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“Ist jetzt das gute Image des Nationalsozialismus futsch?”

Das Faktenmagazin Postillon schreibt:

Nachdem Nazis jahrzehntelang als freundliche, zuvorkommende und sympathische Zeitgenossen galten, lassen die zehn Morde des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) erste Zweifel an der bislang als harmlos eingestuften Ideologie aufkommen.
„Dass Islamisten gefährlich sind und Linksextremisten Autos anzünden, war uns bekannt“, erklärte Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) heute bei einer Pressekonferenz. „Aber dass ausgerechnet Nazis imstande sind, Gewalttaten bis hin zum Mord zu verüben, damit konnte nun wirklich niemand rechnen.“

Weiterlesen…

Die ernsthaften Hintergründe dazu gibt es hier. Saubande.

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Die NPD Sachsen-Anhalt

Eine recht informative Beschreibung des Zustands der NPD-SA bietet diese Doku:


eMails der NPD geleakt

Wie der NPD-Blog berichtet, sind ca. 60.000 eMails der NPD im Umlauf.

Mittlerweile liegen mehr als 60.000 Emails aus den vergangenen Monaten vor, unter anderem wurde NPD-BLOG.INFO, die tageszeitung, Der Spiegel, Der Standard, die Jungle World sowie Der Freitag mit Informationen versorgt. Zudem ging das Material auch an mehrere Initiativen, welche sich inhaltlich mit der Neonazi-Partei beschäftigen. Wegen der Vielzahl der Daten wird die Auswertung noch dauern. Die NPD wollte sich auf Anfrage von tagesschau.de nicht zu dem Inhalt des Materials äußern.

In Nazikreisen versucht man nun, zu beschwichtigen, darin stände nichts ungewöhnliches, schon überhaupt nichts interessantes. Aber das will sicherlich jede Person für sich selbst entscheiden.

Ein paar der Mails können schon bei der taz gelesen werden. Offenbar wird hierbei auch auf den Schutz von Persönlichkeitsrechten geachtet. eMail-Adressen und Namen von Einzelpersonen scheinen oftmals geschwärzt worden zu sein.

Es findet sich auch ziemlich krasser Nazishit in einigen Mails, was aber anderorts behandelt wird. Hier soll es um das ulkige gehen. Da finden sich nämlich auch Dinge wie(20 Jan 2011):

wir haben immer noch keinen „Mann“ fÃr Rxxx als Darsteller des
wegreisenden Ehemannes. Der muss am Sonntag zur VerfÃgung stehen.Â
30-40 Jahre, vorzeigbar.

Die NPD hat also Schwierigkeiten, für ein Wahlpropagandavideo einen “vorzeigbaren” Mann zwischen 30 und 40 zu finden, und es sei dringend – der Landesvorstand sieht sich jedoch außer Stande, bei diesem Problem zu helfen.

Die Frauenorganisation der Nazis hatte solche “Personalprobleme” anders gelöst:

Der RNF hat über die PZ mal ein Familienbild kaufen lassen

 

Auch eine Nachricht, die über das Online-Kontaktformular eingereicht wurde, ist interessant(21 Jan 2011):

Bitte hören Sie auf, unaufgefordert Ihre Wahlwerbung in Briefkästen, die deutlich mit \“Bitte keine Werbung\“ gekennzeichnet sind, einzuwerfen!

Man erfährt auch, dass der Pressesprecher(!) des NPD-Landesverbandes Bayern den Unterschied zwischen “weis” und “weiß” nicht kennt.

Auf weiteren Ulk darf man gespannt sein. Ansonsten: Hier geht’s weiter.


Ein interessantes Buch

Hier beim Deutschlandfunk ist alles zu lesen. Es dürfte interessante Einblicke geben.

Drei Abschnitte zum Zitat:

„Die haben uns das ja sogar gesagt, ganz offen, in Ostdeutschland begegnen sie einer viel größeren Toleranz für ihr Gedankengut als in Westdeutschland. Und es ist offenbar einfacher politisch erfolgreich zu sein als Rechtsextremer, wenn man nach Ostdeutschland geht als wenn man das im Westen versucht. Das ist, glaube ich, die ganz einfache Erklärung dafür, warum es da so einen Braindrain, wenn man’s so nennen will, nach Osten gibt.“

(…)

Doch auch im Westen des Landes äußert sich rechtes Gedankengut unverblümt. „Politically Incorrect“ heißt eine Internetplattform, die der Kölner Stefan Herre betreibt. Dort schlägt Islamismuskritik à la Thilo Sarrazin um in offenen Rassismus und Gewaltfantasien. Christoph Schultheis:

