Schlagwort-Archive: Salafismus

Da sind sie wieder.

AusländerMoslems raus! Oder(Kommentar auf Welt-Online):

Anlass ist der hessische Minister für inneres und Sport, Boris Rhein, der plötzlich in der Öffentlichkeit feststellte, dass es etwa 3-5.000 Salafisten in Deutschland gibt, und daraus nun die Notwendigkeit von Vorratsdatenspeicherung[*], mehr Abschiebung und die Weiterführung der bestehenden Antiterror-Gesetzgebung ableitet. Inhaltlich erzählt er nichts neues. Einiges davon ist richtig, manche Aussagen zum Thema zeugen, aber das ist beinahe im gesamten politischen Spektrum zu beobachten, von Unkenntnis im Detail.

Die Innenministerkonferenz hat hierbei nun eine Öffentlichkeitskampagne beschlossen, um über den Salafismus zu informieren. Das ist sinnvoll, denn Gefahren bestehen sicherlich, schon beim Einstieg. Jedoch sollte eine solche Kampagne im besten Falle so gestaltet sein, dass Trittbrettfarer, wie der auf dem oben gezeigten Screenshot, zwangsläufig in Opposition zu dieser Kampagne gehen müssen.

Inhaltlich interessant wird es zu diesem Thema dann wieder, wenn z.B. Jörg Lau Ergebnisse zu seinen Recherchen liefert. Bis dahin wäre beispielsweise der Blog “Jihadi-Salafismus” lesenswert, der sich kritisch mit der Ideologie der al-Kaida, die im Kern salafistisch ist, beschäftigt. Dabei in einer legitimen Form, nämlich einer Form, die nicht die normalreligiösen Muslime angreift, die ja nicht selten selbst unter dem Extremismus leiden.

Hinter dem letzten Link steckt dann auch ein sehr gewichtiger Schlüsselsatz:

man kommt aus der Falle der wechselseitigen Relativierungen nur heraus, wenn man sowohl Islamophobie als auch Islamismus vom Standpunkt der Aufklärung kritisiert.

[*] Was unter anderem mit solchen Vorratsdaten gemacht wird, kann man, seit sie für Verfassungswidrig erklärt wurden, etwa an solchen Beispielen sehen. Natürlich werden auch andere Gesetze, die zunächst mit harten Angstthemen begründet und eingeführt wurden, auch auf anderen Gebieten tatsächlich und ausschweifend angewendet.

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Weihnachts-Salafismus

RP-Online verfasste einen Text, der einiger Korrektur bedarf.

Vorweg: Die Überschrift

“Salafisten planen Hasspredigten an Heiligabend”

trifft vermutlich zu.

Der Catcher allerdings enthält einen Fehler:

Radikalislamische Salafisten um den rheinischen Konvertiten Pierre Vogel wollen den Vorabend des Weihnachtsfests zur Hetze gegen westliche Werte nutzen und zum „Heiligen Krieg“ aufrufen.

Es stimmt, dass Salafisten radikal sind. Es ist auch richtig, dass Salafisten rund um Heiligabend predigen möchten – und zwar in Berlin und in Bonn. Eine Gruppe um Pierre Vogel wird in Berlin erwartet, Eine andere Gruppe um Abou-Nagies wird in Bonn erwartet.

Beide Gruppen werden sicherlich zurecht vom Verfassungsschutz beobachtet. Grundsätzlich ist aber immer auch zu beachten, dass man bei den Fakten bleibt, und korrekt einordnet. Es ist somit auch bezüglich des Salafismus sinnvoll, zu differenzieren.

In der Forschung wird der Salafismus in drei Strömungen unterteilt, die unterschiedliche Positionen in der Methode der Glaubensausübung vertreten.

Das sind der puristische, der politische und der jihadi Salafismus.

Einzelne Personen des deutschen Salafismus können jeweils einer dieser drei Strömungen zugeordnet werden. Im Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2010 von Prof. Dr. Uwe Backes, Prof. Dr. Alexander Gallus und Prof. Dr. Eckhard Jesse wird diese Einordnung anhand von Aussagen in Internetvideos vorgenommen. Zudem werden die Besonderheiten des deutschen Salafismus näher erläutert. Besonderheiten, die in der(im Vergleich zu anderen europäischen Staaten) effizienten staatlichen Vorgehensweise gegen Verfassungsfeindliche Bestrebungen begründet sind.

So ist beispielsweise Pierre Vogel, der in Berlin auftreten wird, mit seiner Gruppe(“EZP”) eher dem puristischen Salafismus zuzuordnen. Von der Gruppe um Ibrahim Abou-Nagie(“DWR”), die in Bonn auftreten wird, kann man dies nicht sagen. Laut einem Kommentator, der sich anscheinend genauer mit Internen Differenzen des deutschen Salafismus befasst hat, ist letzterer ein Verehrer von Bin Laden, und seine Gruppe (“DWR”) soll tatsächlich ein Rekrutierungsbecken für den Terrorismus sein.

