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Anschlag auf Kunstprojekt gegen Alltagsrassismus in Dresden

Das anlässlich eines rassistischen und islamfeindlichen Mordes in Dresden initiierte Kunstprojekt “18 Stiche”, das sich der Mahnung gegen Alltagsrassismus widmet, wurde offenbar mutwillig beschädigt.

Zwei Betonstelen wurden umgeworfen und die zugehörigen Infotafeln gestohlen.

Zum Kunstprojekt:

Marwa El-Sherbini wurde unter rassistischen und islamfeindlichen Motiven mit 18 Messerstichen ermordet. Diese Stiche wollen wir in Form großer Betonmesser über das gesamte Stadtgebiet verteilen – und damit symbolisieren, dass sie stellvertretend stehen für die kleinen und großen ‚Stiche‘, die in Dresden Tag für Tag durch versteckten oder offenen Rassismus solche Menschen widerfahren, die offensichtlich ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben

Hierzu ein Video:

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Gedenktafel für Marwa El Sherbini

Marwa Gedenktafel 
Bild via Fareus/bigberta (Klick für größeres Bild)

Marwa El Sherbini

Geboren am 7. Oktober 1977 in Alexandria
Gestorben am 1. Juli 2009 in Dresden

Wir ehren unsere ägyptische Mitbürgerin Marwa El Sherbini.
Sie wurde Opfer von Islamfeindlichkeit und Fremdenhass.
Sie ist dem mit Würde und vorbildlicher Zivilcourage
entgegengetreten. Während ihrer Zeugenaussage wurde sie
in diesem Gericht von dem Angeklagten niedergestochen.

Wir verneigen uns vor dem Opfer dieser schrecklichen und unfassbaren Tat und trauern mit ihrer Familie

Die Justiz des Freistaates Sachsen

Diese Gedenktafel sollte ursprünglich am Mittwoch, dem 16. Dezember 2009 eingeweiht werden. Dieser Termin wurde jedoch auf Bitten des Ehemanns verschoben, da er der Einweihung zu diesem Termin nicht beiwohnen konnte.

Siehe auch:

18 Stiche
Wikipedia-Eintrag


Die “Jüdische Allgemeine” über den Islamhass

 

Marwa El-Sherbini wurde ermordet, weil sie erkennbar Muslimin war, weil sie keinen Platz hatte in jenem Deutschland, das die NPD will. Eine Partei, die auch der Mörder von Dresden gewählt hat. Dieser Prozess erinnert uns an eine traurige Wahrheit, die im Jubel der Feier des Mauerfalls untergegangen ist: Mit der Einheit kam auch die dramatische Zunahme rechtsradikaler Gewalt. Fast täglich gibt es Übergriffe auf Andersdenkende und Anderslebende. 143 Menschen wurden seither getötet, weil sie eine andere Hautfarbe oder Religion hatten, weil sie behindert, links, obdachlos, Punker oder schwul waren. Alltag. Selbst der brutale Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini hätte vermutlich kaum für große Schlagzeilen gesorgt – wäre da nicht die Angst vor dem Aufschrei der arabischen Welt gewesen. Was mir dagegen Angst macht, das sind Hass und Gewalt vor unserer Haustür. Mit jeder »national befreiten Zone« verlieren wir ein Stück Freiheit. Das Gericht hat Recht gesprochen. Die Freiheit und die Menschenwürde aber werden nicht allein im Gerichtssaal verteidigt, sondern auch auf jedem Spielplatz. Das ist unsere Sache. Wir sind das Volk.

Mehr findet sich in der Quelle(PDF). Lesenswert.

(Via Politblogger)


PI-News und Lubbe – Kritik der Islam”kritik”

image PI-News hat sich durch die Gleichsetzung des Mörders von Marwa S. mit Marinus van der Lubbe derbst ins eigene Knie geschossen, und hierbei die Geisteshaltung mindestens eines der Autoren sowie einer Vielzahl der Kommentierer (von den Lesern selbst kommt ja nichts) offenbart.