„Das, was man klassischen Rechtsextremismus nennen will, der hat sicher diesen Zug nach Ostdeutschland. Man muss aber gleichzeitig sehen, dass sich im Westen über diese Islamkritik, Anti-Moschee-Organisation etc., dass sich da sozusagen auch eine neue Art von extremen rechten Milieus bildet. Nicht zuletzt sieht man das ja an Sarrazin, die positive Wahrnehmung von seinen Thesen findet eher im Westen statt als in Ostdeutschland.“

(…)

In ihren Texten halten sich Astrid Geisler und Christoph Schultheis mit Meinungsbekundungen zurück. Sie verzichten auf erhobene Zeigefinger und setzen der hysterischen Medienberichterstattung, der sie sich in einem Kapitel ausführlich widmen, auf angenehme Weise Gelassenheit entgegen. Wichtiger als der schlagzeilenträchtige Skandal ist es dort hinzuschauen, wo unsere Welt in doppeltem Sinne „heil“ ist, rechtes Denken also längst zum Alltag gehört. Das ist die Botschaft dieses lesenswerten Buches.


Rechtsextremismus im Jahre 2011

Dieser Film zeigt, dass der Rechtsextremismus Osteuropäischen Typs mittlerweile auch in den Westen vordringt.

Rechtsextremismus heute

Primäres Ziel scheint es hier zu sein, Antifaschisten durch Drohungen und Gewalt einzuschüchtern.

Tendenzen innerhalb der scheinbar “demokratischen Mitte”, die Gefahr des Rechtsextremismus zu marginalisieren oder gar zu leugnen, und zugleich sogar Teile des Rechten Diskurses zu Eigen zu machen, wirken dieser Entwicklung nicht gerade entgegen.

Die Gewaltbereitschaft des Rechtsextremismus ist kein isoliert zu betrachtendes Problem, sondern die Folge rechter Einstellungen auch innerhalb der Gesellschaft. Das surreale Verlangen nach z.B. “Volksgemeinschaft” und einem “positiven deutschen Nationalgefühl” unter “Ausschlus von Fremden” sowie Phobien wie “Volkstod”, “Überfremdung”, usw. sind es, die aus sich selbst heraus gewaltfördernd wirken, da sie in ihrer Konsequenz nicht ohne einen positiven Bezug auf die gewalttätigen Kapitel der deutschen Geschichte auskommen können.

Werden also die Ideologeme rechter Kombination “in die Mitte geholt” (wie z.B. in “Deutschland schafft sich ab”), und so ein gewichtiger Teil des rechtsextremen Diskurses in den Salon getragen, dann werden zugleich auch die Gewalttäter in den legitimierenden Schoß der Mitte verfrachtet. Ihr tun wird dann nicht vom Inhalt her als Problem angesehen, sondern nur noch von der Form her als “über die strenge geschlagen” eingeschätzt. Gewalt werde nicht befürwortet, aber die Opfer seien ja auch nicht ohne. Ein Signal also an alle jugendlich-rebellisch agierenden Gruppierungen, dass sie nach all den Demonstrationen gegen Moscheen, nach all den Umfragen zu Minaretten, usw. zumindest inhaltlich konform gehen. So können auch die sieben Brandanschläge auf Moscheen in der jüngsten Zeit – alleine in Berlin – eingeordnet werden.

Beim Pogrom von Rostock-Lichtenhagen wirkten Neonazis, was die “letzte Konsequenz” angeht, federführend. Sie stützten sich dabei inhaltlich auf den damals gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs über eine “Asylantenschwemme”, dem der heutige sarrazinische Diskurs funktionell nicht unähnlich ist. Während also in den Zeitungen und von der Politik munter gegen die Opfer aufgehetzt wurde, war man sich in der Sache auch mit den Gewalttätern einig. Die Wahl der Mittel war es, die scheinheilig kritisiert wurde. Nicht das Ziel. Das wurde nämlich anschließend von der Politik konsequent weiter verfolgt. Natürlich “im Namen der Sicherheit”.

Man sollte also begreifen, was war, um zu begreifen, was ist. Um zu begreifen, was war, gibt es kaum besseres, als diesen Artikel des Spiegel von 1992.


