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Lesetipp: “Wir sind doch keine statistischen Ausreißer”

Ein Lesetipp zur Integrationsdebatte. Cem Özdemir schreibt über die tatsächlich praktizierte “Islamkritik”, darüber, wie sie nötige Islamkritik verhindert, über Lüge und Wahrheit, über Totschlagargumente, die Integration und über das Verhältnis zwischen Staat und Religion.

Unheimlich lesenswert.

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Volker Beck zur Religionsfreiheit

Eine Rede von Volker Beck zur Religionsfreiheit. Es ging um das Thema „Religionsfreiheit weltweit schützen“ bzw. „Das Menschenrecht auf Religions- und Glaubensfreiheit als politische Herausforderung“

Bundestube.


Liberal-Islamischer Bund gegründet

Sehr schön. Vor einiger Zeit hatte es sich ja schon angekündigt.

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/04/06/dlf_20100406_0936_0fc92215.mp3%20

Nun ist er Wirklichkeit:

Der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gefällt die aktuelle Islamdebatte nicht. Ihrer Ansicht nach beherrschen allein zwei Extreme die Diskussionen: konservative Muslime gegen Islamkritiker. Doch die große Mehrheit der liberalen Muslime habe bei diesem Thema keine Stimme. Diese Lücke möchte sie mit ihrem neugegründeten Verein «Liberal-Islamischer Bund» (LIB) ausfüllen. Der LIB nahm am Dienstag seine Arbeit auf.

Nach Aussagen seiner Vorstandsvorsitzenden Kaddor will der LIB all jene Muslime vertreten, die «offen sind für einander widersprechende Blickwinkel». Mit dem neuen Verein will die Wissenschaftlerin «dem liberalen Islam eine Stimme geben, die beispielsweise auf der Islamkonferenz nicht vorkam». Auch solle die Debatte innerhalb der islamischen Gemeinschaft angeregt werden. «Viele Musliminnen und Muslime, die in Deutschland heimisch sind, fühlen sich nicht mehr allein durch das Islamverständnis der Herkunftsländer ihrer Eltern angesprochen», erläutert Kaddor.

Und hier noch ein paar Zitate und kurze Abrisse aus dem Artikel:

«Liberal steht für freiheitlich»

«Wir wollen der schweigenden Mehrheit der Muslime eine Stimme geben, die keine fundamentalistischen Positionen vertreten»

«Leben und leben lassen»

Zu den Hauptanliegen des Vereins, der sich nicht als «Gegenbewegung, sondern als Erweiterung» zu den meist traditionell-konservativen Islamverbänden in Deutschland versteht, gehört unter anderem eine «dogmafreie» Auslegung des Korans oder eine «umfassende Geschlechtergerechtigkeit», wie es heißt.

«Aus integrationspolitischer Sicht sind wir froh über jede Stimme aus der Mitte», freut sich die Leiterin des interkulturellen Referats und Integrationsbeauftragte der Stadt Köln

Hier kann man alles lesen.

Um ganz ehrlich zu sein: In meinem persönlichen Umfeld, gibt es keinen einzigen Moslem, der sich von den anderen Verbänden vertreten fühlt. Die Ditib sei zu türkisch, Milli Görüs ebenfalls, zudem viel zu konservativ, und so weiter. Der offene und pluralistische Anspruch des liberalen Bundes scheint hingegen gut anzukommen. In diesem Sinne hat Frau Kaddor auch in einem Interview mit der deutschen Welle richtig erkannt:

die Muslime waren nach dem Tode Muhammads noch nie eine homogene Gruppe – es gab schon immer Unterschiede in der Glaubensauffassung und der Praxis

Und diese Unterschiede gibt es auch heute noch, und zwar besonders facettenreich, wenn es um ein Einwanderungsland wie Deutschland handelt. Ein Verband, der sich diesbezüglich der Offenheit und des Diskursiven Weges im Pluralismus widmet, ist daher eine gute Möglichkeit, die Menschen auf friedliche Weise zueinanderzubringen. Man kann es, so wie ich es momentan sehe, also fast als eine Art Ökumene für bisher unorganisierte beschreiben, in einen Rahmen eingebunden, mit dem sich sicher auch Nichtmoslems anfreunden können.

Eine der ersten Inhaltlichen Positionierungen, die bei betroffenen sehr gut ankommt, ist übrigens folgende:

Der Verein spricht sich daher auch für die Gleichbehandlung von außerehelichen und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aus. Das Credo sei „selbstbestimmte Lebensgestaltungen entlang der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz“, so Kaddor. Daher müssten Muslime den Koran „frei von Angst, nach eigenem Gewissen und offen interpretieren dürfen“.