Ein sehr treffender Kommentar hierzu, der überraschenderweise durch die Zensur von PI-News gelangte, dem ich beinahe vollständig zustimme, ist der von “lobotomium”. Aussagen, denen ich nicht zustimme, sind graugelegt, Hinweise auf weitere kritische Stellen beherzige ich natürlich:

Warum dieser unsägliche Vergleich: van der Lubbe/Alex W. nicht nur schädlich, sondern auch verwerflich war, das habe ich — jedenfalls was meine Sicht der Dinge angeht — in einem anderen Thread schon ausfürhlich begründet.

Da Sie hier aber, mit einer inhaltlichen Verknüpfung zu diesem Artikel, die gleiche Frage stellen, kann ich meine Antwort auch noch einmal hier posten. Daß PI sich der Kritik gestellt und Konsequenzen gezogen hat, finde ich im Gegensatz zu Ihnen übrigens sehr begrüßenswert.

1. Es ist bis heute umstritten, ob Marinus van der Lubbe das Feuer im Reichstag überhaupt gelegt hat (ungeachtet vermeintlicher Belege, die hier angeführt werden, daß der Sachverhalt “aufgeklärt” sei). Im Fall von Alex W. dürften dagegen keinerlei Zweifel bestehen, daß er Frau El-Sherbini tatsächlich ermordet hat: es waren genug Zeugen anwesend; außerdem hat er die Tat selbst gestanden. Aus Gründen der juristischen Etikette mag es geboten sein, solange von einem “mutmaßlichen” Mörder zu sprechen, bis das Urteil gesprochen worden ist. Das ändert aber an den Tatsachen nicht das geringste.
2. Es ist völlig abwegig, in Bezug auf Alex W. von einem “politischen Verfahren” zu sprechen, bei dem das Urteil schon von vorneherein feststehe. Die Nazis wußten schon vor dem Prozeß gegen van der Lubbe, daß sie ihn hinrichten würden; sie haben deshalb extra das Gesetz geändert, so daß van der Lubbe, rückwirkend, mit dem Tode bestraft werden konnte – wodurch sie nicht zuletzt gegen den ehernen Grundsatz des Strafrechts verstoßen haben: nulla poena sine lege, der bei uns Verfassungsrang hat(Art. 103 Abs. 2 GG).
Alex W. dagegen bekommt ein ordentliches Verfahren vor einem ordentlichen deutschen Gericht. Man mag sich darüber streiten, ob es glücklich ist, daß der Prozeß in Dresden stattfindet und nicht in einer anderen Stadt, aber die Unrechtsjustiz der Nazis mit dem Justizsystem der BRD gleichsetzen zu wollen ist nicht nur lächerlich, sondern durchaus empörend. Daß der ägyptische Botschafter zu der Verhandlung erscheint, mag einem mißfallen, ein solches Vorgehen ist aber nicht unüblich und wird mitunter auch von deutschen Diplomaten praktiziert, sofern deutsche beim Verfahren beteilgt sind/waren; i.ü. dürfte dies auf die Entscheidung des Gerichtes keinen Einfluß haben.
3. Marinus van der Lubbe war nach allen Schilderungen, die es von ihm gibt, zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig. Selbst wenn er die Tat, die man ihm zur Laste legte, begangen haben sollte, so hätte er doch nicht deswegen bestraft werden dürfen. In dem Verfahren gegen Alex W. wird dessen Schuldfähigkeit dagegen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, und ich kann Ihnen versichern: falls sich zeigen sollte, daß Alex W. zum Tatzeitpunkt nur vermindert oder gar nicht schuldfähig war, so wird das Gericht auch so entscheiden; ein anderes Urteil könnte sonst von einer höheren Instanz niemals Bestand haben.
4. Marinus van der Lubbe ist vor seinem Scheinprozeß von den Nazis mißhandelt und gefoltert worden. Das kann man von Alex W. nicht behaupten.
5. Marinus van der Lubbe wurde zur Last gelegt, ein Gebäude in Brand gesteckt zu haben. Alex W. dagegen hat eine unschuldige, junge Frau brutal ermordet.
6. Der Reichstagsbrand diente den Nationalsozialisten dazu, die Reichstagsbrandverordnung zu erlassen, mit deren Hilfe sodann die Grundrechte in Deutschland außer Kraft gesetzt wurden. Sofort im Anschluß wurden Tausende verhaftet und verschwanden für immer. Bis heute ist umstritten, ob die Nazis das Feuer zu diesem Zweck nicht selbst legten oder zumindest dabei halfen; diese These kann nicht bewiesen werden, sie ist aus verschiedenen Gründen aber auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen. In jedem Fall kam der Brand den Nazis sehr zupaß und wurde von ihnen brutal ausgenutzt.