137 Todesopfer rechter Gewalt

Von 1990 bis heute haben nach Recherchen des Tagesspiegels und der „Zeit“ mindestens 137 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Die Polizei führt lediglich 47 Tote in ihrer Statistik. Ein Themenschwerpunkt.

Der Tagesspiegel hat sich die Mühe gemacht, die Geschichten hinter den Namen zu recherchieren.

via Tödlicher Hass: 137 Todesopfer rechter Gewalt – Rechtsextremismus – Politik – Tagesspiegel.


Radiobeitrag: Die „Sarrazinierung“ der NPD

Quelle: Deutschlandfunk(Script) (mp3)
Länge: ca. 5 Minuten


Kleiner Rückblick – und ein Ausblick

Einfach mal (unvollständig) Revue passieren lassen, was es so alles in den letzten Jahren hergegeben hat.

  • August/September 2009:
    Sarrazin(SPD) beschließt in einem Lettre-Interview, dass ein Anteil von 70% der Berliner Türken und 90% der Berliner Araber “vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert”, und dass er diese Menschen nicht anerkennt. Eine hitzige öffentliche Debatte wird ausgelöst, die NPD gratuliert.
  • 27. September 2009:
    Die Bevölkerung Deutschlands wählte eine Regierung ohne linken Anteil, das Wahlergebnis der SPD ist auf ein historisches Tief gesunken.
  • Oktober 2009:
    Alle jubeln (Okay, “nur” 51%)
  • Dezember 2009:
    Die neue Familienministerin will Mittel gegen Rechtsextremismus kürzen

 

Wie passt all das dazu, dass die Grünen einen Rekordwert nach dem anderen jagen? Es ist ein Kuriosum. Möglicherweise sitzt die Angst ja im Grunde genommen ganz woanders, und zugleich wird gesehen, dass diese Ängste bei den Grünen praktisch nicht vorhanden sind – und das, obwohl sie wissen, wovon sie reden? Ich würde sagen, gerade weil sie wissen, wovon sie reden. Das gilt natürlich in gleichem Maße für Teile der anderen Parteien – aber bei den Grünen ist dies eben besonders ausgeprägt.

Die Rechten hingegen machen den Leuten Angst. Nicht nur deshalb, weil sie unbescholtene Bürger für Schaudergeschichten verantwortlich machen, und das Armageddon prophezeien, wie Thriller- oder Endzeitfilmkonsumenten es sowieso lieben – sondern weil die Rechten selbst Angst haben. Tiefsitzende Angst, die man – so sehr sie auch versuchen, diese durch Aggressivität zu überdecken, erkennen kann. Deshalb wählt sie niemand. Wer will schon Angsthasen im Parlament sehen? Oder Aggressive?

Keine Angst zu haben, sondern Respekt(im anerkennenden Sinne), würdegebend, einbindend, mit klar erkennbarer Kante – das sieht in meinen Augen so aus und erlaubt Aussagen wie:

Es muss einen Grundbestand an geteilten Überzeugungen und Grundwerten geben, der die Gesellschaft zusammenhält und Integration leitet. Es geht nicht darum, nur auf Paragraphen zu verweisen. So ist die Kenntnis der deutschen Sprache von grundlegender Bedeutung, da sonst eine  Beteiligung am öffentlichen Leben und an der demokratischen Bearbeitung von Konflikten auf Augenhöhe kaum möglich ist. Doch müssen diese geteilten Überzeugungen explizit aus den universellen Werten der Menschenrechte, verkörpert in unserem Grundgesetz, abgeleitet werden und nicht aus einer nebulösen deutschen Leitkultur. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau  ist für uns nichts spezifisch deutsches – sie gilt für uns universell.

(…)

Weder reduzieren wir Menschen auf ihre Herkunft, Religion und Weltanschauung, noch dulden wir einen kulturellen Relativismus, der die Menschenrechte in Frage stellt.

(…)

Das „Aushalten“ von Verschiedenheit im Rahmen der Menschenrechte gehört zum Repertoire einer modernen Gesellschaft. Gelingen kann das Zusammenleben jedoch nur, wenn sowohl bei Menschen deutscher als auch nicht-deutscher Herkunft die Bereitschaft zur Verständigung und Veränderung vorhanden ist. EinwandererInnen betrifft dies in noch höherem Maße, da sie sich durch die Ankunft in einer neuen Gesellschaft größeren Veränderungen stellen müssen.

(…)

Ferner fühlt sich wohl nur ein Viertel der in Deutschland lebenden Muslime von den vier großen islamischen Verbänden überhaupt vertreten, daneben gibt es die große Mehrheit unabhängiger Muslime.