Und zieht in diesem Punkt mit dem (eher konservativen, wenn ich richtig liege) ZMD gleich, der sich nämlich laut einer Ankündigung dafür einsetzen will, “dass sowohl Muslime als auch Homosexuelle frei von Anfeindungen in Deutschland leben können”

Jetzt fehlen noch die regierenden christlichen Konservativen, und dann kann ein Gesetz auf den Weg. Es geht schließlich nicht um Werbung für bestimmte Lebensentwürfe(die ja in beiden Religionen nicht vorgesehen sind), sondern um die Gleichstellung derjenigen Menschen, die sich für diese Lebensentwürfe entschieden haben.

Ganz grundsätzlich halte ich die Gründung dieses Verbands für eines der erfreulicheren Ereignisse der letzten Jahre.

Hier geht es zur Website: http://www.lib-ev.de


Wenn Wissenschaft wie Religion funktionieren würde

🙂


Integrationsproblem: Bekenntnisschulen


Zu Necla Kelek

Die Überschrift der Kritik zu ihrem Buch “Himmelsreise” bringt eigentlich den Umstand auf den Punkt, warum ich kein Problem mit Necla Kelek habe:

Ein Hoch auf Atatürk

Das hat nichts mit dem Atatürkschen Nationalismus zu tun, mit dem ich sehr wohl ein Problem habe, sondern mehr mit seiner Hinwendung in Richtung des westlichen, auch was die demokratische Streitkultur angeht, die er in seinen Lebzeiten nicht vollenden konnte, obgleich er, hätte er die Möglichkeiten gehabt, wohl noch viele weitere Reformen angestoßen hätte. Diese hätten sich möglicherweise so ähnlich dargestellt, wie die Reformen, die im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt der Türkei stattfanden und -finden.

Ein bedeutender Schritt der Politik Atatürks war es, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs die Religion von der Politik zu trennen und den Laizismus einzuführen. Unabänderbarer Bestandteil der türkischen Verfassung ist der säkulare Charakter des Staates. Und dieses Thema (Säkularismus) scheint mir der Schwerpunkt von Necla Kelek zu sein. In der (kultur-)christlichen Mehrheitsgesellschaft ist es völlig üblich geworden, Missstände in den (kultur-)Christlichen Religionsgemeinschaften in aller Schärfe, auch polemisierend, zu kritisieren. Das gehört dazu. Und die Möglichkeit, dies sanktionsfrei zu tun, wird zu den Errungenschaften der Moderne gezählt. Ähnlich verhält es sich in der Türkei und bei türkischstämmigen Deutschen bezüglich des Islam, vorgeblich islamischen oder eben sonstwie tradierten Werten. Kritik an traditionellen Lebensweisen wird in der Türkei mitunter sehr zugespitzt und emotional geäußert.

Hingegen: Zieht die Mehrheitsgesellschaft in der Türkei in vergleichbarer Weise über z.B. das Christentum her und bringt somit die Christliche Minderheit in Bedrängnis, führt dies zu völlig berechtigter Empörung. Das gleiche gilt für die jüdische Minderheit, und genau so verhält es sich auch in Deutschland mit seiner Christlichen Mehrheitsgesellschaft, dem Islam, dem Judentum, Roma und anderen Minderheiten. Die mit harscher Kritik einer Mehrheit einhergehende Gefahr, Fanatiker zu radikalisieren, ist, und das zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher aller Nationen, viel zu groß, als dass sie in den Salon gehört. Innerhalb oder aus einer religiös oder kulturell definierten Minderheit können kontrovers geführte Auseinandersetzungen hingegen sehr ergiebig und fruchtreich sein und zu Einsichten, also zur Entwicklung führen. Das ist gut, das ist lebendige Streitkultur auf Augenhöhe, und sie ist nötig. Ständig. Aus der Christlichen Community heraus, aus der Jüdischen Community heraus und aus der Islamischen Community heraus. Anschuldigungen von Vertretern jeweils anderer Communities sind jedoch – siehe oben – grundsätzlich problematisch.

Daher habe ich weder mit Necla Kelek noch mit Seyran Ates ein Problem. Keleks Schriften entspringen der Türkisch-Islamischen Community, und es ist nicht so, dass sie völlig ahnungslos an ein Thema herangeht, wie es beispielsweise PImaten tun. Sie trägt damit eine Diskussion, die es auch in der Türkei gibt, nach Deutschland, und ist in der Lage, auf Facetten und Hintergründe hinzuweisen, die einem Broder völlig unbekannt sind. Inhalte und Polemiken sind aus diesem Grunde anders zu bewerten, als kämen sie in gleicher Form beispielsweise von Ulfkotte oder Broder als Vertreter des Mainstream.