Welche wie auch immer geartete Parallelen sollten sich da zum Fall Alex W. auftun, außer für einen wirklich kranken oder aber wirklich perfiden Menschen?
Unter anderem auch aus diesem Grund hinterließ der Artikel wohl bei so vielen einen so üblen Beigeschmack: er rückt unseren gegenwärtigen Staat in die Nähe des NS-Regimes. Vielleicht wollte er am Rande sogar unterstellen, daß Kritikern/Gegnern des Islam bald ähnliches geschehen werde wie weiland, nach dem Brand im Reichstag, den Angehörigen der KPD und anderen Regimefeinden?
Darüber hinaus suggerierte der Artikel auch in plumper und amoralischer Verkennung der Umstände, daß Alex W., welcher eine Frau unvermittelt niedergestochen hat, wohl bloß ein armer “Sündenbock” sei. Das ist er aber gewiß nicht: nach allem, was ich bisher gelesen habe, hatte Alex W. bereits in Rußland erhebliche psychische Probleme; es ist deshalb gut möglich, daß er schulunfähig war oder in seiner Schuldfähigkeit eingeschränkt. Falls das gewesen sein sollte, wird das vor Gericht Beachtung finden. Ein “Sündenbock”, den man unter Drogen gesetzt und in einem Scheinprozeß zum Tode verurteilt hat, das ist er jedoch in jedem Fall nicht! – Und wer etwas anderes behauptet, argumentiert nicht nur völlig verblendet und gegen offenkundige Tatsache, sondern der muß sich von mir auch sagen lassen, daß es ihm wohl am gebotenen Anstand fehlen dürfte!
Was den Prozeß angeht, anläßlich dessen Alex W. erst zum Mörder wurde, mag man sich fragen, ob damals nicht aus fragwürdigen Gründen ein Exempel an ihm statuiert werden sollte (womöglich sogar gegen den Willen der Geschädigten, Marwa El-Sherbini, welche offenbar gar nicht unbedingt eine Bestrafung von W. wegen seiner beleidigenden Äußerungen wünschte). Das ist etwas, worüber man nachdenken darf und sollte; man sollte auch über die weltweiten Reaktionen nachdenken dürfen, die dieses Verbrechen ausgelöst hat. Man sollte darüber nachdenken, warum sich deutsche Politiker in diesem Fall genötigt sahen, einer ausländischen Regierung zu kondolieren und sich bei einer ganzen Religionsgemeinschaft zu entschuldigen. Man sollte v.a. auch darüber nachdenken, wie es möglich war, daß sich ein solches Verbrechen überhaupt in einem deutschen Gerichtsaal ereignen konnte, vor den Augen eines Richters. Bei alledem sollte man aber eines nie vergessen:
daß hier eine junge, unschuldige Frau vor den Augen ihres Kindes und im Beisein ihres Ehemannes brutal abgestochen wurde.
Weil sie Muslimin war, war sie jedoch weder mehr noch weniger wert als jede andere Frau in diesem Land! Wer das bestreitet oder sich dem auch nur annähert, der kann nicht mehr behaupten, daß er mit dem GG noch irgendetwas am Hut habe!
Es erfüllt mich deshalb mit Ekel, wenn ich mitansehen muß, wie der Tod dieser jungen Frau instrumentalisiert wird. Mit noch größerem Ekel aber erfüllt es mich, wenn der Tod dieser Frau relativiert wird, wenn man ihn zu entschuldigen versucht, indem man dem Opfer offenkundig menschliche Qualitäten abzusprechen versucht und es auf ein politisches Subjekt reduziert (Letzteres ist beiderseits des Mittelmeeres geschehen).
Das Widerlichste überhaupt ist es aber, wenn man einen Mord wie diesen zugleich zu instrumentalisieren und zu relativieren versucht, und genau das ist im Rahmen des besagten Artikels geschehen, der jetzt getiligt wurde.
Insofern war es richtig, daß die Mehrheit der PI-Community mit scharfen Worten gegen den Artikel protestiert hat. PI hätte diesen Artikel niemals veröffentlichen dürfen! Ihn zu löschen schafft diesen Fehler freilich nicht mehr aus der Welt; er wird bleiben und sollte auch im Gedächtnis bleiben, aber die Löschung zeugt zumindest von der Einsicht, hier einen Fehler gemacht zu haben – eine Einsicht, die Ihnen offenkundig abgeht!
Daß dieser Vergleich geschmacklos, widerwärtig, hohl und unbrauchbar war, das war von vorneherein von solcher Evidenz, daß es meiner obigen Ausführungen gar nicht bedurft hätte, um dies zu begründen. Es ließen sich i.ü. noch viele weitere Gründe anführen. Aber wissen Sie was: etwas Weiteres ist evident und deshalb spare ich mir weitere Worte:

