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Nazis im WM-Fieber

image Ein interessanter Artikel bei der Zeit zeigt auf, warum man auch den “Partyotismus” während Europa- und Weltmeisterschaften nicht unkritisch betrachten sollte. Hier stark gekürzt.

[…] im Schatten des sanften Fußballpatriotismus der Massen tummeln sich auch etliche Neonazis. Kurz vor dem Halbfinalspiel gegen Spanien zeigten Rechtsradikale auf der Berliner Fanmeile den Hitlergruß und grölten rechte Parolen. Vier Personen nahm die Polizei fest.

[…]Etwa Eineinviertelstunden nachdem der gläubige Moslem Mesut Özil in Johannesburg seine Hände mit den Handflächen nach oben zu einem kurzen Gebet vor den schmächtigen Oberkörper hielt, sorgt er für Jubel – unter Reichskriegsfahnen. Dank seines Tores zum 1:0 gegen Ghana ist Deutschland weiter. Darüber freuen sich auch die Gäste in einem Lokal im niedersächsischen Haste, wo eine solche Fahne – das Ersatzsymbol der verbotenen Hakenkreuzfahne – zur selbstverständlichen Dekoration beim Public Viewing gehört. […]

[…]Und auch auf der Wuppertaler Fanmeile stören sich die Besucher nicht an der Reichskriegsfahne, die am Tag von Özils Kunstschuss über ihre Köpfe weht. Schließlich strömen die Neonazis an anderen Tagen auch zu den Heimspielen des örtlichen Drittligisten.

"Die breiten sich besonders dort aus, wo Rechtsextremismus von der übrigen Bevölkerung als normal angesehen wird", stellte der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer im vergangenen Jahr in einer Studie fest[…]

Im anonymen Klima des Massenphänomens Fußball fühlen sich Rechtsextreme wohl.[…]

[…]auf der Fanmeile am Frankfurter Roßmarkt, wo ein Mann (nach dem Hinweis eines Journalisten) von der Polizei festgenommen wurde, weil er sich ein Hakenkreuz auf den Körper gemalt hatte. Niemand hatte sich zuvor an der eigenwilligen Körperbemalung gestoßen. Auch nicht an dem Hitlergruß, den eine Gruppe einschlägig bekannter jugendlicher Neonazis beim Public Viewing zum Viertelfinalspiel Deutschland-Argentinien in der Frankfurter Commerzbank-Arena vorführte. Die wenigsten dieser Vorfälle werden publik.

In Witten wurde dieser Gruß unter den Zuschauern des ersten Deutschlandspiels gegen Australien in einem Kulturzentrum zum Thema[…]

In der Nachbarstadt Dortmund […] waren es mutmaßlich die Spezialisten des Staatsschutzes, die bei der Übertragung des Auftaktspiels der Deutschen in Südafrika eine Gruppe von Neonazis in offen neonazistischer Symbolik auf dem zentralen Fanfest ausmachte.[…] Bereitschaftspolizisten holten die Neonazis aus der Menge. Der Einsatz verlief fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Zuvor schon hatten private Sicherheitsleute fast 30 äußerlich erkennbaren Neonazis den Einlass verwehrt.[…]

Das Problem seien aber vor allem jene Rechtsextremisten, die nicht gleich als solche erkennbar sind, und die anonyme Masse für ihre Agitation nutzen[…]

(Fettdruck von mir)

Man mag sich fragen, wie das zusammengeht – Ein Deutschlandbild mit Schwarz-Rot-Gold und Multikulti-Mannschaft auf der einen Seite, Nationalsozialismus auf der anderen. Man mag bei inhaltlich genauerer Betrachtung feststellen, dass dies eigentlich nicht zusammengehen kann und das Auftreten der Nazis als Dummheit betiteln. Ist es aber nicht.