Kurz: Nichts gegen scharfe Kritik – die gleiche Form und Zuspitzung wirkt aber unterschiedlich, je nachdem, aus welcher Position heraus sie getätigt wird – denn daraus leiten sich jeweils unterschiedliche Zuschreibungen und suggerierte Konsequenzen ab.

Aus diesem Grunde kann ich der eingangs verlinkten Kritik zunächst mal, ohne ihr Buch gelesen zu haben, nur in Teilen zustimmen. Zum Beispiel: Die tendenzielle Verallgemeinerung, die mangelnde Trennschärfe. Denn genau die ist es, die Fanatiker der Mehrheit radikalisiert. Und für die gehört letztlich auch Kelek zu “den anderen”, “den Türken” oder wahlweise zu “den Moslems”. Sie tut also gut daran, Strömungen, die sie meint, trennschärfer zu umschreiben.

Es handelt sich hier um eine Meinung. Meinungen sind immer vorläufig. Kommentare/Korrekturen/Richtigstellungen sind daher erwünscht.


Doku: Fundamentalisten gegen die Wissenschaft

Aus der YouTube-Videobeschreibung:

In den modernen Wissenschaften ist Charles Darwin unumstritten, der Gründer der Evolutionstheorie, der sagt, dass sich alles Leben aus dem gleichen Ursprung entwickelt hat. Dagegen kämpfen in den USA und in Europa bibeltreue, evangelikale Christen.

In der Politik und in den Schulen sind sie erfolgreich, vor allem im Biologieunterricht, wo die biblischen Ideen von der Entstehung der Erde, der Kreationismus und das Intelligent Design nichts zu suchen haben. Die Dokumentation zeigt unter anderem, wie der Glaubenskrieg in einzelne deutsche Schulen Eingang gefunden hat.

Als im Dezember 2005 Richter Jones vom Bezirksgericht Pennsylvania in Harrisburg, USA das Urteil im Prozess Kitzmiller vs. Dover School District verliest, ist der Zuschauerraum des Gerichts voll besetzt. Und vor dem Gebäude warteten Dutzende nationale und internationale Medienvertreter auf den Richterspruch. Was genau erzeugt die große Aufmerksamkeit? Ein Glaubenskrieg: Der Schulausschuss der High School in der kleinen Gemeinde Dover hatte in den Lehrplan des Biologieunterrichts einen Passus aufgenommen, der besagte, dass den Schülern neben der darwinschen Evolutionstheorie auch ein christliches Schöpfermodell, die so genannte Intelligent-Design-Lehre, vorgestellt werden sollte. Empörte Eltern wehrten sich, und so kam es zum Prozess.

Das Urteil lautete: Intelligent Design sei Religion und habe im Biologieunterricht nichts zu suchen. So wurden die christlichen Fundamentalisten rechtzeitig gestoppt. Amerika ist weit weg, sagten sich damals die meisten Europäer. Doch die Dokumentation zeigt, dass Intelligent Design und Kreationismus – das ist die bibelgetreue Auslegung der Schöpfungsgeschichte – längst in Europa angekommen sind.

Im Biologieunterricht mindestens einer Privatschule und einer öffentlichen Schule in Deutschland wird die Schöpfungslehre als Alternative zur Evolution unterrichtet. Dies steht im absoluten Widerspruch zu den Lehrplänen. Das im Unterricht verwendete Lehrbuch ist nicht als offizielles Schulbuch zugelassen. Die unterrichtenden Biologielehrer ziehen der Evolutionstheorie Darwins die Interpretation der Bibel vor. Selbst die Wahrscheinlichkeit einer Sintflut und die Entstehung des Grand Canyons binnen weniger Tage als Folge der Flut avanciert an einer der beiden Schulen zum Thema des Biologie- statt des Religionsunterrichts. Die Annahme, Kreationismus sei ein rein amerikanisches Phänomen, trifft nicht länger zu. In England glauben nur noch 48 Prozent der Bevölkerung an die Evolution, in Deutschland noch 61 Prozent.

Die Autoren der Dokumentation besuchen in England den größten europäischen Kreationistenkongress aller Zeiten, nehmen in Salzburg an einem Expertenstreit zwischen Wissenschaftlern zur Evolution teil, sprechen mit dem Wiener Kardinal Schönborn zur Position der Katholischen Kirche und treffen die entscheidenden Vertreter von Kreationismus, Intelligent Design und klassischer Evolutionsbiologie in den USA, England, Holland, Österreich und in Deutschland. Außerdem zeigt die Dokumentation Bilder aus dem größten Kreationismusmuseum der Welt in Cincinatti, wo Kindern beigebracht wird, dass Dinosaurier und Menschen zur gleichen Zeit gelebt haben.