nämlich daß derjenige, der diesen Vergleich treffend und gelungen findet, den Mord in Wirklichkeit wohl mit großer Wahrscheinlichkeit goutiert — und zwar allein deshalb, weil es eine Muslimin getroffen hat.

———

Sehr schön und ehrlich gesprochen – Das offenbart eine recht differenzierte Betrachtungsweise zum Themenkomplex. Falls lobotomium, oder jemand, der/die es ähnlich sieht, ein ausführliches Grundsatzstatement zum Islam, zum Islamismus, zum Terrorismus, zur Krimalität, usw. – aber eben vielleicht auch zu Auswüchsen des Antiislamismus, die hier beschrieben wurden, veröffentlichen und zur allgemeinen Diskussion stellen möchte(im Rahmen der Netiquette und der Gesetzgebung natürlich), würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen. Es würde nicht nur mich interessieren. Der o.g. Beitrag ist aber auch sinnvoll und vernunftorientiert genug, um ihn für sich allein im öffentlichen Raum stehen zu lassen. PI-News ist nämlich eine Sache(in meinen Augen eine sehr schlimme) – ein Mord jedoch hat eine völlig neue Qualität. Und damit müssen(!) Islamkritiker sowie Islamhasser und Islamophobe gleichermaßen verantwortungsvoll umgehen.

Hintergrund:


18 Stiche

 


Mord an Ägypterin in Dresden – Teherans Radikale drehen durch

Ganz unabhängig von meiner persönlichen Einschätzung dieses Mordfalls habe ich den Eindruck, dass Menschen in einigen Islamischen Ländern auch bei berechtigter Empörung über einen rassistischen Mord ebenso zur undifferenzierten Pauschalisierung neigen können, wie der Mörder von Marwa E. – einige davon sind sogar in Regierungsverantwortung.