Beide Gruppen gehörten ursprünglich zusammen. Ein Teil dieser Gruppe hatte sich jedoch stark radikalisiert:

Denn obgleich Vogel einst bei „Die wahre Religion“ in Kooperation mit dessen Begründer Ibrahim Abou-Nagie begann und dort seinen Islam-Superstar-Status erreichte, scheitert die Allianz im Frühjahr 2008; Vogel, seine engen Vertrauten und andere Anhänger springen ab und schließen sich Vogels neuer Organisation EZP an. Erst knapp zwei Jahre später im Rahmen einer heftigen internen Diskussion der Muslime in Deutschland offenbart Vogel die Gründe für die Trennung: die zunehmende Radikalisierung Abou-Nagies, die Ende 2009 ihren Höhepunkt zu erreichen scheint. Denn DWR, verstärkt durch die Prediger Abu Dujana und Abu Abdullah, besetzt zunehmend Themen und eine Rhetorik, die weder im normal islamischen Milieu, noch bei EZP existiert. Man erklärt andere Muslime zu Ungläubigen, hetzt gegen Nichtmuslime, erklärt alle muslimischen Staatsoberhäupter, die nicht mit Scharia herrschen zu Ungläubigen, wie auch ihre Anhänger. Abou-Nagie erhebt sogar das Monopol auf die Wahrheit, alle anderen Gruppen, also auch Salafisten wie Hassan Dabbagh und Pierre Vogel werden zu Heuchlern und Schwachmaten abgestempelt. Es ist eine Rhetorik, der sich andere eine militant-islamistische Organisation in gleicher Weise seit langem bedient: Al Qaida. Und dafür lieben die Radikalen und Militanten DWR und ihre Prediger. Und so ist es kein Zufall, dass militant-islamistische Internetseiten und Youtube-Kanäle liebend gerne neben den neuesten Al-Qaida-Videos auch Videos von DWR hochladen und sie mitsamt Terror-Seiten weiterempfehlen. Schließlich erklärt Abou-Nagie in einer Moschee sogar, dass Allah Osama Bin Laden schütze.

Salafismus ist nichts, was man in irgendeiner Art gut finden muss. Eine solch radikale Religionsauffassung ist in vielerlei Hinsicht problematisch und eckt an vielen Stellen an. Sicherlich steht sie im Widerspruch zum allseits beliebten Konsumismus, was aber kein Alleinstellungsmerkmal ist. Sie steht auch in einem krassen Widerspruch zu gesellschaftlichen Entwicklungen, die man unter anderem der 68er Bewegung und der Moderne im allgemeinen zuordnen kann. Vieles davon hat mit der Kommunikation zwischen den Geschlechtern zu tun. Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen in der Gesellschaft, Aufhebung systematischer Geschlechtertrennung, usw. – Das sind einige der als problematisch empfundenen Erscheinungen, die auch in anderen Strömungen in weniger ausgeprägter Form auftreten, gesellschaftliche Kritik ernten und sich somit in gesellschaftlicher Verhandlung befinden. Dieser Prozess ist im Gange, mit dem Salafismus jedoch nur sehr stark eingeschränkt möglich, da er jeden Zusatz zur “Urlehre” ablehnt.

Das größte Problem des Salafismus ist jedoch: Es ist – empirisch belegt – relativ leicht möglich, im Rahmen einer solch radikalen Religionsauffassung eine noch viel weitergehende und tiefgreifendere Radikalisierung hervorzurufen, die bis hin zum Wunsch reicht, äußerste (terroristische) Gewalt anzuwenden. Es ist nicht nur möglich, sondern geschieht. Zwar versuchen z.B. Pierre Vogel und Ferid Heider anerkennenswerterweise, im Rahmen der Auslegungspraxis weitgehend den Terrorismus zu delegitimieren (zumindest was Zivilisten angeht), doch sind Wanderungs-“Karrieren”, die über die EZP-Gruppierung zur DWR-Gruppierung und/oder darüber hinaus führen, prinzipiell möglich.

Besonders dieser Umstand macht eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz nötig und wichtig. Trotz warnenden Hinweis auf mögliche Wanderungsbewegungen sollte jedoch nur dort “Terror” und “Hassbotschaft” draufstehen, wo auch tatsächlich Terror und Hassbotschaft drin steckt.

Es ist also zu bezweifeln, dass der EZP-Verein zu Hass oder Gewalt aufrufen wird, wie es Christlich-radikale “Nachrichtenmagazine” darstellen. Der Schwerpunkt dort liegt vielmehr bei der Mission. Beim DWR-Verein wiederum sieht es etwas anders aus. Aufmerksame Bürger, die gegen die Veranstaltungen protestieren möchten, sollten dies bedenken.