Die weiteren Teile des Videos:

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Minarettverbot oder Kirchturmverbot in der Türkei möglich?

Eine wirklich gute Frage. Was geht momentan in der Türkei, und was geht nicht? Ist die Türkei bzw. Erdogan wirklich in der Position, Stellung zum Minarettverbot in der Schweiz zu nehmen, ohne sich türkeikritisch zu äußern?

(via Fareus)

Siehe auch:

Schweiz 2009 – das Ende der Religionsfreiheit?
“Wehe uns, wenn hier demnächst die Moscheen brennen…”
Wer hat’s erfunden?
Jüdische Allgemeine: “Ein Recht auf Minarette”


Die “Jüdische Allgemeine” über den Islamhass

 

Marwa El-Sherbini wurde ermordet, weil sie erkennbar Muslimin war, weil sie keinen Platz hatte in jenem Deutschland, das die NPD will. Eine Partei, die auch der Mörder von Dresden gewählt hat. Dieser Prozess erinnert uns an eine traurige Wahrheit, die im Jubel der Feier des Mauerfalls untergegangen ist: Mit der Einheit kam auch die dramatische Zunahme rechtsradikaler Gewalt. Fast täglich gibt es Übergriffe auf Andersdenkende und Anderslebende. 143 Menschen wurden seither getötet, weil sie eine andere Hautfarbe oder Religion hatten, weil sie behindert, links, obdachlos, Punker oder schwul waren. Alltag. Selbst der brutale Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini hätte vermutlich kaum für große Schlagzeilen gesorgt – wäre da nicht die Angst vor dem Aufschrei der arabischen Welt gewesen. Was mir dagegen Angst macht, das sind Hass und Gewalt vor unserer Haustür. Mit jeder »national befreiten Zone« verlieren wir ein Stück Freiheit. Das Gericht hat Recht gesprochen. Die Freiheit und die Menschenwürde aber werden nicht allein im Gerichtssaal verteidigt, sondern auch auf jedem Spielplatz. Das ist unsere Sache. Wir sind das Volk.

Mehr findet sich in der Quelle(PDF). Lesenswert.

(Via Politblogger)


Größter norddeutscher Hindu-Tempel in Hannover eingeweiht

Bild: Hindu-Figuren Ein weiterer Schritt für die Anerkennung internationaler Religionen in Deutschland ist die Einweihung eines neuen Hindu-Tempels in Hannover. Sein Name: “Sri Muthumariamman Tempel”. Er ist der “alldurchdringenden Schöpferin des Lebens” gewidmet.

Im Vergleich zu Jüdischen, Moslemischen und Christlichen Zuwanderern gibt es mit rund 45.000 Hindus relativ wenige Menschen dieser Religion in Deutschland. Umso erfreulicher ist es, dass sie, ebenso wie Christen, Juden und Moslems, ihr Recht, ihre eigenen Religiösen Bauten zu unterhalten, in Anspruch nehmen. Aus diesem Grunde nahmen in Hannover ca. 1.000 Menschen aus Europa und Amerika an der Einweihungszeremonie für den nach eineinhalb Jahren Bauzeit fertiggestellten Tempel teil. Für Hindus ist eine solche Einweihung ein sehr Glücksbringendes Ereignis. Ebenso wertvoll, wie jahrelanges Beten.

Rund neun Jahre lang wurden für die finanzielle Grundlage zur Erstellung des Tempels Spenden gesammelt. Daher kann die hinduistische Religionsgemeinschaft stolz auf sich sein, dieses Werk endlich vollbracht zu haben. Nun müssen sie ihre Zeremonien nicht mehr in einem alten Fabrikgebäude abhalten.

Die Hannoversche Bürgermeisterin Ingrid Lange (Grüne) gab sich ebenfalls erfreut: “Der Hindu-Tempel ist eine Bereicherung für Hannovers Religionsvielfalt”

Eine Presseerklärung anlässlich dieses Ereignisses gab der Hannoversche Tamilische Hindu-Kulturverein e.V. auf Deutsch heraus.

Nähere Informationen zu den großen Weltreligionen liefert das Haus der Religionen.

Bilder und Presseinfos zum Ereignis: Spiegel, Evangelischer Pressedienst, Religionen-in-Hannover.de, RP-Online