(…)

Es gibt aber auch ein sozial und kulturell isoliertes Milieu, in dem patriarchalische Werte vermittelt und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen missachtet werden, in dem Menschen anderer Herkunft und Religion feindselig begegnet wird. Damit können und wollen wir uns nicht abfinden. Es muss klar sein: Wer selbstbestimmt hier leben will, muss auch anderen das Grundrecht auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit zugestehen, gleich, ob es sich um die eigene Tochter oder den schwulen Nachbarn handelt. Bei der Akzeptanz der Grundrechte und der Freiheit anderer gibt es für uns Grüne keinen kulturellen Rabatt.

Und so weiter. Es empfiehlt sich natürlich, den gesamten Antrag zu lesen, um das zitierte nicht misszuverstehen. Hier übrigens die Antragssteller:

AntragsstellerInnen: Cem Özdemir (KV Stuttgart), Tarek Al-Wazir (KV Offenbach-Stadt), Josef Winkler (KV Rhein-Lahn), Memet Kilic (KV Pforzheim/Enzkreis), Omid Nouripour (KV Frankfurt am Main), Ekin Deligöz (KV Neu-Ulm), Jerzy Montag (KV München Stadt), Mürvet Öztürk (KV Lahn-Dill), Ramona Pop (KV Berlin-Mitte), Özcan Mutlu (KV Friedrichshain-Kreuzberg), Zahra Mohammadzadeh (KV Bremen-Ost), Arif Ünal (KV Köln), Mustafa Kemal Öztürk (KV Bremen Mitte/östliche Vorstadt), Filiz Polat (KV Osnabrück Land), Dr. Nargess Eskandari-Grünberg (KV Frankfurt am Main), Dany Cohn-Bendit (KV Frankfurt am Main), Milan Horacek (KV Frankfurt am Main), Ario Ebrahimpour Mirzaie (KV Friedrichshain-Kreuzberg), Ali Mahdjoubi (KV Charlottenburg-Wilmersdorf Berlin), Hasret Karacuban (KV Köln) u.a.


Radiobeitrag über Autonome Nationalisten

Ein durchweg sehr hörenswerter Radiobeitrag über Autonomnazis, wie sie sich verhalten, und wie sie „Politik“ machen.

Dauer: Ca. 40 Minuten
Quelle: 1Live
Via: Klarmann


Vom Umgang mit den Sarrazins

Thilo Sarrazin ist sicherlich kein Nazi. Er ist ein Sozialdemokrat, der als Volkswirtschaftler denkt – und damit auf "Einzelschicksale" keine besondere Rücksicht nimmt. Diesbezügliche Detailarbeit würde er wohl dem linken SPD-Flügel oder einem Koalitionsapartner überlassen. Er ist auch bei der FDP nicht gut aufgehoben – dafür denkt er zu etatistisch. Im Grunde genommen entspricht seine Haltung auch nicht der der NPD – Sarrazin geht es auch um Integration, er hebt beispielsweise die Integrationserfolge der Pakistanis und Inder in Großbrittannien lobend hervor. Ein Gradmesser für Integration ist für ihn jedoch auch die Zahl der zwischen-ethnischen Ehen: Je größer diese Zahl ist, desto weniger Probleme sieht Sarrazin – dies ist das exakte Gegenteil zur Haltung der NPD. Für diese ist es erstrebenswert, dass diese Zahl möglichst auf null zurückgeht. Dafür schlagen sie beispielsweise rein türkische Schulen und getrennte Sozialversicherungssysteme vor – als schrittweise, systematische Ausgrenzung. Außerdem befürwortet die NPD alles, was “positiv die Integration bremst”. Dazu gehört auch die Betonung seitens der Nazis, der Orthodoxe Islam sei der einzig richtige. Denn in der Tat ist dieser am schwierigsten zu integrieren. Integration lehnen die Rechten schließlich ab, daher befürworten sie alle Arten von “Bremsen”.

