverordnung zu erlassen, mit deren Hilfe sodann die Grundrechte in Deutschland außer Kraft gesetzt wurden. Sofort im Anschluß wurden Tausende verhaftet und verschwanden für immer. Bis heute ist umstritten, ob die Nazis das Feuer zu diesem Zweck nicht selbst legten oder zumindest dabei halfen; diese These kann nicht bewiesen werden, sie ist aus verschiedenen Gründen aber auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen. In jedem Fall kam der Brand den Nazis sehr zupaß und wurde von ihnen brutal ausgenutzt.
Welche wie auch immer geartete Parallelen sollten sich da zum Fall Alex W. auftun, außer für einen wirklich kranken oder aber wirklich perfiden Menschen?
Unter anderem auch aus diesem Grund hinterließ der Artikel wohl bei so vielen einen so üblen Beigeschmack: er rückt unseren gegenwärtigen Staat in die Nähe des NS-Regimes. Vielleicht wollte er am Rande sogar unterstellen, daß Kritikern/Gegnern des Islam bald ähnliches geschehen werde wie weiland, nach dem Brand im Reichstag, den Angehörigen der KPD und anderen Regimefeinden?
Darüber hinaus suggerierte der Artikel auch in plumper und amoralischer Verkennung der Umstände, daß Alex W., welcher eine Frau unvermittelt niedergestochen hat, wohl bloß ein armer “Sündenbock” sei. Das ist er aber gewiß nicht: nach allem, was ich bisher gelesen habe, hatte Alex W. bereits in Rußland erhebliche psychische Probleme; es ist deshalb gut möglich, daß er schulunfähig war oder in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt. Falls das gewesen sein sollte, wird das vor Gericht Beachtung finden. Ein “Sündenbock”, den man unter Drogen gesetzt und in einem Scheinprozeß zum Tode verurteilt hat, das ist er jedoch in jedem Fall nicht! – Und wer etwas anderes behauptet, argumentiert nicht nur völlig verblendet und gegen offenkundige Tatsache, sondern der muß sich von mir auch sagen lassen, daß es ihm wohl am gebotenen Anstand fehlen dürfte!
Was den Prozeß angeht, anläßlich dessen Alex W. erst zum Mörder wurde, mag man sich fragen, ob damals nicht aus fragwürdigen Gründen ein Exempel an ihm statuiert werden sollte (womöglich sogar gegen den Willen der Geschädigten, Marwa El-Sherbini, welche offenbar gar nicht unbedingt eine Bestrafung von W. wegen seiner beleidigenden Äußerungen wünschte). Das ist etwas, worüber man nachdenken darf und sollte; man sollte auch über die weltweiten Reaktionen nachdenken dürfen, die dieses Verbrechen ausgelöst hat. Man sollte darüber nachdenken, warum sich deutsche Politiker in diesem Fall genötigt sahen, einer ausländischen Regierung zu kondolieren und sich bei einer ganzen Religionsgemeinschaft zu entschuldigen. Man sollte v.a. auch darüber nachdenken, wie es möglich war, daß sich ein solches Verbrechen überhaupt in einem deutschen Gerichtsaal ereignen konnte, vor den Augen eines Richters. Bei alledem sollte man aber eines nie vergessen:
daß hier eine junge, unschuldige Frau vor den Augen ihres Kindes und im Beisein ihres Ehemannes brutal abgestochen wurde.
Weil sie Muslimin war, war sie jedoch weder mehr noch weniger wert als jede andere Frau in diesem Land! Wer das bestreitet oder sich dem auch nur annähert, der kann nicht mehr behaupten, daß er mit dem GG noch irgendetwas am Hut habe!
Es erfüllt mich deshalb mit Ekel, wenn ich mitansehen muß, wie der Tod dieser jungen Frau instrumentalisiert wird. Mit noch größerem Ekel aber erfüllt es mich, wenn der Tod dieser Frau relativiert wird, wenn man ihn zu entschuldigen versucht, indem man dem Opfer offenkundig menschliche Qualitäten abzusprechen versucht und es auf ein politisches Subjekt reduziert (Letzteres ist beiderseits des Mittelmeeres geschehen).
Das Widerlichste überhaupt ist es aber, wenn man einen Mord wie diesen zugleich zu instrumentalisieren und zu relativieren versucht, und genau das ist im Rahmen des besagten Artikels geschehen, der jetzt getiligt wurde.
Insofern war es richtig, daß die Mehrheit der PI-Community mit scharfen Worten gegen den Artikel protestiert hat. PI hätte diesen Artikel niemals veröffentlichen dürfen! Ihn zu löschen schafft diesen Fehler freilich nicht mehr aus der Welt; er wird bleiben und sollte auch im Gedächtnis bleiben, aber die Löschung zeugt zumindest von der Einsicht, hier einen Fehler gemacht zu haben – eine Einsicht, die Ihnen offenkundig abgeht!
Daß dieser Vergleich geschmacklos, widerwärtig, hohl und unbrauchbar war, das war von vorneherein von solcher Evidenz, daß es meiner obigen Ausführungen gar nicht bedurft hätte, um dies zu begründen. Es ließen sich i.ü. noch viele weitere Gründe anführen. Aber wissen Sie was: etwas Weiteres ist evident und deshalb spare ich mir weitere Worte:

nämlich daß derjenige, der diesen Vergleich treffend und gelungen findet, den Mord in Wirklichkeit wohl mit großer Wahrscheinlichkeit goutiert — und zwar allein deshalb, weil es eine Muslimin getroffen hat.