Das Beispiel Iran:

image Nach der umstrittenen Wahl im Iran und als Folge ein Aufkeimen einer möglichen Iranischen Revolution in Form von Protesten, die z.T. blutig Niedergeschlagen wurden, benötigt das Teheraner Regime ein Thema, um von seinen massiven innenpolitischen Problemen(u.a. ein Legitimationsdefizit auch auf klerischer Seite [2]) abzulenken. Wie so oft muss hierbei das Ausland herhalten, bevorzugt werden hierbei natürlich westliche Länder. Aufhänger sind hierbei alle Themen, die sich gerade bieten.

Waren es bisher in der Regel die USA gewesen, die als Sündenbock herhalten mussten, sind es aufgrund Obamas Charmeoffensive heute verstärkt Großbritannien und Deutschland.

imageDas Regime in Teheran kritisierte beispielsweise die Stellungnahmen und Forderungen der Bundesregierung sowie die Berichterstattung der Medien über die Vorfälle im Iran als Einmischung in Angelegenheiten des Iran.

Nun, wenn es darum geht, dass völkerrechtswidrig Rechte von Menschen beschnitten werden, dazu gehört auch das Recht, friedlich zu demonstrieren, dann ist jede Stellungnahme dazu sinnvoll und notwendig.

Wenn es aber nicht richtig ist, über Vorfälle in anderen Ländern zu berichten oder eine Meinung dazu zu äußern, wie verhält es sich denn dann mit den Forderungen des Iranischen Regimes nach UN-Sanktionen und Vorwürfen, der Mord an Marwa E. geschah im Auftrag der Bundesregierung? Bei aller Kritik und Warnung bezüglich rassistischer, antijüdischer und islamfeindlicher Tendenzen vor allem (aber leider nicht einzig) in Deutschlands politischen Randgruppen – derartige Vorwürfe halte ich für an den Haaren herbeigezogen.

imageDie wohl einzigen politischen Strömungen, welche bei einer Regierungsbeteiligung einen Mord dieser Art in Auftrag geben würden, sind die größten deutschen Fans Ahmadinejads. Auch seine Holocaustleugnungskonferenz war eine Handreichung an genau diese politische Strömung.

Diese Strömung feiert Ahmadinedschad als Helden. Problem hierbei ist aber, dass es eben genau dieser Ahmadinedschad-Fanclub ist, der in Deutschland besonders intensiv gegen Moslems hetzt.

Nun aber zurück zu staatlich in Auftrag gegebenen Morden:

Nun, es ist ja unbestreitbar so, dass es in der Vergangenheit im Iran viele Hinrichtungen aufgrund des Glaubens gab – vom Staat angeordnet. In wie weit derartiges heute noch praktiziert wird, ist mir nicht bekannt, aber im Regierungsapparat tummeln sich noch immer Gestalten, die beispielsweise eine Todesstrafe für Apostasie(Ridda/‏ردة‎) fordern, zuletzt zu Beginn des Jahres 2008. Was aus der Gesetzesvorlage geworden ist, weiß ich nicht, in Deutschland würde es jedoch unter heutigen Umständen nicht einmal zu einer ansatzweise vergleichbaren Vorlage kommen. Die Staatliche Unterdrückung einer oder aller Religion/en ist hierzulande undenkbar, weil verfassungswidrig(Art. 4 Grundgesetz), und wäre aufgrund historischer Erfahrungen sowieso als zwecklos zu werten.

Unabhängig also von meiner Einschätzung zum Mord – das Iranische Regime ist wohl eines der letzten, die es sich erlauben könnten, sich bei einem Thema wie diesem derart weit aus dem Fenster zu wagen. Dazu gibt es im Iran diesbezüglich zu viel, das noch auf eine Aufarbeitung wartet.

Die Äußerungen aus dem Iran sind eher als Missbrauch des Opfers zu politischen Zwecken zu werten, und zwar um – wie eingangs beschrieben – von innenpolitischen Problemen abzulenken. Ein Bärendienst an der Ursachensforschung zu diesem Vorfall.