Es ist also weder sachlich korrekt noch wirklich hilfreich, Sarrazin als Nazi zu betiteln. Dies verkürzt und verdreht, und wird der Sache nicht wirklich gerecht. Problematisch ist sein Diskursansatz dennoch. Sozialdarwinistisch durch und durch, in Teilen auch rassistisch und mit völkischen Elementen gespickt. Sollte es keine deutlichen Widerworte von Experten geben, wenn ein dermaßen beachteter Mensch den Wert von Zuwanderung auch am genetischen Faktor bemisst, könnten sich diese Denkansätze in der Gesellschaft etablieren. Das Problem mit diesem Ansatz ist die Unveränderbarkeit von Genen und die Gefahr der Kollektivisierung und somit Rassifizierung des Integrationsdiskurses: Gesellschaftliche Probleme würden so zu etwas unveränderlichem. Würde der gesellschaftliche Diskurs auf dieser Ebene fortgeführt, hätte es die NPD leichter, Akzeptanz für ihr Arier-Denken zu erlangen. Für dieses Denken ist die Kultur nicht das Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sondern das Resultat von "Rasse"(neu: Genetischer Veranlagung). Moment! Schirrmacher schreibt:

Es geht um die Verbindung von Erbbiologie und Kultur und damit letztlich um, ein Wort, das Sarrazin (Darwin zitierend) so unerschrocken benutzt, wie einst Gottfried Benn, „Zuchtwahl“ und „Auslese“. Sarrazin redet nicht von Goethe und Schiller, obwohl auch Dichter in seinem Buch vorkommen. Kultur ist ihm der Reflex biologischer Prozesse.

Diese Positionierung ist wohl der Grund, weshalb Sarrazin von rechtsaußen hochgejubelt wird. Wenn Kultur plötzlich ein Resultat von Biologie wäre und zugleich der Erhalt der Kultur propagiert wird – ja welche Handlungskonsequenzen ergeben sich hieraus implizit? Viele Möglichkeiten gibt es nicht.

Rechtsaußen ist man froh über jeden noch so kleinen Schritt, der geeignet ist, kollektive Ausgrenzung zu bewirken oder rassistisches Denken zu befördern. Solange das auszugrenzende Kollektiv *mehrheitlich* Zuwanderer umfasst, ziehen sie mit. Selbst wenn es lediglich die Kultur ist. Kein Wunder also, dass die NPD und ihr Gefolge die Gunst der Stunde wittern und versuchen, sich als "das Original" in Szene zu setzen, und Sarrazin als einen der “ihren” zu feiern.

Sarrazin fehlt jedoch so einiges für einen Nazi. Er deutete sogar an, dass er den ganzen Zirkus auch deshalb macht, weil er Sorge hat, dass in Deutschland ein Wilders oder ein Haider groß werden könnte. Zu einem solchen wird er jedoch nicht werden, denn wie Henryk Broder ist Sarrazin kein Macher. Beide können sich in Szene setzen und provozieren. Sie halten sich jedoch zurück, ihrer Sichtweise durch konkrete Politik Ausdruck zu verleihen – zum Glück. Aber leider fühlen sich die Nazis dadurch befeuert.

Einem Haider kann man vorbeugen, indem diejenigen unter den durch rechtsradikale lancierten Themen, die tatsächlich auf fruchtbaren Boden in der Bevölkerung treffen, ernsthaft und mit dem Guten im Sinn bearbeitet werden. Heinz Buschkowski ist eine Person, die diesen Spagat beherrscht. Er packt die heiklen Themen an, stellt hierbei jedoch immer auch zugleich klar, dass es ihm nicht um Ausgrenzung von Menschen oder gar Kollektiven geht, sondern in erster Linie um den sozialen Frieden. Sein Statement im ORF kann man in diesem Video ab Minute 4:10 sehen:

Sozialen Frieden kann man auch überhaupt nicht durch Ablehnung und Hass erreichen. Wenn die NPD oder “Pro”-NRW rufen: “Islamisierung Stoppen”, dann meinen sie, wie es alle wissen: “Ausländer raus”. Das gleiche gilt für die FPÖ in Österreich. Eine Frage ist, welche Reaktion hierauf die passendste ist. In Österreich scheinen mehrere kontraproduktive Reaktionen ausgetestet worden zu sein. Auf der einen Seite die Reaktion "Jetzt wird erst recht nichts gemacht". Das ist falsch, denn in einem Punkt hat Sarrazin tatsächlich recht: Nur weil Nazis ein heikles Thema besetzt halten, heißt es nicht, dass es überhaupt nichts zu tun gibt. Dies heißt allerdings auch nicht, dass Nazis mit ihren Forderungen Recht haben. Genauso falsch ist daher der Versuch, besser als die Nazis auf der Klaviatur des Populismus zu spielen.

Man kennt den Spruch ja: Lässt man sich auf das Niveau des Berufspöblers herab, schlägt er dich mit seiner Erfahrung.