———

Sehr schön und ehrlich gesprochen – Das offenbart eine recht differenzierte Betrachtungsweise zum Themenkomplex. Falls lobotomium, oder jemand, der/die es ähnlich sieht, ein ausführliches Grundsatzstatement zum Islam, zum Islamismus, zum Terrorismus, zur Krimalität, usw. – aber eben vielleicht auch zu Auswüchsen des Antiislamismus, die hier beschrieben wurden, veröffentlichen und zur allgemeinen Diskussion stellen möchte(im Rahmen der Netiquette und der Gesetzgebung natürlich), würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen. Es würde nicht nur mich interessieren. Der o.g. Beitrag ist aber auch sinnvoll und vernunftorientiert genug, um ihn für sich allein im öffentlichen Raum stehen zu lassen. PI-News ist nämlich eine Sache(in meinen Augen eine sehr schlimme) – ein Mord jedoch hat eine völlig neue Qualität. Und damit müssen(!) Islamkritiker sowie Islamhasser und Islamophobe gleichermaßen verantwortungsvoll umgehen.

Hintergrund:


PI-NEWS sieht im Mörder von Marwa S. einen Marinus van der Lubbe

Gestern bei PI-News:

image

Alexander W. – der neue Marinus van der Lubbe?

Warum nur erinnert der Prozess um Alexander W., dem in Dresden der Mord an Marwa el-Sherbini zur Last gelegt wird, so fatal an Marinus van der Lubbe? Beides waren wirre Einzeltäter, beide wurden/werden in einem Schauprozess vorgeführt und gedemütigt und beide sind schon verurteilt – zur Höchststrafe bzw. noch mehr – bevor die Verhandlung überhaupt begonnen hat.

Marinus van der Lubbe, ein 24 Jahre alter Niederländer wurde von den Nazis wegen der Brandstiftung des Reichtags zum Tode verurteilt. In den Gerichtsverhandlungen, bei denen Hermann Göring persönlich als Zeuge (!) in Erscheinung trat, wirkte er gebrochen, gedemütigt und wie unter starke Drogen gesetzt (siehe Foto oben). Am 23. Dezember 1933 wird er vom vierten Strafsenat des Reichsgerichts zum Tode wegen “Hochverrat in Tateinheit mit vorsätzlicher Brandstiftung” verurteilt. Am 10. März 1934 wird er in Leipzig hingerichtet. Doch zum Zeitpunkt der Tat, dem 27. Februar 1933, stand auf die Tat noch keine Todesstrafe. Sie wurde vor dem Schauprozess noch rasch eingeführt.

Alexander W. wird in Dresden im Stile eines Schauprozesses an beiden Armen und Füßen gefesselt vorgeführt, er macht einen gebrochenen Eindruck und er ist schon vorverurteilt, bevor seine Verhandlung überhaupt beginnt.

Er kann von Glück sagen, dass in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft wurde. Doch waren da nicht die Forderungen unserer speziellen ägyptischen Freunde …

Oh mann. Marinus van der Lubbe mit dem Mörder von Marwa al-Scherbiny gleichzusetzen, ist schon ein starkes Stück. PI-News versucht so, dem Mörder eine Opfer- und Märtyrerrolle zu verpassen, und den Prozess zum Schauprozess umzulügen, bei dem das Urteil schon feststünde. Bei einigen scheint solche Propaganda auf Anhieb zu wirken:

5to12 

Mittvierziger

ichauch

eigenvalue

epistemology

Faust84

“Faust84” nimmt sogar schon länger an, dass jedes Urteil ein politisches ist. Infos zu seinem “Fall Kevin”. Nazis und dieser NaPI wünschen sich im Fall Kevin ein politisches Urteil. Übrigens: “84” steht für den 8. und den 4. Buchstaben im Alphabet: “H.D.”, was in Neonazikreisen als Grußformel für “Heil Dir” steht, und als Abschlussformel und allgemeine Propagandaformel auch als Code für “Heil Deutschland” verwendet wird. Derartige Zahlenkombinationen sind verdeckte Erkennungszeichen von Neo-Nationalsozialisten.

Heinz

hundertsechzigmilliarden

danton

jiyuu

Pro_D

karlmartell 

Onkel_M

vorian

Islamophober

Der Artikel und viele Kommentare zeigen, dass sich so einige NaPIs entweder klammheimlich mit dem Mörder solidarisieren, oder Angst haben, dass zur Sprache kommt, woher der Hass auf den Islam wirklich kommt… Offene Sympathie für den Mörder wurde übrigens bereits in anderen PI-News Artikeln ausgesprochen.


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