Es bleibt ungeachtet der Kritik an den Äußerungen des Iranischen Regimes betont, dass (nicht nur) Deutschland, und (nicht nur) die Bevölkerung in Deutschland (nicht nur) aufgrund der historischen Verantwortung in der Pflicht stehen, bei Vorfällen wie dem Mord an Marwa E. unmissverständlich, laut und deutlich klar zu machen, dass es religiös oder anti-religiös begründete Morde – egal gegen welche Religion oder nicht-Religion gerichtet und egal mit welcher Religion oder nicht-Religion begründet – nie wieder geben darf. Und es muss auch in der Praxis sichtbarer werden, dass sich die Gesellschaft gemeinsam und entschieden gegen alle(!) Formen solcher Tendenzen in den Weg stellt.


NPD-Wähler ermordet schwangere Ägypterin mit 18 Messerstichen – warum?

Anfangs war in den Medien verhaltene Stille zu “hören”, doch nun reagiert auch die Politik.

Die Geschichte:
Jemand ersticht eine Ägypterin im Rahmen eines Verfahrens wegen Beleidigung. Der Mörder war der angeklagte, die ermordete war die Klägerin. In der Klage ging es darum, dass er sie Antiislamisch beleidigt hatte. Zunächst wurde er verurteilt, doch nach dem Urteil Als sie nun im Prozess als Zeugin auftreten wollte, erstach sie der Täter mit 18 Stichen, stach auch auf ihren Mann ein, vor den Augen ihres Sohnes. Die herbeieilende Polizei schoss zunächst dem zweiten Opfer – dem Mann der ermordeten Marwa E. – ins Bein, da sie annahm, er sei der Angreifer gewesen.

Woher der Hass?

Nun, hierzu ein paar Gedankengänge als Diskussionsbeitrag…

Wirklich Aufmerksam auf dieses Thema wurde ich durch diesen Beitrag beim Migazin.

Im Prinzip konzentrieren sich alle rechtsextremen Internetseiten(DAS Vernetzungsinstrument der rechtsextremen Szene) mehr oder weniger linear auf die Stigmatisierung von Ausländern und Menschen, die dafür gehalten werden als etwas minderwertiges. Auch bei PI-News tut man das, wobei man sich dort den vordergründigen Anstrich des bürgerlichen gibt, und sich scheinheilig “Islamkritiker” nennt, wobei aber schon längst auch in konservative Kreise vorgedrungen sein dürfte, dass dies Blendwerk ist, denn eine Auseinandersetzung mit dem Islam findet dort etwa auf der Ebene statt, auf der sich der “Stürmer” mit der jüdischen Religion auseinandersetzte.

Auf allen diesen rechtsextremen Seiten herrscht Einigkeit in einem Punkt vor: Für “Fremde”(Unterschiedlich definiert, mal sind es Türken, mal Moslems) gibt es nichts schöneres, als Brutalität, Mord und Totschlag über unsere schöne, harmonische, friedliche und unbefleckte deutsche/europäische Heimat zu bringen, die ja ohne Vorderasiaten soooo viel friedlicher und harmonievoller wäre.

Nachdem die rechtsextremen die Mehrheit der Juden aus dem Land gejagt bzw. ermordet haben, hatten sie lange nur den diffusen "Ausländer" als Feindbild, befinden sich aber mittlerweile – aufgrund der  fortschreitenden europäischen Integration – in der Phase der Konkretisierung. "Franzecke" hört man nur noch selten, "Itakas" werden in rechtsextremen Kreisen nun wieder Italiener genannt, und sind ganz plötzlich alle blendend integriert, “der Russe” ist seit den 1990ern ebenfalls nicht mehr der böseste, usw. Der schlimmste Feind des rechtsextremen ist heute "der Türke" bzw. der "Asiate", also alles ab Bosporus ostwärts.

Kein Rechtsextremismus?