Einen solchen Fehler macht die ÖVP in Österreich, wenn sie versucht, “Härte” gegen Zuwanderung zu zeigen. Ausgangssperre für Asylbewerber, Islamschelte, Romaschelte – derartiges kommt von der Österreichischen Innenministerin Maria Fekter(ÖVP). Somit steht die FPÖ mit ihrer Aufhetzung als die “besseren Einwanderungsverhinderer” da. Es gibt günstigere Alternativen für eine Partei mit konservativem Profil, und das kann man beispielsweise in Deutschland sehen. Hier begeht übrigens nicht nur Sarrazin einen großen Denkfehler, denn es wird viel getan:

In Deutschland wird schon seit etlichen Jahren viel für die Integration getan, und fast jährlich kommt ein neues Projekt hinzu. Neben dem Leuchtturmprojekt “Islamkonferenz” gibt es allerlei flächendeckende Initiativen im kleinen, die sich anschicken, Integration positiv zu gestalten. Dazu gehören auch Ganztagsschulen, Sprachförderung im Kindergartenalter, Ausbau von KiTa-Plätzen, staatlich geförderte Deutschkurse, und und und…

Jedoch ist das Problem mit radikalen Strömungen nicht weitläufig genug erkannt. Nachdem die Häuser in Rostock-Lichtenhagen brannten, wurde das Asylgesetz verschärft. Kein Mensch konnte nach diesem Appeasement jedoch ernsthaft erwarten, dass sich die Rechten damit zufrieden gaben – sie brachten einige Jahre danach den Überfremdungsdiskurs ins Rollen, der sich nach dem 11.September’01 langsam zu einem Islamisierungsdiskurs wandelte. Sarrazin bringt das Thema zurück auf das ursprüngliche Niveau – auf den rassistischen Kern. Und dass ihm von Teilen zugestimmt wird, zeigt eindeutig, dass diese Menschen sehr wohl verstanden haben, dass sich der Diskurs all die Jahre um diesen Kern herum drehte.

Wenn die Biologie jedoch Ausgangspunkt der Xenophobie ist, dann wird man sie mit noch-so-perfekter Integration nicht stillen können – Fremd ist demnach, wer fremd aussieht. Auch hier knüpft Sarrazin übrigens indirekt an, wenn er interethnische Ehen als Messgröße für Integration heranzieht. Immer noch anders als Nazis, denn diese pochen auf die “Reinheit des Blutes”. Sarrazin bezeichnet im Gegensatz zu Nazis die Vermischung als positiv, die “Versöhnung” auf biologischer Ebene ist damit sozusagen sein Ideal.

Der biologistische Argumentationsansatz Sarrazins könnte daher möglicherweise auf eines abzielen(Die Formulierung liegt in der Popularität der sog. “Rassenkunde” zur damaligen Zeit begründet):

Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen.

Coudenhove-Kalergi
Praktischer Idealismus
Wien/Leipzig 1925, S. 23

Sollte dies nur ansatzweise stimmen, dann steht die Haltung Sarrazins einerseits konträr zur Haltung von NPD und Pro-NRW, andererseits konträr zum herrschenden Konsens, dass man eine Gesellschaft nicht biologisch definiert.

Andererseits sagt Sarrazin laut Schirrmacher:

Genetische und ethnische Disposition begrenzen die Fähigkeiten des Individuums ebenso sehr wie die ganzer Völker.

Hier teilt Sarrazin also, trotz diamentral entgegengesetzter Vision, eine rassistische Grundannahme mit den Nazis. Wenn die Nazis(im Internet: “Anonyme Demokraten”) also Sarrazin hochjubeln, dann dürfte es darum gehen, diese Grundannahme, die von genetisch begründeten kollektiven Intelligenzunterschieden im gesellschaftlichen Präsens zu installieren.

Und hier bringt, wie bereits benannt, die gelungenste Integration nichts. Selbst die totale Assimilation bringt dann nichts mehr. Wenn die Xenophobie nämlich auf der Betonung von genetischen(also unüberwindbaren) Unterschieden beruht, dann wird der Hass immer bleiben.

Appeasement an die Xenophoben Wortführer kann daher nicht die Antwort sein. Nur die konsequente und nachhaltige Ausgrenzung ist sinnvoll.

Nachtrag:

Hier zudem ein Interview mit Michel Friedmann, dessen Haltung zum Thema ich voll und ganz teile.