Nazis wollen ein rassistisch definiertes Kollektiv, die “Volksgemeinschaft”, im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sehen. Als Schritt in diese Richtung sehen sie die Selbstverständlichkeit einer auf sämtlichen Medienkanälen ausgestrahlten und propagierten WM-“Deutschlandgemeinschaft” überaus positiv, denn an einem mit Nationalsymbolen verbundenen “Wir-Gefühl” können sie anknüpfen. Das möchten sie gefestigt sehen.

Das machen sie allerdings nicht nur mit provokanten Nazisymbolen und Hitlergrüßen, wogegen selbstverständlich konsequent vorgegangen werden muss. Das Auftauchen dieser Symbole zeigt vor allem an, dass Nazis in diesem Zusammenhang aktiv sind, dieser Bereich demnach größerer Aufmerksamkeit bedarf. Denn dort, wo Nazis Anknüpfungspunkte vorfinden, sind sie mit weitergehender politischer Überzeugungsarbeit beschäftigt.

Zu beachten und auszugrenzen sind hierbei nicht nur die Hakenkreuznazis. Diese kann man der Polizei melden, die sich darum kümmert. Gefährlicher sind die Schlipsnazis mit gewählterer Ausdrucksweise, die inhaltlich Stück für Stück vorzupreschen versuchen. Für ein “Bekenntnis zu Deutschland” müssen sie in solchen Partyzusammenhängen schon nicht mehr werben. Es dürfte ihnen darauf aufbauend um andere Fragen gehen, z.B.: Wie weit geht dieses Bekenntnis im Einzelfall? Ist es oberflächlicher Art und unreflektiert, kann es mit Inhalten “befüllt” werden: Was ist Deutschland, wer sind die Deutschen – und wer nicht? Und natürlich darf der Appell nicht fehlen, die Deutschlandfahnen nach der WM einfach hängen zu lassen. Wenn sie im Einzelfall nicht auf Zustimmung stoßen, werben sie dafür, den Meinungsfreiheitsbegriff in antidemokratischer Weise zu überdehnen.

Das ist die Gefahr, die sich ergeben kann. Allerdings sollte man sie nicht überbewerten. Im Backview wird meiner Haltung nach zurecht angedeutet, dass das Fähnchengeschwenke, das im Jahre 2006 begann, und seitdem bei jedem Anlass wieder anspringt, so schnell nicht aufhören wird:

Und so hat es sich seit der WM 2006 damit, dass die Fahnen wieder ausgepackt werden und die Deutschen kurzfristig zu Schulterklopfern werden – etwa wenn „wir" den Literaturnobelpreis oder „wir" den Eurovision Song Contest gewinnen. Und natürlich zu sämtlichen sportlichen Events wie den Olympischen Spielen, wenn wir unsere vorübergehenden Nationalhelden wie Britta Steffen, Fabian Hambüchen, Matthias Steiner, Paul Biedermann, Magdalena Neuer und Maria Riesch feiern. Oder die Dauerbrenner Fußball, Formel 1, Handball und seit diesem Jahr auch Eishockey.

Es wird wohl noch ein wenig abnehmen, der Hype zur Fußball WM 2006 kann in naher Zukunft nicht überboten werden. Aber er wird auch nicht wieder ganz verschwinden. Die Fahnen werden regelmäßig rausgeholt – denn immerhin hat inzwischen wenigstens fast jeder Haushalt eine Flagge.

Soziologen der FU-Berlin hatten zudem in der FAZ interessantes zu sagen:

Doch alle diejenigen, die ein durch Fußball ausgelöstes neues nationales Selbstbewusstsein befürchten, kann man beruhigen. Der Fußballpatriotismus der Deutschen bleibt weitgehend auf den Fußball selbst bezogen und färbt nur wenig auf den Nationalstolz ab. Vor allem verpufft er, wenn die Party vorbei ist. Das gilt selbst dann, wenn die Bedingungen für einen Transfer von Fußballstolz auf Nationalstolz überaus günstig sind, wie das bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren der Fall war: Die deutsche Mannschaft spielte ähnlich wie bei der jetzigen WM nicht nur erfolgreich, sondern auch forsch und offensiv und schön zum Zuschauen. Das Wetter spielte mit und die ganze Welt war mit dem die WM ausrichtenden Land mehr als zufrieden.