Wundert es denn nicht, dass die schillerndsten Islamfeinde, die FPÖ (Auf der rassistischen Seite "PI-News" beworben) nun mit der DVU zusammenarbeitet?
http://npd-blog.info/2009/07/08/dvu-arbeitet-kunftig-mit-der-fpo-zusammen-und-der-npd/

Oder dass sich nun herausstellte, dass der Täter in diesem Falle ein NPD-Sympathisant war?
http://npd-blog.info/2009/07/09/rassistischer-mord-in-dresden-warnung-vor-islamophobie-tater-war-offenbar-npd-sympathisant/

Aber nein, rechtsextreme sind natürlich alles Islamfreunde und Israelhasser. Dem ist schon lange nicht mehr unbedingt so. Es gibt solche, aber es gibt sie auch mit umgedrehtem Vorzeichen. So einfach ist dies nicht abzutun.

Mir schrieb mal auf einem anderen Portal jemand(SVP-Wähler), dass europäische Juden für die politische rechte kaum noch ein Feindbild sein können, um größere Massen für ihre “Sache” mitzuziehen. "Dank Hitler", wie er meinte. Weiter fuhr er fort: "Bei Moslems ist das heute anders."

Was wollen die?

Rechtsextreme möchten eine völkische Neuausrichtung der Politik in Europa. Fakt ist auch, dass sie dafür bereit sind, auf einen gewaltsamen Umbruch hinzuarbeiten. Menschen sind aber nur dann für einen gewaltsamen Umbruch bereit, wenn sie ein klares, erkennbares Feindbild haben, von dem sie glauben, dass dieser "Feind"(die fremde, böse, minderwertige Kultur/Religion) es auch auf einen selbst abgesehen habe, man selbst oder die Gesellschaft (auf Nazideutsch: “Volksgemeinschaft”) also mittelbar oder unmittelbar in Gefahr sei. Genau daher weht der Wind auch bei den radikalen Islamhassern, und nicht anders sind NPD, DVU, PI, Altermedia, Pro-Köln, BNP, FPÖ usw. einzuordnen. Sie alle versuchen, Gewaltbereitschaft oder zumindest Hass zu schüren, indem sie durch einige propagandistische Tricks, z.B. Wiederholung von Lügen und Gerüchten oder das gezielte unterschlagen von wesentlichen Fakten, apokalyptische Szenarien in die Köpfe der Menschen setzen. Die daraus resultierende, bewusst geschürte Stimmung würde ich persönlich als “Vorbürgerkriegsstimmung” bezeichnen. Welche wirtschaftspolitischen Forderungen die einzelnen Strömungen dabei stellen, ist erstmal unerheblich – im Rahmen der “rechten Volksfront”. Rassismus ist der Punkt, und heute sind sich alle rechten Lager beim Feindbild einig: “Der Moslem ist unser Unglück”. Lediglich Neonazis bezeichnen unsere pluralistische Gesellschaft teilweise noch als “Morgenthaus Rache”.

Kein Rassismus?

Der Moslem? – “naja, das kann ja kein Rassismus sein, der Islam ist ja nur eine Religion” würde der eine oder andere konservative beschwichtigend meinen – aber wie war es denn früher? Wurzelte der antisemitische Horror der Nazizeit nicht in einer theologisch begründeten Feindzähligkeit, der dann lediglich noch die Rassentheorie übergestülpt wurde? Gehörten Juden denn nicht auch zu den ersten Opfern der Kreuzzüge? Das Rad des Europäischen Antisemitismus drehte schon viele hunderte Jahre, aber es wurde immer wieder ausgebremst. Als die Nazis an die Macht kamen, motorisierten sie dieses Rad und bauten die Bremsen ab.

Der Grund hierfür: Der Gedanke der “Volksgemeinschaft” – ein philosophisches Konstrukt der Nationalsozialisten, nach dem “das Volk” als “Organismus” nur als kulturell und biologisch homogene Masse lebensfähig sei. Jede dauerhafte Anwesenheit “Rassefremder” oder “Kulturfremder” wurde nur so lange toleriert, solange die “Volksgemeinschaft” homogen bleibt, und “die Fremden” weniger Rechte haben und ausgegrenzt sind. So geschah es dann auch, dass Juden nach und nach entrechtet wurden. Begründet wurde dies immer wieder sowohl mit rassistischer Propaganda, aber auch mit angeblichen kulturellen Defiziten des Judentums.

Damals und heute – keine Parallelen?

Wo finden sich solche Gedanken in der heutigen Zeit wieder, in der der Anteil der Juden in Europa vergleichsweise gering ist? Heute steht dieser rechtsextremen Ideologie, der “Volksgemeinschaft”, die Anwesenheit erkennbarer Moscheen(damals: Synagogen) entgegen, sowie die Praxis der Religion. Heute ist das Kopftuch irgendwie “fremd”, damals war es die Kippa. Damals waren es jüdische Viertel(man sprach damals von “Parallelgesellschaft”), heute sind es Viertel mit muslimischer Mehrheit. Parallelen ließen sich sicher endlos fortsetzen. Ein Äquivalent zum Holocaust gibt es glücklicherweise nicht, und das wird die Gesellschaft mit Sicherheit auch zu verhindern wissen, denn eines weiß man sicher: Eine dritte Chance wird zumindest Deutschland nicht mehr bekommen.

Der wirklich einzige radikale Unterschied zwischen der Vor-Nazizeit und heute ist der, so scheint es mir, dass die rechtsextremen(außer den Neo-Nationalsozialisten) heute nicht mehr behaupten, eine Kultur sei genetisch veranlagt.

Erfreulich ist aber eines: Rechtsextreme haben es so schwer in der Gesellschaft, dass sie ins Internet ausweichen müssen, um ihrem Hass im Schutze der Anonymität freien Lauf lassen zu können.
Unerfreulich hierbei ist es, dass sie auf diesem Wege recht intensiv daran arbeiten, noch unpolitisierten Jugendlichen unterschiedliche Versatzstücke der rechtsextremen Ideologie nahezubringen, und hierbei offenbar auch Erfolge verzeichnen können. Dabei fischen PI-News, NPD, DVU, Altermedia usw. im selben Gewässer und zusätzlich in jeweils exklusiven Gewässern, und fordern Anhänger auf, den Menschen “die Wahrheit”(besser: das, was sie dafür halten) zu zeigen. Das heißt: Sie alle fordern dazu auf, das Web 2.0(dort halten sich besonders viele “formbare” Jugendliche auf) mit Propaganda zu füllen.

Jedoch führen diese von solchen Internetseiten vermittelten politischen “Sichtweisen”(ob man da von “sehen” sprechen kann?) die Menschen nicht zu einer demokratischen Kultur hin, sondern zu einer auf Ablehnung, Herabsetzung und völkischem Egoismus basierten Hasskultur, deren extremste Auswirkung sich heuer nicht nur, aber auch am 01.07.2009 in Dresden zeigte.

Ausführlichere Informationen zu diesem Mordfall:

http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/meldungen/mord-in-dresden-aus-antiislamischer-motivation/

http://npd-blog.info/2009/07/09/rassistischer-mord-in-dresden-warnung-vor-islamophobie-tater-war-offenbar-npd-sympathisant/

http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/marwa-e-ermordet-aus-rassismus-und-islamfeindlichkeit-1114

http://www.migazin.de/2009/07/08/muslime-als-zielobjekt-rassistischer-gewalt/

Und hier Informationen zu Hass im Internet(via Fareus):


Rechtsextreme Morde seit der Wende

Seit 1990 sind über 140 Menschen aufgrund rechtsextremer Motivation ums Leben gekommen.

Quellen:

http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/chronik-der-gewalt/todesopfer/
und
http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextreme-morde-2008-375