Und wie wirkte sich das Fußballsommermärchen auf das Nationalbewusstsein der Deutschen aus? Eine Auswertung einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die vor, während und nach der WM 2006 durchgeführte wurde, gibt Auskunft auf diese Frage. Mit dem Verlauf der WM und dem Erfolg der deutschen Mannschaft stieg auch der Anteil derer, die sagten, sie seien stolz Deutsche zu sein; und kurz nach dem dramatischen Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien erreichte der Wert den Höhepunkt.

Aber nur wenige Wochen später, die Mannschaften waren abgereist, die Zelte abgebaut und die Fähnchen entsorgt, senkte sich auch der Patriotismuspegel. Im August 2006 waren die Deutschen wieder so stolz auf sich selbst wie vor der WM. Nichts hatte sich verändert. Und im internationalen Vergleich ist der Nationalstolz der Deutschen auch weiterhin deutlich unterdurchschnittlich. Der lange Schatten der Geschichte lässt sich durch einen kurzen Sommer der Fußballeuphorie nicht beeindrucken.

Beim Partypatriotismus lassen sich also zwei Dinge feststellen, die sich in absehbarer Zeit nicht ändern werden. Erstens: Er kehrt zyklisch wieder. Zweitens: Sobald er anspringt, versuchen Nationalisten auf unterschiedliche Weise, mit ihren Themen anzuknüpfen.

Ich habe kein Problem damit, wenn Leute dem mit einer antinationalen Positionierung begegnen, sehe darin allerdings keinen anderen Effekt, als den einer Warnung vor Nationalismus. Das ist völlig legitim und meiner Meinung nach auch wichtig.

Man verhindert damit jedoch nicht diesen real existierenden zyklischen Partyotismus(dämmt ihn aber vielleicht von mal zu mal ein) und dass Nazis versuchen, ihn mit politischem Inhalt zu füllen. Letzterem kann und muss man jedoch effektiv begegnen, zum Beispiel indem von vornherein der Anlass mit Inhalten verknüpft werden, die denen der Nazis völlig widersprechen.

WM2006: Say no to racism

Derlei Verknüpfungen gilt es zu betonen. Die 2010er Mannschaft von Joachim Löw, bestehend aus Deutschen mit Bezug zu Polen, der Türkei, Ghana, Nigeria, Tunesien, Brasilien, Bosnien-Herzegowina und Spanien war diesbezüglich ein noch deutlicheres Signal, das seine Wirkung nicht verfehlte. Tatsächlich hatten Autonome ebenfalls (indirekt) in diese Richtung gewirkt, als sie nämlich in Berlin auf Deutschlandfahnenjagd gingen. Hierdurch schaffte es die Information in die Presse(und somit in die Dörfer), dass gar nicht so wenige Zuwanderer gerne dabei sind, wenn deutsche Fähnchen geschwungen werden. Über beides wurde geredet, und durch beides wurde der Temporär-Patriotismus mit einem Inhalt gefüllt, der überzeugte Nazis anwidert: Dieses Land ist multikulturell und multiethnisch – und das ist gut so!

Auf diese Weise kann Rassismus Stück für Stück aus dem Deutschlandselbstbild herausexorziert werden. Die Gelegenheit ist günstig, denn ewig wird dieser Partypatriotismus nicht anhalten. Er war 2008 schlapper als 2006, und 2010 schlapper als 2008.

Ich für meinen Teil halte es so, wie man es sonst auch beim Fußbal hält: Muss man als Leipziger unbedingt Lokfan sein, oder als Dresdener ein Dynamofan? Ich persönlich fände St. Pauli deutlich attraktiver. Aus ähnlichen Gründen kann man in der WM eine andere Mannschaft als die von Löw anfeuern. Muss ich die deutsche Mannschaft anfeuern, nur weil ich in Deutschland lebe? Nö. Die Spanische Mannschaft spielt definitiv den besseren Fußball – und wird Weltmeister. Olé!

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Neonaziaufmarsch am 1. Mai in Hannover

image Dass Neonazis den Tag der Arbeit für sich umfunktionieren wollen, ist nichts neues. Nach der Machtübernahme deren geistiger Großväter wurde der erste Mai zum gesetzlichen Feiertag erklärt und zum “Tag der nationalen Arbeit” umbenannt. Die Absicht der Nationalsozialisten war es, die Deutungshoheit über diesen Tag zu übernehmen, um somit u.a. den “politische Feind”, in Form der Internationalen Arbeiterbewegung, zu schwächen bzw. seine Anhängerschaft abzuwerben. Die Ausgestaltung dieses Feiertags war dann von Nationalsozialistischer Ideologie durchsetzt.

Genaueres hierzu bei DHM und beim NPD-Blog in einem Artikel des Historikers Erich Pieper.

Auch heutzutage versuchen Neonazis wieder, den ersten Mai medienwirksam für sich zu vereinnahmen, jedoch auf eine andere Weise. Durch Gewalttätige Randale und Skandalreden versuchen sie, Schritt für Schritt eine regelmäßige Medienpräsenz zu erreichen, um das fortbestehen Nationalsozialistischer Ideologie im Bewusstsein der Bevölkerung  zu verankern. Hierzu dienen ihnen zu allererst Großdemonstrationen. Sei es das “Heldengedenken” in Dresden, Rudolf-Heß-“Gedenkmärsche” oder seit einigen Jahren auch der erste Mai. So auch am 1. Mai 2008, als die Fernsehberichterstattung den Gewaltexzessen der Neonazis tagelang eine beachtliche Aufmerksamkeit schenkte, und ganze Stoßtrupps von PC-Nazis Kommentarbereiche von Zeitungen, Internetforen und YouTube-Videos mit ihren hämischen Inhalten überfluteten.

Ziel dieser Strategie ist es, den Tag der Arbeit im Bewusstsein (zumindest eines Teils) der Bevölkerung mit den Naziaufmärschen zu assoziieren.

Im Jahre 2009 wollen Nazis offenbar am aus deren Sicht medialen Erfolg von 2008 anknüpfen. Körperliche Gewalt gehört für Nazis mittlerweile zum Standardwerkzeug gerade auf größeren Demonstrationen.

Der TAZ gab ende 2008 ein Neonazi-Aussteiger ein lesenswertes Interview. Es schloss mit folgendem Satz ab:

Er möchte warnen, auch vor dem 1. Mai-Aufmarsch der Rechtsextremen in Hannover 2009: "Hamburg war eine Initialzündung, Hannover soll DER Event für die Kameraden werden."

Zur Zeit findet ein Hick-Hack um diese Demonstration in Hannover statt. Kirchen, DGB und Antifaschistische Bündnisse aus ganz Deutschland rufen zu Gegendemonstrationen auf, Das Hannoversche Polizeipräsidium verbietet den Naziaufmarsch, Nazis versuchen, das Verbot zu unterlaufen, CDU und FDP halten sich aus allem heraus, und Nazis versuchen, gerichtlich gegen das Verbot vorzugehen.

Es bleibt also spannend, und für Presserummel für den ersten Mai ist definitiv gesorgt, denn zum einen finden auch Naziaufmärsche in anderen Städten statt, und zum anderen werden in Berlin ebenfalls Ausschreitungen erwartet – jedoch nicht von rechts. Berlin blickt auf eine “lange Tradition” von Krawallen am ersten Mai zurück.

Kurzum wohl die passendste Parole für diesen Tag:
Erster Mai – Tag der Arbeit – für die Polizei.

Lesenswert: Die Geschichte des ersten Mai

Nachtrag: Der Aufmarsch ist unanfechtbar verboten